ELF
AKINK, MAGYRIA
»Nicht die Brückenwache«, flüsterte Mattim vor sich hin, immer wieder, wie einen Zauberspruch, »bitte, bitte, nicht noch mal auf die Brücke.«
»Mattim.« König Farank sah seinen Sohn mit strengem Blick und undurchschaubarer Miene an. »Ich lasse dich mit den Hütern Dienst tun, aber nur so lange, wie ich mir sicher sein kann, dass du gehorsam bist. Du wirst den Anweisungen des Anführers unbedingt Folge leisten. Dort draußen im Wald bist du nicht der Prinz, sondern bloß ein Diener der Stadt. Dort draußen bist du ein Mann des Königs, wie jeder andere auch. Ist das klar?«
»Klar wie Quellwasser.«
»Mattim! Ich meine es ernst. Hast du mich verstanden? Keine Eigenmächtigkeiten. Ein falsches Wort, eine unbedachte Bewegung, und du bleibst hier.«
»Ja, Vater. Weiß Morrit es schon?«
»Ich bin noch nicht bereit, dich der Nachtschicht zuzuteilen. Du tust Tagdienst, unter Hauptmann Solta, bis ich erkennen kann, dass deine Einstellung sich geändert hat.«
»Ja, Vater.«
Mattim bemühte sich, einen Ausdruck demütigen Gehorsams auf sein Gesicht zu zaubern. Es gelang ihm nicht einmal zur Hälfte. In ihm stritt die Freude darüber, dass er zurück in den Wald durfte, mit dem Ärger, dass man ihm den Dienst in der Nachtpatrouille verweigerte. Der Eindruck untertäniger Ergebenheit kam nicht wirklich zustande.
Sorgenvoll schüttelte der König den Kopf und entließ ihn.
 
Solta, der Anführer der Tagwache, begrüßte den Lichtprinzen knapp, aber Mattim entging nicht, wie die anderen Hüter ihm erfreut zunickten. Niemand, der nicht im Dorf dabei gewesen war, glaubte, dass seine Anwesenheit Gefahr bedeutete. Die Flusshüter dachten tatsächlich, dass er ihnen Glück brachte.
»Die Wölfe nehmen überhand in diesem Wald. Daher habe ich mich entschieden, dass wir anders als bisher vorgehen sollten«, kündigte Solta an. »Bis jetzt haben wir nur versucht, alle Eindringlinge abzuwehren. Unser vorrangiges Ziel war es, den Feind von der Brücke fernzuhalten. Jetzt wagen wir einmal etwas Neues.« Er winkte, und die erstaunten Hüter sahen mehrere Männer die Straße zum Brückenaufgang heraufkommen. Immer vier trugen einen großen, mit Tüchern verhüllten Kasten. Es waren insgesamt zehn. Hinter ihnen marschierte eine stämmige Frau mit einem großen Sack auf dem Rücken, in dem es zappelte und rumorte.
Vor den Flusshütern gingen sie über die Brücke, die Patrouille folgte ihnen stumm. Keiner sprach die Frage aus, die ihm auf der Zunge lag. Was immer es war, was da vor ihnen hergetragen wurde, sie würden es rechtzeitig erfahren.
Am anderen Ufer erteilte Solta seine Anweisungen. »Wir bleiben zusammen und schützen die Träger. In Abständen, die wir vor Ort festlegen, werden wir die Fallen aufstellen.«
»Wir wollen die Schatten fangen?«, fragte eine dunkelhaarige Frau namens Alita.
Solta runzelte die Stirn. »Habe ich das etwa behauptet? Die Schatten fangen, ha. Willst du der Köder sein? Nein? Dann halt den Mund.« Er kämpfte seinen Ärger nieder, bevor die Anspannung sich auf die ganze Truppe übertrug. »Marsch!«
Die erste Falle fand ihren Platz nur wenige Hundert Meter von der Brücke entfernt. Die Träger stellten ihre Last ab und zogen das Tuch herunter. Zum Vorschein kam ein riesiger eiserner Käfig. Die fingerdicken Gitterstäbe umschlossen einen Raum zwischen zwei eisernen Deckeln. Vorsichtig spannte einer der Männer eine Gittertür hoch. »Alles bereit. Fehlt bloß noch der Köder.«
Die stämmige Frau griff in den Sack und holte eine wild mit den Flügeln schlagende Ente hervor. Sie hielt das Tier an den Füßen fest und wandte sich dem Käfig zu, zögerte aber dann.
»Ich brauche Hilfe«, sagte sie. »Jemand muss die Ente am Fuß anbinden, während ich sie halte. Sie soll doch leben?«
»Ja«, antwortete Solta. »Das soll sie.« Er warf einen Blick in die Runde und winkte Mattim nach vorne. »Mach dich nützlich.«
Der Prinz hob das dünne Seil vom Boden, das offenbar dafür vorgesehen war, und näherte sich vorsichtig dem immer noch heftig um seine Freiheit kämpfenden Vogel. Es war gar nicht so einfach, ein Bein zu fassen zu bekommen und einen Knoten zu machen. Sobald er fertig war, drückte die Frau ihm die Ente in den Arm. »Kriech du da rein«, befahl sie einfach.
Mattim ergab sich in sein Schicksal. Er bückte sich unter der hochgezogenen Klappe hindurch und trat auf den eisernen Boden. Im selben Moment schnappte die Falle zu, und die Tür hinter ihm rastete mit einem lauten Krachen ein. Der Junge erschrak so sehr, dass er die Ente losließ. Wild flatterte sie in dem engen Käfig umher und versuchte, durch das Gitter zu entkommen. Das Gelächter von draußen trieb Mattim das Blut in den Kopf, während er immer wieder vergeblich nach der verzweifelten Ente haschte. Besonders laut lachte Wikor, ein Bär von einem Mann. Seine Schadenfreude war mindestens so gewaltig wie seine Körpergröße. Einem wie ihm konnte man hinterher nicht einmal versehentlich auf den Fuß treten.
Es war ein merkwürdiges Gefühl, im Käfig zu sitzen, während alle um ihn herumstanden und sich amüsierten. Von außen war ihm der Käfig viel größer vorgekommen. Stehen konnte man hier drinnen nicht; gerade das machte es ja so schwierig, den Vogel zu fangen. Geduckt musste er ihm nach, und nachdem er sich mehrere Male gegen das Gitter geworfen hatte, in der Hoffnung, die Ente einzuklemmen und greifen zu können, gelang es ihm schließlich, das Seil, das immer noch von ihrem Fuß herabbaumelte, in die Hände zu bekommen. Mit hochrotem Kopf band er es im hinteren Bereich des Käfigs fest.
»Jetzt könnt ihr öffnen«, wies Solta die Träger an. Es war keine große Kraft nötig, um die Klappe hochzustemmen und den Mechanismus wieder in die Ausgangsposition zu setzen. Mattim rettete sich zwischen den Beinen der Wächter hindurch ins Freie.
Von außen sah der Käfig, in dem nun nur noch die angebundene Ente lauthals schimpfte, wieder recht harmlos aus.
»Sobald der Wolf die Bodenplatte betritt, fällt die Klappe herunter, und er sitzt in der Falle«, sagte der Anführer zufrieden.
»Jeder Marder kann sie auslösen«, knurrte Mattim.
»Aus diesem Grund müssen wir sie regelmäßig überprüfen«, sagte Solta. »Und neue Köder einlegen. Darin hast du ja jetzt Übung.« Wikor lachte wieder besonders fröhlich.
Mit Sicherheit hatte sein Vater diese Männer angewiesen, ihn so zu behandeln. Ein guter Anführer hätte es nie darauf angelegt, ihn vor der versammelten Mannschaft lächerlich zu machen. Vielleicht hielt Farank das für ein gutes Mittel, um ihm klarzumachen, dass er sich hier nicht als etwas Besonderes aufspielen durfte. Mattim hatte die Hände zu Fäusten geballt und zwang sich nun gewaltsam dazu, sie wieder zu öffnen. Er biss die Zähne zusammen. Er würde dem König keinen Grund liefern, ihn wieder auf die Brücke zu schicken.
Sie bestückten alle zehn Fallen, abwechselnd mit Enten, Hühnern und Kaninchen. Zu Mattims Erleichterung verdonnerte man ihn nur noch ein weiteres Mal dazu, den Köder festzubinden. Diesmal setzte er ein Kaninchen aus, das ihm den Arm blutig kratzte. Zornig stampfend saß es in der Ecke, nachdem Mattim seine Pflicht getan hatte, und begann sofort an dem Seil zu nagen.
»Viel Glück«, wünschte er ihm leise.
»Das ist nicht dein Ernst.« Ausgerechnet Solta hatte ihn gehört. »Du willst, dass es entkommt?«
»Den Mardern und Füchsen, ja.« Der junge Prinz scheute sich nicht, dem Anführer die Stirn zu bieten. »Den Wölfen? Falls sich je einer in diese Falle verirrt, wird es keiner der Wölfe sein, um die es geht.«
»Ach, wirklich?«
Mattim dachte an die dunklen, wissenden Augen der Wölfin. Über so eine Falle hätte sie nur gelacht, das wusste er.
»Es gibt wichtigere Dinge in diesem Wald zu tun.«
»Mag sein. Aber das entscheidest nicht du. Oder möchtest du lieber in der Burg sitzen und die Arbeit uns überlassen?« Er lächelte.
Der Prinz lächelte nicht zurück.
 
Der Wolf knurrte. Seine gelben Augen wirkten rund wie Monde. Er fletschte die Zähne, sein Nackenfell sträubte sich.
»Sieh an. Behauptest du immer noch, die Fallen würden nichts bringen? Das ist der fünfte Wolf in diesem Monat.«
Mattim hatte es aufgegeben, immer wieder zu betonen, dass die Wölfe, die ihnen erstaunlich zahlreich in die Falle gingen, nichts anderes als schlichte Wölfe waren. Dies waren keine Schattenwölfe, sondern gewöhnliche Tiere, gierig, auf ihre eigene Art schlau, doch mit Sicherheit nicht in der Lage, mit einem einzigen Biss einen lebendigen Menschen in ein Schattenwesen zu verwandeln. Manche Exemplare, die sie gefangen hatten, waren prächtig und so riesig, dass sie, wenn sie hin und her sprangen, den gesamten Käfig auszufüllen schienen. Besonders dieser hier war geradezu wunderschön. Sein Fell war fast schwarz, von einigen bräunlichen Flecken abgesehen. Alles an ihm verriet seine Kraft. Die schlanken Läufe, der mächtige Schädel, die Krallen, die tiefe Furchen ins Metall rissen. In seiner berechtigten Wut wirkte er wie der König der Wälder.
»Du siehst ihn an, als wärst du in ihn verliebt.« Solta wartete, bis wenigstens ein paar der anderen Hüter pflichtschuldigst lachten. »Wer will ihn erledigen? Du, Mattim?«
Es war keine Frage, sondern ein Befehl. Dennoch schrak der Königssohn davor zurück, ein so schönes Tier abzuschlachten. Er verstand es selbst nicht. Schließlich hatte er gesehen, wie die gewöhnlichen Wölfe gemeinsam mit den Schattenwölfen jagten; immer noch kamen sie in seinen Träumen zu ihm, das ganze Rudel, an der Spitze die silberne Wölfin, und ihr Geheul riss die Nacht in Fetzen.
Die anderen Hüter traten näher. Sie hielten Lanzen in den Händen, die sie durch das Gitter steckten, um den Wolf in eine Ecke zu treiben, damit sie ihn mit einem kräftigen Stoß töten konnten. Doch das Tier kämpfte weiter. Es beachtete die Spitzen nicht, die ihm Löcher ins Fell stachen, die seine Haut durchbohrten. Blut tropfte über seinen nachtschwarzen Pelz. In seinem Knurren und Fauchen lagen nur Zorn und Kampfeslust. Er wandte sich Mattim zu, in dem er seinen wahren Gegner erkannt hatte. Rasend vor Wut warf er sich immer wieder gegen das Gitter.
Der Prinz hielt sein Schwert umklammert. Er hatte keine Wahl, er musste diesen Wolf töten. Wenn er es nicht tat, gab er Solta bloß einen Grund, ihn nach Hause zu schicken. Schon zu lange wartete der Anführer der Tagwache darauf, dass er sich einen Fehler leistete. Warum hätte er dieses Tier auch nicht töten sollen? Es war ein Wolf, gefährlich und unberechenbar, und so, wie er wütete und geiferte, selbst von keinerlei Skrupeln geplagt.
»Was, wenn er …« Er brach ab. Was, wenn es doch ein Schattenwolf war, wenn Mattim sich täuschte? Dann musste er ihn erst recht töten. Dann durfte es erst recht keine Gnade geben. Zum ersten Mal, seit er ein Mitglied der Wache war, fragte er sich, ob er dafür ausgebildet worden war, um mit dem Schwert ein Tier zu erstechen, dessen Hass ihm nur allzu verständlich schien. Zum ersten Mal fragte er sich, was es hieß, ein Prinz des Lichts zu sein, wenn das Einzige, was man ihn tun ließ, Kaninchen und Enten für ihre Schlächter bereitzumachen war und am Schluss selbst ein Schlächter zu sein.
 
»Seit Wochen keine Angriffe mehr. Manchmal finde ich es geradezu unheimlich, wie ruhig es geworden ist.«
»Dir kann man es aber auch gar nicht recht machen, wie, Mattim?«
Palig, einer seiner neuen Kameraden, boxte ihm freundschaftlich in den Rücken. Sie waren zu dritt unterwegs, um die Fallen zu überprüfen und gegebenenfalls mit neuen Ködertieren zu bestücken. Alita trug die Hühner, die es diesmal getroffen hatte. Schon länger war Solta dazu übergegangen, die Tagespatrouille aufzuteilen. Allein durfte zwar immer noch niemand unterwegs sein, doch da der Anführer nicht nur mit den Käfigen beschäftigt sein wollte, hatte er sich schließlich dazu durchgerungen, eine kleine Abteilung für die Fallen abzustellen und mit dem Rest weiter östlich in den Wald vorzudringen, um sicherzugehen, dass die Feinde sich wirklich zurückgezogen hatten. Aus reiner Gehässigkeit - so schien es Mattim - war er dafür eingeteilt worden, sich um die Fallen zu kümmern. Die wenigen Querdenker, die es unter Soltas Kommando noch aushielten, hatte man ihm an die Seite gestellt: Palig, ein frecher Fünfzehnjähriger, der gerne widersprach, und Alita, die den Anführer allein durch ihre kritischen Blicke reizte. Mattim war froh darüber; jetzt war er wenigstens den unverschämt lustigen Wikor los.
»Da wären wir.« Die Falle war leer. Die Gans, die als Köder diente, lebte sogar noch. Nicht einmal ein Fuchs hatte versucht, sich zu bedienen. Mattim kniete sich neben ihr hin, sie zischte. »Wir müssen das arme Tier füttern«, sagte er. »Oder wir lassen ein Huhn da und nehmen die Gans mit nach Hause.«
»Ich hol sie heraus«, bot Palig an. »Ich trete nur hier auf den Seiten auf, dann wird die Falle nicht ausgelöst. Wenn man genau hierhin …«
Hinter ihm krachte die Klappe hinunter. Alita und Mattim lachten. »Das musst du noch üben. Jetzt komm schon raus, bevor du dich daran gewöhnst!«
Auf einmal hatte Mattim das Gefühl, von tausend Augen beobachtet zu werden. Durch die Wipfel rauschte Gelächter, und in den kleinen Blättern des Gestrüpps wisperte und kicherte es. Er hob den Blick und sah eine Frau im Schatten des Baumes stehen und ihn beobachten. Sie war unwirklich schön, eine sehr große, schlanke Gestalt mit kinnlangem rötlichem Haar, das glatt herabfiel und ihr blasses Gesicht betonte. Ihre Augen, deren Farbe er aus der Entfernung nicht erkennen konnte, musterten ihn, ihre roten, sanft geschwungenen Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln.
Als er aufsprang, war sie verschwunden.
»Da!«, rief er. »Habt ihr sie bemerkt? Die Frau!«
Er sprang ihr nach. Vor sich sah er wie eine Flamme ihr Haar aufblitzen, ihr dunkles Kleid - oder war es wieder nur der Schatten der Bäume?
Da waren schon die Höhlen. Er hatte gewusst, dass die Falle in ihrer Nähe aufgebaut war, aber ihm war nicht klar gewesen, wie nah. Mattim warf einen schnellen Blick über die Schulter. Von dort hörte er schon die beiden anderen Hüter rufend durchs Gehölz stürmen. Ohne zu überlegen wandte er sich wieder den Höhlen zu. Er duckte sich in den niedrigen Eingang und verschwand im Dunkel.
 
Mattim tastete sich am Fels entlang. In der Nähe des Eingangs war die Höhle noch vom matten Tageslicht erleuchtet, wenige Meter dahinter lag alles in Finsternis. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen. Hin und wieder blieb er stehen und horchte. Ihm war, als könnte er die Schritte der Fremden vor sich hören, die kurzen, schnellen Schritte einer Frau, die es eilig hatte.
Sie war da, irgendwo vor ihm. Ein Schatten. Er wusste, dass sie ein Schatten war, hatte es in dem Moment gespürt, als er sie sah. Er zweifelte nicht daran, dass in einer anderen Umgebung allein ihre Schönheit die Blicke auf sich gezogen hätte, doch hier, mitten im Wald, würde keine Dame aus Akink spazieren gehen. Keine Kräutersammlerin aus den Dörfern würde sich so weit ins Gebiet der Schattenwölfe wagen. Sie konnte nur ein Schatten sein, auch wenn sie am helllichten Tag auftauchte und das eigentlich gar nicht möglich war. Hier ruhte das Geheimnis, hier in der Höhle.
Er bewegte sich nicht und lauschte. Ein kühler Luftzug strich an seinem Gesicht vorbei, ihn schauderte. Jeden Moment konnte sie ihn anspringen, ihn packen, ihm ihren giftigen Kuss aufdrücken …
»Mattim?« Seine Gefährten riefen von draußen. »Mattim, bist du da drin?«
»Ich bin hier«, erwiderte er laut. Er konnte das plötzliche Zittern, das ihn ergriffen hatte, kaum unterdrücken, als er zurück ins Licht stolperte.
»Wir brauchen eine Fackel«, sagte er. »Ich will diese Höhlen untersuchen. Sie …« Er brach mitten im Satz ab, bevor er zu viel verraten konnte. Wenn er eingestand, dass er einen Schatten gesehen hatte, würden sie ihn erstens für verrückt halten, weil er diesem folgte, statt zu fliehen, und zweitens würden sie ihn auslachen, weil es tagsüber gar keine Schatten hier geben konnte.
Er machte einen Schritt auf seine Kameraden zu, und sie wichen vor ihm zurück.
»He, ihr glaubt doch wohl nicht …« Fassungslos blickte er in ihre von Zweifel und Unsicherheit geprägten Gesichter. Als er die Angst in ihren Augen aufflackern sah, lachte er laut. »Ich bin kein Schatten! Ich war nur kurz da drin, mir ist nichts passiert!« Er öffnete seinen Kragen. »Seht ihr? Keine Bissspuren, nichts.«
»Das reicht nicht. Du kennst die Vorschriften.« Palig zuckte verlegen die Achseln. »Du musst uns beweisen, dass du unverletzt bist.«
»Vor einer Dame?«
Alita verzog nicht einmal das Gesicht. »Nun mach schon.«
Wenn man sich an die Vorschriften hielt, verlor man nur kostbare Zeit. Diese Zeit hatte er nicht, denn in diesen wenigen Minuten konnte die Schattenfrau sonst wohin in ihrem steinernen Labyrinth verschwinden. Aber seine Gefährten würden ihn nicht einmal in die Nähe der Brücke lassen, wenn er ihnen nicht bewies, dass er immer noch ein Mensch war. Besser hier, als sich vor ganz Akink zu entblößen, um jeden Zweifel auszuräumen.
Zornig schälte Mattim sich aus seiner Kleidung. Die anderen hielten nach wie vor Abstand und musterten jeden Zoll seiner hellen Haut. Schließlich stand er nur in Unterhose vor ihnen. Sein Gesicht glühte.
»Dreh dich um«, wies Palig ihn an, als hätte auf einmal er das Recht, Befehle zu erteilen. »Was sind das für Streifen auf deinem Rücken?«
»Kratzer«, gab Mattim schroff zurück. »Alt und verheilt, wie du unschwer erkennen kannst.«
»Was ist mit deinem Arm?«, wollte Alita wissen und beugte sich vor, ohne auch nur einen Fußbreit näher zu kommen. »Dort, am Handgelenk.«
»Das war ein Kaninchen. Und da hat mich ein Huhn mit seinem Schnabel erwischt. Beim allerhellsten Licht, könnt ihr mir nicht einfach vertrauen?«
Sie waren nicht ganz überzeugt.
»Wenn ich ein Schatten wäre, könnte ich dann vor euch stehen, hier im Licht?«
»Man hat angeblich auch schon Schatten bei Tag gesehen«, sagte Alita langsam.
»Genau aus diesem Grund möchte ich die Höhlen doch untersuchen!«
»Zieh dich an«, sagte Palig schließlich.
Hastig verwandelte Mattim sich in einen respektablen Flusshüter zurück. Er atmete tief durch.
»Ihr wisst es also. Alle wissen es. Nur der König will davon nichts hören. Lasst uns an dieser Stelle ansetzen, hier bei den Höhlen. Seid ihr dabei?«
»Das müssen wir Solta sagen, tut mir leid.« Palig blickte ihm nicht in die Augen.
»Das ist dir doch klar«, fügte Alita hinzu. »Wir sind verpflichtet, jeden Ungehorsam zu melden.«
»Wenn der König erfährt, dass ich allein in der Höhle war, bringt er mich um«, stöhnte Mattim. »Dann komme ich nie dazu, mich darin näher umzusehen!« Mirita war eine Ausnahme, das begriff er erst jetzt so richtig. Sie war die Einzige, die ihn verstand. »Ich bin mir sicher, dass die Schatten sie benutzen, nur habe ich keine Ahnung, wofür. Es ist so verdammt wichtig …«
Palig unterbrach ihn. »Wir haben kein Licht«, sagte er zu Alita.
»Irrtum.« Alita kramte in ihrem Rucksack und holte eine Fackel und ein Päckchen Zündhölzer hervor. »Wir sind zwar die Tagwache«, sagte sie selbstzufrieden, »aber da Feuer die einzige Waffe gegen die Schatten ist, habe ich immer etwas dabei.«
»Gib her«, forderte er, doch die Hüterin hielt die Fackel unbeeindruckt fest.
»Ihr kommt mit? Ihr meldet mich nicht?«
»Immer zusammenbleiben, Prinz Mattim, schon vergessen? Bleib ja schön in unserer Mitte.«
Nach der vorangegangenen Demütigung tat es gut, wenn die beiden ihren Respekt nun etwas übertrieben.
»Dann los.«
Ihre Schuhsohlen scharrten auf dem rauen Fels. Im knisternden Licht der Flamme folgten sie dem engen Gang um mehrere Biegungen, bis sich schließlich der Stein weitete und sie in eine geräumige Grotte entließ. Die Fackel spendete zu wenig Licht, um den ganzen Umfang des Gewölbes zu erkennen, und der Großteil der Höhle blieb im Dunkeln.
»Hier ist nichts.«
Mattim wollte seine Enttäuschung nicht eingestehen. Er hätte nicht sagen können, was er eigentlich erwartet hatte. Eine Versammlung von Schatten, in die sie hineinplatzten? Oder lauter schlafende Schatten, die darauf warteten, in die Nacht hinausgehen zu können?
Das kleine Licht tanzte über die Höhlenwände, während Alita eine ganze Runde drehte. »Keine weiteren Öffnungen. Keine Gänge oder Nischen, in denen sich jemand verstecken könnte.«
»Vielleicht weiter oben?«
Die Wächterin hielt die Fackel so hoch sie konnte.
»So weit reicht das Licht nicht. Aber wie sollte da jemand hinaufkommen? Die Wände sind recht glatt. Und sie sind rutschig. Ganz schön feucht, diese Höhle.«
»Wo ist sie bloß hin?«, überlegte Mattim verwirrt. Er hatte ihnen nicht gesagt, dass er einen Schatten hier hatte verschwinden sehen.
Auf einmal stieß Alita einen erschrockenen Schrei aus und ließ die Fackel fallen. Mit einem Zischen verlosch das Licht, und sie standen im Dunkeln.
»Musst du die Fackel ausgerechnet in eine Pfütze werfen?«, fragte Mattim mit möglichst ruhiger Stimme, während sein Herz heftig pochte.
»Mich hat etwas berührt«, rief Alita. »Da war etwas. Da, schon wieder!« Sie schrie schrill auf.
»Ganz ruhig«, bat Palig, »wir müssen hier nur raus, bleibt alle ruhig.«
Mattim griff dorthin, wo Alita eben noch gestanden hatte, bekam ihren Arm zu fassen und zog sie in die Richtung, in der er den Gang vermutete. Sie hörte einfach nicht auf zu schreien. Blind tastete er sich die Wand entlang, während das Schreien nicht abebbte. Es fuhr ihm durch Mark und Bein. Das Gewölbe vervielfachte jeden Laut und verwandelte die stille, feuchte Höhle in einen brüllenden, kreischenden Hexenkessel. Mattim verlor fast den Verstand, während er Alita hinter sich herschleifte. Mit der rechten Hand fasste er ins Leere; dort musste der Tunnel nach draußen liegen. Plötzlich begann Alita wild um sich zu schlagen und stieß ihn von sich.
Er versuchte sie einzufangen, aber sie war schon fort, und das Geschrei in der Höhle schien sich zu vertausendfachen. Blindlings lief er los, dem Tageslicht entgegen, wobei er gegen Wände und herabhängende Felskanten stolperte. Blut lief ihm übers Gesicht, als er schließlich nach draußen taumelte, ins Dämmerlicht des Waldes, das ihn jetzt mit der Kraft von zehn Sonnen zu blenden schien. Am ganzen Körper bebend stürzte er hin, rappelte sich auf und hastete unter die Bäume. An den breiten Stamm einer mächtigen Eiche gelehnt, schnappte er nach Luft. Irgendwann beruhigte sich sein Atem, und sein Herz schlug wieder gleichmäßig. Vorsichtig befühlte er die aufgeplatzte Stelle an der Stirn, die erschreckend schnell anschwoll. Er hatte nichts, um die Beule zu kühlen, nur sein Schwert. Vorsichtig drückte er die glatte Schneide gegen die schmerzende Wunde.
Dann wartete er.
Ihm fiel auf, wie still es war. Seine Freunde mussten sich endlich beruhigt haben. Bestimmt kamen sie allmählich zur Besinnung, ertasteten den Ausgang und standen gleich vor ihm, vielleicht ein wenig verlegen über ihre Panik und das grundlose Geschrei. Er hatte nicht wirklich etwas dagegen, auch die anderen einmal beschämt zu erleben.
Das kann passieren, würde er verständnisvoll sagen. Jedem, auch dem tapfersten Hüter.
Dann sah er eine Bewegung an der Höhle, und zwei Wölfe huschten heraus, ein grauer und ein schwarzer.
»Alita?«, fragte er verzweifelt. »Palig?«
Die beiden blickten ihn aus ihren hellen Tieraugen an, ohne ihm zu antworten, ohne ein Zeichen des Erkennens, dann liefen sie über die freie Fläche und verschwanden im Unterholz.
Es schnürte Mattim die Kehle zu, wenn er daran dachte, wie er vor Solta treten sollte. Vor die anderen Flusshüter. Vor die Familien seiner beiden Begleiter. Vor den König.
»Und ich?«, rief er laut. »Warum ich nicht? Warum trifft es immer die anderen und niemals mich?«
Er hatte keinen Namen für den Schmerz, der sein Herz in den Krallen hielt.
Als er ein leises Geräusch hörte, tauchte er unwillkürlich tiefer ins Waldesdunkel ein, hinter den Stamm. Vorsichtig riskierte er einen Blick.
Im Eingang der Höhle war eine Gestalt aufgetaucht. Es war die fremde Frau, die Rothaarige. Der Schatten. Prüfend sah sie sich um. Wie ein kleines Kind schloss Mattim die Augen, damit sie ihn nicht bemerkte.
Als er sie wieder öffnete, war die Frau verschwunden. Immer noch war alles still.
 
»Was ist wirklich passiert?«
Mirita hatte ihm diesmal selbst die Tür geöffnet. Ihr Herz schlug heftig, als sie Mattim vor ihrem Haus stehen sah, mit wirrem Haar, einen verbitterten Zug um den Mund. Die Nachricht vom Verschwinden der beiden Flusshüter hatte sich so schnell in der Stadt verbreitet, dass sogar sie, obwohl ihr vor der Nachtschicht noch zwei Stunden Schlaf blieben, schon davon erfahren hatte. Ihre Mutter hatte sie geweckt und es ihr erzählt, mit der dringenden Bitte, heute nicht zum Dienst zu gehen. Danach konnte Mirita natürlich nicht wieder einschlafen. Die junge Bogenschützin hatte sich angezogen und auf den Fluss hinausgesehen, während sie die klammen Hände mit einer großen Tasse Tee wärmte. Er war so stark und bitter, dass sich alles in ihrem Mund zusammenzog. Als es klopfte, hatte sie erwartet, dass es ihre Mutter sein würde, die vielleicht den Schlüssel vergessen hatte. Nie hätte sie gedacht, dass der Prinz sie noch einmal besuchte. Die beiden waren keine Kameraden mehr, seit er tagsüber mit Solta in die Wälder ging.
»Mattim?« Mirita öffnete die Tür weit, doch er bewegte sich nicht, und schließlich griff sie nach seinem Ärmel und zog ihn in die Stube. »Setz dich.«
Gehorsam und immer noch schweigend ließ er sich auf einem der harten Holzstühle nieder. Ihre Mutter hatte Kissen dafür genäht, aber sie lagen auf einem Stapel in der Ecke. Sie wollte ihn nicht dazu auffordern, noch einmal aufzustehen, nur damit sie ihm ein Kissen unter den Hintern schieben konnte. Stattdessen drückte sie ihm ihre Teetasse in die Hand. »Trink. Er ist noch heiß genug.«
Mattim starrte in die Tasse, und sie wagte es, einfach um das schreckliche Schweigen zu brechen, ihre Frage zu wiederholen. »Was ist wirklich passiert?«
Endlich hob er den Blick. Ihr schien, als wären seine grauen Augen dunkler geworden. Sie sah ihn an und dachte nicht mehr an Wolken, sondern an Steine und Mauern, an Schatten unter den Bäumen.
Mirita kniete sich vor den Prinzen hin und nahm ihm die Tasse aus den reglosen Händen. Sie ergriff seine Hände, ohne darüber nachzudenken, was sie tat.
»Mattim, schau mich an. Mattim, du bist nicht schuld.«
»Bin ich das nicht?« Er schüttelte den Kopf.
Selbst jetzt noch tanzte das Licht in seinem wirren Haar, hüpfte über die goldenen Strähnen. Mirita wollte ihre Hände hineintauchen und ihn küssen, als die Sehnsucht nach ihm sie wieder mit aller Macht ergriff, aber ihre Angst, zu weit zu gehen und ihn zu vertreiben, wog mehr.
»Ich bin nicht schuld? Jeder, der alleine entkommt, ist schuldig. Ich habe mein Leben gerettet - wofür? Schon jetzt betrachten sie mich als einen Verräter. Mattim, der feige geflohen ist, der seine Gefährten im Stich gelassen hat. Das ist es doch, was alle hier glauben. Dass ich die beiden den Schatten überlassen habe. Dass sie sich für mich geopfert haben, für den Prinzen des Lichts, der zu nichts anderem taugt, als Enten die Füße zu fesseln.«
»Das ist nicht wahr! Du bist nicht feige. Ich weiß es. Glaub mir, ich weiß es. Du würdest dein Leben für Akink geben.« Sie ließ seine Hände los, um sich die Tränen aus den Augen zu wischen. Ganz bestimmt war er nicht hergekommen, um sie weinen zu sehen. »Du würdest niemals irgendjemanden im Stich lassen. Da bin ich mir sicher.«
Mattim saß immer noch auf dem harten Stuhl. Auf einmal kam Mirita die schöne Stube, auf die ihre Mutter so stolz war, unerträglich schäbig vor. Er gehörte nicht hierhin. Er hätte in seinem eigenen Zimmer oben in der Burg sein sollen, auf seinem mit Samt bezogenen Sofa mit den goldenen Troddeln. Dort hätte er sitzen müssen, die Füße hochgelegt, und Diener hin und her schicken sollen, wie es einem verwöhnten Prinzen zukam, der seine Leute im Stich ließ und sich lieber verkroch. Nie hatte Mirita sich so sehr gewünscht, dass er genau das tat: sich feige verkriechen.
»Und das Schlimmste«, flüsterte er, »weißt du, was das Schlimmste ist?«
»Nein«, erwiderte sie bang.
»Ich habe sie gesehen«, sagte er leise, »die Wölfe. Ich habe Alita an ihrem schwarzen Fell erkannt. Sie war so schön. Palig, grau wie der Nebel über dem Fluss … So wunderschön waren sie, so wild, und mir war, als würde ich sie zum ersten Mal sehen, so, wie sie wirklich sind, schöner, als ich es mir je hätte träumen lassen. Und ich habe sie beneidet.« Auch er hatte nun Tränen in den Augen. »Ich tue nur so, als würde ich um sie weinen. Ich klage mit allen anderen … In Wahrheit wünsche ich mir jedoch, es hätte mich getroffen, und ich wäre jetzt so wie sie und würde mit ihnen durch den Wald streifen.«
Magyria 01 - Das Herz des Schattens
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