»Und, worüber habt ihr geredet?«, fragte Louise. Sie trug ein schwarzes Negligé, mit dem sie wie eine Sexgöttin aussah, lag auf einen Ellenbogen aufgestützt und beobachtete mein Gesicht. »Wenn nur noch Phil und Vik da waren, wahrscheinlich nicht nur über Fußball, oder?«
Ich legte den Kopf aufs Kissen.
»Er hat dich doch wohl nicht rausgeworfen?«
»Nein. Es ist aber fast so schlimm.«
Ich erklärte, dass Kojo jetzt der Technische Direktor des Vereins war.
»Was heißt das?«
»Zum einen wohl, dass wir bald deutlich mehr afrikanische Spieler in der Mannschaft haben werden. Aber wahrscheinlich heißt es auch, dass Vik von nun an alle fußballerischen Entscheidungen selbst treffen will. Er meint wohl, im Gegensatz zu mir tut Kojo brav, was er ihm sagt. Wenigstens wenn es um den Ein- und Verkauf von Spielern geht.«
»Da hat er wahrscheinlich sogar recht.«
»Was soll das denn heißen?«
»Ach komm schon, Scott. Du warst gegen den Verkauf von Christoph Bündchen und gegen den Einkauf von Prometheus. Damals hattest du nicht mal Bekim haben wollen. Wahrscheinlich gab es noch jemanden, von dem ich nichts weiß, den Vik kaufen oder verkaufen wollte, und du hast die Idee in der Luft zerrissen und ihn dumm dastehen lassen. Das kannst du manchmal ziemlich gut.«
Ich dachte kurz nach. »Ich wollte Ken Okri nicht an Sunderland verkaufen. Und John Ayensu nicht verlieren.«
»Da haben wir’s. Du darfst nicht vergessen, dass es um Viks Geld geht, Scott. London City ist sein Spielzeug und nicht deins. Genau wie seine blöde Yacht.«
»Warum ist die denn blöd?«, fragte ich, obwohl ich wusste, dass sie recht hatte; die Yacht war wirklich blöd.
»Wenn man möglichst schnell horrende Summen Geld verbrennen will, gibt es nichts Besseres als eine Superyacht. Außer vielleicht einen Fußballverein in der Premier League. Der ist wahrscheinlich der größte weiße Elefant, den man sich als Milliardär leisten kann. Oder eher ein weißes Mammut.«
»Ich weiß nicht. Die Gesetze der Wirtschaft funktionieren im Fußball ein bisschen anders. Wahrscheinlich hätte Maynard Keynes da ein eigenes Kapitel schreiben müssen. Bei großen Vereinen bedeuten Gewinn und Verlust nicht immer das, was man sonst darunter versteht.«
»Kann sein. Du wärst aber nicht der erste Trainer, der nicht einfach kaufen und verkaufen kann, wen er will. Mourinho hat doch bei Chelsea mit Abramowitsch ganz ähnliche Probleme. Wie man so hört, hat nicht ManU gesagt, dass er Rooney nicht haben konnte, sondern der Russe.«
»Du weißt ja auf einmal richtig gut Bescheid.«
»Wenn du einen Spieler nicht ausgesucht hast, kannst du auch nicht dafür verantwortlich gemacht werden, wenn er nicht trifft. Mourinho hatte Fernando Torres nicht gekauft, also konnte es ihm keiner vorwerfen, wenn Torres keine Kisten gemacht hat. Denk doch mal drüber nach, so können dich die Zeitungen nicht fertigmachen.«
»Kann sein.«
»Klar. Jetzt kannst du dich darauf konzentrieren, was auf dem Platz passiert. Deinen eigentlichen Job machen. Und meinen natürlich.«
»Wahrscheinlich hast du recht.«
»Wie machst du dich in meinem Job eigentlich?«
»Der geborene Ermittler bin ich schon mal nicht.«
»Das ist doch keiner. Wenigstens nicht so wie im Fernsehen. Spuren nachgehen, Beweise sichern; das braucht seine Zeit.«
»Eigentlich habe ich schon eine ganze Menge herausgefunden, Louise. Aber wie du schon gesagt hast, es gibt wirklich etwas, was ich lieber nicht wissen würde.« Ich erzählte ihr alles, was ich erfahren hatte. »Jetzt muss ich nur noch alle Puzzleteile zusammensetzen.«
»Das hört sich nach einem sehr produktiven langen Wochenende an. Die meisten Polizisten ruhen am siebten Tag. Selbst die, die im Dienst sind. Aber du hast den Fall anscheinend schon so gut wie gelöst. Nicht schlecht.«
»Vieles weiß ich aber immer noch nicht«, sagte ich.
»Gewöhn dich dran«, sagte sie. »Selbst wenn es ein Fall vor Gericht schafft, weiß man noch nicht alles. Eigentlich nie. Man muss nur so viel wissen, dass es mit der Verurteilung klappt. Wenn wir einen in den Knast schicken, wissen wir meistens nur die halbe Geschichte.«
»Das kannst du laut sagen«, erwiderte ich.
Louise verzog verlegen das Gesicht.
»Jetzt lautet die Frage doch wohl: Hat Natalija sich wirklich umgebracht, oder wurde sie von jemandem gezwungen, die E-Mail zu schreiben? Es kommt mir schon ein bisschen extrem vor, dass man sich ein Gewicht an die Füße kettet und ins Hafenbecken springt, weil man sich Vorwürfe macht, dass man für den Tod eines anderen mitverantwortlich ist.«
»Selbstmord ist sui generis extrem«, sagte sie.
»Wenn ich wüsste, was das heißt, könnte ich dir vielleicht zustimmen.«
»In seinen Charakteristika einzigartig. Außerdem hast du doch gesagt, dass Natalija zu Depressionen neigte. Und ihre Hände waren nicht gefesselt. Und sie hat ihm die Injektoren geklaut. Sie hat ihn verraten. Also hatte sie Schuldgefühle. Das hört sich für mich nicht ganz so unplausibel an. Aber traurig. Für mich lautet die wichtigste Frage daher eher: Wer hat sie zu dem Diebstahl angestiftet? Und bevor du dich mit dem griechischen Polizisten triffst, solltest du dir die E-Mail richtig übersetzen lassen. Wenn du dich da nur auf Vik verlässt, machst du den Bock zum Gärtner.«
»Bloß weil sie beide Ukrainer sind?«
Louise zuckte mit den Schultern. »Zum Beispiel. Außerdem ist er der Szene ja selbst nicht ganz fremd. Die Mädchen hier an Bord heute Abend waren auch nicht vom Roten Kreuz. Meinst du nicht, dass er zumindest ein klein bisschen verdächtig ist?«
»Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich von ihm halten soll. Ich weiß nur, dass ich nie wieder versuche, einen Fall zu lösen, während ich eigentlich eine Mannschaft trainieren müsste. Dankbarkeit schlägt mir deshalb ja nicht gerade entgegen. Es tun ja fast alle so, als hätte ich die ganze Scheiße persönlich zu verantworten.«
»Wie gesagt: Gewöhn dich dran. Wenn man als Polizist seinen Job macht, ist oft die einzige Belohnung, dass man selbst behandelt wird wie ein Verbrecher. Denk doch nur mal dran, wie die Hillsborough-Katastrophe in den Zeitungen dargestellt wurde; da kommt es einem doch vor, als hätten die anwesenden Polizisten die ganzen armen Fans höchstpersönlich umgebracht. Klar haben die sich blöd angestellt, sie haben sogar richtig große Scheiße gebaut. Aber Mörder sind sie deswegen nicht.«
»Meinst du, ich könnte für meine Arbeit hier in den Knast wandern?«
»Für solche Zweifel ist es jetzt ein bisschen spät, Schatz.« Sie zuckte mit den Schultern. »Durchführen einer illegalen Durchsuchung, Bestechung von Zeugen, Unterschlagung von Beweismaterial – das sind keine Kavaliersdelikte, Scott. Die könnten sogar argumentieren, dass deine Handlungen ihre eigenen Ermittlungen behindert haben. Und da hätten sie vielleicht sogar recht.«
»Mann. Kannst du mir da irgendwie helfen, Louise? Du bist doch Polizistin. Was soll ich dem griechischen Ermittler denn erzählen?«
»Du meinst, was sollst du machen, damit er sich nicht wie der letzte Depp vorkommt?«
»Genau.«
»Ich würde sagen, weniger: ›Ich fand, ihr seid die letzten Trottel, also wollte ich euch mal ein bisschen unter die Arme greifen‹, und mehr: ›Tut mir leid, ich bin da über ein paar Informationen gestolpert, die vielleicht für Ihre Ermittlung relevant sein könnten, also wollte ich sie Ihnen so schnell wie möglich mitteilen.‹ So in der Art. Du hast doch eine griechische Anwältin, nimm die doch mit. Lass sie das Ganze auf Griechisch aufsagen.«
»Nein, das wäre bestimmt nicht so gut. Sie mag die Polizei nicht besonders.«
»Die mag doch keiner. Schon vergessen?«
»Nein, aber sie ist immerhin Anwältin. Die sollten doch auf der gleichen Seite sein.«
»Das ist leider nur in fünfzig Prozent der Fälle so.«
»Mein Hauptproblem ist folgendes: Ich weiß wirklich nicht, wie ich Chefinspektor Varouxis erklären soll, dass Natalija sich umgebracht hat, ohne gleichzeitig zu erwähnen, dass Bekim wahrscheinlich ermordet wurde. Wenn Bekim ermordet wurde, lässt er die Mannschaft doch genauso festhalten wie vorher. Dann habe ich ihm nur eine neue Erklärung für das Ganze geliefert, die uns aber langfristig überhaupt nicht weiterhilft. Dann kriegen wir es eben in den Mund statt in den Arsch. Gefickt sind wir so oder so.«
»Du und dein Juristenlatein. Aber okay.« Sie dachte kurz nach. »Ich kann auch mitkommen, wenn du willst. Mein Griechisch ist zwar nicht so toll, aber ich kann ihm meinen Dienstausweis vor die Nase halten. Mit ihm von Profi zu Profi reden. Und wenn er dich allzu hart rannimmt, kann ich ihm immer noch anbieten, ihm einen zu blasen.«
»Das könnte klappen.«
»Der ist Grieche. Natürlich klappt das. Die haben Arschficken und Schwanzlutschen erfunden.«
»Guter Plan.«
Ich gähnte, und sie lehnte sich über mich und ließ mir eine Brust in den Mund fallen, sodass ich eine Weile am Nippel nuckeln konnte. Ich hatte ganz vergessen, wie einen das in solchen Stresssituationen beruhigen kann.
»Einen guten Rat habe ich noch«, sagte sie. »Unter uns Ermittlern: Bei mir funktioniert das immer, wenn ich an einem Fall arbeite. Schlaf dich aus. Am Morgen sieht alles schon viel klarer aus.«