KAPITEL 19

Wir setzten das Spiel des Vorabends mit dreiundachtzig verbleibenden Minuten fort. Es ging gut los. Wie hätte es auch anders sein können? Wir führten ja schon mit einem Tor. Sogar mit einem Auswärtstor, besser geht es in der orwellschen Welt der UEFA gar nicht, in der manche Tore gleicher sind als andere. Unsere Spieler wollten unbedingt gewinnen – für Bekim. Die Sportseite jeder englischen Zeitung feuerte uns an, und mit Ausnahme der Kassandra-Stimme des weisen Henry Winter vom Daily Telegraph sagten alle einen eindeutigen Sieg für London City voraus.

Dummerweise hatte niemand Olympiakos das Skript gezeigt, nach dem diese Rachetragödie ablaufen sollte.

Unsere Spieler traten aufs Feld, und fast unmittelbar danach brach unser Abend auseinander wie die aus dem Parthenon gerissenen Skulpturen der Elgin Marbles, die im British Museum ausgestellt werden. Es war, als wäre unser Untergang mit dem Verlust unseres Hektors besiegelt worden. Wir waren unsicher in der Verteidigung, ratlos im Mittelfeld und kraftlos im Sturm. Schuermans und Hemingway wurden beide von dem zweiunddreißigjährigen Argentinier Alejandro Domínguez schwindlig gespielt, der damit bewies, dass seine Mannschaft den gerade für 12,5 Millionen Pfund an Fulham verkauften Mittelstürmer Kostas Mitroglou gar nicht brauchte, um Tore zu schießen. Domínguez glich eine Viertelstunde vor Abpfiff der ersten Halbzeit aus, nachdem ihm Olympiakos’ Kapitän, der Mittelfeldspieler Giannis Maniatis, einen fantastischen Pass zugespielt hatte, der Jesus’ Gleichnis vom Kamel und vom Nadelöhr Lügen strafte – denn er schaffte es locker. Die eine Frage war, warum unsere Mittelfeldspieler die Lücke nicht schlossen, die andere, warum unsere lahmen Verteidiger Domínguez den Raum ließen, einen Schuss abzufeuern, den Kenny Traynor mit Leichtigkeit hätte halten müssen. Doch unser Keeper sah nichts, wurde auf dem falschen Fuß erwischt und hechtete in die eine Ecke, während Domínguez das Leder in die andere schob. Der Ball rollte fast trickfilmhaft langsam über die Linie – Jerry, die Maus, hätte ihn wohl halten können. Traynor prügelte auf den Boden ein und brüllte übers Feld, als wollte er die Götter der Unterwelt für das Tor verantwortlich machen.

Die Legende zündete hinter Traynors Tor mehrere rote Bengalos, die die höllische Darbietung des Schotten angemessen untermalten und die Stadionluft nach Schwefel stinken ließen.

»Scheiße, Mann!«, rief Simon. »Ich hab ja schon ’ne Menge dämliche Verteidiger gesehen, aber die beiden Flachpfeifen schießen den Vogel ab. Wie die auf Domínguez zugerannt sind, hätte man meinen können, die wollen ihn in die Zange nehmen wie beim Rugby. Willst du sie anbrüllen, oder soll ich? Ich könnt kotzen, so sauer bin ich, Boss!«

»Tu dir keinen Zwang an.«

Simon spuckte sein extrastarkes Minzbonbon aus wie einen losen Zahn, marschierte an den Rand der Coachingzone, gestikulierte wie wild in Richtung unserer Abwehrreihe und ließ eine Schimpftirade los, dass ich ganz froh über den Lärm der griechischen Fans war. Ich hörte nur »dumme Wichser«, und wenn man ganz ehrlich war, ist damit doch schon alles gesagt. Ich war mir nicht sicher, ob die FIFA diesen Einsatz Simons bei der Regeländerung zur Einführung der Coachingzone 1993 als »Element des Sports« vorhergesehen hatte, aber ich bezweifelte, dass so etwas wirklich die »Qualität des Spiels« steigerte. Natürlich habe ich mir selbst auch schon manchmal ähnliche Ausfälligkeiten zuschulden kommen lassen; ein paarmal wurde ich sogar auf die Tribüne geschickt – für »aggressives Coaching«, wie es der Schiedsrichterbund nannte.

Mittlerweile war unser gesamter Torraum im roten Rauch der griechischen Bengalos verschwunden, was unserem Keeper etwas Privatsphäre bot. Der Schiedsrichter wartete klugerweise eine ganze Minute, bevor er das Spiel wieder anpfiff.

»Simon«, rief ich, »komm wieder zurück, sonst kriegst du noch ’nen Herzkasper!«

Er hörte mich nicht. Mit hochrotem Kopf brüllte und gestikulierte der große Mann aus Yorkshire weiter herum wie ein wahnsinniger Dirigent vor einem Orchester aus tauben Musikern, als mir plötzlich klar wurde, dass das mit dem Herzinfarkt gar nicht so unwahrscheinlich war. Bekim war schließlich auch so etwas passiert. Als das Spiel wieder lief, stand ich also von der Bank auf und holte Simon zurück. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Hristos Trikoupis sich beim Vierten Offiziellen beschwerte, ich hätte seine Coachingzone betreten, was natürlich nicht stimmte, aber in dem Moment hatte ich wichtigere Sorgen.

»Lass gut sein, Simon«, sagte ich. »Die können dich doch gar nicht sehen bei dem ganzen Rauch.«

Er wollte mir gerade zur Bank zurück folgen, als ein hoher Ball auf unsere Seite gespielt wurde und direkt vor unserer Nase Daryl Hemingway und Diamantopoulou sich ein Luftduell darum lieferten. Der Grieche stützte sich wie ein Turner auf unserem Mann auf, aber keiner der beiden erreichte den Ball. In dem Gerangel fiel der Grieche plötzlich zu Boden und hielt sich das Gesicht, als hätte Daryl ihn niedergestreckt. Für mich und Simon – und garantiert auch für den Linienrichter direkt neben uns – war es ganz eindeutig, dass Daryls ausholender Arm höchstens Diamantopoulous mädchenhaften Haarknoten gestreift hatte. Aber als der Grieche sich auf dem Boden wälzte, als hätte ihm jemand einen glühenden Schürhaken ins Auge gerammt, sahen wir zu unserem Entsetzen, wie der Schiedsrichterassistent die Fahne hob und Merlini auf Daryl zustapfte und schon nach der Karte in seiner Brusttasche griff.

Gelb wäre schon schlimm genug gewesen, aber Rot war ein Skandal. Daryl Hemingway konnte es gar nicht fassen. Und Simon und ich genauso wenig. Ich weiß nicht, wie wir es in dem Moment schafften, uns einen Kommentar zu verkneifen. Ich legte Daryl die Hand auf die Schulter und ging mit ihm zur Bank, nachdem ich unsere Aufstellung von 4–3-3 zu 4–4-1 geändert hatte. Wenn wir den Riegel vorschoben, konnten wir vielleicht das Unentschieden halten und darauf zu Hause in London aufbauen.

»Ich hab ihn echt nicht berührt, ehrlich, Boss.«

»Ich hab alles gesehen, Daryl. Du kannst nichts dafür. Einer von den Dreckskerlen ist gekauft worden, eine andere Möglichkeit gibt es nicht.«

Als ich mich wieder dem Spielfeld zuwandte, stand Diamantopoulou ohne jeden Kratzer im Gesicht auf, woraufhin Simon, der immer noch am Rand der Coachingzone stand, schnaufte: »Du verlogene Drecksau! Der hat dich nicht angerührt. Unsportlicher geht’s wohl nicht mehr! Du bist nichts als ein Mädchen, Kleiner. Nichts als ein verdammtes Mädchen!«

Diamantopoulou war ein Schrank mit mehr Tattoos als ein schottisches Regiment, und man sah, wie sich ihm bei Simons Beschimpfungen die Nackenhaare aufstellten.

»Du nennst mich ein Mädchen?«

»Tja, ein Mann bist du auf jeden Fall nicht!«

»Fick dich.«

»Nein, aber ich fick dich, wenn du willst, Süße. Sonst bist du doch zu nichts gut, du griechischer malakas

»Dir bring ich Manieren bei, du Fettsack«, brüllte Diamantopoulou und stapfte auf Simon zu, wurde aber von zwei anderen Olympiakos-Spielern und vom Vierten Offiziellen abgefangen, der sich vor den Griechen stellte.

»Versuch’s ruhig, malakas, ich warte!«

Wie zu erwarten war, wurde Simon in die Umkleide geschickt. Unter anderen Umständen hätte er wahrscheinlich von der Tribüne zuschauen dürfen, aber die Offiziellen glaubten wohl nicht, dass Simon dort sicher gewesen wäre, was natürlich Sinn ergab. Da oben wäre er Freiwild gewesen.

Mit nur noch zehn Mann fiel es uns schwer, die Griechen unter Kontrolle zu behalten, vor allem Pérez auf der linken Seite. Aber wir schlugen uns tapfer: Gary Ferguson rettete uns ein ums andere Mal, und Kenny Traynor zeigte drei absolute Glanzparaden, aber in unserem doppelt demoralisierten Zustand konnten wir das auf Dauer nicht durchhalten.

Kurz nach Anfang der zweiten Halbzeit spielte Pérez Jimmy Ribbans aus und schlenzte den Ball mit links ins Netz – 2:1. Zehn Minuten danach verlor Schuermans einen Zweikampf gegen Pérez, der dadurch mehr Platz vorfand, als er je gebraucht hätte, voll abzog und gleich noch mal verwandelte.

Unser Abend lag in Ruinen wie die Akropolis, als in der neunundsiebzigsten Minute für Machado Domínguez eingewechselt wurde, der nach tausend schnellen Pässen einnetzte, weil die anderen einfach mehr Füße auf dem Platz hatten als wir. Damit lautete der Endstand 4:1.

Ich ging Hristos Trikoupis die Hand schütteln und war ernsthaft schockiert, als er mich angrinste und vier Finger hochhielt. Unter normalen Umständen hätte ich ihm wohl deutlich die Meinung gesagt, aber diesmal wandte ich mich einfach ab und applaudierte meine Spieler vom Platz. Die brauchten gerade keinen Anschiss mehr.

»Los, Jungs, geht euch umziehen. Das Flugzeug wartet, je schneller wir aus diesem Irrenhaus rauskommen, desto besser.«

Ich freute mich ganz und gar nicht auf das Fernsehinterview direkt nach dem Spiel, zu dem ich mich bereit erklärt hatte. Ich würde den Reportern ganz bestimmt nicht auf die Nasen binden, was ich wirklich dachte: Der Abend hatte durch Verschlagenheit, Betrug und Chaos zur Niederlage geführt. Das konnte noch so wahr sein, gut ankommen würde es nicht. Stattdessen wollte ich heute den Italiener geben; italienische Trainer lassen sich nie etwas anmerken, dafür haben sie sogar ein Sprichwort. Bisogna fare buon viso a cattivo gioco: »Man muss gute Miene zum bösen Spiel machen.«

Es ist natürlich nicht allzu schwer, für die Fernsehfuzzis von ITV ein freundliches Gesicht aufzusetzen. Wenn im Spielertunnel aber die verdammten Bullen auf einen warten, ist das schon um einiges schwieriger.

Die Hand Gottes
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