Swetlana war eine gute Köchin und hatte verschiedene griechische Köstlichkeiten vorbereitet.
»Schön, mal wen zum Essen da zu haben«, sagte sie und brachte zwei Teller raus auf die Terrasse, von der aus man einen kleinen Hof sah, der voller Steinblöcke stand. »Wenn ich hier bin, lebe ich normalerweise wie eine Nonne.«
Sie schenkte mir ein Glas kalten Weißwein ein, ging wieder ins Haus und ließ mich eine Weile alleine. Aus irgendeinem Grund dachte ich an Sara Gill und gleichzeitig an Fußball. Natürlich denke ich fast immer an Fußball; und wenn ich an Fußball denke, erinnere ich mich meistens an irgendeinen Spruch von João Zarco. Kaum einer wusste, was für ein origineller Denker er war. Ich konnte ihn fast hören:
»Ich lese gerade etwas über den griechischen Philosophen Zenon. Die Geschichte vom Pfeil im Flug, weißt du?«, hatte er mal angefangen. »Die ist ein Argument gegen Bewegung. Die Zeit setzt sich angeblich ausschließlich aus einzelnen Augenblicken zusammen, sodass in jedem einzelnen Augenblick keine Bewegung stattfindet. Ich habe mich gefragt, ob diese Denkweise sich auf den Fußball übertragen lässt. Ich glaube schon. Im Fußball kann alles in unabhängige Einzelpassagen des Spiels unterteilt werden, genau wie die Bewegung des Pfeils; und jede Spielpassage lässt sich weiter aufteilen in Übergangsmomente, in denen sich das Spiel entscheiden kann: ein Zweikampf, ein schlechter Befreiungsschlag, ein perfekter Pass. Diese Übergangsmomente können Offenbarungen sein, wenn man sie als solche erkennt. Und dann handelt man entsprechend. Und nichts anderes ist die Zukunft.«
Eine Offenbarung hatte ich vielleicht nicht unbedingt, aber ich stand vom Tisch auf und ballte die Faust. Swetlana hatte irgendetwas gesagt – ich war nicht einmal sicher, was genau es war –, das mich darauf gebracht hatte, wer der zweite Angreifer von Sara Gill gewesen war, der sie vergewaltigt und scheinbar tot in den Hafen geworfen hatte.
Als Swetlana wieder nach draußen kam, trug sie eine elegante schwarze Hose mit passendem Longsleeve-Shirt und duftete nach Parfum.
»Du machst aber einen zufriedenen Eindruck«, beobachtete sie.
»Das wäre wohl das erste Mal auf dieser Reise«, sagte ich und setzte mich wieder. »Im Grunde zerbreche ich mir nämlich ständig den Kopf über das, was hätte sein können. Ich glaube, alle Fußballtrainer sind so. Manchmal kommt es mir vor, als hätte ich einen kleinen Kerl im Kopf, der immer sauer auf mich ist.« Ich seufzte. »Armer Bekim. Das hätte seine beste Saison überhaupt werden können.«
Swetlana setzte sich, und wir aßen.
»Du hast ja einen Appetit, bewundernswert!«, sagte ich, als sie sich über einen großen Teller Moussaka hermachte. »Nicht viele Frauen können mit gutem Gewissen so essen.«
Eigentlich waren abgedroschene Komplimente zu ihrer Figur überflüssig – wir wussten beide, dass sie absolut perfekt war –, aber ich wollte mir ihre weitere Kooperation sichern. Swetlana hatte mir zwar schon einiges erzählt, aber ich musste unbedingt alles wissen.
Nach dem Essen zündete sie sich eine Zigarette an, und da es Sonntagabend war – der einzige Abend, an dem ich mir das erlaube –, nahm ich mir auch eine.
»Vielen Dank für das ausgezeichnete Essen«, sagte ich. »Und für deine Rettung vor einem einsamen Abend. Außer der örtlichen Taverne wären mir nur noch Dosenspaghetti geblieben.«
»Dosenspaghetti?«
»Bekims Küchenschränke stehen voll von dem Zeug.«
»Ach ja, klar. Er stand unheimlich auf englisches Essen. Die Letzte, für die ich hier gekocht habe, war wohl Natalija. Die ist vor einem halben Jahr mal für ein paar Tage hergekommen. Da hatte sie eine schlimme Phase, die arme Kleine. Sie hatte Depressionen. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, sie hatte sogar einen Selbstmord versucht, nachdem ihr Freund nach England gezogen war.«
»Das war dann wohl dieser Boutzikos.«
»Nikos Boutzikos. Ja.«
»Wart ihr befreundet? Du und sie?«
»Es war auf jeden Fall mehr als nur Geschäft. Wir waren – sagen wir mal, wir haben einander nahgestanden.«
»Nein, du hast gesagt, du erzählst mir alles, weil die Polizei deinen Namen nicht unbedingt erfahren muss«, sagte ich. »Also bitte: die ganze Geschichte.«
»In Ordnung.« Sie blies Rauch aus beiden Nasenlöchern wie ein Drache vor dem Feuerspucken. »Wenn du es unbedingt wissen musst: Wir sind miteinander ins Bett gegangen. Das war ihre Idee. Sie wollte mich mehr als ich sie, und ich habe es nur getan, weil ich hoffte, dass es ihr guttun würde. Aber dann hat es mir sehr gefallen. Bei ihr bin ich gekommen wie nie zuvor. Das fand ich eigentlich komisch, denn ich hatte kaum Erfahrung mit Frauen.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Dann wusste sie wohl, was sie macht. Sie war ja schließlich Profi, und das war ihr Job. Dreier, Vierer, was weiß ich? Was eben so verlangt wird.«
»Bei dir hört sich das ja widerlich an.«
»Das meine ich gar nicht so. Aber den Eindruck habe ich eben von ihr: Sie war ein Profi. Wie soll ich eine sonst nennen, die dazu bereit war, ihre Kunden mit Drogen kaltzustellen?«
»Blödsinn! So eine war sie nicht.«
»Und was sollen die hier sein? Pfefferminzbonbons?«
Ich tippte auf die Foto-App auf meinem Handy und zeigte ihr Natalijas Rohypnol-Tabletten.
»Die waren in ihrer Handtasche«, erklärte ich.
Swetlana schüttelte den Kopf.
»Das hast du falsch verstanden. Mit denen hat sie keine Kunden außer Gefecht gesetzt. So läuft das Geschäft nicht. Wenigstens nicht auf unserem Niveau. Die Tabletten waren für sie. Das sind Antidepressiva. Die Mädchen vom Omonia-Platz machen so was vielleicht, aber niemals eine wie Natalija. Bei zweitausend Euro für eine zweistündige GFE war sie nicht gerade eine Straßennutte.«
Ich zeigte ihr das nächste Bild. »Und das Ceftriaxon war wahrscheinlich bloß gegen Schnupfen.«
»Unfälle kommen vor. Vorsicht ist besser als Nachsicht.« Sie schaute finster. »Woher weißt du das alles eigentlich? Das mit dem Rohypnol? Du hast doch gesagt, die Polizei hat nichts gefunden.«
»Hat sie auch nicht. Aber ich und mein Fahrer Charlie. Der war mal bei der Polizei. Wir haben ihren Vermieter in Piräus überredet, uns in ihre Wohnung zu lassen. Ihre Tasche habe ich sicherheitshalber mitgenommen und den Inhalt fotografiert, wie du siehst.«
Ich gab Swetlana mein Handy, damit sie sich alle Bilder anschauen konnte.
»Im Moment habe ich die Tasche noch, aber unsere Anwältin meint, früher oder später müssen wir sie der Polizei geben.«
Swetlana hielt inne, als sie das Bild von Natalijas iPhone sah.
»Dann wird die Polizei also doch früher oder später mit mir reden wollen. Auf dem Handy finden die auf jeden Fall meine Nummer und wahrscheinlich auch ein paar Textnachrichten.«
»Nicht unbedingt. Einer meiner Spieler hat früher beruflich Handys geknackt. Er versucht es gerade bei dem von Natalija. Vielleicht kann ich ein, zwei Sachen löschen, bevor ich es übergebe.«
»Ach so.« Swetlana wischte weiter zum nächsten Bild und runzelte die Stirn. »Moment mal.«
»Was denn?«
Sie zeigte mir das Bild von einem von Natalijas vier Epinephrin-Autoinjektoren.
»Die Injektoren. Ich wüsste nicht, dass sie allergisch auf irgendetwas gewesen wäre. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass sie es nicht war. Ich habe für sie gekocht, da hätte sie es mir doch vorher gesagt.«
»Charlie meinte, dafür hatte sie die Teile auch nicht. Er hat gesagt, in Griechenland wäre die Viagra-Versorgung knapp, und mit einem Schuss Adrenalin kriegt ihn jeder hoch.«
»Blödsinn. Kein Viagra der Welt wirkt stärker als eine Fünfundzwanzigjährige wie Natalija.«
Sie zoomte näher an den Injektor heran.
»Und schau dir doch mal die Aufschrift auf der Packung an. Das ist Russisch. Das waren gar nicht ihre. Die Injektoren wurden in Sankt Petersburg verschrieben, und zwar Bekim.«
»Was?«
»Anscheinend hat sie die mitgenommen. Die alle.«
Kurz fragte ich mich, ob Bekim sich vielleicht mit Epinephrin gedopt hatte wie Paddy Kenny damals, der bei Sheffield United mit Ephedrin erwischt wurde. Plötzlich erschien es möglich, dass er seinen Herzinfarkt selbst verursacht hatte.
»Mann, der Idiot«, murmelte ich. »Bekim hat sich die Dinger selber reingejagt.«
»Tja, kann sein, aber nicht so, wie du meinst«, sagte Swetlana. »Bekim war vielleicht alles Mögliche, aber sicher kein Betrüger. Du wusstest doch wohl, dass er eine schwere Allergie hatte?«
»Eine Allergie? Wogegen?«
»Kichererbsen. Er ist nie irgendwo ohne einen von diesen Injektoren hingegangen.«
»Sicher?«
»Klar. Das hat er mir selbst erzählt.«
»Ich habe den medizinischen Bericht vor seinem Transfer gelesen. Da stand nichts von irgendwelchen Allergien.«
»Dann hat er den Arzt wohl angelogen. Oder der Arzt hat die Hand aufgehalten.«
»Das hätte unser Doc nie getan.« Ich schüttelte den Kopf. »Aber Kichererbsen. Das kann doch nicht so schlimm sein.«
»In London vielleicht nicht. Aber hier in Griechenland muss man das ernst nehmen. Hummus ist aus Kichererbsen. Und für Currygerichte nimmt man die auch.«
»Mann. Das erklärt die ganzen Dosenspaghetti.«
Swetlana nickte. »Seit ich Bekim kenne, passt er mit seinem Essen unheimlich auf. Vor allem in Griechenland.«
»Kein Wunder, dass er Zoi nicht hat für sich kochen lassen.«
»Wenn er Kichererbsen gegessen hätte, hätte er einen anaphylaktischen Schock erlitten.«
»Und ohne seinen Injektor kann der tödlich ausgehen.«
Sie nickte.
»Aber sein voriger Verein Dynamo Sankt Petersburg wusste doch wohl davon, oder?« Ich fragte nicht sie, sondern mich selbst.
»Und hätten sie es erwähnt …« Das ließ sie ein paar Sekunden in der Luft hängen, bevor sie aussprach, was ich auch schon dachte. »Dann hätte das doch Einfluss auf die Ablösesumme gehabt, oder?«
»Das hätte den ganzen Transfer infrage gestellt«, erwiderte ich.
»Mit Russen kenne ich mich besser aus als mit Fußball«, sagte Swetlana. »Von so einer Kleinigkeit wie einer Offenlegung medizinischer Informationen lassen die sich nicht den großen Zahltag vermiesen. Nicht nur sein alter Verein, sondern Bekim selbst auch. Er war ganz begeistert davon, für einen großen Londoner Verein spielen zu können. Russen lieben London.«
»Also haben die sich abgesprochen. Er und Dynamo«, sagte ich.
»Warum nicht?«, erwiderte Swetlana. »Euer eigener Arzt hat ihn wahrscheinlich nur gefragt: ›Bist du auf irgendetwas allergisch?‹ Darauf musste er einfach nur mit ›Nein‹ antworten.«
Ich zog ein letztes Mal an der Zigarette und drückte sie aus; das brachte mir lebhafte Erinnerungen an den Knast zurück, wo eine einzige Fluppe so gut schmecken kann wie ein ganzes Menü in einem Nobel-Restaurant. »Die Frage lautet also, was Bekims Injektoren in Natalijas Handtasche zu suchen haben«, sagte ich.
Swetlana antwortete nicht. Sie zündete sich eine zweite Zigarette an. Ich nahm mir auch noch eine. Wir mussten über eine Menge nachdenken, und nichts davon war angenehm.
»Das ist ernst, oder?«, sagte sie nach einer Weile.
»Sieht leider so aus. Wenn Natalija ihm die Injektoren abgenommen hat, muss sie jemand dafür bezahlt haben.«
»Wer?«
»Keine Ahnung. Aber vor achtundvierzig Stunden hat mich so ein Kerl von der englischen Glücksspielbehörde gefragt, ob Bekim womöglich sabotiert worden sein könnte. Das habe ich zwar erst ausgeschlossen, aber so langsam sieht es doch danach aus.«
»Sabotiert?«
»Manipuliert. Behindert. Vergiftet wie ein Rennpferd.«
Ich erinnerte mich an unser spätes Mittagessen im Hotel, das unsere eigenen Köche nach den Richtlinien unseres Ernährungsberaters Denis Abajew zubereitet hatten: Grillhähnchen mit reichlich grünem Gemüse und Süßkartoffeln und zum Nachtisch gebackener Apfel mit griechischem Joghurt. Kein Grund zur Sorge. Auch nicht für jemanden mit Kichererbsenallergie. Außer, jemand hatte Bekim absichtlich Kichererbsen untergemischt.
»Er muss vor dem Spiel irgendetwas mit Kichererbsen gegessen haben«, sagte ich. »Es gibt keine andere Erklärung.«
»Okay, mal sehen. Wie lange vor dem Spiel war das Essen?«
»Drei, vier Stunden.«
»Das kann es nicht gewesen sein. So eine allergische Reaktion kommt quasi sofort. Er hätte einen anaphylaktischen Schock gehabt, sobald er das Falsche gegessen hatte. Im Flugzeug gibt es oft keine Nüsse, weil sie Angst haben, dass ein Allergiker auch nur ein winziges Stückchen aus Versehen einatmet.«
»Ja, stimmt. Für einen Allergiker kann eine Nuss oder Kichererbse so gefährlich sein wie der Schierlingsbecher.«
»Und überhaupt, warum sollte jemand so etwas tun?«, fragte sie.
»Ganz einfach. Am Abend, als Bekim gestorben ist, hat in Russland jemand eine bedeutende Wette auf unser Spiel abgeschlossen. Heutzutage wetten die Leute auf alles Mögliche: was in den ersten zehn Minuten passiert, den Zeitpunkt der ersten Ecke, den nächsten Torschützen, den ersten Spieler, der vom Feld geht – alles. Das heißt, jemand von Olympiakos oder jemand aus Russland muss Bekim irgendwie sabotiert haben. Ein Zehn-Minuten-Ereignis, dass Bekim ein Tor schießt und dann den Platz verlässt oder so ähnlich. Das muss es gewesen sein.«
»Sabotiert. Ja, verstehe.«
Ich schaute auf mein iPhone, hatte aber noch immer kein Netz. »Scheiße, ich muss jetzt unbedingt ein paar Leute anrufen.«
»Geht nicht«, sagte sie. »Nicht hier oben. Ich kann dich aber nach Naoussa fahren. Im Hotel Aliprantis gibt es Netz. Und ein Freund von mir lässt uns da auch ins Internet, wenn du es brauchst.«
»Ja, auf jeden Fall. Swetlana, wenn ich recht habe, wurde nicht nur Natalija umgebracht, sondern auch Bekim.«