ACHTZEHN
BUDAPEST, UNGARN
Fröstelnd zog Hanna ihren Mantelkragen höher. Eisschollen trieben von rechts nach links an ihr vorbei. Sie registrierte diese Tatsache, ebenso nahm sie wahr, dass das Wasser schnell floss, als habe es Eile. Ihr Blick wanderte etwas höher, zum jenseitigen Ufer. Mauern. Eine Burg. Irgendetwas Großes. Sie nahm den Blick von so viel majestätischer Größe zurück und richtete ihn direkt vor sich.
Schuhe. Jede Menge Schuhe. Sie standen nicht ordentlich nebeneinander, sondern so, wie ihre Besitzer sie zurückgelassen haben mussten, bevor sie ins Wasser gesprungen waren. Merkwürdig. Das Wasser war bestimmt viel zu kalt, um darin zu baden. Außerdem war niemand zu sehen, der im Fluss schwamm. Auf einer kleinen Eisscholle saß eine Möwe.
Ja, es war ein Fluss. Aus irgendeinem Winkel ihres Verstands tauchte ein Name auf. Donau.
Dann ein zweiter: Budapest.
Ungarn. Nun wusste sie es wieder. Das Au-pair-Jahr in Ungarn. Sie hatte sich lange darauf gefreut. Jetzt war sie endlich angekommen. Nur warum war es so kalt? Sollte sie nicht im September beginnen?
Hanna strich sich über die Stirn. Sie starrte auf die seltsamen Schuhe. Jetzt erst fiel ihr auf, dass sie nicht echt waren. Keine Lederschuhe, sondern hartes, kaltes Metall. Und sie hatte sie schon einmal gesehen, wenn sie sich auch nicht erinnern konnte, wo und wann. Sie war schon länger hier. Sie kannte diese Stadt. Den Anblick der Brücken.
Diese Stadt … und ihre Familie. Attila. Réka. Ferenc und Mónika. Das Haus. Ihr Zimmer. Langsam kehrte alles zurück. Hanna wusste zwar immer noch nicht, warum sie hier allein am Ufer der Donau stand, aber immerhin konnte sie allmählich einordnen, wer sie war und was sie in dieser Stadt tat.
Sie blinzelte. Ihre Augen tränten von der Kälte. Mist, keine Taschentücher, obwohl sie doch sonst immer welche dabeihatte. Ihre Nase juckte. Der Hals brannte. Sie musste sich erkältet haben. Sie war krank.
Warum war sie nicht im Bett, wenn sie krank war?
Wie eine uralte Frau tastete sie sich langsam vorwärts. Ihre Augen tränten so stark, dass sie kaum etwas sehen konnte, mit dem Ärmel wischte sie sich darüber. Es fühlte sich an, als wären ihre Mandeln geschwollen. Wann hatte sie das letzte Mal eine Mandelentzündung gehabt? Es wollte ihr partout nicht einfallen.
Mit vorsichtigen Schritten ging sie am Ufer entlang, auf die Kettenbrücke zu. Auf der linken Seite rauschten die Autos vorbei und erlaubten ihr kaum zu atmen. Dahinter die Fassaden großer Häuser, fremder Häuser, ein Dickicht, in dem sie sich verlieren konnte. Sie musste unbedingt nach Hause. Zögernd blieb sie stehen, Panik erfasste sie. Zu Hause - wo war das? Wo musste sie hin? Alles schien sich um sie zu drehen, sie schwankte, umklammerte einen Laternenmast wie eine Betrunkene. Erst als sich der Boden wieder fest anfühlte, ließ sie ihn los.
Wie dumm. Jetzt wusste sie wieder, wo sie wohnte: in den Budahills, im zweiten Bezirk. Auch wenn sie noch keine Ahnung hatte, wie sie dort hinkommen sollte. Himmel, war das weit weg!
Auf einmal fühlte sie sich von zwei starken Armen gehalten.
»Na, dann kommen Sie mal.«
Hanna merkte, dass jemand sie zu einem Auto führte, dann lichtete sich der Schleier wieder ein wenig, und ihr wurde bewusst, dass sie ein Taxi vor sich hatte, das an einer Parkbucht wartete. Vor ihr die Brücke. Rechts der Fluss. Links die Straße und der rauschende Verkehr. Zu irgendeiner Zeit, in irgendeinem Leben, war sie schon einmal hier gewesen.
»Ich hab kein Taxi gerufen«, sagte sie, obwohl sie sich nicht sicher war.
»Ihr Freund war’s«, gab der Fahrer zur Antwort. »Hat sich Sorgen gemacht, ob Sie gut zu Hause ankommen.«
»Aber …«
»Da hinten steht er. Der Blondschopf da. Das ist doch Ihr Freund?« Der Mann winkte einmal kurz und bugsierte sie auf die hintere Sitzbank. »So, da rein. Zum Rosenhügel, richtig? Dann wollen wir mal.«
Sie drehte sich um und starrte durch die Windschutzscheibe, um zu sehen, wem der Fahrer gewunken hatte, aber unter den vielen Menschen, die an der Uferpromenade unterwegs waren, fiel ihr niemand auf, den sie kannte. Es war seltsam - warum hätte Maik ihr ein Taxi rufen sollen? Maik war doch gar nicht da. Außerdem, fiel ihr ein, waren sie schon lange nicht mehr zusammen. Wieder stieg Panik in ihr auf. Das alles ergab überhaupt keinen Sinn.
»Da wären wir.« Der Fahrer pfiff anerkennend durch die Zähne. In ihrer Manteltasche fand sie ihr Portemonnaie, doch er schüttelte den Kopf. »Ihr Freund hat mich schon bezahlt. Junge, Junge, das muss eine Nacht gewesen sein.«
Der Mann stieg aus und öffnete ihr die Tür. Was auch immer ihr angeblicher Freund ihm gezahlt hatte, es war nicht zu wenig gewesen, denn er wartete sogar, bis sie mit zitternden Händen das Tor aufgeschlossen hatte.
»Alles Gute!«, rief er ihr nach.
 
Mónika lief dem Au-pair-Mädchen entgegen, bevor es die Haustür erreicht hatte.
»Hanna! Hanna, Gott sei Dank, dir ist nichts passiert!«
Verdutzt fand Hanna sich in einer kräftigen Umarmung wieder. »Wir haben uns solche Sorgen gemacht! Wo warst du nur? Was fällt dir ein, einfach nicht nach Hause zu kommen?«
»Was?« Benommen schüttelte sie den Kopf. Die komplette Familie saß am Frühstückstisch, obwohl die Uhr schon halb elf zeigte. Ferenc, Réka, der vollgekrümelte Teller gehörte sicher Attila, und wie es aussah, hatte Mónika nichts gegessen.
»Setz dich doch.« Ihre Gastmutter schob eilig einen Stuhl zur Seite. »Du siehst wirklich krank aus. Hast du Fieber? Darf ich?« Sie hielt eine Hand an Hannas Stirn. »Nein, anscheinend nicht.«
»Wo warst du?«, rief Attila aufgeregt. »Mama wollte schon die Polizei rufen, aber Papa hat es nicht erlaubt. Weil du schon groß bist.«
»Wir haben uns eben Sorgen gemacht«, verteidigte Mónika sich. »Es ist ja sonst nicht Hannas Art, einfach zu verschwinden. Und Mária hat jede Stunde angerufen und gefragt, ob du schon zu Hause wärst. Das hat uns natürlich erst recht nervös gemacht. Wo warst du denn?«
Auf einmal waren alle still. Vier erwartungsvolle Augenpaare richteten sich auf sie.
Hanna versuchte in ihrem Gedächtnis nach der Antwort zu graben, doch da war keine. Ihr fiel nur ein, was der Taxifahrer gesagt hatte: Muss das eine Nacht gewesen sein …
»Ich - ich weiß es nicht.«
»Du weißt nicht, wo du gewesen bist?«, fragte Mónika und runzelte die Stirn. »Na gut. Vielleicht sollten wir später über alles sprechen. Es wird sich mit Sicherheit alles aufklären. Nicht wahr?«
Hanna, die das Gefühl hatte, dass sie überhaupt nichts Sinnvolles tun und sagen konnte, und nur ein unabänderliches Schicksal vor sich sah, dem sie nichts entgegenzusetzen hatte, ging wie eine Schlafwandlerin gehorsam die Treppe hinauf.
Sie setzte sich auf ihr Bett und schlug die Hände vors Gesicht. Nichts. Da war nichts. Alles weg, wie ausgelöscht.
»Du warst bei Kunun, stimmt’s?« Réka hatte sich durch die offen gelassene Tür geschoben. Aus ihren Augen sprach die pure Verzweiflung, gemischt mit einer gehörigen Prise Zorn. »Deswegen willst du nicht sagen, wo du warst!«
»Nein! Bei Kunun? Bestimmt nicht. Ich habe keine Ahnung, wo ich war.«
»Was denn nun?«, höhnte Réka. »Wie kannst du wissen, dass du nicht bei ihm warst, wenn du gar nichts weißt?«
Hanna hob die Hände und ließ sie wieder fallen. »Nur so ein Gefühl. Ich will nichts von deinem Kunun. Du kannst ihn gerne behalten.«
»Mária hat gesagt, du wolltest Fotos machen.« Réka musterte sie aus zusammengekniffenen Augen. »Zeig mir die Fotos. Dann werden wir es ja sehen.« Sie fragte nicht lange, sondern kramte Hannas Handy hervor und ließ es zum Leben erwachen. Eine Weile starrte sie darauf, dann reichte sie es Hanna.
»Wer ist das denn?«
Auf dem Foto war ein blonder Junge zu sehen, der die Augen geschlossen hielt. Er schien zu schlafen, sein schönes Gesicht wirkte erschöpft, aber um den Mund lag ein winziges Lächeln, als wüsste er genau, dass er gerade fotografiert wurde.
Wieder war da die Stimme des Taxifahrers. Ihr Freund, der Blondschopf. Muss das eine Nacht gewesen sein, Junge, Junge.
»Ich kenne ihn nicht«, flüsterte sie.
»Warum grinst du dann so?«
Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie gelächelt hatte.
Réka stand da und wirkte auf einmal sehr verlegen. »Tja, dann … tut mir leid.« Sie schlüpfte aus dem Zimmer.
Hanna merkte es gar nicht, sie starrte immer noch auf das Foto des Fremden und versuchte sich vorzustellen, dass sie die Nacht mit ihm zusammen verbracht hatte. Wie hätte es abgelaufen sein können? War sie ausgegangen und hatte ihn irgendwo kennengelernt? Sich von ihm ansprechen lassen? War sie einem Fremden in seine Wohnung gefolgt und hatte dort Drogen genommen, die einen völligen Blackout verursacht hatten?
Das alles passte nicht zu ihr. Nie im Leben wäre sie einfach so mit einem Fremden mitgegangen, auch wenn er so süß aussah wie dieser blonde Junge hier. Süß und harmlos.
Wann hatte sie das Foto aufgenommen? Vorher? Nachher?
Sie schüttelte den Kopf. Was für ein Unsinn. So war sie nicht. Vielleicht hatte sie ihn irgendwo in der Metró fotografiert. Hinter ihm schien so etwas wie eine Scheibe zu sein. Irgendein Fremder in der U-Bahn.
Ein - was war das, ein Fahrstuhl? Sie klickte sich durch die anderen Fotos. In der glänzenden Scheibe erkannte sie schemenhaft sich selbst. Knöpfe, Fahrstuhlknöpfe. Ein mehrstöckiges Gebäude also. Ein Innenhof, Balkongitter, Wohnungstüren. Eine große Eingangstür, über der ein monströser Löwenkopf prangte. Ein Straßenschild. Ein großes Gebäude - ein Museum vielleicht? Nein, ein Bahnhof. Die Metró. Auf der Rolltreppe, das war vielleicht Kunun. Sie erinnerte sich an Kunun. Rékas merkwürdiger Freund. Warum hatte sie ihn fotografiert? Er schien es nicht bemerkt zu haben. Zum Glück hatte das Mädchen dieses Foto nicht gesehen.
Es klopfte, und Mónika steckte den Kopf durch die Tür. »Darf ich reinkommen?« Sie setzte sich auf den einzigen Stuhl im Zimmer und drehte ihn zu Hanna. »Wir haben vielleicht zu wenig darauf geachtet, dass du deine freien Wochenenden bekommst. Aber deshalb brauchst du nicht gleich krank zu spielen und dann einfach zu verschwinden. So viel Vertrauen solltest du zu uns haben. Wir werden von nun an darauf achten, dass du deine Arbeitszeiten nicht überschreitest. Wäre es zu viel verlangt, wenn du uns dafür sagst, wo du hingehst und wann du ungefähr wiederkommst? Einfach, damit wir Bescheid wissen. Ich möchte nie wieder vor der Entscheidung stehen, ob ich die Polizei anrufen soll oder nicht.«
»Ja, klar.«
»Auch wegen Réka. Damit sie sich ein Beispiel an dir nehmen kann.«
»Klar. Ja, kein Problem.«
Mónika nickte zufrieden. »Hast du Hunger? Wir dachten, wir könnten nachher mal was zusammen unternehmen. Mit der ganzen Familie.«
»Gerne. Ich will mich nur noch umziehen.«
»Ja, sicher. Lass dir Zeit. Ein schönes, heißes Bad wird dir bestimmt guttun.«
Hanna versuchte, Mónikas Lächeln zu erwidern.
Wie fürsorglich sie alle waren. Sie musste bloß mitspielen. Und nicht erwähnen, dass da ein Loch war, ein riesengroßes Loch von einer ganzen Nacht und einem halben Tag.
Im Badezimmer merkte sie, wie steif sie war, alles tat ihr weh. Sie mochte kaum den Kopf neigen, um das Wasser einzulassen; sofort wurde ihr wieder schwindelig. Dann entdeckte sie im Spiegel zumindest den Grund dafür, dass ihr der Hals so schmerzte. Einen riesigen, hühnereigroßen Bluterguss. Ihre Theorie, dass sie vielleicht allein durch die Straßen gerannt war und sich verlaufen hatte, war damit wohl tatsächlich hinfällig. Sie fuhr über die Stelle und zuckte zusammen, als sie zwei kleine Wunden berührte.
»Was hast du bloß angestellt, Hanna?«, fragte sie ihr Spiegelbild.
Das ungewohnt blasse, übernächtigte Gesicht ihr gegenüber lächelte zaghaft. Wenn sie wenigstens einen Namen gehabt hätte. Eine Telefonnummer. Irgendeine Möglichkeit, diesen Fremden zu erreichen und ihn zu fragen, was passiert war. Immerhin war er so fürsorglich gewesen, ihr ein Taxi zu rufen. Ausgeraubt hatte er sie auch nicht. Besonders gefährlich konnte er nicht sein.
Ihr verspannter, durchgefrorener Körper tauchte in ein Meer aus Behaglichkeit ein, als sie in die Wanne stieg. Sie ließ noch etwas heißes Wasser nachlaufen, bis sie sich ganz warm und schon fast wieder gesund fühlte. Dicker, duftender Schaum hüllte sie ein. Hanna schloss die Augen und bemühte sich, nicht krampfhaft hinter den Schleier des Nichts blicken zu wollen. Gar nicht daran denken. Vielleicht kommt es von selbst, irgendetwas …
Auf einmal hatte sie das helle Gesicht des Jungen wieder vor sich. Der Blondschopf. Was muss das für eine Nacht gewesen sein … Fremd. Ein Gesicht, das ihr nicht mehr aus dem Kopf ging.
Als sie am Donauufer zu sich gekommen war, musste er in der Nähe gewesen sein. Als der Taxifahrer ihm zugewinkt hatte, war er womöglich zum Greifen nah gewesen. Er, der die Antwort hatte. Wen hatte sie alles gesehen, dort am Ufer? Leider hatte sie kein fotografisches Gedächtnis.
Hanna blieb in der Wanne, bis das Wasser lauwarm war und sämtliche Schaumbläschen zerplatzt waren, dann fiel ihr siedend heiß ein, dass Mónika etwas von Essen gesagt hatte. Eilig zog sie sich an. Ein eng anliegender Rollkragenpulli versteckte den peinlichen Fleck und zeigte dafür ein bisschen mehr Figur. Ihre von Natur aus leicht gewellten Haare fielen ihr mit sanftem Schwung auf die Schultern. In frischen Sachen, mit gewaschenen Haaren und aufgewärmt fühlte sie sich nicht mehr ganz so schrecklich. Schon fast munter hüpfte sie die Treppen hinunter und traf unten auf Réka, die sie fassungslos anstarrte.
Sie war doch nicht wirklich gehüpft, oder?
»Dir scheint es ja gutzugehen«, sagte Réka und verzog fast schmerzhaft das Gesicht. »Richtig verliebt siehst du aus.« Sie wirkte ein wenig fassungslos, als hätte sie nie für möglich gehalten, dass es in dieser Welt noch andere Männer gab, in die man sich verlieben konnte. Außer Kunun.
 
Am Nachmittag stand Mária unvermittelt vor der Tür. »Du bist wieder da? Du hättest mir auch Bescheid geben können, oder?«
Hanna hatte ganz vergessen, dass Mónika erzählt hatte, wie besorgt sie gewesen sei. »Tut mir leid.«
Mária starrte sie an. »Du auch, wie? Ich seh’s schon. Hätte ich dir gleich sagen können, dass du verrückt bist, so etwas auch nur zu versuchen.«
Hannas verständnislose Miene entging ihr nicht. »Du verstehst mich nicht, wie? Ja, wie könntest du auch. Es ist alles weg, stimmt’s?«
»Woher weißt du das?«, fragte Hanna misstrauisch. Sie hatte nicht mehr über ihren Gedächtnisverlust geredet, den ihr sowieso keiner glaubte.
»Weil du mich angerufen hast, bevor du losgezogen bist. Vampirfotos machen. Sonst geht’s dir gut, was? Komm, zeig mal.« Ohne zu fragen zog sie an Hannas Kragen. »Ach, du Schreck.«
»He!«
Mária schüttelte den Kopf. »Du bist von einem Vampir gebissen worden, Hanna. Ich soll dir das sagen, falls du es vergessen hast. Denn wenn du tatsächlich gebissen wurdest, hast du es vergessen, so ist das nun mal.«
»Du sollst mir das sagen?«
»Genau. Das war dein eigener Auftrag an mich.«
»Meiner? Das glaube ich nicht.«
»Soll ich dir die Nachricht auf dem Anrufbeantworter vorspielen? Deine Stimme, oder nicht?«
Es war eindeutig ihre Stimme. Sie klang etwas komisch, wie das mit der eigenen Stimme nun mal so ist, aber es war unzweifelhaft sie selbst, die erklärte, sie habe vor, Réka zu beweisen, dass Vampire existierten und dass Kunun dazugehörte. Falls es schiefginge, solle Mária ihr später erklären, was sie wusste.
»Nein«, sagte Hanna.
»Oh, doch«, widersprach Mária. »Du hast selbst dran geglaubt. Ich hab gestern Abend sofort hier angerufen, als ich deine Nachricht abgehört habe. Meine Güte, war ich erschrocken, als die Szigethys sagten, dass du nicht da bist. Mit denen legt man sich nicht an. Was glaubst du, wer du bist? Eine Vampirjägerin? Ich habe diesen Kunun gesehen. Ich hab ihn gesehen, an ihrem Hals. Ich weiß, was ich beobachtet habe.«
Es konnte nur eine Lösung geben. »Du hast sie nicht mehr alle.«
Mária lachte. »Ich wusste, dass es so kommen würde. Ehrlich, ich wusste es. Hab echt nichts Besseres verdient. Keine Ahnung, warum ich ständig angelaufen komme, wann immer du Hilfe brauchst.« Sie war schon auf dem Weg zur Tür, als Hanna sie zurückhielt.
»Ich hab das wirklich auf dein Band gesprochen?«
»Ja, das hast du. Und es ist genauso gekommen, wie ich befürchtet habe. Du wohl auch, sonst hättest du nicht versucht, mir vorher Bescheid zu geben. Kunun hat dich erwischt und dir das Blut ausgesaugt und gleichzeitig deine Erinnerung daran.«
»Es war nicht Kunun«, sagte Hanna leise. Sie war sich absolut sicher, dass er es nicht gewesen war, wenn sie auch nicht erklären konnte, woher sie das wissen konnte.
»Na?«, fragte Mária aufmunternd. »Kommt die Erinnerung langsam zurück?«
Hanna zuckte die Achseln.
»Na schön.« Mária seufzte. »Dann denk drüber nach. Lass dir Zeit. Und versuch mal, dich wie ein Mensch zu verhalten, dem sein Leben was wert ist. Klar?«
Sie nickte. Sie lächelte. Sie konnte nicht anders, als zu lächeln. Sie hatte Mária zugehört, doch obwohl sie jedes Wort gehört hatte, war nichts bei ihr angekommen.
Ein Gesicht. Hanna hatte es vor Augen, sie konnte ansehen, wen sie wollte, da war immer dieses Gesicht dazwischen. Sie lächelte.
»Nicht du auch noch«, murmelte Mária entnervt. »Dich hat es genauso schlimm erwischt wie Réka, oder? Dann nützt eh alles nicht. Du bist verloren.«
Die Art, wie die junge Ungarin die Tür hinter sich zuschlug, wirkte wütend, aber ihre Wut konnte Hanna nicht erreichen. Es stimmte, es hatte sie erwischt.
Irgendwie. In einer Nacht, an die sie sich nicht erinnern konnte.
Schmetterlinge tanzten in ihrem Bauch. Nein, das war schon kein Flattern mehr, das war ein Wirbelsturm.
Irgendwer.
Magyria 01 - Das Herz des Schattens
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