ACHTUNDZWANZIG
BUDAPEST, UNGARN
»Du musst es anders herauskriegen«, sagte Hanna.
»Nicht Réka. Es muss eine andere Möglichkeit geben.«
Sie hatten sich im Café Miró getroffen, wo sie
Mattims Geschmacksnerven für Süßes testen wollte. Attila und Réka
waren in der Schule, und Hanna wollte nicht, dass Magdolna, die
heute zum Putzen kam, den Prinzen im Haus antraf.
»Ich werde noch stärker versuchen, Réka von Kunun
fernzuhalten. Ganz bestimmt schicke ich sie nicht zu ihm! Irgendwie
muss sie doch endlich begreifen, wer er ist.«
Mattim starrte auf den Bissen Dobostorte, bevor er
ihn langsam zum Mund führte. »Sieht ansprechend aus. Der Duft ist
durchaus verlockend. An den Geschmack kann man sich
gewöhnen.«
Ihr fiel auf, dass er es vermied, durch die
Fensterscheibe zu der Reiterstatue draußen hinzusehen. Ein Mann auf
einem stolzen Pferd. Das Standbild schien die Blicke des Jungen
anzuziehen, aber gewaltsam wandte er das Gesicht ab und betrachtete
stattdessen die Schwarz-Weiß-Fotografien an den leuchtend
orangefarbenen Wänden. Er grinste, während er kaute, als würde er
ein zähes Steak zermalmen.
»Du kannst nicht verlernt haben, wie man isst.« Sie
brachte es nicht fertig, ihn auf den Reiter anzusprechen, darauf,
was dieses Standbild ihm bedeuten musste. Das ist es, was du
bist … Das ist es, was du wieder sein musst …
»Habe ich auch nicht.« Er genehmigte sich
einen zweiten
Bissen. »Ich könnte jeden Tag mit dir hier sitzen und zusehen, wie
du Schokoladenkuchen isst. Und probieren, um herauszufinden, wie
das schmeckt, was du magst. Ich möchte alles kennen, was dir etwas
bedeutet.«
»Ein Wurstbrot hätte es auch getan. Was mich
angeht. Mattim, ich wollte, dass du es schmeckst! Deine
ehrliche Meinung. Zu süß? Zu schwer?«
Es fühlte sich nicht viel anders an, als
miteinander in der Küche der Szigethys zu sitzen. Vertraut,
scherzend. Wenn es ihr nur gelang, den Schmerz auszuschalten, den
Reiter und das, was er aussagte. Das müsste Mattim sein. Das!
Ein unnahbarer Krieger auf einem Streitross. Es machte die
Tatsache, dass er hier neben ihr saß, noch kostbarer. Das schöne
Café mit den türkisfarbenen Metallstühlen war jetzt am Vormittag
nicht ganz voll, trotzdem waren noch genug Menschen da, die sie
bemerken konnten: Mit diesem Jungen bin ich hier. Seht genau
hin! Mit ihm! Mit ihm!
»Ich muss Kununs Wohnung durchsuchen«, sagte
Mattim. »Vielleicht gibt es irgendwelche Hinweise, die wir nutzen
können. Das Problem ist nur, dass ich gar nicht weiß, wo er
wohnt.«
Hanna hob die Brauen. »Ich dachte, er wohnt bei dir
im Haus? Es ist doch seins.«
»Ja, zumindest sein Hauptquartier und der Zugang
zur Pforte. Allerdings weiß ich bis heute nicht, hinter welcher der
Wohnungstüren Kunun leben könnte. Das ist mir erst jetzt so richtig
aufgefallen, als ich darüber nachgedacht habe, bei ihm
einzubrechen. Alle Schatten, die ich kenne, haben dort mindestens
ein Zimmer, Kunun dagegen kommt eigentlich nur ins Haus, um etwas
zu erledigen, mit den Schatten zu sprechen oder um mir eine Lektion
zu erteilen. Es ist ja nicht so, dass er ein Bett zum Schlafen
bräuchte, aber irgendwo muss er seine Sachen haben. Wenn ich bloß
wüsste, wo. Auch dieses besondere Auto, das er angeblich fährt - wo
steht es? Am Baross tér jedenfalls nicht.«
»Hat er vielleicht ebenfalls eine Villa, so wie
Atschorek? Mattim, wenn Kunun schon seit hundert Jahren hier ist,
kann er auch zwanzig Häuser besitzen.«
»Réka wird ihn finden«, sagte Mattim leise. »Ich
folge ihr einfach, und dann bleibe ich an den beiden dran, bis er
sie gehen lässt. Danach werde ich ja sehen, wo er hingeht und ob er
tatsächlich noch mehr Häuser besitzt.«
»Das gefällt mir nicht.« Auf einmal schmeckte der
Kuchen nach nichts. Nach etwas Klebrigem, Süßem, das einem den Mund
verstopfte. Wie können wir darauf warten, dass sie zu ihm geht?,
wollte Hanna ausrufen. Das ist nicht richtig. »Ich werde versuchen,
Réka aufzuhalten«, sagte sie. »Wenn ich das schaffe, wirst du
niemanden haben, den du verfolgen kannst.«
Sie sah ihn an, sie wartete darauf, dass er sie
bat, es nicht zu tun. Auf einmal fühlte es sich an, als wären sie
auf unterschiedlichen Seiten. Erhoffte er sich wirklich, dass sie
Réka zu Kunun schickte, damit er den Schlupfwinkel seines Bruders
finden konnte?
»Réka oder Akink?«, fragte Mattim leise, tauchte
die Gabel in die Schokoladencreme und zog sie wieder heraus. »Darum
geht es doch gar nicht. Wir kämpfen beide gegen Kunun, Hanna. Die
Frage ist vielmehr, wie wir ihn am besten treffen. An welcher
Stelle wir zuerst zuschlagen. Wo wir aus taktischen Gründen besser
ein wenig warten. Wenn du ihn jetzt verärgerst, kann es sein, dass
er sich noch etwas ganz anderes einfallen lässt - und ich kann dir
nicht versprechen, dass ich dich schützen kann.« Er senkte den
Blick. Mit der kleinen Gabel spießte er den Kuchen auf, als hätte
er einen Feind erledigt. »Wenn ich dagegen die Pforte schließen
kann, wenn ich ihn von der menschlichen Lebenskraft abschneiden
kann, dann ist er für Akink nicht mehr so gefährlich. Und Réka ist
ihn ein für alle Mal los.«
Er wartete auf ihre Zustimmung.
»Aber ich wünsche mir, dass es anders geschieht«,
sagte Hanna. »Ich wünsche mir, dass Réka nicht einfach so von ihm
befreit wird, sondern dass sie sich willentlich von ihm lossagt.
Dass sie begreift, was er mit ihr tut, dass er sie aufs
Schändlichste ausnutzt. Dass er ihre Liebe nicht verdient. Ich
fände es schrecklich, wenn sie ihm auch noch nachtrauert. Wenn sie
von einer Liebe träumt, die es nie gegeben hat.«
»Das Mädchen ist vierzehn«, erinnerte Mattim. »Sie
wird es irgendwann verstehen. Vielleicht kann sie es zurzeit gar
nicht. Du bringst sie nur gegen dich auf. Und Kunun auch. Beides
können wir im Moment wirklich nicht gebrauchen.«
Er hatte Recht. Aber sie wollte nicht, dass er
Recht hatte!
»Bitte, Hanna«, bat Mattim, »mach es nicht noch
schlimmer. Kunun muss glauben, dass wir ihn anerkennen, sonst haben
wir nie die Chance, ihn zu besiegen.«
»Anerkennen? Als was?«
»Als unseren König.« Er lächelte, als er ihren
empörten Gesichtsausdruck bemerkte. »Als unseren Anführer, wenn dir
das lieber ist. Vor dem wir die Knie beugen müssen, bis wir die
Macht in den Händen halten, ihn zu besiegen.«
»Das geht mir extrem gegen den Strich«, gab Hanna
zu.
»Und mir erst«, sagte Mattim. »Und mir erst.«
Der Kuchen war besiegt. Sie küsste ihm eine
Schokoladenspur von den Lippen.
Mattim verbarg sich in den Schatten. Réka hatte
sich bei Kunun eingehakt und erzählte irgendetwas, mit einer
Stimme, die bis zu ihm trug, etwas zu laut, etwas zu nervös. Die
beiden gingen auf der Pester Seite am Donauufer entlang, was es
schwierig machte, ihnen zu folgen, von einer Deckung zur nächsten.
Hanna war bei Attila; sie hatte sich nicht freinehmen können.
Mónika war kaum noch
zu Hause. Aber auch wenn Hanna nicht neben ihm stand, konnte er
sich genau vorstellen, was sie denken, was sie sagen würde. Wie sie
sich darüber aufregen würde, dass Kunun mit einem Kind durch die
Stadt zog, einem Kind, das tat, als wäre es eine junge Frau,
lachend, alles ein bisschen aufgesetzt, übertrieben erwachsen. Auf
hohen Schuhen stolperte Réka dahin und war von einer Frau wie
Atschorek dennoch so weit entfernt, wie man es nur sein
konnte.
Ein kleiner, gebückter alter Mann tauchte vor
Mattim auf, streckte die Hand aus und murmelte etwas.
»Tut mir leid«, sagte Mattim, peinlich berührt,
»ich hab nichts.«
Die paar Geldscheine in seiner Tasche musste er
aufbewahren, für den Fall, dass Kunun später in ein Taxi
stieg.
Der Bettler wandte sich ab. Nicht mal einen dicken
Mantel trug er bei dieser unangenehm feuchten Kälte, nur eine
zerschlissene Jacke, und auf einmal überfiel Mattim solches
Mitleid, dass er den Alten zurückrief.
»Warte. Vielleicht ist da doch noch etwas, hier
…«
Er wollte keine Dankesworte hören, sondern eilte
weiter. Wo waren Réka und Kunun? Hatte er sie etwa in dem Moment
verloren, als er mit dem Alten sprach? War dieser vielleicht sogar
von Kunun geschickt worden, um ihn abzulenken? Aber nein, da waren
die beiden. Es geschah gerade. So eng umschlungen, wie sie
dastanden, Kunun über das deutlich kleinere Mädchen gebeugt … Zorn
und Hass wallten in Mattim auf, er wollte losstürzen, seinem Bruder
die Faust ins Gesicht schmettern. Da hörte er schon Rékas leises
Lachen, verwirrt und dennoch glücklich. Kununs Antwort war nicht zu
verstehen. Anscheinend schickte er sie nach Hause. Réka blieb wie
angewurzelt stehen und sah Kunun nach, und so, wie Mattim eben noch
dem Impuls widerstanden hatte, seinen Bruder zu schlagen, so
unterdrückte er nun das Mitgefühl, das ihn dazu bringen wollte,
Réka den Arm um die Schulter zu legen und sie nach Hause zu
begleiten. Stattdessen folgte er Kunun.
Mit raschen Schritten ging der Schattenprinz am
Ufer entlang. Er drehte sich kein einziges Mal um. Anscheinend war
es ihm völlig egal, ob Réka den Weg zur Haltestelle und nach Hause
bewältigen konnte oder ob sie zusammenbrach. Stattdessen … Nein,
jetzt blieb er stehen. Allerdings nicht, um zurückzublicken. Er
stand nur da und starrte auf den Fluss hinunter. Noch war es hell
genug, aber die ersten Lichter blitzten bereits am anderen Ufer
auf. Unbeweglich wie eine Statue beobachtete Kunun, wie die
Dämmerung herabfiel. Er würde doch nicht den ganzen Abend hier
herumstehen? Oder - dieser Gedanke kam Mattim nicht zum ersten Mal
- ahnte er, dass er beobachtet wurde, und testete die Geduld seines
Verfolgers? Der junge Prinz verbannte jedes Gefühl von Kälte aus
seinem Körper. Seine Beine schmerzten nicht. Nichts juckte. Er
musste sich nicht kratzen, nicht von einem Bein aufs andere treten,
sich nicht über den Nasenrücken streichen. Still wie ein Schatten
wartete er, ohne sich zu rühren, ohne zu atmen, den Blick auf den
Feind gerichtet. Der vollkommene Brückenwächter.
Endlich ging Kunun ein Stück weiter, dorthin, wo
die Stufen hinunter zum Wasser führten, und verschwand aus Mattims
Sichtfeld.
Kunun ging ans Wasser? War er verrückt? Mattim trat
so nahe es ging an die zum Fluss hin steil abfallende Kante der
Ufermauer. Ja, dort unten auf dem Absatz stand sein Bruder. Wenn er
jetzt hochblickte, würde er Mattim unweigerlich sehen. Vielleicht
war das der Sinn dieser Aktion … Aber Kunun starrte nur gebannt auf
das Wasser, das mit leisem Rauschen gegen die Stufen plätscherte.
Er streckte eine Hand aus, dicht über die kleinen Wellen, ohne sie
einzutauchen.
Nein!, wollte Mattim rufen. Tu es nicht!
Gleichzeitig
sah er sich die Treppen hinunterspringen und Kunun einen Stoß
versetzen, der all seine Probleme ein für alle Mal erledigte.
Nein!
Aber Mattim tat weder das eine noch das andere. Er
rief nicht. Und er versuchte auch nicht, Kunun umzubringen, indem
er ihn in das tödliche Wasser des Flusses stieß. Gebannt wartete er
darauf, was geschah, doch Kunun zog die Hand zurück. Als er
aufstand und die Stufen wieder nach oben schritt, war Mattim schon
nicht mehr da.
Der Junge folgte seinem Bruder durch die Stadt.
Kunun machte den Eindruck eines Mannes, der auf der Suche war und
selbst nicht recht zu wissen schien, wonach. Ihr Zickzackkurs durch
die Straßen des immer dunkler werdenden Budapest kam Mattim wirr
und sinnlos vor. Hin und wieder begegnete Kunun anderen Vampiren,
die ihn grüßten, manche ehrerbietig, manche mit einem kurzen
Nicken, wieder andere nur mit einem Blick. Mattim beobachtete, wie
Kunun sich mit einem Mann unterhielt, der mit ihm am Baross tér
wohnte, ein grauhaariger Vampir, der nie viel von sich reden
machte. Der Prinz wusste nur von ihm, dass er Wondir hieß. Aus
seinem Versteck in einem Eingang beobachtete der Junge, wie Kunun
den Arm um die Schultern des Schattens legte, wie sie miteinander
redeten, der ältere Vampir - der älter aussehende Vampir,
verbesserte Mattim sich selbst - nickte, schien etwas zu fragen,
nickte wieder.
Dann gingen die beiden gemeinsam weiter, nahmen
jedoch nicht denselben Weg zurück. Diesmal hatte Kunun
offensichtlich ein Ziel, denn ohne zu zögern oder Umwege in Kauf zu
nehmen, führte er Wondir zur Donau.
Mattim spürte beinahe, wie das Herz, das leblos in
seiner Brust ruhte, aufgeregt und erschrocken zu schlagen begann,
als er mit ansah, wie sein Bruder den Schatten hinunter ans Wasser
führte.
»Nein!« Diesmal kam der Schrei tatsächlich aus
seinem Mund, diesmal konnte er sich nicht zurückhalten. »Pass auf,
Wondir! Beim Licht, nein! Nein!«
Er lief ihnen nach, sah aber nur noch, wie Kunun
mit dem Graubärtigen rang, wie er Wondir, das Handgelenk fest
umklammert, nach unten zwang, ihm mit einem heftigen Tritt den
Boden unter den Füßen wegriss und dann zurücksprang.
»Nein, nein, Kunun, das darfst du nicht,
nein!«
Wondir fiel nach vorne; die Schreie konnten ihn
nicht auffangen oder zurückreißen.
Es platschte einmal. Dann nichts. Kein
aufschäumendes Wasser, kein Spritzen, kein Kampf. Nichts.
Mit hartem Griff packte Kunun Mattims Handgelenk
und drückte ihn gegen die Wand, mit der anderen Hand hielt er ihm
den Mund zu.
»Still«, zischte er. »Willst du die Touristen
herlocken? Gleich haben wir die Polizei hier! Ich lasse dich jetzt
los. Wir gehen ganz ruhig zusammen die Stufen hoch. Du sagst kein
einziges Wort. Hast du das verstanden?«
Mattim hätte Kunun am liebsten in die Hand
gebissen. Er knurrte, er spürte die Tränen in seinen Augenwinkeln,
trotzdem nickte er. Nebeneinander stiegen sie nach oben, wo ihnen
bereits zwei füllige Frauen in bunten Regenjacken entgegeneilten,
die offenbar Mattims Schreie gehört hatten.
Kunun lächelte ihnen entgegen, mit einem Charme,
der jedes Eis zum Tauen gebracht hätte. »Er hat immer solche Angst,
dass jemand ins Wasser fallen könnte. Nun ja, er ist nicht ganz
…«
Die beiden schienen Touristinnen zu sein, die kein
Wort seiner Erklärung verstanden, aber den kreisenden Finger an der
Stirn und das Nicken zu Mattim hin begriffen sie wohl. Sie
schenkten dem Jungen ein mitleidiges und Kunun ein wohlwollendes
Lächeln.
Rasch zog der Schattenprinz ihn weiter. »Manchmal
kommt es mir vor, als wärst du tatsächlich verrückt, kleiner
Bruder.«
»Ich?«, fragte Mattim wütend zurück. »Ich soll
verrückt sein? Du hast ihn umgebracht!«
»Sein Tod war nicht weniger ehrenvoll, als wenn er
sein Leben in der Schlacht um Akink gelassen hätte«, sagte Kunun.
»Während ich bei dir recht wenig von Ehre erkennen kann. Spionierst
du mir etwa nach?«
»Ein ehrenhafter Tod?«, höhnte Mattim, ohne auf die
Frage zu antworten. »Das meinst du ernst? Das war kaltblütiger
Mord!«
»Sprich nicht von Dingen, von denen du nichts
verstehst. Ich musste etwas herausfinden, etwas sehr
Wichtiges.«
»Was denn? Dass das Wasser der Donau genauso
tödlich für unsereins ist wie der Donua? Du lebst seit einem
Jahrhundert hier und musst es gerade jetzt ausprobieren?«
»Was glaubst du denn, wie man Details über das
Dasein als Schatten herausfindet? Wie habe ich erkannt, dass das
Blut der Menschen uns vor dem Tageslicht schützt? Glaubst du, das
wusste ich von Anfang an? Ich habe hier gelebt, jahrzehntelang, in
der Nacht. Glaubst du, man wagt sich einfach hinaus in die Sonne,
wenn man damit rechnet, dass man zu Asche verbrennt?«
»Hast du es damals genauso gemacht?«, fragte Mattim
bitter. »Hast du da auch jemanden vorgeschickt?«
Kunun lachte leise über die hilflose Wut des
Jungen. »Nein«, antwortete er. »Im Grunde war es Zufall, wenn man
so will. Ein sehr überraschender Zufall … Aber niemand stürzt
zufällig in den Fluss. Ich musste es wissen.«
»Was?«, fragte Mattim wieder. »Dass er uns tötet?
Oder dass menschliches Blut uns in diesem Fall nicht schützt?
Wolltest du so nach Akink, über den Fluss?«
»Dumm bist du nicht, auch wenn du es wieder nicht
ganz getroffen hast«, sagte Kunun. »Wäre die Zeit nicht so
knapp, könnte man dich sogar zum Truppenführer ausbilden. - Komm
mit. Ich will dir etwas zeigen.«
Er hielt ein Taxi an, indem er nur kurz am
Straßenrand winkte. Es war, als ob alle ihm gehorchten, dem
finsteren König mit dem schönen Gesicht, und Mattim wunderte sich
nicht darüber, dass die Fahrerin verklärt dreinblickte, als sie
nach dem Fahrtziel fragte.
»Zum Hilton. Oben an der Burg.« Kunun lehnte sich
zurück. Er wirkte nicht wie jemand, der gerade eben einen seiner
Untergebenen ermordet hatte.
»Du wohnst in einem Hotel?«, fragte Mattim. »Seit
so vielen Jahren bist du hier und lebst in einem - Gasthaus?«
Der Schattenprinz antwortete nicht. Anscheinend war
er nicht gewillt, vor einer Zeugin irgendetwas zu verraten.
Die Taxifahrerin errötete, als Kunun ihr das Geld
in die Hand legte und dabei ihre Finger streifte. Sie warf ihm noch
einen schmachtenden Blick durch die Scheibe zu, bevor sie
weiterfuhr.
Mattim betrachtete die weiße, von blassen
apricotfarbenen Streifen durchsetzte Fassade des Hotels, vor dem
ein in einen dunklen Mantel gehüllter Bediensteter mit Pelzmütze
sich die Hacken abfror. »Willkommen zu Hause, Herr Magyar«, grüßte
der Mann höflich.
Kunun schubste Mattim unsanft in die Drehtür; auf
der anderen Seite kamen sie in einem großen Foyer hinaus. Mehrere
Angestellte nickten freundlich, doch der Dauergast beachtete sie
gar nicht und eilte zu den Aufzügen. Geräuschlos schwebte der
geräumige Fahrstuhl nach oben.
»Passt irgendwie besser zu dir als das Haus am
Baross tér«, sagte Mattim schließlich. »Du musst dich hier wie in
einem Schloss fühlen, wo man dich umsorgt wie einen Prinzen. Wo man
dir jeden Wunsch von den Augen abliest. Ich hätte mir denken
können, dass du dir die kostspieligste Bleibe in der ganzen Stadt
aussuchst.«
»Es gibt teurere Hotels.« Kunun öffnete die Tür zu
einer
Suite, deren Fenster den Blick auf die Donau und das Parlament
freigab. Die ganze Stadt schien ihnen zu Füßen zu liegen.
»Als wären wir hoch oben in unserer Burg«, sagte
der Ältere leise. »Und unter uns der Fluss.«
»Darum geht es dir? Auf dieser Seite zu wohnen?
Prinz von Akink zu spielen?« Mattim sah sich um. Sein Bruder musste
sich oft hier aufhalten, denn die Suite wirkte, so sauber und
aufgeräumt sie auch war, ohne Zweifel bewohnt. Nicht nur auf dem
Schreibtisch türmten sich Bücher, teilweise aufgeschlagen, auch auf
dem Sofa und den Sesseln. Auf dem Couchtisch lag ein großer
Bildband mit Fotos, die die ganze Doppelseite einnahmen. Was war
darauf zu sehen, Wolken? Er warf einen Blick ins Schlafzimmer.
Sogar auf dem Bett stapelten sich dicke Wälzer, schmale Bändchen,
ausgebreitete Karten. Mattim wunderte sich. Für einen begeisterten
Leser hätte er Kunun nicht gehalten, und wie ein Gelehrter sah er
auch nicht gerade aus.
»Ich glaube, deine Erinnerung täuscht dich. Unsere
Burg zu Hause in Akink ist nicht halb so ausgestattet wie das hier.
Dagegen wirkt sie kahl und leer.« Weil sie von Licht erfüllt war,
kam es einem so vor, als würden einem überall Schätze
entgegenstrahlen. Allein das Licht bewirkte den Zauber, den Akink
besaß.
Kunun legte den Arm um Mattims Schulter und führte
ihn zum Fenster. Der Jüngere fühlte sich unbehaglich dabei. So
hatte sein Bruder auch Wondir umarmt, bevor er ihn mitnahm, um ihn
zu opfern, so legte er auch den Arm um Réka, besitzergreifend.
Vielleicht wollte er aber auch nur nicht, dass Mattim sich die
Bücher näher ansah.
»So werden wir eines Tages in unserer Burg in Akink
stehen«, sagte der Schattenprinz. »Seite an Seite. Und aus dem
Fenster auf unsere Stadt blicken. Du wunderst dich, dass ich in
einem Hotel wohne? Ich brauche keine Villa. In dieser Welt will ich
kein Schloss und auch kein Haus, in dieser
Welt will ich gar nichts. Ich bin hier nur auf der Durchreise. Ein
Gast, ein Pilger, wenn du so willst. Es steht alles bereit. Zu
Hause. Alles, was mein ist. Bald, kleiner Bruder, werden wir wieder
dort wohnen, wo wir hingehören.«
»Wie bald?«, fragte Mattim heiser.
Kunun lachte. »Sehr, sehr bald. Freu dich auf dein
Zuhause. Niemand wird uns aus Akink hinausprügeln, niemand wird mit
brennenden Pfeilen auf uns schießen. Sie werden zu uns aufsehen.
Du, der jüngste Prinz, ich, der König.«
»Und das Licht?« Endlich hatte er Kunun dort, wo er
ihn immer hatte haben wollen. In gelöster, vertraulicher Stimmung,
in einer Stimmung, in der er vielleicht alles Wichtige von ihm
erfahren konnte. Warum musste er nach dem Licht fragen? Kaum hatte
er die Frage ausgesprochen, bereute er es auch schon, aber nun
konnte er es nicht mehr zurücknehmen.
»Das Licht«, wiederholte Kunun leise. »Nichts als
die Qual, die in unseren Augen brennt. Vergiss das Licht, kleiner
Bruder.«
»Ich hasse es, wenn du mich so nennst!«
Kunun lachte spöttisch. »Kleiner Bruder bringt den
Sieg.« Ein triumphierendes Lächeln überzog sein schönes Gesicht, so
dass es fast hell wirkte, strahlender als Mattim, der mit seiner
Wut, seiner Hilflosigkeit und all den widerstreitenden Gefühlen in
sich kämpfte.
»Drüben war es, in Pest. Irgendwo in einer
schmutzigen Straße. Eine Bettlerin. So ein altes, verkrüppeltes
Mütterchen. Zwei Sätze nur.« Er schloss halb die Augen, während er
sich erinnerte. »Zuerst konnte ich absolut keinen Sinn darin
erkennen. Das Gebrabbel einer Alten ohne Verstand. Die Jahre sind
vergangen, und immer wieder kamen mir diese Sätze in den Sinn.
Unsinn? Oder eine Prophezeiung? Wie sollte ich herausfinden, was es
war? Doch dann bin ich auf Réka gestoßen. Und du bist zu mir
gekommen. Deshalb
weiß ich, dass ich siegen werde. Du, Mattim, bist der Grund, warum
Akink fallen wird. Mit meiner Stimme habe ich dich gerufen, und
hier bist du … Gemeinsam werden wir über Magyria herrschen.«
Mattim machte einen Schritt von ihm fort und
schüttelte den Kopf. Ja, musste er sagen, ja, gemeinsam besiegen
wir das Licht, und übrigens, wie schließt man die Pforte? Aber er
bekam kein Wort heraus.
Kunun lachte wieder. »Du Ärmster. Wie du an deinem
Zorn und deinem Hass fast erstickst! Glaubst du, du müsstest mir
vorspielen, dass du mein loyaler Mitstreiter bist? Spar dir die
Mühe. Du kannst dich nicht verstellen. Selbst jetzt glaubst du
noch, du müsstest für das Licht kämpfen, für einen König, der dich
mit Öl übergießen und anzünden würde, für eine Königin, die dein
Bild längst von der Wand genommen und deinen Namen vergessen hat.
Es war mir sehr wichtig, dass du freiwillig herkommst, Mattim.
Nichts ist stärker als eine freiwillige Kapitulation. Nichts ist
finsterer als ein Licht, das sich freiwillig aufgibt.«
»Nein«, ächzte der junge Prinz, »nein, ich habe
nicht … Ich wollte nicht …«
»Du bist gar nicht über den Fluss geschwommen, zu
mir? Oh, doch, du hast es getan. Du hattest die Wahl und hast dich
entschieden. Letztlich kannst du der Prophezeiung nicht entkommen.
Du bringst mir den Sieg, Mattim. Ob du willst oder nicht.«
Der Jüngere wich zurück. »Nein!«, rief er aus.
»Nein, das tue ich nicht! Ich werde nicht aufhören, gegen dich zu
kämpfen! Ich werde verhindern, dass Akink fällt! Ich werde alle
deine Pläne zunichtemachen! Ich werde dir nicht den Sieg bringen,
niemals!«
»Oh, du verstehst mich falsch«, sagte Kunun, der
lächelnde König der Dunkelheit. »Es ist nichts, was du noch tun
wirst. Du hast es längst getan. Danke, vielen Dank, kleiner
Bruder.«
Mattim fand die Tür, riss sie auf und rannte den
Gang hinunter wie von einem Rudel Wölfe gehetzt.
»Mattim«, flüsterte Hanna, »mein Liebster. Es ist
nicht wahr. Er lügt. Du weißt, dass er lügt.«
Sie streichelte sein Haar, das glänzende blonde,
fuhr ihm mit den Fingerspitzen über die Wangenknochen, die Nase,
malte die Rundung der Ohrmuschel nach. Sie saß auf dem Sofa,
während Mattim sich lang ausgestreckt hatte, den Kopf auf ihrem
Schoß. Während sie versuchte, ihren Freund zu trösten, genoss sie
es, ihn zu berühren. Er hatte die Augen geschlossen, und sie konnte
ihn betrachten, das Glück, welches das Schicksal ihr geschenkt
hatte, ein überirdisches Glück aus einer anderen Welt.
»Wir müssen in seine Suite.«
»Das ist nicht dein Ernst! Du willst ins Hilton
einbrechen?«
»Du musst mitkommen«, sagte Mattim. Er öffnete die
Augen, und sein Blick traf sie wie beim ersten Mal und ließ ihr
Herz schneller schlagen, ein Blick wie das Strahlen eines Sterns.
»Ich bringe dich ungern in Gefahr, aber ich kann nicht gut genug
lesen. Ich muss wissen, was Kunun da für Bücher hat. Wonach er
darin gesucht und was er gefunden hat. Er ist sich so unglaublich
sicher, Hanna, dass er siegen wird. Du hast ihn nicht gesehen, als
er es gesagt hat. Er hat sich bei mir bedankt, und er meinte es
vollkommen ernst.«
»Das hat er nur getan, um dich zu verletzen.«
»Nein, nicht nur. Mein Bruder glaubt daran. Er hat
mir diese Sicherheit vorgeführt, um mich zu entmutigen. Natürlich
hat er es genossen, aber er hat nicht gelogen.«
»Du lässt dich jedoch nicht entmutigen«, sagte sie
und fühlte, wie ein Schauer über ihre Haut lief, wie Aufregung,
Glück und Anspannung in ihr kribbelten. Nein, Mattim war nicht ins
Haus gekommen, um sich auszuheulen, um Trost
zu finden. Er war hier, um einen neuen Plan mit ihr zu
besprechen.
»Ich habe nicht viel Zeit, bevor ich Attila aus der
Schule abholen muss. Und dann …« Hanna schlug sich gegen die Stirn.
»Morgen ist doch wohl nicht schon der Fünfzehnte, oder? Ich hab
noch gar nicht alles fertig für seinen Geburtstag! Ich dachte, ich
gehe mit den Kindern Schlittschuhlaufen, trotzdem muss ich hier
schmücken und ein paar Dinge vorbereiten. Wenn du heute noch in
Kununs Sachen stöbern willst, müssen wir sofort los.«
»Vormittags gibt es zu wenig Schatten, durch den
ich steigen könnte«, sagte Mattim. »Heute Nacht.«
Nachts also. Ein Besuch jetzt gleich am Tag wäre
ihr lieber gewesen.
»Na gut. Dann heute Nacht.« Sie unterdrückte ein
Gähnen. »Geht klar.«
Mattim setzte sich auf. »Du bist erstaunlich,
Hanna. Hast du denn gar keine Angst?«
Nicht, wenn du bei mir bist. Sie sprach es
nicht aus, es hätte vielleicht übertrieben geklungen, und doch war
es so. »Immerhin kannst du durch Wände gehen, nicht? Ich schätze,
unsere Chancen, nicht erwischt zu werden, sind recht hoch.«
»Ich meine nicht die Hotelangestellten«, sagte
Mattim, »sondern Kunun. Ich habe gesehen, wozu er fähig ist.« Er
konnte die Sorge in seinen steingrauen Augen nicht verbergen.
»Dein Bruder ist heute nicht schlimmer als
gestern«, sagte Hanna betont munter. »Die ganze Zeit wollten wir
wissen, wo er sich verkriecht. Jetzt, da wir es endlich wissen,
können wir nicht kneifen.« Sie wäre am liebsten sofort losgezogen,
um das Abenteuer hinter sich zu bringen. »Dann muss ich mir jetzt
noch schnell was für die Dekoration überlegen.«
Mattim betrachtete sie verwundert. Hanna fühlte
selbst,
wie merkwürdig es war, sich über eine Kinderparty Gedanken zu
machen, während sie im Hinterkopf wusste, dass sie am Abend in
Kununs Privatsachen wühlen würde. Aber es wäre unerträglich
gewesen, sich die ganze Zeit über vorzustellen, wie und wo sie
durch die Wände steigen würden. Was passieren würde, wenn Kunun
Verdacht schöpfte. Und, noch schlimmer, wie sie sich fühlen würden,
wenn sie gar nichts herausfanden, wenn sie bedrückt wieder
hinausschleichen würden, Kununs spöttisches Lächeln wie einen bösen
Fluch über sich …
»Gehen wir eine Taschenlampe kaufen«, sagte sie.
»Falls wir einen schönen Schatten benötigen. Und wenn wir schon
dabei sind, ich brauche Luftballons. So viele wie möglich. Und
Konfetti.«
»Was soll das sein?«, erkundigte Mattim sich
neugierig.
Sie beugte sich vor und küsste ihn. Vielleicht
schmeckten Küsse dann am besten, wenn man wusste, wie schnell alles
vorbei sein konnte, wie unerbittlich die andere Seite zuschlagen
konnte, wenn man Teil einer geheimen Zwei-Personen-Verschwörung
war.
»Wofür war das denn?« Mattim grinste zufrieden.
Nichts konnte ihr Herz so dahinschmelzen lassen wie das Glück in
seinen Augen, die wie der Himmel waren, hell und hoch und weit und
zugleich tief und geheimnisvoll.
»Weil du das nicht nur so gefragt hast«, erklärte
Hanna. »Weil du es wirklich wissen willst. Weil dich all das
interessiert, obwohl du in diesem Kampf gegen Kunun gefangen bist.
Weil du mitkommst, um Luftballons zu kaufen, und weil du eine Nacht
lang mit dem Aufzug rauf und runter gefahren bist und weil du lesen
lernst und krakelige Buchstaben schreibst und weil …«
Diesmal küsste er sie.
Weil du bist, wie du bist. Nicht wie Kunun.
Nicht wie irgendjemand sonst, den ich kenne. Prinz des
Lichts.
Von der Fischerbastei aus hatte man einen
grandiosen Blick auf das Parlament am anderen Donauufer. Wenn man
sich umdrehte, schaute man direkt auf die Rückseite des Hotels, auf
hellen Beton und dunkles Glas. Von der Bastei aus waren es nur
wenige Schritte in den Kreuzgang, der von dem alten
Dominikanerkloster aus dem dreizehnten Jahrhundert übrig geblieben
war. Das schmiedeeiserne Tor stand offen. Das ehemalige Kloster
dominierte auf dieser Seite über den modernen Anbau des Hotels. Die
Mischung aus Altem und Neuem war überwältigend.
Jeder konnte den Hof betreten, sich am Flair der
Mauerreste und angestrahlten Säulen erfreuen. Allerdings suchte
nicht jeder nach einem dunklen Schatten, in dem man ungesehen
verschwinden konnte. Natürlich gab es auch hier eine Kamera. Und
wer alles aus den Fenstern sah, konnte man nicht wissen. Nur im
tiefsten Schatten, schon halb unter dem Gebäude, fühlte Hanna sich
einigermaßen sicher.
»Wir hätten auch einfach in die Eingangshalle
marschieren können«, flüsterte sie. »Warum tun wir uns das bloß
an?«
»Davon würde Kunun sofort erfahren. Die
Angestellten haben mich mit ihm zusammen gesehen. So viel können
wir gar nicht bezahlen, dass sie es ihm nicht verraten.«
Hanna war so aufgeregt, dass sie unkontrolliert zu
kichern begann. Mattim musste sie mit einem langen Kuss
ruhigstellen.
Hanna atmete tief durch. »Okay. Weiter
geht’s.«
Er zog sie durch die Wand. Ruhig war es hier unten.
Ein dunkler Flur, auf dem Sessel herumstanden und auf ihren Einsatz
warteten. Ein Konferenzraum. Verstohlen arbeiteten sie sich vor.
Vor den Fahrstühlen zuckte Hanna zurück, denn auch hier waren
Kameras installiert. Lautlos schlichen die beiden zurück. Das
Mädchen legte die Hand auf die Klinke einer unscheinbaren
Tür.
»Die Nottreppe. Das sollte uns weiterhelfen.«
Im grauen, schmucklosen Treppenhaus stiegen sie
nach oben. Mattim schüttelte den Kopf, als seine Begleiterin
versuchte, die Tür zu öffnen.
»Nein, wir gehen hier durch ins nächste Zimmer.
Niemand darf uns sehen.« Der Prinz blieb unerbittlich.
Vielleicht machte es ihm auch einfach zu viel Spaß,
durch Wände zu gehen. Hanna hatte sich immer noch nicht an das
Gefühl gewöhnt. Jedes Mal rechnete sie damit, gegen eine Mauer zu
prallen, und dennoch glitt sie immer mit ihrem Freund zusammen
hindurch, als gäbe es gar keine feste Materie, nur die Illusion
davon. In seiner Nähe war es, als würde sich die gewöhnliche Welt
in ein Zauberreich verwandeln, in dem alles möglich war. Aus dem
Hilton wurde ein märchenhafter Palast, durch den sie wie Geister
schwebten, auf der Suche nach den Geheimnissen des bösen Königs.
Zugleich hatte es etwas erschreckend Reales, vor Schritten in
dunkle Nischen auszuweichen und sich in fremden Räumen
wiederzufinden. Mattim lachte leise, als sie auf diese Weise wieder
einem Hotelangestellten entkommen waren. Was war, wenn sie in ein
Zimmer platzten, in dem sich jemand aufhielt? Jemand, der sie sah,
der schrie, der sich nicht beruhigen ließ und dafür sorgen würde,
dass jeder in dem Hotel von dem Vorfall erfuhr?
In den Augen des Jungen glomm etwas auf, und er
musste nicht aussprechen, woran er dachte.
»Das würdest du nicht tun«, flüsterte sie.
»Kunun darf nicht einmal auf die Idee kommen, dass
wir hier waren«, gab Mattim zurück.
Hanna schluckte. Es war schwer, sich vorzustellen,
dass ihr Liebster einen Menschen beißen konnte, um ihn zum
Vergessen zu zwingen. Es war schwer, sich daran zu erinnern, dass
er mehr war als ein freundlicher Siebzehnjähriger mit jeder Menge
Wissenslücken über diese Welt. Dass er ein Krieger war, der für
seine Stadt kämpfte.
»Hier ist die Tür. Ist der Gang frei? Dann gehen
wir jetzt hindurch.«
Er klopfte nicht an, und sie machte sich bereit,
aufzuschreien, wenn sie im Zimmer Kunun antrafen, wenn er sie
anblickte und die Augenbrauen hochzog …
Die beiden standen im Dunkeln. Es machte keinen
Sinn, auf Atemzüge zu horchen. Mattim drückte den
Lichtschalter.
»Meine Güte. Er lebt hier nicht schlecht,
wie?«
»Die Bücher«, erinnerte der Prinz. »Komm, hier auf
dem Tisch. Und jene da. Dort lag eins, in dem Wolken zu sehen
waren. Worum geht es da?«
Hanna ging die Stapel rasch durch. »Ungarn.
Budapest. Klimawandel. Wetterphänomene. Geschichte. Ungarn,
natürlich. Sehr viele Interessen hat dein Bruder nicht, wie? Auch
das hier. Mittelalter, Budapest.«
»Was hat er herausgefunden?«, fragte Mattim und
blätterte sich durch einen gewaltigen Bildband über die Donau. »Was
nützt ihm das für seinen Angriff gegen Akink?«
»Ich hätte gedacht, dass er vielleicht Vampirbücher
liest«, meinte Hanna. »Oder Zauberbücher. Magie. Alchemie.
Irgendwie so was. Vielleicht Ratschläge für Feldherren?« Dass Kunun
sich für die ungarische Geschichte begeisterte, war so gewöhnlich,
so ganz und gar belanglos. Ihr Mut sank, und sie bezweifelte, dass
sie etwas von Nutzen finden würden.
»Wetter?«, fragte Mattim. »Was kümmert einen
Schatten das Wetter?«
Hanna überflog die Klappentexte, schlug die Seiten
um, hastig, fast schon verzweifelt. »Macht er sich denn keine
Notizen? Nichts unterstrichen, keine Zettel. Kann er nicht
aufschreiben, was er plant, so wie es jeder vernünftige Mensch tun
würde? - Ich weiß schon. Er ist weder ein Mensch noch vernünftig.
Er ist ein irrer Vampir, und wir müssen uns schleunigst etwas
einfallen lassen.«
Mattim schüttelte den Kopf. »Irre? Nein, das ist er
ganz bestimmt nicht. Er hatte sehr viel Zeit, sich etwas
auszudenken. Keine Ahnung, wie lange Kunun schon über dieser
Prophezeiung grübelt. Nur wie spiele ich da mit hinein? Was habe
ich seiner Ansicht nach getan?«
»Ich glaube, ich hab hier was.«
Sie atmete scharf ein, als eine Karte aus einem
Buch fiel, das sie gerade vom Tisch gehoben hatte. Es war eine
nichtssagende Ansichtskarte, die, wenig überraschend, die
Kettenbrücke zeigte. »Kunun hatte sie als Lesezeichen, es muss
irgendwo hier gewesen sein … irgendwo auf diesen Seiten.«
»Willst du das alles durchlesen? Mein Gefühl sagt
mir, wir sollten allmählich verschwinden.«
Hastig überflog Hanna die Seiten. Ungarische
Geschichte.
»Um das Jahr tausend nach Christus gründete König
Stephan das Land Ungarn … Papst Sylvester der Zweite schickte ihm
eine Krone … im dreizehnten Jahrhundert die Invasion der Mongolen …
bei Muhi vernichteten sie die magyarische Armee … in drei Tagen
zerstörten sie die Befestigungsanlagen in Pest …« Hanna hob den
Blick. »Hör mir zu, Mattim, ich glaube, ich habe es
gefunden.«
Er trat neben sie, spähte über ihre Schultern auf
das Buch, versuchte die Buchstaben zu entziffern.
»Die Überlebenden sind damals über die Donau nach
Buda geflüchtet. Doch die Mongolen konnten ihnen über den
gefrorenen Fluss folgen und Buda zerstören, bevor sie
weiterzogen.«
»Über den gefrorenen Fluss? Aber …«
Mattim fuhr herum, als ein Geräusch an der Tür
erklang. Er griff nach Hanna und ließ sich mit ihr durch den
Schatten hinter einer hohen Kommode fallen. Doch sie hatten kein
Glück; kaum waren sie im Nebenzimmer gelandet, hörten sie ein
leichtes Schaben an der Tür, und ein Paar
wankte herein. Die beiden waren leicht angetrunken, die Frau
lachte schrill. Schnell zog der Prinz seine Freundin hinter einen
blauen Sessel.
Sie hockten da wie zwei Einbrecher. Hanna wagte
nicht zu atmen, sondern dachte nur: Bitte, bitte, bitte
…
Mattim strich ihr mit den Fingern übers Gesicht,
lächelte sie aufmunternd an. Die Bewohner des Zimmers waren
Ausländer, weshalb sie nichts von dem Gespräch verstand, nur das
gurrende Lachen der Frau deutete an, worum es wahrscheinlich ging.
Bald flog ein Schuh über den Teppich.
Das fehlte noch, dachte Hanna. Das darf
doch alles nicht wahr sein. Sie werden doch jetzt nicht … Aber
das Schlimmste blieb ihr erspart. Erleichtert nickte sie Mattim zu,
als sie das Brausen der Dusche hörte.
Der Junge lugte vorsichtig über den Sesselrand.
Dann näherte sich sein Mund ihrem Ohr. »Die Frau ist im
Badezimmer«, flüsterte er. »Der Mann liegt auf dem Bett. Wir müssen
zurück durch die Wand, dort.«
Hanna nickte. Es war nicht weit, trotzdem kam es
ihr vor wie ein ganzer Kilometer. Der Mann lag auf dem Rücken, die
Augen geschlossen, aber bestimmt schlief er nicht, sondern wartete
auf die Frau. Nur die Schuhe hatte er ausgezogen.
Auf Zehenspitzen schlichen sie zu der Stelle, wo
eine kleinere Lampe auf einem Tischchen einen hellen Schein auf die
Wand warf, hell genug, um ihre eigenen Schatten klar und scharf
umrissen zu zeichnen.
Mattim trat als Erster hindurch, ohne ihre Hand
loszulassen, und mit klopfendem Herzen folgte sie ihm durch die
Tapete. Sie dachte nicht einmal daran, dass sie sich an der Wand
stoßen könnte.
In Kununs Suite brannte noch immer Licht. Hanna
schnappte nach Luft, hin- und hergerissen zwischen einem Lachkrampf
und absoluter Panik.
»Er hat uns nicht gesehen, oder? Nur gut, dass wir
da weg sind.«
Mattim hob das Buch auf, das sie fallen gelassen
hatte, und legte es behutsam zurück auf den Schreibtisch. »Komm.
Wir haben unser Glück heute überstrapaziert.« Er löschte das
Licht.
Hanna schaltete die Taschenlampe an und folgte ihm
durch den schwarzen Umriss seiner Gestalt nach draußen.