KAPITEL 60

Selbst wenn man alles abräumt, weiß man nie, wann Schluss ist. Da muss man nur mal Roberto Di Matteo fragen, den Interimstrainer von Chelsea, der den Verein 2012 zu einem denkwürdigen Double führte und nach einem etwas holprigen Start in die Saison 2012/2013 prompt rausgeworfen wurde. Oder Vicente del Bosque, der 2003 bei Real Madrid achtundvierzig Stunden nach dem Gewinn der spanischen Meisterschaft gefeuert wurde. Das war hart. Im Fußball zieht Erfolg selten mehr Erfolg nach sich, sondern meistens nichts als große Erwartungen; und die werden allzu oft enttäuscht.

Ich hatte jetzt schon graue Haare bekommen, dabei war ich erst sieben Monate lang auf dem Posten – einen weniger als Di Matteo. Und nach dieser Woche, in der ich mich zusätzlich auch noch als Detektiv versucht hatte, war ich völlig fertig und brauchte dringend eine Pause.

Natürlich werden die meisten Fußballtrainer gefeuert oder sie kündigen, weil ihnen ein anderer Verein ein Angebot macht, das sie nicht ablehnen können; aber es kommt wohl selten vor, dass einer seinen Hut nimmt, nachdem seine Mannschaft gerade die nächste Runde der Champions League erreicht hat. Die englische Presse jedenfalls fiel über die Story her wie die Ameisen, als Louise und ich ohne die Mannschaft in Heathrow im Terminal Fünf ankamen. Und nicht nur über die Story.

Ich rechne es meiner Freundin hoch an, dass sie nicht noch einmal wiederholte, was sie mir vorher zu meiner Ermittlungsarbeit gesagt hatte: Kein Fall auf der Welt lässt sich so lösen, wie man es gerne hätte, zur vollen Zufriedenheit. Aber sie hatte recht. Dass ich herausgefunden hatte, wie Bekim Develi umgebracht worden war und wer dahinter gesteckt hatte, brachte mir keinerlei Genugtuung; und davor hätte ich nie geahnt, wie absolut sinnlos die Aufklärung sein würde. Ich fragte mich, warum ich mir überhaupt den ganzen Ärger gemacht hatte. Auch da hatte sie recht.

Ich hätte den Reportermassen am Flughafen alles Mögliche über die Ereignisse in Athen erzählen können, aber ich wollte mich nicht weiter in den zwielichtigen Finanzangelegenheiten des Vereins verstricken, die meine Kündigung veranlasst hatten. All das lag hinter mir, und es kam mir vor, als wäre mir ein schweres Gewicht von den Schultern genommen worden. Ich beschränkte mich mit meinen Antworten lieber vollständig auf den Fußball, das war mir lieber. Das ist das Schöne daran: In manchen Augenblicken im Leben erscheint nur Fußball wirklich wichtig. Wenn alles andere trivial und belanglos wirkt und man glaubt, dass nur wegen Fußball Felder flach sind, Gras kurz gemäht wird und die Schwerkraft erfunden wurde. Außerdem hätte ich wirklich nicht gewusst, wie man die griechische Staatsschuld erklärt.

»Ich habe nicht gekündigt, weil ich zu einem anderen Verein gehe«, erklärte ich den wartenden Reptilien. »Ich habe nicht gekündigt, weil ich mehr Geld will oder mehr Freiheit beim Spielerkauf. Ich habe nicht wegen des Ergebnisses gegen Leicester City gekündigt und auch nicht wegen der Niederlage im Hinspiel gegen Olympiakos. Ich habe nicht mal gekündigt, weil die griechische Polizei unsere ganze Mannschaft ohne guten Grund festgehalten hat. Anders als viele Zeitungen gemutmaßt haben, habe ich gekündigt, weil es zu einer unüberbrückbaren Meinungsverschiedenheit zwischen mir und dem Besitzer des Vereins darüber gekommen war, wie die Mannschaft zu führen sei. Ohne Mr. Sokolnikow zu nahe treten zu wollen, muss ich aber sagen: Darüber darf sich niemand wundern, der das Spiel wirklich liebt. Schließlich ist Fußball für viele Menschen eine große Leidenschaft, und manchmal bedeutet diese Leidenschaft, dass manche Leute nicht mehr miteinander arbeiten können. Das ist einfach so. Da kann man nichts machen.

Ich wünsche allen in Silvertown Dock jeden erdenklichen Erfolg. Die Mannschaft hat sich den Sieg in Athen redlich verdient. Alles in allem war es ein Privileg und eine Freude, mit diesen Jungs zu arbeiten, von denen viele auch meine Freunde waren. Und hoffentlich immer noch sind. Aber vor allem werde ich die Fans vermissen. Die stehen für mich an erster Stelle. Nach dem Tod von João Zarco haben sie mich angenommen und mir ihre volle Unterstützung gegeben. Dafür möchte ich ihnen heute demütig danken.«

»Hatte Ihre Kündigung etwas mit dem Tod von Bekim Develi zu tun, Scott?«, fragte einer der Reporter.

»Ja, aber nur in der Hinsicht, dass ich danach meine Prioritäten überdacht habe. Bekim Develi war ein Mann, den ich sehr geschätzt und bewundert habe. Wie wir alle. Nach dieser Tragödie will ich mich auf das konzentrieren, was für mein Leben und meine persönlichen Ziele wichtig ist. Ich glaube, das kann jeder nachvollziehen. Es wundert wohl niemanden, wenn jemand nach so einer schrecklichen Erfahrung sein Leben ändern will. Ich habe immer gut auf mich aufpassen können, und genau darum geht es hier: Ich war mir diese Kündigung schuldig.«

»Wo Sie gerade von schuldig reden«, sagte ein anderer Reporter, »möchten Sie vielleicht etwas zu der Story in der Sun sagen, nach der Sie zwei Engländer auf der Insel Paros verprügelt haben sollen? Angeblich wollen die Sie verklagen. Hat Ihre Kündigung etwas damit zu tun?«

»Waren das nur zwei Typen? Kann sein. Ja, ich bin dort mit zwei Halbstarken aneinandergeraten, die Bekim Develis Tod als angemessenes Thema für wüste Scherze erachtet haben. Darauf deuteten zumindest die Lieder hin, die diese Männer gesungen haben. Ich weiß nicht, vielleicht fehlt mir da der Sinn für Humor, aber meiner Meinung nach brüllten die beiden einfach nach einer Tracht Prügel.«

»Wie sieht Ihre Zukunft aus, Scott?«

»Haben Sie nicht zugehört? Wer kann schon sicher sagen, was die Zukunft für uns bereithält? Ist das nicht die große Lehre, die wir aus Bekim Develis Tod ziehen müssen? Dass nichts sicher ist? Er war schließlich erst neunundzwanzig, um Gottes willen. Darum geht es mir hier doch. Nein, ich plane kurzfristig keine Rückkehr in den Trainerberuf. Ich wüsste auch nicht, wer mich im Moment überhaupt anstellen würde. Ich glaube, meine Halbzeit-Mannschaftsansprachen hören sich eher nach Gordon Ramsay als nach Heinrich V. an. Meinem Vater gehört ein Sportartikelunternehmen, und ich werde ihn da in der nächsten Zeit etwas mehr unterstützen. Was aber nicht heißen soll, dass ich das Spiel nicht mehr liebe. Ganz und gar nicht. Fußball ist mein ein und alles.«

»Darf ich fragen, wohin Ihr nächster Schritt Sie führen wird, Scott? Spanien? Málaga? Man hört immer wieder das Gerücht, dass Sie einen Posten in Spanien antreten werden. Sie sprechen doch sehr gut Spanisch.«

Ich seufzte, grinste und schüttelte den Kopf. »Ich spreche auch Deutsch, Italienisch und Französisch. Bloß mit meinem Englisch ist es wohl nicht weit her. Habe ich nicht gerade gesagt, dass ich erst mal nicht mehr als Trainer arbeiten werde? Aber wo Sie schon so nett gefragt haben, verrate ich Ihnen jetzt wirklich meinen nächsten Schritt.«

Ich schaute Louise an, lächelte, nahm ihre Hand und küsste sie.

»Meine Freundin und ich, wir gehen morgen Nachmittag die King’s Road runter spazieren, und wenn es dann noch Karten gibt, gehen wir zur Stamford Bridge und schauen uns Chelsea gegen Tottenham Hotspur an. Das Spiel hat das Zeug dazu, ein Riesenkracher zu werden. Aber endlich kann ich einmal sagen, dass es mir völlig egal ist, wer gewinnt.«

Die Hand Gottes
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