KAPITEL 25

Als ich wieder im Hotel Grande Bretagne war, aß ich allein im Restaurant Winter Garden neben Alexander’s Bar ein leichtes Abendessen und überlegte mir meinen nächsten Schritt. Anrufe und Textnachrichten bekam ich nur von Journalisten und einer Frau namens Anna Loverdos vom griechischen Fußballbund, die mir ihre Hilfe anbot. Außerdem meldeten sich ein paar Trainer mit Beileidsbekundungen in dieser schweren Zeit für unseren Verein, eine davon kam sogar von José Mourinho, was eigentlich überhaupt nicht zu ihm passte.

Ich beobachtete einen Typen, der in der Bar genau an dem Tisch mit einer Frau sprach, an dem ich Valentina kennengelernt hatte, und nach einer Weile sah ich, dass sie von dem gleichen Barkeeper bedient wurden wie wir damals. Ich setzte mein Essen auf die Rechnung von Viks Suite und machte es mir an der Bar unter den skeptischen Augen von Alexander dem Großen bequem, der sich mit Mord selbst ganz gut auskannte, hatte er doch mehr oder weniger seinen Vater auf dem Gewissen.

Der Typ mit der Frau an meinem alten Tisch gab sich alle Mühe, überzeugend rüberzukommen; er war Australier, die sockenlose Möchtegern-Lässigkeit mit Dauerdreitagebart in Person. Er war keine 1,70 groß und gab sich so entspannt, wie er konnte, erzielte dabei aber kaum die gewünschte Wirkung. Kleine Kerle wuseln immer herum wie Terrier, um ihre Größe zu kompensieren; das ist okay, wenn man Messi oder Maradona ist, aber für die meisten Männer stellt das ein echtes Problem dar. Vor allem, wenn sie es mit einer so großen Frau wie dieser hier zu tun haben; sie sah aus wie der feuchte Traum eines trojanischen Prinzen: endlose Beine, volles, schwarzes Haar und Lippenbögen, die selbst für Amor zu groß gewesen wären, mir aber genau richtig vorkamen.

Der Barkeeper kam zu mir, und ich bestellte einen Macallan 1973. Die dreihundertzehn Euro pro Glas sicherten mir seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Und die war mir gerade wichtiger als der Scotch. Als er die Rechnung brachte, legte ich ihm vier Hundert-Euro-Scheine in die bordeauxrote Ledermappe und sagte, er könne das Wechselgeld behalten. Als er nach der Mappe griff, legte ich die Hand darauf.

»Vielleicht erinnern Sie sich an mich?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein, Sir, tut mir leid.«

»Ich war vor ein paar Wochen schon mal hier, als Olympiakos gegen Hertha BSC gespielt hat. Ich war mit einer Frau hier, einer blonden Russin. Sie trug ein Tweed-Minikleid und Louboutin-High-Heels. Sie heißt Valentina, und ich hatte den Eindruck, dass Sie sie kannten. Sie ist mindestens eine acht Komma neun auf der Richterskala. So eine Frau richtet auch an erdbebenfesten Brieftaschen und Kreditkarten beträchtlichen Schaden an. Erinnern Sie sich?«

Ich zog die Hand weg, lehnte mich auf dem Hocker zurück und nippte an meinem Scotch. Er öffnete die Mappe, und ich war mir sicher, dass er sich in diesem Moment fragte, ob das Trinkgeld seinen Gesamtlohn für den Abend überstieg; wir wussten beide, dass es so war.

»Jetzt zieren Sie sich doch nicht so. Alois Alzheimer persönlich hätte sich an so eine Frau erinnert.«

Mit seinem Zuhälterschnurrbart, der dürren Taille und dem Pferdegebiss sah er aus wie Freddie Mercury. Er legte die Mappe unter die Theke und sagte: »Valentina? Ja, die kenne ich. Sie ist vielleicht kein Stammgast, aber so ein, zwei Mal im Monat ist sie schon hier.«

»Jedes Mal mit einem anderen?«

»Nicht immer. Aber immer mit einem wie Ihnen – einem reichen Ausländer.«

»Ein Escort-Girl.«

Er zuckte mit den Schultern. »Wir sind hier in Griechenland, Sir. Heutzutage muss man froh sein, einen Job zu haben, der Geld bringt. Unseren Stolz müssen wir da begraben. Schauen Sie mich an: Ich war früher Chemiedozent an der Uni. Jetzt mixe ich Cocktails für anderthalbtausend Euro im Monat. Was weiß ich, was ich für anderthalbtausend Euro am Abend machen würde? Aber sie ist keine poutána. Dann würde der Portier sie nicht hereinlassen. Entschuldigen Sie mich bitte einen Augenblick.«

Für ein paar Minuten kümmerte er sich um die anderen Gäste, dann kam er zurück.

»Haben Sie sie jemals mit Bekim Develi, dem Fußballer, gesehen?«

»Ich mochte ihn«, erwiderte er. »Ich will seiner Familie keine Sorgen bereiten, jetzt wo er tot ist. Er hat fast so gute Trinkgelder gegeben wie Sie.«

»Ich gehöre zu seiner Familie. So gut wie zumindest. Ich bin der Trainer von London City. Mein Chef, Viktor Sokolnikow, hat die Royal Suite gemietet. Wir betreiben gerade ein bisschen Schadensbegrenzung, könnte man sagen. Dabei geht es auch um den Schaden an Bekims gutem Ruf. Unsere ganze Mannschaft sitzt in Athen fest, bis die Polizei sich sicher ist, dass es keine Verbindung zwischen Bekim und dem Tod eines anderen Escort-Girls gibt.«

»Ja, das stand in der Zeitung.«

»Wir kennen den Namen der Toten noch nicht. Aber vielleicht war sie eine Freundin von Valentina. Das will ich herausfinden. Eine andere perfekt gestylte Blondine mit Labyrinth-Tattoo auf der Schulter. Wir kommen am schnellsten nach Hause, wenn ich beweisen kann, dass Bekim nichts mit ihrem Tod zu tun hatte, aber das geht nur, wenn ich weiß, wer sie ist. Und dazu muss ich Valentina finden. Valentina und die Tote hatten nämlich eines gemeinsam: Bekim.«

»Das verstehe ich, Sir. Ich bin selbst prasinos. Grün durch und durch. Für Olympiakos habe ich nichts übrig. Es war eine Schande für unser Land, wie dieses Schwein Hristos Trikoupis sich nach dem Spiel aufgeführt hat. Ich habe mich gewundert, dass Sie ihm keine verpasst haben. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie diese Drecksäcke beim nächsten Spiel schlagen. Als der griechische Fußballbund den gavroi all die Punkte aberkannt und ihnen den Titel genommen hat, war das einer der schönsten Tage meines Lebens. Deshalb sage ich Ihnen alles, was ich weiß.

Valentina – ihren Nachnamen kenne ich nicht – war eine nette Frau, für eine Russin. Sie hat immer gutes Trinkgeld gegeben. Ihr Griechisch war auch sehr gut, genau wie ihr Englisch. Sie ging gerne in Kunstgalerien und Museen. Und sie hatte immer ein Buch dabei, was man selten sieht. Ich glaube, sie wohnt nicht weit von hier, denn einmal habe ich sie auf der Straße gesehen, als ich mit dem Roller nach Hause gefahren bin. Sie sah aus, als wäre sie auch auf dem Heimweg. Wo war das noch? Gleich hier vorne: Irgendwo zwischen der Odos Akadimias und der Odos Skoufa.«

»Warum glauben Sie, dass sie auf dem Heimweg war?«

»Die Straßen sind da sehr steil, und sie hatte die Schuhe ausgezogen. Das machen doch manche Frauen, wenn sie spätabends nach Hause gehen und es egal ist, ob sie schmutzige Füße bekommen.«

Ich nickte. »Okay.«

»Hier drinnen habe ich sie noch nie mit einem anderen Mann gesehen, den ich kannte. Aber mit einem Mädchen. Die hatte aber kein Labyrinth-Tattoo auf der Schulter.«

»Wissen Sie ihren Namen?«

»Nein, aber ich weiß, wer sie ist. Ich kann sie Ihnen sogar zeigen.« Er schaute über meine Schulter und nickte in Richtung der Frau mit den endlosen Beinen, die gerade mit ihrem kleinen Freund die Bar verließ. »Die war es. Ganz sicher. Sie ist eine Freundin von Valentina. Sie ist auch Russin.«

Ich leerte meinen Scotch und wollte den beiden gerade folgen, als der Barkeeper mich am Arm festhielt.

»Der Mann wohnt hier im Hotel. Wahrscheinlich gehen sie auf sein Zimmer. Warten Sie, ich schaue nach.«

Er folgte den beiden aus der Bar. Als er nach ein paar Minuten wiederkam, nahm er die Mappe mit der Rechnung von dem Tisch, an dem die beiden gesessen hatten.

»Mr. Overton ist mit ihr auf Zimmer 327 gegangen.«

»Woher wissen Sie das?«

Er grinste und klappte die Mappe auf. Auf der Rechnung standen der Name und die Zimmernummer des Australiers.

»Ich bin ihnen bis zum Aufzug gefolgt. Sie müssen nur abwarten, bis die Frau wieder herunterkommt.«

Ich sah auf die Uhr. Es war erst halb neun. »Es ist noch früh. Das kann eine Weile dauern, oder?«

Der Barkeeper schüttelte den Kopf. »So ein Mädchen ist teuer. Kurz vor zehn ist sie wieder hier, würde ich sagen. Nach manchen von denen kann man die Uhr stellen. Wie wär’s damit: Ich rede mit dem Concierge – der soll sie Ihnen aufs Zimmer schicken, wenn sie mit dem Kerl fertig ist. Machen Sie sich keine Gedanken, und trinken Sie einfach noch einen.«

Ich bestellte ein Bier. Der Macallan 1973 war gut, aber keine dreihundertzehn Euro pro Glas wert. Aber was ist das schon?

Die Hand Gottes
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