EINUNDZWANZIG
BUDAPEST, UNGARN
Hanna wusste, dass Mattim nicht auf der Burg sein würde. Sie kannte ihn gut, besser, als er dachte. Natürlich würde er ihr ausweichen, damit es nicht wieder passierte. Zwei Tage lang hatte sie versucht, sich auf Attila zu konzentrieren und ihr schlechtes Gewissen, weil sie den Kleinen in letzter Zeit so vernachlässigt hatte, zu beruhigen. Aber schon heute merkte sie, dass sie das nicht lange durchhalten konnte. Vielleicht war Mattims Bedürfnis, sie zu sehen, wirklich nicht so groß wie ihres, vielleicht konnte er es mit viel Willensstärke schaffen, auf eine Begegnung zu verzichten. Sie konnte es jedenfalls nicht.
»Ich kriege dich schon«, sagte sie mit einem grimmigen Lächeln. Attila und Réka waren in der Schule; ein paar Stunden hatte sie, um Mattim zu finden. Früher waren ihr die Vormittage, die sie für sich selbst hatte, manchmal zu lang vorgekommen, inzwischen reichten sie kaum aus. Zum Joggen hatte sie keine Zeit. Auf der Insel würde sie ihn sowieso nicht antreffen.
Ihr Gefühl zog sie auf die andere Donauseite, nach Pest. Die Fahrt zum Keleti pályaudvar war schon fast Routine. Natürlich, er war zu Hause. Verkroch sich feige in seiner Wohnung. Sie weigerte sich, auf ihre Angst zu hören. Die Angst, dass er sie zurückweisen könnte, die Angst, dass er wieder so tun könnte, als würde er sie nicht kennen. Die Angst, dass er nie etwas anderes von ihr wollen würde als ihr Blut. Aber er hatte sie angesehen, mit einem solchen Blick … Und ein Schauspieler war er nicht. Wenn sie an den Fahrstuhl zurückdachte … Weder seine Wut noch seine Verzweiflung hatte er verbergen können.
Der Löwenkopf grinste ihr mit scharfen Fangzähnen entgegen. Schon wieder wartete sie vor der Tür und überlegte, wie sie hineingelangen sollte. Auf einmal ging die große Eingangstür ohne ihr Zutun auf, und sie stand Kunun gegenüber. Der Vampir, groß und dunkel, mit einem Blick, der imstande zu sein schien, sie zu Asche zu verbrennen. Sofort begannen ihre Knie zu zittern, und alle Worte erstarben ihr auf der Zunge.
»Was tust du hier - Hanna?«, sagte er, mit einer Stimme, die der Schönheit seines Gesichts in nichts nachstand.
Instinktiv trat sie ein paar Schritte zurück. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, es begann zu rasen, und in ihr schrie ein Teil ihrer selbst auf, jener Teil, der keiner Vernunft zugänglich war, dem es gleich war, dass sie sich mitten in einer Stadt befand, am helllichten Tag, dass Menschen an ihr vorübergingen und Kunun ihr gar nichts antun konnte. Dieser Teil in ihr, der so laut schrie, dass sie nichts anderes mehr wahrnehmen konnte: Das ist der Kerl, der dich in die Falle gelockt hat! Das ist der Kerl, der dich in einen Käfig gesperrt hat, zusammen mit Mattim. Das ist der Jäger! Flieh! Das ist der Jäger, dreh dich um und renn um dein Leben!
Hanna wich noch einen Schritt zurück, und obwohl die Vernunft ihr gebot: Tu so, als wüsstest du nicht, wer und was er ist, kam sie nicht an gegen den Instinkt, der sie zur Flucht trieb, der sie zu einem kleinen, winselnden Beutetier machte, das sein Leben retten wollte. Kunun nahm seinen dunklen Blick nicht von ihr. Und sie eilte fort, keuchend, so hastig, dass sie stolperte, dass sie, als sie über die Schulter blickte, um zu sehen, ob er ihr nachkam, fast mit einem Laternenpfahl zusammengestoßen wäre. Sie musste so schnell wie möglich von hier fort, aber das Band zwischen ihr und Mattim war derart stark, dass sie nicht weit kam. Als wären ihre Fußgelenke mit schweren Ketten an dieses Haus gefesselt. Als wäre sie todkrank und nur dort gab es die rettende Arznei, nur dort … Sie wartete vor einem Laden darauf, dass ihr klopfendes Herz sich beruhigte.
 
In der Scheibe des Schaufensters gespiegelt, schaute Mattim sie an. Ihm war, als würde sein Herz auf einmal wieder schlagen, schnell und heftig. Die Stille in seiner Brust schmerzte in ihrer Gegenwart nicht mehr ganz so sehr, und allein deshalb hätte er stundenlang dastehen und sie ansehen können.
Sie drehte sich nicht sofort um. Dort in der Scheibe begegneten sich ihre Blicke.
Hanna, wollte er sagen. Nur ihren Namen. Stattdessen sagte er etwas ganz anderes.
»Kunun fand das nicht lustig«, begann er. »Dies ist sein geheimes Hauptquartier, von dem kein Mensch weiß. Erst recht nicht seine Opfer. Du könntest ihm die Polizei auf den Hals hetzen, wegen Réka. Er ist da etwas empfindlich. Wenn ich dir die Erinnerung an dieses Haus nicht sofort wegnehme, wird er es tun. Das hat er mir zumindest gesagt.«
»Warum hat er es nicht gleich getan?« Sie sprach zu dem Gesicht in der Scheibe, als würde sie sich mit der riesigen gelben Tasche im Schaufenster unterhalten.
»Anscheinend gibt es so eine Art Ehrenkodex unter Schatten«, erwiderte Mattim und sah sein Spiegelbild gequält lächeln. »Mein Opfer, dein Opfer. Ich soll es richten, wenn ich schon so dämlich war, dir so viel Blut abzuzapfen, dass du mich immer und überall finden kannst.«
»Findet Kunun überhaupt irgendetwas lustig? Besonders viel Humor scheint er ja nicht zu haben.«
»Lass uns ein Stück gehen«, schlug er vor. »Wir sind zu nah am Haus nach meinem Geschmack.«
Die beiden gingen nebeneinander her. Mattim hätte gerne ihre Hand genommen, aber er wusste, dass er kein Recht dazu hatte. Auch nicht, sie zu küssen, obwohl er an kaum etwas anderes denken konnte. Allerdings war es ihm unmöglich, sie nicht anzusehen. Von der Seite her, damit es nicht allzu aufdringlich wirkte. Wahrscheinlich tat sie nur so, als ob sie es nicht merkte.
»Vielleicht sollte ich es wirklich machen. Du bringst dich in Gefahr, wenn du herkommst.«
»Kununs Vorschlag hat nur einen kleinen, logischen Fehler«, sagte sie. »Wenn du mich beißt, finde ich dich das nächste Mal noch besser.«
Mattim atmete tief durch und blieb stehen. »Genau darüber muss ich mit dir reden. Du bildest dir da etwas ein. Was unsere Gefühle füreinander angeht.«
Meine Seelengefährtin, sagte sein Herz. Meine Herzgefährtin. Meine Leibesgefährtin. Doch er hatte kein Herz mehr, dessen Gefährtin sie hätte sein können.
Es war nicht echt. Sie musste das wissen. Es war so verführerisch, zu glauben, dass es echt war, dass sie wirklich ihn meinte. Aber bis vor Kurzem kannte sie ihn noch gar nicht. Bei ihrer ersten Begegnung, dort im Fahrstuhl, hatte sie noch geglaubt, er wolle sie umbringen, und jetzt lief sie ihm hinterher.
Es konnte nicht echt sein.
»Nein«, flüsterte sie.
Es wäre so einfach gewesen, es anzunehmen. Aber er war nicht wie Kunun. Er hasste sich selbst mehr als genug, aber wenn er jemals werden sollte wie sein Bruder, dann war es dieses Leben nicht mehr wert, dafür anderen ihr Blut zu rauben. Vielleicht war er wirklich schon wie Kunun. Diese Bilder, die er in sich trug, die er niemals wieder loswerden würde … Wie sie drüben in Magyria die Flusshüter gejagt hatten. Gorans blutiger Mund … Das nächste Mal würde er vielleicht wirklich mitmachen. Was wusste er schon davon, was er tun würde? Er hatte sich damals auch geschworen, lieber zu sterben, als jemanden zu beißen. Was konnte er Hanna geben? Was, außer Schmerz und Schrecken?
»Doch, Hanna.« Er zwang sich, das Gegenteil von dem auszusprechen, was er sagen wollte. »Wenn du dich wirklich daran erinnerst, dann weißt du, was ich bin. Dann weißt du, was ich dir angetan habe. Ich habe dir ein Stück deines Lebens geraubt. Und das suchst du nun in mir. Es ist ein Teil von dir, was du in mir suchst. Ich kann dir nicht geben, was du dir wünschst. Du meinst nicht mich, verstehst du? Egal, wer es gewesen wäre, der dich«, es kostete eine unglaubliche Mühe, das Wort auszusprechen, doch er zwängte es gewaltsam über seine Lippen, »gebissen hätte, du würdest glauben, dass du etwas für ihn empfindest.«
»Das stimmt nicht«, protestierte sie. Ihre braunen Augen kamen ihm extrem dunkel vor, ein Blick, in dem man sich verlieren konnte.
Seelengefährtin, Herzgefährtin, Leibesgefährtin … Nein.
»Doch, Hanna, es stimmt. Denk nur mal nach. Du kennst mich gar nicht. Du weißt überhaupt nichts von mir. Trotzdem kannst du durch die halbe Stadt fahren und mich unweigerlich finden. Was glaubst du, was das ist? Schicksal? Liebe?« Er kämpfte mit den Worten, mit aller Kraft. Er schleuderte sie von sich wie Pfeile. Daran, dass Hanna zusammenzuckte, erkannte er, dass er sie getroffen hatte. »Es bedeutet gar nichts«, sagte er. »Wir bedeuten einander nichts. Wenn ich die Nächste … beiße, wird sie mich ebenfalls verfolgen. Dann wirst du dich darüber wundern, was in dich gefahren war.«
Als ob er das jemals tun würde. Eine andere in den Armen halten, während der Duft ihrer Haut und ihrer Haare ihm in die Nase stieg … Diese weiche, glatte, helle Haut mit den Lippen berühren …
Mattim hätte nie gedacht, dass es möglich war, sich so sehr nach etwas zu sehnen. Nach jemandem. So sehr, dass man nicht schlafen konnte, dass man nichts essen mochte. Beides brauchte er nicht mehr seit seiner Verwandlung, doch erst jetzt fehlte ihm das Verlangen danach. Er war nicht richtig lebendig, aber erst, seit er Hanna begegnet war, wusste er, was das wirklich bedeutete. Denn sie lebte. Mit einer Intensität, die ihm die Sinne verwirrte. Er wusste das. Er hatte es geschmeckt, es gefühlt, er spürte es immer noch in sich. Deshalb kannte er sie zu gut, um zu glauben, dass sie für jemanden wie ihn etwas empfinden konnte. Sie liebte das Leben, und niemals würde sie einen Schatten lieben können.
»Es stimmt nicht«, wiederholte Hanna stur.
»Du kannst das nicht erkennen, weil …«
»Nein«, unterbrach sie ihn. »Atschorek hat mich auch gebissen, und für sie empfinde ich rein gar nichts.«
»Atschorek hat dich gebissen?«, fragte er entgeistert.
»Einmal«, sagte. »Ich habe überhaupt nichts gemerkt. Mir fehlten nur ein, zwei Minuten, wenn überhaupt. Eine winzige Zeitspanne, in der Kunun mit Réka verschwinden konnte. Am nächsten Tag habe ich Atschorek wiedergetroffen. Ich gehe oft auf der Insel joggen, aber ich habe nie zuvor gerade diesen Weg genommen. Was für ein Zufall, nicht? Ich habe lange darüber nachgedacht, verstand es aber erst, als ich all das über euch erfahren habe.«
»Atschorek », zischte er wütend.
»Es ist nicht dasselbe«, sagte sie. »Jemandem ständig zu begegnen oder jemanden zu suchen, weil man es nicht aushält ohne ihn. Es ist überhaupt nicht dasselbe. Außerdem ist es nicht wahr, dass ich dich nicht kenne. Ich …« Sie brach ab. »Was ist?«
Sah man es so deutlich? Dass alles um ihn herum einstürzte, alle Gründe, die er sich wieder und wieder aufgezählt hatte, warum er sie gehen lassen musste, warum er diese schier unglaubliche Dummheit, die sie bei vollem Verstand zu ihm trieb, nicht ausnutzen durfte. »Beim Licht«, flüsterte er. »Ich möchte dich küssen.«
»Dann tu es. Nur lauf bitte nicht wieder weg.«
Es war unmöglich, vernünftig zu sein. Nein, es gab nichts anderes, was sich dermaßen richtig anfühlte. Mattim küsste Hanna innig, mit feierlichem Ernst. Der Strom der Passanten trieb an ihnen vorüber, teilte sich kurz vor ihnen und fand hinter ihnen wieder zusammen. Die beiden standen inmitten des Flusses, wie ein Stein, an dem alles abprallte.
Diesmal biss er sie nicht. Er hielt sie nur fest an sich gepresst, und ihr Herz schlug für sie beide.
»Ich weiß nicht einmal deinen Nachnamen.«
»Mein Nachname?« Einen Moment lang war er verwirrt.
»Dein Familienname. Gibt es bei euch keine Familiennamen?«
»Nur Mattim. Aus der Familie des Lichts.« Selbst jetzt konnte er nicht anders, als daran festzuhalten. Er wusste, wie Kunun darüber dachte. Das bist du nicht mehr. Dazu gehörst du nicht mehr. Aber wie konnte er aufhören, der Sohn seines Vaters und seiner Mutter zu sein?
»Ein Prinz braucht wohl keinen Nachnamen?«
»Anscheinend nicht. Danach hat mich noch nie jemand gefragt.«
»Wie alt bist du überhaupt?«
»Siebzehn«, sagte er.
»Und du kannst nicht lesen?« Sie musterte ihn so kritisch, dass er vor lauter Verlegenheit lachen musste.
»Unsere Runen schon. Eure nicht.«
»Buchstaben. Das sind Buchstaben.« Plötzlich schlug sie sich mit der Hand gegen die Stirn. »Mist! Attila! Ich habe ihn völlig vergessen! Ich muss sofort los.«
»Attila?«
Hanna amüsierte sich über sein Gesicht. »Bist du etwa eifersüchtig? Dazu hast du auch allen Grund. Attila ist der süßeste Budapester Junge, den es gibt. Nicht unbedingt der Netteste, dafür geht er ohne mich nirgendwohin.«
Was sollte er davon halten? War sie etwa nicht frei?
»Willst du nicht mitkommen? Ich mache euch miteinander bekannt.«
In ihren Augen blitzte es. Sie unterdrückte ein Lachen. Da war irgendetwas, was sie ihm verschwieg.
Er konnte sie unmöglich gehen lassen. Es war, als würde er seinem Herzen erlauben, ohne ihn durch die Stadt zu reisen.
»Den will ich sehen«, sagte er grimmig, nur um noch einmal dieses entzückende Grinsen auf ihr Gesicht zu zaubern, »diesen Attila.«
Magyria 01 - Das Herz des Schattens
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