Ich hatte viel zu viel gegessen und war froh, draußen zu sein.
Es war ein schöner, warmer Nachmittag, und ich spazierte mit Phil über die Champs-Élysées. Er wollte bei Louis Vuitton eine Tasche für seine Frau kaufen, oder vielleicht auch für seine Freundin. Das wusste man bei Phil nie, er war so glatt wie das Hermès-Seidentaschentuch in seiner Anzugtasche.
»Kojo ist natürlich ein absoluter Ganove«, sagte Phil. »Aber er hat nun mal recht. Wir können es uns nicht leisten, keine Mehrheitsbeteiligung an seiner Akademie zu kaufen.«
»Ich dachte, er will nur so viel verkaufen, dass Vik sein ebenbürtiger Partner ist.«
»Kann sein, aber solche Geschäfte macht Vik nicht. Vik ist gern der Besitzer.«
»Hab ich gemerkt.«
»Und er hat gern die volle Kontrolle.«
Darauf ging ich nicht ein. Langsam wurde mir klar, was das genau bedeutete.
»Mit Christoph hat Kojo übrigens auch recht«, sagte Phil. »Den werden wir bis Ende August verkaufen müssen, Scott. Nur so bekommen wir diesen dummen Streit zwischen Bekim und Prometheus in den Griff.«
»Ihn verkaufen? Soll das ein Witz sein, Phil? Der Junge ist ein zukünftiger Star.«
»Wir wissen beide, dass Bekim in dieser Angelegenheit nur deshalb so stur ist, weil er weiß, dass Christoph schwul ist. Und das kann ich auch gut verstehen. Es ist sehr anständig von ihm, dass er sich für seinen jungen Teamkameraden starkmacht. Ganz toll. Bewundernswert. Nur nicht praktisch. Wir müssen um jeden Preis dafür sorgen, dass Bekim und Prometheus sich vertragen.«
»Warum verkaufen wir nicht einfach Prometheus? Der hat doch den ganzen Ärger angefangen. Der ist ein verdammter Egomane. Wenn’s nicht mehr die Schwulen sind, macht er uns eben mit etwas anderem Probleme, darauf kannst du dich verlassen. Du hast doch selber gesagt, er geht dir auf den Sack. Der ganze Mist mit dem Auto – das ist doch erst der Anfang. Bei Prometheus müssen wir auf alles gefasst sein. Neben dem sieht Mario Balotelli aus wie der Vorsänger vom Wiener Knabenchor. Vik hätte ihn nie kaufen dürfen.«
»Ich wäre ja selbst froh, wenn ich ihn nie wieder sehen müsste. Wir können ihn aber nicht verkaufen. Das lässt Vik nicht zu. Und so kurz, nachdem wir ihn gekauft haben, würden alle misstrauisch werden. Da würden wir vielleicht nicht mal die Hälfte von dem kriegen, was er wert ist. Bei Christoph sieht das ganz anders aus. Nach seinen Toren für uns und für Deutschland könnten wir bei einem Verkauf einen soliden Gewinn einfahren. Letzten Sommer haben wir dem FC Augsburg gerade mal vier Millionen Pfund für ihn bezahlt. Wenn alles klappt, und bevor das mit seiner Homosexualität herauskommt, kriegen wir bestimmt zwanzig Millionen für ihn. Vielleicht mehr. Nach der Sache in der Umkleide kannst du ihn sicher schnell überzeugen, einem Transfer zuzustimmen. Das ist gut für ihn und gut für uns. Da passt doch eigentlich alles zusammen. Und vielleicht hilft es uns sogar, die Financial-Fair-Play-Richtlinien der UEFA einzuhalten.«
»Ich hatte angenommen, dass Viks Buchhalter da schon noch irgendwelche Schlupflöcher finden. Das hat doch bei allen anderen Vereinen auch geklappt.«
»Bis wir unsere Einnahmen durch Sponsoren maximiert haben, müssen wir über die nächsten zwei Jahre einen Gewinn von zehn Millionen Pfund einfahren, wenn wir die Richtwerte erreichen wollen. Anders gesagt dürfen wir den Richtlinien zufolge über die nächsten drei Saisons siebenunddreißig Millionen Verlust machen.«
»Wir hätten doch gar keinen Stürmer mehr gebraucht, wir hatten doch schon Ayrton und Christoph. Wenn wir auf Prometheus verzichtet hätten, wäre das doch auch gut für die Finanzen gewesen.«
»Könnte man meinen. Aber wegen Viks Abmachungen mit Kojo hat uns Prometheus nichts gekostet.«
»Was für Abmachungen? Entweder wir haben ihn gekauft oder nicht.«
»Ja und nein. Offiziell haben wir, inoffiziell nicht. Man könnte sagen, wir haben ihn in Kommission. Ausgeliehen.«
»Das hört sich verdammt nach so einer Dritteigentümer-Vereinbarung an, die 2008 in der Premier League verboten wurde.«
»Ein Verbot gibt es zwar, aber das ist nicht durchsetzbar. Solche Verträge sind in Europa und Südamerika an der Tagesordnung. Und deshalb kann ein guter Buchhalter sie auch recht einfach schönrechnen, sogar ein englischer. Auf dem Papier hat Prometheus uns zweiundzwanzig Millionen Pfund gekostet, von denen Kojo elf bekommen hätte. Aber Kojo hat Vik schon zehn Millionen geschuldet, also bekam er nur noch eine. Und weil der Restbetrag der Transfersumme leistungsabhängig ist, muss Vik Prometheus nur noch hunderttausend die Woche bezahlen, wovon Kojo fünfzig Prozent einsackt. Und eigentlich zahlen wir dem Jungen noch weniger, weil ein Viertel von Kojos Anteil ja direkt wieder bei Vik landet.« Phil zuckte mit den Schultern. »Prometheus kostet uns also so gut wie gar nichts. Im Detail ist das Ganze natürlich noch ein bisschen komplizierter, aber grob gesagt läuft es so ab. Vik hat Prometheus also vor allem deshalb gekauft, weil er ihn für einen Spottpreis bekommen hat.«
»Deshalb hat er also bei uns unterschrieben und nicht bei Barcelona.«
»Genau.«
Ich musste schlucken. Mit jedem Tag wurde die Versuchung stärker, Vik und Phil einfach zu sagen, dass sie mich mal konnten. Ich hatte Bastian Höhlings Worte noch ganz genau im Ohr: »Wenn unser lieber Scott hier in ein, zwei Jahren von seinem derzeitigen Chef gefeuert wird, heuert er als Trainer bei einem deutschen Verein an.« Vielleicht würde ich nicht mal so lange brauchen.
»Was hast du denn?«, fragte Phil. »Geht’s dir nicht gut?«
»The beautiful game«, knurrte ich. »Was für ein Witz. Außer den Spielfeldmarkierungen gibt’s da doch nur noch krumme Dinger. Langsam läuft’s hier ab wie beim Kricket in Pakistan.«
»Fußball ist ein Geschäft wie jedes andere, Scott, vor allem abseits des Spielfelds. Auf der Vorstandsebene ist daran gar nichts mehr schön.« Er schüttelte den Kopf. »Ein Spiel ist es, klar, aber ein Nullsummenspiel mit Käufern und Verkäufern, Angebot und Nachfrage, Gewinnen und Verlusten.«
»Sag das bloß nicht den Fans«, erwiderte ich. »Ich kann dir diese ganze aalglatte Scheiße ja noch vergeben, Phil. Die Fans sind da aber nicht so nachsichtig.«