Nun poltern sie am Eingang herum. Schläge, Getöse. Mir bleibt das Herz stehen. Sie sind im Haus, Liebster. Ich höre, wie sie die Treppe hinauf- und hinuntertrampeln, höre ihre barschen Stimmen in den leeren Räumen widerhallen. Vermutlich wollen sie sich vergewissern, dass auch wirklich niemand mehr hier ist. Ich habe die Falltür zum Keller zugesperrt. Ich glaube nicht, dass sie mich finden, denn sie werden sich kaum die Mühe machen, nachzusehen. Sie erhielten die Bestätigung, dass die Besitzer das Gebäude geräumt haben. Sie sind der festen Meinung, dass die verwitwete Madame Bazelet vor zwei Wochen ausgezogen ist. Die ganze Straße ist verlassen. Niemand wohnt mehr in dieser gespenstischen Häuserreihe, in den letzten Häusern, die tapfer in der Rue Childebert ausharren.

Das denken sie. Wie viele wie mich gibt es? Wie viele Pariser wollen sich dem Präfekten, dem Kaiser nicht unterordnen? Dem sogenannten Fortschritt? Wie viele Pariser verstecken sich in ihrem Keller, weil sie ihr Haus nicht aufgeben wollen? Ich werde es nie erfahren.

Sie kommen herunter. Ich höre dröhnende Schritte über mir. Ich schreibe, so schnell ich kann. Ein komplettes Gekritzel. Vielleicht sollte ich die Kerze ausblasen! Sehen sie die flackernde Flamme durch die Risse in der Holztür? Oh, warte … Sie sind schon wieder weg.

Lange Zeit herrscht Stille. Durchdrungen vom Pochen meines Herzens und dem Kratzen der Feder auf dem Papier. Es ist ein wehmütiges Warten. Ich zittere von Kopf bis Fuß. Was draußen wohl los ist? Ich wage mich nicht aus dem Keller. Um nicht verrückt zu werden, nehme ich von Zeit zu Zeit den dünnen Roman Thérèse Raquin zur Hand. Es ist eines der letzten Bücher, die Monsieur Zamaretti mir empfohlen hatte, bevor er den Laden aufließ. Es ist die entsetzliche, faszinierende Geschichte eines ehebrecherischen, intriganten Paars. Ich kann sie Dir unmöglich schildern. Der Stil ist so überaus lebendig, fast noch gewagter als bei Flaubert oder Poe. Vielleicht weil er so modern ist? Geschrieben hat das Buch ein junger Mann namens Émile Zola. Ich glaube, er ist noch keine dreißig. Die Reaktionen auf das Buch waren Aufsehen erregend. Ein Rezensent bezeichnete den Roman als »verdorbene Literatur«, ein anderer als Pornografie. Nur wenigen gefiel er. Doch egal, wie man dazu steht, der junge Schriftsteller wird sich sicherlich in der einen oder anderen Form einen Namen machen.

Du wunderst Dich sicherlich sehr, dass ich so etwas lese. Aber weißt Du, Armand, wenn man Monsieur Zola liest, wird man wahrlich schonungslos mit den schlimmsten Seiten der menschlichen Natur konfrontiert. Zolas Werke haben nichts Romantisches, sie haben auch nichts Erhabenes an sich. Zum Beispiel diese niederträchtige Szene im Leichenschauhaus (es ist dieses Gebäude unten am Fluss, das wir nie betraten, trotz der wachsenden Beliebtheit, derer es sich bei der Pariser Öffentlichkeit erfreut) ist zweifellos das eindrücklichste Stück Literatur, das ich je gelesen habe. Es ist noch gruseliger als alles, was Monsieur Poe schrieb. Und so fragst Du Dich sicherlich, wie es kommt, dass Deiner sanftmütigen, duldsamen Rose so etwas gefällt. Die Frage ist berechtigt. Deine Rose hat auch eine dunkle Seite. Deine Rose hat Dornen.

Oh, jetzt kann ich sie deutlich hören, auch von hier unten. Ich höre, wie sie überall ins Haus hereindrängen wie ein Schwarm schädlicher Insekten, bewaffnet mit Spitzhacken. Und jetzt höre ich oben auf dem Dach den ersten Schlag, schrecklich grell. Als Erstes greifen sie immer das Dach an, wie Du Dich erinnerst, dann arbeiten sie sich nach unten vor. Es wird eine Weile dauern, bis sie bei mir ankommen. Aber irgendwann werden sie mit Sicherheit hier sein.

Es wäre immer noch genügend Zeit, zu flüchten. Es wäre immer noch genügend Zeit, die Treppe hinaufzulaufen, die Falltür aufzusperren, die Haustür zu öffnen und in die kalte Luft hinauszueilen. Was wäre ich für ein Anblick! Eine alte Frau mit dreckverkrusteten Wangen in einem schmutzigen Mantel und einer speckigen Pelzmütze. Sie würden mich wohl für eine Lumpensammlerin halten. Gilbert ist bestimmt irgendwo da draußen, sicherlich wartet er auf mich und hofft gegen alle Wahrscheinlichkeiten, dass ich aus meiner Tür komme.

Ich kann es immer noch tun. Ich kann mich noch immer in Sicherheit bringen. Ich kann das Haus auch ohne mich einstürzen lassen. Ich habe noch immer die Wahl. Hör zu, Armand, ich bin kein Opfer – ich will es so. Ich will zusammen mit diesem Haus untergehen. Will darunter begraben werden. Verstehst Du?

Der Lärm ist nun ohrenbetäubend. Jeder Schlag, der in den Schiefer, in den Stein geführt wird, ist wie ein Schlag, der in meine Knochen, meine Haut dringt. Ich denke an die Kirche, die unerschütterlich dabei zusieht. Die Kirche wird immer sicher sein. Sie hat jahrhundertelang Blutvergießen miterlebt. Die Ereignisse heute machen ihr auch nichts mehr aus. Wer weiß? Wer wird mich unter dem Schutt finden? Zuerst schreckte mich der Gedanke, nicht neben Dir auf dem Friedhof zu liegen. Nun aber finde ich, es spielt überhaupt keine Rolle, ob meine Überreste bei Deinen sind. Unsere Seelen sind bereits vereint.

Ich habe Dir ein Versprechen gegeben, das ich halten will. Ich werde nicht zulassen, dass dieser Mann unser leeres Haus bekommt.

Es wird immer schwieriger, Dir zu schreiben, Liebster. Der Straub dringt bis hier herunter. Ich muss husten und keuchen. Wie lange es wohl dauert? Jetzt ist es ein fürchterliches Knarren und Ächzen. Das Haus bebt wie ein waidwundes Tier, wie ein Schiff inmitten eines tosenden Sturms.

Es ist unaussprechlich. Ich will die Augen schließen. Ich will an das Haus denken, so wie es war, als Du noch lebtest, in all seiner Pracht, als Baptiste noch lebte, als wir wöchentlich Gäste hatten, als Essen aufgetischt wurde, der Wein floss und Lachen die Räume erfüllte.

Ich denke an unser Glück, an unser glückliches, bescheidenes Leben, das sich mit diesen Wänden, den brüchigen Tapeten unserer Existenz verwoben hat. Ich denke an die hohen, großen Fenster, die mir abends mit ihrem warmen, einladenden Schein den Weg leuchteten, wenn ich aus der Rue des Ciseaux zurückkam. Und Du standest da und erwartetest mich. Ich denke an unser verlorenes Viertel, an die schlichte Schönheit der engen Straßen, die von der Kirche ausgingen und an die sich keiner mehr erinnern wird.

Oh, da fingert jemand an der Falltür herum! Mit rasendem Herzen kritzle ich Dir das in aller Eile und Panik hin. Ich weigere mich zu gehen, ich werde nicht gehen. Wie haben sie mich hier gefunden? Wer hat ihnen gesagt, dass ich mich verstecke? Rufe, Schreie, eine schrille Stimme ruft meinen Namen, wieder und wieder. Ich wage es nicht, mich zu rühren. Es herrscht so ein Lärm, dass ich nicht hören kann, wer nach mir ruft … Ist es …? Die Kerze blakt in den dichten Staubwolken, ich kann mich nirgends verstecken. Gott steh mir bei! Ich bekomme keine Luft. Donnergrollen über mir. Jetzt, jetzt ist die Flamme ausgegangen, ich schreibe in der schwarzen Dunkelheit weiter, hastig und voller Angst, jemand kommt hier herunter …