Wieder spürte ich diese kalte Hand und den Atem des Eindringlings in meinem Gesicht. Ich wehrte mich, stieß ihn weg, trat ihn wild mit Füßen und rang wütend mit ihm. Als er mir mit seiner schmutzigen Hand den Mund zuhielt, stieß ich einen gedämpften Schrei aus. Dann der entsetzliche Augenblick, als mir klar wurde, dass der Kampf vergebens ist und er bekommen würde, was er wollte. Ich kann diesen Albtraum nur in Schach halten, indem ich Dir schreibe. Ich bin müde, so müde, Liebster. Ich sehne das Ende herbei, ich weiß, dass es nah ist. Doch ich habe Dir noch mehr zu erzählen. Ich muss meine Gedanken ordnen, denn ich fürchte, ich verwirre Dich nur noch mehr. Meine Kräfte lassen rapide nach. Ich bin zu alt, um unter solchen Bedingungen zu leben. Du weißt, dass mich nichts aus diesem Haus vertreiben kann.
Nun geht es mir ein kleines bisschen besser. Ein paar Stunden Schlaf, auch wenn sie kurz waren, haben mir wieder frische Kräfte geschenkt. Nun ist die Zeit gekommen, Dir von meinem Kampf gegen den Präfekten zu erzählen, davon, welche Mühen ich auf mich nahm. Ich will Dir alles berichten, was ich unternahm, um unser Haus zu retten. Als der Brief letztes Jahr ankam, reagierten unsere Nachbarn ganz unterschiedlich. Nur Madame Paccard, Doktor Nonant und ich beschlossen, uns zu wehren.
Dazu musst Du wissen, dass im vergangenen Jahr trotz des Erfolgs der Weltausstellung die Stimmung umschlug. Der Präfekt verlor seinen ruhmreichen Nimbus. Nach fünfzehn zermürbenden Jahren des Abrisses der Stadt hatte sich ein Raunen der Unzufriedenheit erhoben, erst kaum hörbar, dann wurde es lauter und lauter. In der Presse las ich vernichtende Artikel über den Präfekten, verfasst von Ernest Picard und Jules Ferry, beide erbitterte Gegner des Zweiten Kaiserreichs. Man fragte sich, wie der Umbau von Paris finanziert werden, wie weit er noch gehen sollte. War die Entscheidung des Präfekten, die Île de la Cité abzureißen, richtig gewesen? Das Quartier Latin so radikal zu verändern? War das nicht ungeschickt? Und wie hatte er all das genau bezahlt? Und mitten in diesen Turbulenzen machte der Präfekt zwei entscheidende Fehler. Ich glaube, das wird ihn seine Ehre kosten. Die Zeit wird es zeigen.
Der erste Fehler betraf unseren geliebten Jardin du Luxembourg. (Oh, mein Lieber, darüber wärst Du außer Dir gewesen. Ich kann mir nur zu gut vorstellen, wie Du Dich an Deinem Morgenkaffee verschluckt hättest, wenn Du diese nüchterne Ankündigung in der Zeitung gelesen hättest.) Es war ein kalter Novembertag, Germaine schürte das Feuer, während ich Zeitung las. Da sah ich den entsetzlichen Artikel: Der Jardin du Luxembourg sollte um zehn Hektar beschnitten werden, um die Rue Bonaparte und die Rue Férou zu verbreitern. Aus denselben Gründen wollte man die schöne Baumschule im südlichen Teil des Parks verkleinern. Ich sprang so ungehalten auf, dass Germaine erschrak, und eilte hinunter in den Blumenladen, wo Alexandrine auf eine wichtige Lieferung wartete.
»Sagen Sie mir jetzt bloß nicht, dass Sie dem Präfekten in dieser Sache zustimmen!«, zischte ich und hielt ihr die Zeitung unter die Nase. Ich war so wütend, dass ich laut aufstampfte. Sie überflog den Artikel und zog die Mundwinkel herunter. Schließlich war sie eine glühende Naturliebhaberin. »Oh!«, rief sie aus. »Wie kann er es wagen?«
Trotz der Kälte kamen an jenem Nachmittag am Tor zum Park in der Rue Férou viele Leute zusammen. Ich ging mit Alexandrine und Monsieur Zamaretti hin. Schnell hatte sich eine größere Menschenmenge versammelt, die Gendarmen wurden gerufen, um alles unter Kontrolle zu halten. Studenten riefen: »Lang lebe der Jardin du Luxembourg!« Fieberhaft wurden Petitionen unterschrieben. Mit meiner plumpen, behandschuhten Hand unterschrieb ich, glaube ich, drei Anträge. Es war aufregend, zu sehen, dass sich all diese in Alter und Stand so unterschiedlichen Pariser zusammengefunden hatten, um ihren Park zu retten. Neben mir unterhielt sich eine vornehme Dame angeregt mit einem Ladenbesitzer. Madame Paccard war mit ihrer ganzen Belegschaft gekommen. Mademoiselle Vazembert hatte einen Herrn an jedem Arm. Und von Weitem sah ich die bewundernswerte Baronne de Vresse mit ihrem Gatten, gefolgt von den beiden Mädchen und deren Kinderfrau.
Die Rue de Vaugirard war schwarz vor Menschen. Ich fragte mich, wie um alles in der Welt wir alle wieder nach Hause kommen wollten, aber das scherte mich nicht. Ich fühlte mich sicher mit Alexandrine und Monsieur Zamaretti. Alle zusammen und jeder Einzelne standen wir hier vereint gegen den Präfekten. Es war ein wundervolles Gefühl! Morgen früh würde er von uns lesen, wenn er mit seinen Leuten alle Zeitungen nach der Erwähnung seines Namens durchging – was, wie es hieß, morgens immer seine erste Tat war. Er würde von uns hören, wenn sich die Protestnoten auf seinem Schreibtisch stapelten. Wie konnte er es wagen, Hand an unseren zauberhaften Park zu legen? Wir alle hier hatten eine besondere Beziehung zu diesem Ort, zum Palais, den Fontänen, dem zentralen Wasserbecken, den Statuen, den Blumenrabatten. Diese friedvolle Anlage stand für unsere Kindheit, für unsere Erinnerungen. Wir hatten uns nun lange genug die aufgeblasenen, ehrgeizigen Projekte des Präfekten gefallen lassen. Dieses Mal aber würden wir ihm entgegentreten. Wir würden nicht zulassen, dass er sich an unserem Jardin du Luxembourg zu schaffen machte!
Einige Tage lang versammelten wir uns regelmäßig am Tor, jedes Mal kamen mehr Protestierende. Du hättest das wahnsinnig aufregend gefunden! Die Eingaben wurden dicker und dicker, der Präfekt bekam eine immer schlechtere Presse. Studenten demonstrierten, und eines Abends konfrontierte die Menge den Kaiser, der auf dem Weg zu einem Theaterbesuch im Odéon war, persönlich mit ihren Protesten. Ich war selbst nicht dabei, aber ich habe von Alexandrine gehört, dass er peinlich berührt auf der Treppe gestanden habe, schützend in seinen Umhang gehüllt, sich angehört hätte, was die Leute zu sagen hatten, und dann bedeutungsschwanger mit dem Kopf genickt hätte.
Ein paar Wochen darauf lasen Alexandrine und ich, dass die Anordnung zurückgezogen wurde, nachdem der Kaiser den Präfekten angewiesen hatte, seine Pläne zu revidieren. Wir waren überglücklich – doch unsere Freude sollte nicht lange währen. Der Park würde dennoch verkleinert werden, wenn auch nicht mehr so massiv. Die Baumschule würde in jedem Fall verschwinden. Es war ein enttäuschender Sieg für uns. Doch nachdem die Affäre um den Park abgeklungen war, keimte eine noch fürchterlichere Sache auf. Ich weiß nicht, ob ich die richtigen Worte finde, Dir das ganze Ausmaß der Angelegenheit zu beschreiben.
Ob Du es nun glaubst oder nicht, der Präfekt hatte den Tod zur Chefsache erklärt. Er war der festen Überzeugung, der Staub, zu dem die verwesenden Leichen auf den Pariser Friedhöfen zerfielen, würde das Wasser vergiften. Starr vor Entsetzen las ich in der Zeitung, dass der Präfekt die innerstädtischen Friedhöfe aus Gründen der Gesundheitsprophylaxe auflassen wollte. Die Toten sollten nun nach Méry-sur-Oise gebracht werden, dreißig Kilometer nordwestlich von Paris bei Pontoise, auf einen riesigen Friedhof, in eine moderne Nekropolis. Der Präfekt plante, eigens Trauerzüge einzusetzen, die von allen Pariser Bahnhöfen abfuhren und mit denen die Hinterbliebenen mit dem Sarg des Verstorbenen nach Méry zur Beisetzung gelangen konnten. Das war eine solche Ungeheuerlichkeit, dass ich, als ich das las, nicht einmal gleich zu Alexandrine laufen und es ihr zeigen konnte. Ich konnte mich schlicht und ergreifend nicht mehr rühren. Ich dachte an meine Lieben, an Dich und Baptiste und Maman Odette, und stellte mir vor, wie ich so einen schrecklichen, schwarz umflorten Zug voller Trauernder, Leichenbestatter und Priester nehmen müsste, um Eure Gräber zu besuchen. Mir war zum Heulen zumute. Und ich glaube, ich weinte wirklich. Ich musste Alexandrine aber den Artikel gar nicht zeigen, denn sie hatte ihn schon gelesen. Nur dieses Mal fand sie, der Präfekt hätte recht. Sie glaubte an eine umfassende Modernisierung der Wasserversorgung und hielt es für gesundheitsfördernd, die Toten außerhalb der Stadtgrenzen zu bestatten. Ich war zu empört, um ihr zu widersprechen. Ich fragte mich, wo ihre toten Angehörigen wohl lagen. Bestimmt nicht in Paris. Sonst hätte sie anders reagiert.
Doch die meisten Pariser waren genauso schockiert wie ich. Umso mehr, als der Präfekt dann auch noch ankündigte, dass der Cimetière Montmartre umgestaltet werden sollte. Dutzende Gräber müssten verlegt werden, damit die Stützpfeiler der neuen Brücke über den Hügel gebaut werden könnten. Der Streit eskalierte. Die Zeitungen waren voll davon. Die Gegner des Präfekten spuckten Gift und Galle. Die Herren Victor Fournel und Louis Veuillot ergingen sich in wütenden Kampftiraden, die Dir gefallen hätten. Nachdem der Präfekt das Heim von Tausenden Parisern zerstört und sie zur Umsiedlung gezwungen hatte, wollte er nun auch noch die Toten vertreiben! Was für ein Frevel! Ganz Paris war in Aufruhr. Man spürte, dass sich der Präfekt nur mehr auf sehr dünnem Eis bewegte.
Die Wende kam mit der Veröffentlichung eines sehr bewegenden Artikels im Figaro. Der Sohn einer gewissen Madame Audouard (eine dieser modernen Frauen, die mit spitzer Feder schreiben – nicht wie die Comtesse de Ségur mit ihren harmlosen Kindermärchen) war auf dem Friedhof von Montmartre begraben. Ich weiß nicht, wie alt der Junge war, als er starb, aber sie und mich verband die gleiche stumme Trauer. Als ich ihren Artikel las, musste ich wieder weinen. Ihre Worte hatten sich für immer in mein Herz eingebrannt: »Monsieur le Préfet, alle Völker – auch jene, die wir Barbaren nennen – haben Achtung vor den Toten.«
Dieses Mal, Armand, stärkte der Kaiser seinem Präfekten nicht den Rücken. Die Gegenwehr war so heftig, dass dieses Projekt nach ein paar Monaten aufgegeben wurde. Der Präfekt stand nun unter Beschuss, und zum ersten Mal wackelte sein Stuhl. Endlich.