ELF
AKINK, MAGYRIA
»Nicht die Brückenwache«, flüsterte Mattim vor
sich hin, immer wieder, wie einen Zauberspruch, »bitte, bitte,
nicht noch mal auf die Brücke.«
»Mattim.« König Farank sah seinen Sohn mit strengem
Blick und undurchschaubarer Miene an. »Ich lasse dich mit den
Hütern Dienst tun, aber nur so lange, wie ich mir sicher sein kann,
dass du gehorsam bist. Du wirst den Anweisungen des Anführers
unbedingt Folge leisten. Dort draußen im Wald bist du nicht der
Prinz, sondern bloß ein Diener der Stadt. Dort draußen bist du ein
Mann des Königs, wie jeder andere auch. Ist das klar?«
»Klar wie Quellwasser.«
»Mattim! Ich meine es ernst. Hast du mich
verstanden? Keine Eigenmächtigkeiten. Ein falsches Wort, eine
unbedachte Bewegung, und du bleibst hier.«
»Ja, Vater. Weiß Morrit es schon?«
»Ich bin noch nicht bereit, dich der Nachtschicht
zuzuteilen. Du tust Tagdienst, unter Hauptmann Solta, bis ich
erkennen kann, dass deine Einstellung sich geändert hat.«
»Ja, Vater.«
Mattim bemühte sich, einen Ausdruck demütigen
Gehorsams auf sein Gesicht zu zaubern. Es gelang ihm nicht einmal
zur Hälfte. In ihm stritt die Freude darüber, dass er zurück in den
Wald durfte, mit dem Ärger, dass man ihm den Dienst in der
Nachtpatrouille verweigerte. Der Eindruck untertäniger Ergebenheit
kam nicht wirklich zustande.
Sorgenvoll schüttelte der König den Kopf und
entließ ihn.
Solta, der Anführer der Tagwache, begrüßte den
Lichtprinzen knapp, aber Mattim entging nicht, wie die anderen
Hüter ihm erfreut zunickten. Niemand, der nicht im Dorf dabei
gewesen war, glaubte, dass seine Anwesenheit Gefahr bedeutete. Die
Flusshüter dachten tatsächlich, dass er ihnen Glück brachte.
»Die Wölfe nehmen überhand in diesem Wald. Daher
habe ich mich entschieden, dass wir anders als bisher vorgehen
sollten«, kündigte Solta an. »Bis jetzt haben wir nur versucht,
alle Eindringlinge abzuwehren. Unser vorrangiges Ziel war es, den
Feind von der Brücke fernzuhalten. Jetzt wagen wir einmal etwas
Neues.« Er winkte, und die erstaunten Hüter sahen mehrere Männer
die Straße zum Brückenaufgang heraufkommen. Immer vier trugen einen
großen, mit Tüchern verhüllten Kasten. Es waren insgesamt zehn.
Hinter ihnen marschierte eine stämmige Frau mit einem großen Sack
auf dem Rücken, in dem es zappelte und rumorte.
Vor den Flusshütern gingen sie über die Brücke, die
Patrouille folgte ihnen stumm. Keiner sprach die Frage aus, die ihm
auf der Zunge lag. Was immer es war, was da vor ihnen hergetragen
wurde, sie würden es rechtzeitig erfahren.
Am anderen Ufer erteilte Solta seine Anweisungen.
»Wir bleiben zusammen und schützen die Träger. In Abständen, die
wir vor Ort festlegen, werden wir die Fallen aufstellen.«
»Wir wollen die Schatten fangen?«, fragte eine
dunkelhaarige Frau namens Alita.
Solta runzelte die Stirn. »Habe ich das etwa
behauptet? Die Schatten fangen, ha. Willst du der Köder sein? Nein?
Dann halt den Mund.« Er kämpfte seinen Ärger nieder, bevor
die Anspannung sich auf die ganze Truppe übertrug. »Marsch!«
Die erste Falle fand ihren Platz nur wenige Hundert
Meter von der Brücke entfernt. Die Träger stellten ihre Last ab und
zogen das Tuch herunter. Zum Vorschein kam ein riesiger eiserner
Käfig. Die fingerdicken Gitterstäbe umschlossen einen Raum zwischen
zwei eisernen Deckeln. Vorsichtig spannte einer der Männer eine
Gittertür hoch. »Alles bereit. Fehlt bloß noch der Köder.«
Die stämmige Frau griff in den Sack und holte eine
wild mit den Flügeln schlagende Ente hervor. Sie hielt das Tier an
den Füßen fest und wandte sich dem Käfig zu, zögerte aber
dann.
»Ich brauche Hilfe«, sagte sie. »Jemand muss die
Ente am Fuß anbinden, während ich sie halte. Sie soll doch
leben?«
»Ja«, antwortete Solta. »Das soll sie.« Er warf
einen Blick in die Runde und winkte Mattim nach vorne. »Mach dich
nützlich.«
Der Prinz hob das dünne Seil vom Boden, das
offenbar dafür vorgesehen war, und näherte sich vorsichtig dem
immer noch heftig um seine Freiheit kämpfenden Vogel. Es war gar
nicht so einfach, ein Bein zu fassen zu bekommen und einen Knoten
zu machen. Sobald er fertig war, drückte die Frau ihm die Ente in
den Arm. »Kriech du da rein«, befahl sie einfach.
Mattim ergab sich in sein Schicksal. Er bückte sich
unter der hochgezogenen Klappe hindurch und trat auf den eisernen
Boden. Im selben Moment schnappte die Falle zu, und die Tür hinter
ihm rastete mit einem lauten Krachen ein. Der Junge erschrak so
sehr, dass er die Ente losließ. Wild flatterte sie in dem engen
Käfig umher und versuchte, durch das Gitter zu entkommen. Das
Gelächter von draußen trieb Mattim das Blut in den Kopf, während er
immer wieder vergeblich nach der verzweifelten Ente haschte.
Besonders
laut lachte Wikor, ein Bär von einem Mann. Seine Schadenfreude war
mindestens so gewaltig wie seine Körpergröße. Einem wie ihm konnte
man hinterher nicht einmal versehentlich auf den Fuß treten.
Es war ein merkwürdiges Gefühl, im Käfig zu sitzen,
während alle um ihn herumstanden und sich amüsierten. Von außen war
ihm der Käfig viel größer vorgekommen. Stehen konnte man hier
drinnen nicht; gerade das machte es ja so schwierig, den Vogel zu
fangen. Geduckt musste er ihm nach, und nachdem er sich mehrere
Male gegen das Gitter geworfen hatte, in der Hoffnung, die Ente
einzuklemmen und greifen zu können, gelang es ihm schließlich, das
Seil, das immer noch von ihrem Fuß herabbaumelte, in die Hände zu
bekommen. Mit hochrotem Kopf band er es im hinteren Bereich des
Käfigs fest.
»Jetzt könnt ihr öffnen«, wies Solta die Träger an.
Es war keine große Kraft nötig, um die Klappe hochzustemmen und den
Mechanismus wieder in die Ausgangsposition zu setzen. Mattim
rettete sich zwischen den Beinen der Wächter hindurch ins
Freie.
Von außen sah der Käfig, in dem nun nur noch die
angebundene Ente lauthals schimpfte, wieder recht harmlos
aus.
»Sobald der Wolf die Bodenplatte betritt, fällt die
Klappe herunter, und er sitzt in der Falle«, sagte der Anführer
zufrieden.
»Jeder Marder kann sie auslösen«, knurrte
Mattim.
»Aus diesem Grund müssen wir sie regelmäßig
überprüfen«, sagte Solta. »Und neue Köder einlegen. Darin hast du
ja jetzt Übung.« Wikor lachte wieder besonders fröhlich.
Mit Sicherheit hatte sein Vater diese Männer
angewiesen, ihn so zu behandeln. Ein guter Anführer hätte es nie
darauf angelegt, ihn vor der versammelten Mannschaft lächerlich zu
machen. Vielleicht hielt Farank das für ein gutes Mittel,
um ihm klarzumachen, dass er sich hier nicht als etwas Besonderes
aufspielen durfte. Mattim hatte die Hände zu Fäusten geballt und
zwang sich nun gewaltsam dazu, sie wieder zu öffnen. Er biss die
Zähne zusammen. Er würde dem König keinen Grund liefern, ihn wieder
auf die Brücke zu schicken.
Sie bestückten alle zehn Fallen, abwechselnd mit
Enten, Hühnern und Kaninchen. Zu Mattims Erleichterung verdonnerte
man ihn nur noch ein weiteres Mal dazu, den Köder festzubinden.
Diesmal setzte er ein Kaninchen aus, das ihm den Arm blutig
kratzte. Zornig stampfend saß es in der Ecke, nachdem Mattim seine
Pflicht getan hatte, und begann sofort an dem Seil zu nagen.
»Viel Glück«, wünschte er ihm leise.
»Das ist nicht dein Ernst.« Ausgerechnet Solta
hatte ihn gehört. »Du willst, dass es entkommt?«
»Den Mardern und Füchsen, ja.« Der junge Prinz
scheute sich nicht, dem Anführer die Stirn zu bieten. »Den Wölfen?
Falls sich je einer in diese Falle verirrt, wird es keiner der
Wölfe sein, um die es geht.«
»Ach, wirklich?«
Mattim dachte an die dunklen, wissenden Augen der
Wölfin. Über so eine Falle hätte sie nur gelacht, das wusste
er.
»Es gibt wichtigere Dinge in diesem Wald zu
tun.«
»Mag sein. Aber das entscheidest nicht du. Oder
möchtest du lieber in der Burg sitzen und die Arbeit uns
überlassen?« Er lächelte.
Der Prinz lächelte nicht zurück.
Der Wolf knurrte. Seine gelben Augen wirkten rund
wie Monde. Er fletschte die Zähne, sein Nackenfell sträubte
sich.
»Sieh an. Behauptest du immer noch, die Fallen
würden nichts bringen? Das ist der fünfte Wolf in diesem
Monat.«
Mattim hatte es aufgegeben, immer wieder zu
betonen, dass die Wölfe, die ihnen erstaunlich zahlreich in die
Falle gingen, nichts anderes als schlichte Wölfe waren. Dies waren
keine Schattenwölfe, sondern gewöhnliche Tiere, gierig, auf ihre
eigene Art schlau, doch mit Sicherheit nicht in der Lage, mit einem
einzigen Biss einen lebendigen Menschen in ein Schattenwesen zu
verwandeln. Manche Exemplare, die sie gefangen hatten, waren
prächtig und so riesig, dass sie, wenn sie hin und her sprangen,
den gesamten Käfig auszufüllen schienen. Besonders dieser hier war
geradezu wunderschön. Sein Fell war fast schwarz, von einigen
bräunlichen Flecken abgesehen. Alles an ihm verriet seine Kraft.
Die schlanken Läufe, der mächtige Schädel, die Krallen, die tiefe
Furchen ins Metall rissen. In seiner berechtigten Wut wirkte er wie
der König der Wälder.
»Du siehst ihn an, als wärst du in ihn verliebt.«
Solta wartete, bis wenigstens ein paar der anderen Hüter
pflichtschuldigst lachten. »Wer will ihn erledigen? Du,
Mattim?«
Es war keine Frage, sondern ein Befehl. Dennoch
schrak der Königssohn davor zurück, ein so schönes Tier
abzuschlachten. Er verstand es selbst nicht. Schließlich hatte er
gesehen, wie die gewöhnlichen Wölfe gemeinsam mit den
Schattenwölfen jagten; immer noch kamen sie in seinen Träumen zu
ihm, das ganze Rudel, an der Spitze die silberne Wölfin, und ihr
Geheul riss die Nacht in Fetzen.
Die anderen Hüter traten näher. Sie hielten Lanzen
in den Händen, die sie durch das Gitter steckten, um den Wolf in
eine Ecke zu treiben, damit sie ihn mit einem kräftigen Stoß töten
konnten. Doch das Tier kämpfte weiter. Es beachtete die Spitzen
nicht, die ihm Löcher ins Fell stachen, die seine Haut
durchbohrten. Blut tropfte über seinen nachtschwarzen Pelz. In
seinem Knurren und Fauchen lagen nur Zorn und Kampfeslust. Er
wandte sich Mattim zu, in dem er seinen wahren Gegner erkannt
hatte. Rasend vor Wut warf er sich immer wieder gegen das
Gitter.
Der Prinz hielt sein Schwert umklammert. Er hatte
keine Wahl, er musste diesen Wolf töten. Wenn er es nicht tat, gab
er Solta bloß einen Grund, ihn nach Hause zu schicken. Schon zu
lange wartete der Anführer der Tagwache darauf, dass er sich einen
Fehler leistete. Warum hätte er dieses Tier auch nicht töten
sollen? Es war ein Wolf, gefährlich und unberechenbar, und so, wie
er wütete und geiferte, selbst von keinerlei Skrupeln
geplagt.
»Was, wenn er …« Er brach ab. Was, wenn es doch ein
Schattenwolf war, wenn Mattim sich täuschte? Dann musste er ihn
erst recht töten. Dann durfte es erst recht keine Gnade geben. Zum
ersten Mal, seit er ein Mitglied der Wache war, fragte er sich, ob
er dafür ausgebildet worden war, um mit dem Schwert ein Tier zu
erstechen, dessen Hass ihm nur allzu verständlich schien. Zum
ersten Mal fragte er sich, was es hieß, ein Prinz des Lichts zu
sein, wenn das Einzige, was man ihn tun ließ, Kaninchen und Enten
für ihre Schlächter bereitzumachen war und am Schluss selbst ein
Schlächter zu sein.
»Seit Wochen keine Angriffe mehr. Manchmal finde
ich es geradezu unheimlich, wie ruhig es geworden ist.«
»Dir kann man es aber auch gar nicht recht machen,
wie, Mattim?«
Palig, einer seiner neuen Kameraden, boxte ihm
freundschaftlich in den Rücken. Sie waren zu dritt unterwegs, um
die Fallen zu überprüfen und gegebenenfalls mit neuen Ködertieren
zu bestücken. Alita trug die Hühner, die es diesmal getroffen
hatte. Schon länger war Solta dazu übergegangen, die
Tagespatrouille aufzuteilen. Allein durfte zwar immer noch niemand
unterwegs sein, doch da der Anführer nicht nur mit den Käfigen
beschäftigt sein wollte, hatte er sich schließlich dazu
durchgerungen, eine kleine Abteilung für die Fallen abzustellen und
mit dem Rest weiter östlich in den Wald vorzudringen, um
sicherzugehen, dass
die Feinde sich wirklich zurückgezogen hatten. Aus reiner
Gehässigkeit - so schien es Mattim - war er dafür eingeteilt
worden, sich um die Fallen zu kümmern. Die wenigen Querdenker, die
es unter Soltas Kommando noch aushielten, hatte man ihm an die
Seite gestellt: Palig, ein frecher Fünfzehnjähriger, der gerne
widersprach, und Alita, die den Anführer allein durch ihre
kritischen Blicke reizte. Mattim war froh darüber; jetzt war er
wenigstens den unverschämt lustigen Wikor los.
»Da wären wir.« Die Falle war leer. Die Gans, die
als Köder diente, lebte sogar noch. Nicht einmal ein Fuchs hatte
versucht, sich zu bedienen. Mattim kniete sich neben ihr hin, sie
zischte. »Wir müssen das arme Tier füttern«, sagte er. »Oder wir
lassen ein Huhn da und nehmen die Gans mit nach Hause.«
»Ich hol sie heraus«, bot Palig an. »Ich trete nur
hier auf den Seiten auf, dann wird die Falle nicht ausgelöst. Wenn
man genau hierhin …«
Hinter ihm krachte die Klappe hinunter. Alita und
Mattim lachten. »Das musst du noch üben. Jetzt komm schon raus,
bevor du dich daran gewöhnst!«
Auf einmal hatte Mattim das Gefühl, von tausend
Augen beobachtet zu werden. Durch die Wipfel rauschte Gelächter,
und in den kleinen Blättern des Gestrüpps wisperte und kicherte es.
Er hob den Blick und sah eine Frau im Schatten des Baumes stehen
und ihn beobachten. Sie war unwirklich schön, eine sehr große,
schlanke Gestalt mit kinnlangem rötlichem Haar, das glatt herabfiel
und ihr blasses Gesicht betonte. Ihre Augen, deren Farbe er aus der
Entfernung nicht erkennen konnte, musterten ihn, ihre roten, sanft
geschwungenen Lippen verzogen sich zu einem spöttischen
Lächeln.
Als er aufsprang, war sie verschwunden.
»Da!«, rief er. »Habt ihr sie bemerkt? Die
Frau!«
Er sprang ihr nach. Vor sich sah er wie eine Flamme
ihr
Haar aufblitzen, ihr dunkles Kleid - oder war es wieder nur der
Schatten der Bäume?
Da waren schon die Höhlen. Er hatte gewusst, dass
die Falle in ihrer Nähe aufgebaut war, aber ihm war nicht klar
gewesen, wie nah. Mattim warf einen schnellen Blick über die
Schulter. Von dort hörte er schon die beiden anderen Hüter rufend
durchs Gehölz stürmen. Ohne zu überlegen wandte er sich wieder den
Höhlen zu. Er duckte sich in den niedrigen Eingang und verschwand
im Dunkel.
Mattim tastete sich am Fels entlang. In der Nähe
des Eingangs war die Höhle noch vom matten Tageslicht erleuchtet,
wenige Meter dahinter lag alles in Finsternis. Vorsichtig setzte er
einen Fuß vor den anderen. Hin und wieder blieb er stehen und
horchte. Ihm war, als könnte er die Schritte der Fremden vor sich
hören, die kurzen, schnellen Schritte einer Frau, die es eilig
hatte.
Sie war da, irgendwo vor ihm. Ein Schatten. Er
wusste, dass sie ein Schatten war, hatte es in dem Moment gespürt,
als er sie sah. Er zweifelte nicht daran, dass in einer anderen
Umgebung allein ihre Schönheit die Blicke auf sich gezogen hätte,
doch hier, mitten im Wald, würde keine Dame aus Akink spazieren
gehen. Keine Kräutersammlerin aus den Dörfern würde sich so weit
ins Gebiet der Schattenwölfe wagen. Sie konnte nur ein Schatten
sein, auch wenn sie am helllichten Tag auftauchte und das
eigentlich gar nicht möglich war. Hier ruhte das Geheimnis, hier in
der Höhle.
Er bewegte sich nicht und lauschte. Ein kühler
Luftzug strich an seinem Gesicht vorbei, ihn schauderte. Jeden
Moment konnte sie ihn anspringen, ihn packen, ihm ihren giftigen
Kuss aufdrücken …
»Mattim?« Seine Gefährten riefen von draußen.
»Mattim, bist du da drin?«
»Ich bin hier«, erwiderte er laut. Er konnte das
plötzliche
Zittern, das ihn ergriffen hatte, kaum unterdrücken, als er zurück
ins Licht stolperte.
»Wir brauchen eine Fackel«, sagte er. »Ich will
diese Höhlen untersuchen. Sie …« Er brach mitten im Satz ab, bevor
er zu viel verraten konnte. Wenn er eingestand, dass er einen
Schatten gesehen hatte, würden sie ihn erstens für verrückt halten,
weil er diesem folgte, statt zu fliehen, und zweitens würden sie
ihn auslachen, weil es tagsüber gar keine Schatten hier geben
konnte.
Er machte einen Schritt auf seine Kameraden zu, und
sie wichen vor ihm zurück.
»He, ihr glaubt doch wohl nicht …« Fassungslos
blickte er in ihre von Zweifel und Unsicherheit geprägten
Gesichter. Als er die Angst in ihren Augen aufflackern sah, lachte
er laut. »Ich bin kein Schatten! Ich war nur kurz da drin, mir ist
nichts passiert!« Er öffnete seinen Kragen. »Seht ihr? Keine
Bissspuren, nichts.«
»Das reicht nicht. Du kennst die Vorschriften.«
Palig zuckte verlegen die Achseln. »Du musst uns beweisen, dass du
unverletzt bist.«
»Vor einer Dame?«
Alita verzog nicht einmal das Gesicht. »Nun mach
schon.«
Wenn man sich an die Vorschriften hielt, verlor man
nur kostbare Zeit. Diese Zeit hatte er nicht, denn in diesen
wenigen Minuten konnte die Schattenfrau sonst wohin in ihrem
steinernen Labyrinth verschwinden. Aber seine Gefährten würden ihn
nicht einmal in die Nähe der Brücke lassen, wenn er ihnen nicht
bewies, dass er immer noch ein Mensch war. Besser hier, als sich
vor ganz Akink zu entblößen, um jeden Zweifel auszuräumen.
Zornig schälte Mattim sich aus seiner Kleidung. Die
anderen hielten nach wie vor Abstand und musterten jeden Zoll
seiner hellen Haut. Schließlich stand er nur in Unterhose vor
ihnen. Sein Gesicht glühte.
»Dreh dich um«, wies Palig ihn an, als hätte auf
einmal er das Recht, Befehle zu erteilen. »Was sind das für
Streifen auf deinem Rücken?«
»Kratzer«, gab Mattim schroff zurück. »Alt und
verheilt, wie du unschwer erkennen kannst.«
»Was ist mit deinem Arm?«, wollte Alita wissen und
beugte sich vor, ohne auch nur einen Fußbreit näher zu kommen.
»Dort, am Handgelenk.«
»Das war ein Kaninchen. Und da hat mich ein Huhn
mit seinem Schnabel erwischt. Beim allerhellsten Licht, könnt ihr
mir nicht einfach vertrauen?«
Sie waren nicht ganz überzeugt.
»Wenn ich ein Schatten wäre, könnte ich dann vor
euch stehen, hier im Licht?«
»Man hat angeblich auch schon Schatten bei Tag
gesehen«, sagte Alita langsam.
»Genau aus diesem Grund möchte ich die Höhlen doch
untersuchen!«
»Zieh dich an«, sagte Palig schließlich.
Hastig verwandelte Mattim sich in einen
respektablen Flusshüter zurück. Er atmete tief durch.
»Ihr wisst es also. Alle wissen es. Nur der König
will davon nichts hören. Lasst uns an dieser Stelle ansetzen, hier
bei den Höhlen. Seid ihr dabei?«
»Das müssen wir Solta sagen, tut mir leid.« Palig
blickte ihm nicht in die Augen.
»Das ist dir doch klar«, fügte Alita hinzu. »Wir
sind verpflichtet, jeden Ungehorsam zu melden.«
»Wenn der König erfährt, dass ich allein in der
Höhle war, bringt er mich um«, stöhnte Mattim. »Dann komme ich nie
dazu, mich darin näher umzusehen!« Mirita war eine Ausnahme, das
begriff er erst jetzt so richtig. Sie war die Einzige, die ihn
verstand. »Ich bin mir sicher, dass die Schatten sie benutzen, nur
habe ich keine Ahnung, wofür. Es ist so verdammt wichtig …«
Palig unterbrach ihn. »Wir haben kein Licht«, sagte
er zu Alita.
»Irrtum.« Alita kramte in ihrem Rucksack und holte
eine Fackel und ein Päckchen Zündhölzer hervor. »Wir sind zwar die
Tagwache«, sagte sie selbstzufrieden, »aber da Feuer die einzige
Waffe gegen die Schatten ist, habe ich immer etwas dabei.«
»Gib her«, forderte er, doch die Hüterin hielt die
Fackel unbeeindruckt fest.
»Ihr kommt mit? Ihr meldet mich nicht?«
»Immer zusammenbleiben, Prinz Mattim, schon
vergessen? Bleib ja schön in unserer Mitte.«
Nach der vorangegangenen Demütigung tat es gut,
wenn die beiden ihren Respekt nun etwas übertrieben.
»Dann los.«
Ihre Schuhsohlen scharrten auf dem rauen Fels. Im
knisternden Licht der Flamme folgten sie dem engen Gang um mehrere
Biegungen, bis sich schließlich der Stein weitete und sie in eine
geräumige Grotte entließ. Die Fackel spendete zu wenig Licht, um
den ganzen Umfang des Gewölbes zu erkennen, und der Großteil der
Höhle blieb im Dunkeln.
»Hier ist nichts.«
Mattim wollte seine Enttäuschung nicht eingestehen.
Er hätte nicht sagen können, was er eigentlich erwartet hatte. Eine
Versammlung von Schatten, in die sie hineinplatzten? Oder lauter
schlafende Schatten, die darauf warteten, in die Nacht hinausgehen
zu können?
Das kleine Licht tanzte über die Höhlenwände,
während Alita eine ganze Runde drehte. »Keine weiteren Öffnungen.
Keine Gänge oder Nischen, in denen sich jemand verstecken
könnte.«
»Vielleicht weiter oben?«
Die Wächterin hielt die Fackel so hoch sie
konnte.
»So weit reicht das Licht nicht. Aber wie sollte da
jemand
hinaufkommen? Die Wände sind recht glatt. Und sie sind rutschig.
Ganz schön feucht, diese Höhle.«
»Wo ist sie bloß hin?«, überlegte Mattim verwirrt.
Er hatte ihnen nicht gesagt, dass er einen Schatten hier hatte
verschwinden sehen.
Auf einmal stieß Alita einen erschrockenen Schrei
aus und ließ die Fackel fallen. Mit einem Zischen verlosch das
Licht, und sie standen im Dunkeln.
»Musst du die Fackel ausgerechnet in eine Pfütze
werfen?«, fragte Mattim mit möglichst ruhiger Stimme, während sein
Herz heftig pochte.
»Mich hat etwas berührt«, rief Alita. »Da war
etwas. Da, schon wieder!« Sie schrie schrill auf.
»Ganz ruhig«, bat Palig, »wir müssen hier nur raus,
bleibt alle ruhig.«
Mattim griff dorthin, wo Alita eben noch gestanden
hatte, bekam ihren Arm zu fassen und zog sie in die Richtung, in
der er den Gang vermutete. Sie hörte einfach nicht auf zu schreien.
Blind tastete er sich die Wand entlang, während das Schreien nicht
abebbte. Es fuhr ihm durch Mark und Bein. Das Gewölbe vervielfachte
jeden Laut und verwandelte die stille, feuchte Höhle in einen
brüllenden, kreischenden Hexenkessel. Mattim verlor fast den
Verstand, während er Alita hinter sich herschleifte. Mit der
rechten Hand fasste er ins Leere; dort musste der Tunnel nach
draußen liegen. Plötzlich begann Alita wild um sich zu schlagen und
stieß ihn von sich.
Er versuchte sie einzufangen, aber sie war schon
fort, und das Geschrei in der Höhle schien sich zu
vertausendfachen. Blindlings lief er los, dem Tageslicht entgegen,
wobei er gegen Wände und herabhängende Felskanten stolperte. Blut
lief ihm übers Gesicht, als er schließlich nach draußen taumelte,
ins Dämmerlicht des Waldes, das ihn jetzt mit der Kraft von zehn
Sonnen zu blenden schien. Am ganzen Körper bebend stürzte er hin,
rappelte sich auf und hastete unter
die Bäume. An den breiten Stamm einer mächtigen Eiche gelehnt,
schnappte er nach Luft. Irgendwann beruhigte sich sein Atem, und
sein Herz schlug wieder gleichmäßig. Vorsichtig befühlte er die
aufgeplatzte Stelle an der Stirn, die erschreckend schnell
anschwoll. Er hatte nichts, um die Beule zu kühlen, nur sein
Schwert. Vorsichtig drückte er die glatte Schneide gegen die
schmerzende Wunde.
Dann wartete er.
Ihm fiel auf, wie still es war. Seine Freunde
mussten sich endlich beruhigt haben. Bestimmt kamen sie allmählich
zur Besinnung, ertasteten den Ausgang und standen gleich vor ihm,
vielleicht ein wenig verlegen über ihre Panik und das grundlose
Geschrei. Er hatte nicht wirklich etwas dagegen, auch die anderen
einmal beschämt zu erleben.
Das kann passieren, würde er verständnisvoll sagen.
Jedem, auch dem tapfersten Hüter.
Dann sah er eine Bewegung an der Höhle, und zwei
Wölfe huschten heraus, ein grauer und ein schwarzer.
»Alita?«, fragte er verzweifelt. »Palig?«
Die beiden blickten ihn aus ihren hellen Tieraugen
an, ohne ihm zu antworten, ohne ein Zeichen des Erkennens, dann
liefen sie über die freie Fläche und verschwanden im
Unterholz.
Es schnürte Mattim die Kehle zu, wenn er daran
dachte, wie er vor Solta treten sollte. Vor die anderen Flusshüter.
Vor die Familien seiner beiden Begleiter. Vor den König.
»Und ich?«, rief er laut. »Warum ich nicht? Warum
trifft es immer die anderen und niemals mich?«
Er hatte keinen Namen für den Schmerz, der sein
Herz in den Krallen hielt.
Als er ein leises Geräusch hörte, tauchte er
unwillkürlich tiefer ins Waldesdunkel ein, hinter den Stamm.
Vorsichtig riskierte er einen Blick.
Im Eingang der Höhle war eine Gestalt aufgetaucht.
Es war die fremde Frau, die Rothaarige. Der Schatten. Prüfend
sah sie sich um. Wie ein kleines Kind schloss Mattim die Augen,
damit sie ihn nicht bemerkte.
Als er sie wieder öffnete, war die Frau
verschwunden. Immer noch war alles still.
»Was ist wirklich passiert?«
Mirita hatte ihm diesmal selbst die Tür geöffnet.
Ihr Herz schlug heftig, als sie Mattim vor ihrem Haus stehen sah,
mit wirrem Haar, einen verbitterten Zug um den Mund. Die Nachricht
vom Verschwinden der beiden Flusshüter hatte sich so schnell in der
Stadt verbreitet, dass sogar sie, obwohl ihr vor der Nachtschicht
noch zwei Stunden Schlaf blieben, schon davon erfahren hatte. Ihre
Mutter hatte sie geweckt und es ihr erzählt, mit der dringenden
Bitte, heute nicht zum Dienst zu gehen. Danach konnte Mirita
natürlich nicht wieder einschlafen. Die junge Bogenschützin hatte
sich angezogen und auf den Fluss hinausgesehen, während sie die
klammen Hände mit einer großen Tasse Tee wärmte. Er war so stark
und bitter, dass sich alles in ihrem Mund zusammenzog. Als es
klopfte, hatte sie erwartet, dass es ihre Mutter sein würde, die
vielleicht den Schlüssel vergessen hatte. Nie hätte sie gedacht,
dass der Prinz sie noch einmal besuchte. Die beiden waren keine
Kameraden mehr, seit er tagsüber mit Solta in die Wälder
ging.
»Mattim?« Mirita öffnete die Tür weit, doch er
bewegte sich nicht, und schließlich griff sie nach seinem Ärmel und
zog ihn in die Stube. »Setz dich.«
Gehorsam und immer noch schweigend ließ er sich auf
einem der harten Holzstühle nieder. Ihre Mutter hatte Kissen dafür
genäht, aber sie lagen auf einem Stapel in der Ecke. Sie wollte ihn
nicht dazu auffordern, noch einmal aufzustehen, nur damit sie ihm
ein Kissen unter den Hintern schieben konnte. Stattdessen drückte
sie ihm ihre Teetasse in die Hand. »Trink. Er ist noch heiß
genug.«
Mattim starrte in die Tasse, und sie wagte es,
einfach um
das schreckliche Schweigen zu brechen, ihre Frage zu wiederholen.
»Was ist wirklich passiert?«
Endlich hob er den Blick. Ihr schien, als wären
seine grauen Augen dunkler geworden. Sie sah ihn an und dachte
nicht mehr an Wolken, sondern an Steine und Mauern, an Schatten
unter den Bäumen.
Mirita kniete sich vor den Prinzen hin und nahm ihm
die Tasse aus den reglosen Händen. Sie ergriff seine Hände, ohne
darüber nachzudenken, was sie tat.
»Mattim, schau mich an. Mattim, du bist nicht
schuld.«
»Bin ich das nicht?« Er schüttelte den Kopf.
Selbst jetzt noch tanzte das Licht in seinem wirren
Haar, hüpfte über die goldenen Strähnen. Mirita wollte ihre Hände
hineintauchen und ihn küssen, als die Sehnsucht nach ihm sie wieder
mit aller Macht ergriff, aber ihre Angst, zu weit zu gehen und ihn
zu vertreiben, wog mehr.
»Ich bin nicht schuld? Jeder, der alleine entkommt,
ist schuldig. Ich habe mein Leben gerettet - wofür? Schon jetzt
betrachten sie mich als einen Verräter. Mattim, der feige geflohen
ist, der seine Gefährten im Stich gelassen hat. Das ist es doch,
was alle hier glauben. Dass ich die beiden den Schatten überlassen
habe. Dass sie sich für mich geopfert haben, für den Prinzen des
Lichts, der zu nichts anderem taugt, als Enten die Füße zu
fesseln.«
»Das ist nicht wahr! Du bist nicht feige. Ich weiß
es. Glaub mir, ich weiß es. Du würdest dein Leben für Akink geben.«
Sie ließ seine Hände los, um sich die Tränen aus den Augen zu
wischen. Ganz bestimmt war er nicht hergekommen, um sie weinen zu
sehen. »Du würdest niemals irgendjemanden im Stich lassen. Da bin
ich mir sicher.«
Mattim saß immer noch auf dem harten Stuhl. Auf
einmal kam Mirita die schöne Stube, auf die ihre Mutter so stolz
war, unerträglich schäbig vor. Er gehörte nicht hierhin. Er hätte
in seinem eigenen Zimmer oben in der Burg sein sollen, auf seinem
mit Samt bezogenen Sofa mit den
goldenen Troddeln. Dort hätte er sitzen müssen, die Füße
hochgelegt, und Diener hin und her schicken sollen, wie es einem
verwöhnten Prinzen zukam, der seine Leute im Stich ließ und sich
lieber verkroch. Nie hatte Mirita sich so sehr gewünscht, dass er
genau das tat: sich feige verkriechen.
»Und das Schlimmste«, flüsterte er, »weißt du, was
das Schlimmste ist?«
»Nein«, erwiderte sie bang.
»Ich habe sie gesehen«, sagte er leise, »die Wölfe.
Ich habe Alita an ihrem schwarzen Fell erkannt. Sie war so schön.
Palig, grau wie der Nebel über dem Fluss … So wunderschön waren
sie, so wild, und mir war, als würde ich sie zum ersten Mal sehen,
so, wie sie wirklich sind, schöner, als ich es mir je hätte träumen
lassen. Und ich habe sie beneidet.« Auch er hatte nun Tränen in den
Augen. »Ich tue nur so, als würde ich um sie weinen. Ich klage mit
allen anderen … In Wahrheit wünsche ich mir jedoch, es hätte mich
getroffen, und ich wäre jetzt so wie sie und würde mit ihnen durch
den Wald streifen.«