Anna Loverdos schlug ihre gebräunten Beine übereinander und gab mir ihre Karte, die wie sie selbst auf der einen Seite griechisch und auf der anderen englisch war. Aber die Beine waren wohlgeformt und auf jeden Fall interessanter als irgendwelche Kontaktdaten. Wenn die richtigen Beine übereinandergeschlagen werden, können sie einen Mann von so ziemlich allem ablenken.
»Meine Mutter ist aus Liverpool«, erklärte sie. »Sie hat meinen Vater im Urlaub auf Korfu kennengelernt. Ein bisschen wie bei Shirley Valentine. Ich bin hier geboren und kam dann auf ein Mädcheninternat in England.«
Anna war Mitte dreißig, attraktiv und eloquent. Sie trug einen rosafarbenen Wickellook-Satinrock, eine weiße Seidenbluse und Leder-Wedge-Sandalen. Der Champagner in ihrer Hand hatte die gleiche Farbe wie ihre Haare.
»Und dann bin ich hierher zurückgekommen. Vor der Wirtschaftskrise natürlich. Ich hatte ein Business-Entertainment-Unternehmen. Eventmanagement für globale Konzerne und so weiter. Dann habe ich in der PR für die Investment Bank of Greece gearbeitet. Und jetzt leite ich das Komitee für Internationale Beziehungen des griechischen Fußballbunds, was natürlich viel mehr Spaß macht.«
»Kann ich mir vorstellen. Und welchen Verein feuern Sie an, Anna?«
»Gar keinen. Bei meinem Job vermeidet man am besten jede Parteinahme. Die Griechen nehmen sich als Fans sehr ernst.«
»Habe ich auch schon gemerkt. Im Stadion kommt man sich vor wie im Bürgerkrieg.«
»Weil meine Mum aus Liverpool kommt, sage ich immer, ich bin Everton-Fan. Das sind keine Griechen, und in die Champions League schaffen sie es auch nie, also passt das hier ganz gut. In diesem Land muss man verdammt aufpassen. Aber das brauche ich Ihnen sicher nicht zu sagen.« Sie schüttelte den Kopf. »In der Landespresse sind ein paar ziemlich schlimme Sachen über Sie und Ihre Mannschaft gesagt worden, Mr. Manson. Und das nach Bekim Develis Tod. Das Land war früher freundlicher. Neuerdings ist die Atmosphäre im Fußball vergiftet. Das habe ich so noch nicht erlebt. Heutzutage meinen die Griechen, der Sport wäre verlogen und korrupt wie alles andere auch.« Sie lächelte. »Aber deswegen sind wir nicht hier. Ich werde dafür bezahlt, Ihren weiteren Aufenthalt in Griechenland so angenehm wie möglich zu gestalten. Ihr Job ist gerade sicher alles andere als einfach. Mal ehrlich, selbst in besseren Zeiten lässt sich so eine Reisegruppe wilder, junger Männer wohl nicht leicht unter Kontrolle behalten.«
Ich grinste. »Ich musste sie schon aus einem Strip-Club namens Alcatraz auf der Leoforos Andrea Syngrou schleifen. Fußballer und Stripperinnen. Fußballer und Escorts. Darauf steht die Regenbogenpresse. So was haben Sie noch nicht erlebt.«
Sie lachte und leerte ihr Glas.
»Oder wahrscheinlich doch«, fügte ich hinzu.
»Nein, aber ich kann es mir gut vorstellen.«
»Ja? Mehr nicht, Anna?«
»Okay, ich geb’s ja zu«, erwiderte sie verlegen. »Ich war selbst schon mal im Alcatraz. Ein einziges Mal.«
»Hab ich’s mir doch gedacht. Kannten Sie Bekim Develi gut?«
»Einigermaßen. Armer Kerl.«
»Haben Sie ihn Valentina vorgestellt?«
»Wem?«
»Witzig, genau das hat Hristos Trikoupis auch gefragt. Nein, sagen Sie noch nichts. Sie kennen doch sicher den alten Anwaltsgrundsatz, dass man nur Fragen stellt, auf die man die Antworten schon kennt. Genau so eine Frage war das, Anna. Bloß bin ich kein Anwalt und Sie stehen auch nicht vor Gericht. Niemand wirft Ihnen irgendetwas vor. Aber Sie brauchen wirklich nicht abzustreiten, dass Sie sie kennen.«
»Was soll das alles?«
»Bitte beantworten Sie einfach meine Frage, Anna.«
Sie ließ sich in den Sessel zurücksinken und starrte ausdruckslos auf den Tisch. Sie sah gedankenverloren ihre eigene Visitenkarte an.
»Okay. Aber genaugenommen hat Bekim Develi mich Valentina vorgestellt.«
Ich atmete nicht nur aus dramatischen Gründen tief durch. Endlich erzählte mir mal jemand etwas.
»Aber was heißt das schon? Mir werden dauernd neue Leute vorgestellt.« Sie drückte mir zum zweiten Mal ihre Visitenkarte in die Hand. »Da steht’s doch: ›Internationale Beziehungen‹. Da geht es um mehr als mal eine E-Mail hier und da.«
»Trinken Sie doch noch einen. Sie sehen aus, als könnten Sie es gebrauchen.«
Ich winkte den Kellner heran und bestellte zwei Gläser Champagner.
»Ich will doch bloß meine Mannschaft zurück nach London kriegen. Ich will hier keinem wehtun und niemanden den Job kosten. Sie schon gar nicht. Sie sind ein nettes Mädchen, das weiß ich, aber ich muss wissen, was Sie wissen. Also bringen Sie mich auf den neuesten Stand. Wenn Sie mir alles erzählen, müssen Sie von der ganzen Sache nie wieder etwas hören.«
»Warum wollen Sie das alles wissen?«
»Meinetwegen, wenn’s sein muss: Ich vermute, dass Valentina Bekim das Callgirl vorgestellt hat, das jetzt im Krankenhaus Laiko auf Eis liegt. Mit diesem Mädchen hat Bekim in der Nacht vor seinem Tod in seinem Bungalow im Astir Palace Hotel eine kleine Party gefeiert. Sie ist bis heute nicht identifiziert worden. Und ich nehme an, da könnte Valentina uns helfen.« Ich hielt inne. »Sie können mit mir reden oder mit der Polizei, das ist Ihre Entscheidung. Allerdings sind die nicht so nett wie ich.«
Sie seufzte müde.
»Funktionäre der FIFA und UEFA nehmen in Athen nicht selten die Dienste solcher Frauen in Anspruch, müssen Sie wissen. Ich befolge nur meine Anweisungen. Wie es mir erklärt wurde – und ich sage nicht von wem –, müssen wir uns um unsere VIP-Gäste kümmern, damit sie nicht in Schwierigkeiten geraten. Das heißt, wir halten sie von den Prostituierten am Omonia-Platz fern. Da unten ist es richtig gefährlich. Massenweise Drogensüchtige und Obdachlose und dauernd Polizeieinsätze. In der Odos Sofokleous gibt es über dreihundert Bordelle, und viele der Frauen sind HIV-positiv. Also wurde beschlossen, unsere wichtigeren Gäste aus der Welt des Sports von dort wegzulotsen und sie in Kontakt mit vornehmeren Mädchen zu bringen. Also habe ich eine Dame angeheuert, die alles für mich regelt: Valentina. Sie war die perfekte Besetzung. Immer wenn ein hoher FIFA-Funktionär oder ein Spitzenfußballer in der Stadt ist, setzt sie sich mit ihm in Verbindung. Bei den FIFA-Funktionären bezahlen wir, mit den Fußballern handelt Valentina selbst einen Preis aus. Manchmal kümmert sie sich selbst um den VIP-Gast, aber genauso oft vergibt sie den Job weiter. Also kann es gut sein, dass Valentina Bekim das Mädchen zugeführt hat. Sie mochte ihn, das weiß ich, und normalerweise hat sie ihn selbst getroffen, aber diesmal hatte sie wohl keine Zeit und hat eine andere einspringen lassen. Ich weiß nicht, wer das war. Aber Valentinas richtiger Name ist Swetlana Jaroschinskaja, und sie kommt aus Odessa in der Ukraine. Ich glaube, sie hat Kunst studiert. Sie hat irgendwo in Athen eine Wohnung, ich weiß nicht wo. Ich habe mich immer über Skype mit ihr in Verbindung gesetzt. Da heißt sie SwetJaro99. Aber in der letzten Zeit ist sie nicht mehr online und hat mich auch nicht zurückgerufen. So kenne ich sie gar nicht.«
Der Kellner kam mit dem Champagner. Ich schrieb mir den Skype-Namen auf und ließ ihn von Anna überprüfen.
»War sie – Swetlana – Ihr einziger Kontakt in der Szene?«
»Ja.«
»Ganz sicher?«
Ich zückte mein iPhone und zeigte ihr die Bilder vom Tattoo der Toten, die ich im Krankenhaus aufgenommen hatte.
»Wie sieht es mit dem Tattoo aus? Es ist vielleicht nicht ganz Lisbeth Salanders Drache, aber doch recht markant, oder?«
»Nie gesehen«, erwiderte sie nervös. »Sie lassen doch meinen Namen da raus, ja? Mit der Polizei haben wir es ja alle nicht so. Aber vor allem will ich nicht unbedingt in der Zeitung stehen, schon gar nicht in der Presse zu Hause. Meine Mum lebt heute wieder in Liverpool.«
»FIFA-Funktionären werden kostenlos Luxus-Callgirls zugeschanzt?« Ich schüttelte den Kopf. »Wo soll denn da die Story sein? Davon gehen doch sowieso schon alle aus, würde ich sagen.« Ich wischte auf dem Handy zum nächsten Bild, auf dem das Gesicht der Toten zu sehen war. »Haben Sie die schon mal gesehen? Kein tolles Bild, ich weiß, aber unter den Umständen …«
»Nein, nie gesehen«, erwiderte Anna.
»Schauen Sie sie sich mal in Ruhe an.«
»Kenne ich nicht. Was ist denn mit ihr los? Schläft sie da?«
»Hab ich das nicht gesagt? Sie ist tot. Das ist mit ihr los. Das ist das Mädchen, das aus der Marina Zea gefischt wurde, nachdem sie Bekim Develi gevögelt hatte.«
Anna klappte die Kinnlade runter, und Tränen schossen ihr in die Augen.
Ich trank noch einen Schluck Champagner, stand auf und warf einen Fünfziger vor ihr auf den Tisch.
»Das ist für die Drinks.« Ich blätterte ihr noch einen Zwanziger hin. »Und der ist für Sie, Anna.«
»Drecksack!«
Ich grinste. »Aus Ihnen machen wir schon noch einen richtigen Fußballfan.«