Am nächsten Morgen vor dem Frühstück, als die Temperaturen noch in den niedrigen Zwanzigern waren, trafen wir uns zu einem leichten Training. Apilion liegt in Koropi, zwanzig Minuten nördlich von unserem Hotel zwischen weiten Feldern am Fuß des Hymettos, der an der östlichen Stadtgrenze Athens über tausend Meter in die Höhe ragt. In der Antike stand ein Zeusheiligtum auf dem Gipfel; heute gibt es dort nur noch einen Fernsehmast, ein Militärlager und einen Blick über Athen, den man sonst nur aus dem Flugzeug kennt.
Eine grüne Fahne mit weißem Kleeblatt erklärte Apilion zum Trainingsgelände von Panathinaikos. Nach den Blechlawinen von Piräus und der Athener Innenstadt genossen wir zwischen Oliven- und Mandelbäumen, Feigenkakteen, Wildorchideen und zerzausten Schafen und Ziegen die klare, saubere Luft. Gelegentlich schossen in der Nähe Bauern auf Vögel, die auseinanderstoben wie Saatkörner. Die überzeugten Großstädter unter meinen Spielern zuckten dann immer zusammen. Trotzdem und auch trotz der Handvoll Journalisten, die entlang des recht blickdichten Zauns kampierte, wirkte Apilion wie eine Oase der Ruhe. Panathinaikos scheute keine Mühen, um uns dabei zu helfen, ihrem ewigen Erzrivalen Olympiakos ordentlich in den Arsch zu treten. So ist das im Fußball. Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Es reicht nicht, dass die eigene Mannschaft gewinnt; der Triumph ist erst perfekt, wenn der Rivale verliert, ganz egal gegen wen. Panathinaikos hätte auch einer Mannschaft der Waffen-SS geholfen, wenn sie dadurch die Rot-Weißen von Olympiakos besiegt hätte.
»Mann«, rief Simon Page, als er beim Aussteigen aus dem Bus die Fahne sah. »Sind wir hier in Irland, oder was?« Er klatschte und rief seine Kommandos an die Spieler: »Jetzt mal zackig aufs Feld und passt auf, wo ihr hintretet – vielleicht findet ihr ja ein vierblättriges Kleeblatt. Ich hab’s im Urin, dass wir hier jedes bisschen Glück gebrauchen können!«
Da hatte er recht, denn unser neuer Mannschaftsarzt O’Hara war gerade auf dem Rückweg nach London, weil seine Frau krank geworden war. Antonis Venizelos, unser Kontaktmann bei Panathinaikos, suchte für uns immer noch nach einem Ersatzarzt für den Fall der Fälle.
»Das ist mitten im Ärztestreik natürlich gerade nicht so einfach«, erklärte er später. »Selbst Ärzte, die nicht im öffentlichen Dienst angestellt sind, wollen heute nicht arbeiten. Operationen werden abgesagt, Patienten nach Hause geschickt. Aber keine Angst, Mr. Manson, das Karaiskakis-Stadion steht direkt neben dem privaten Metropolitan Hospital. Es steht zwar in Piräus, aber es ist trotzdem ein ausgezeichnetes Krankenhaus.«
Mit den haarigsten Händen, die ich je gesehen hatte, zündete er sich eine Mentholzigarette an und starrte zum Gipfel des Hymettos hinauf.
»Ich habe noch eine Neuigkeit, die für das Spiel wichtig sein könnte.«
»Ja? Was gibt’s?«
»Ich wurde eben angerufen: Die Mannschaft von Olympiakos hat heute ihr vollständiges Gehalt bekommen. Also haben sie gute Laune und geben sich heute Abend besonders Mühe.«
»Wann werden die denn normalerweise bezahlt?«
»Ich glaube, es ist zwei, drei Monate her, dass die amerikanischen Bastarde das letzte Mal bezahlt wurden.«
»Scheiße!«
Antonis grinste und warf sich ein paar Kerne in den Mund, die er wie Kaugummi kaute, wovon er einen süßlichen Atem bekam. Er war gutaussehend und hatte auf der Stirn eine Narbe so groß wie die von Alan Hansen, die seine linke Augenbraue durchschnitt wie eine kleine Straßenbahnspur und ihm etwas Zyklopenhaftes gab.
»Genau. Hier in Griechenland stecken gerade alle in der Scheiße, mein Freund. Das kann man nicht mit anderen Ländern vergleichen. Vergiss das nicht. Deine Jungs werden am Monatsende bezahlt wie alle anderen in England auch, ja? Aber in Griechenland kann man nach dem Monatsende oft noch Wochen auf sein Geld warten – oft länger. Die Universitätsdozenten wurden seit Monaten nicht bezahlt.«
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass unsere Jungs ohne Gehalt lange spielen würden«, sagte ich, als Simon und ein paar unserer Spieler zum Bus zurückkamen. »Die laufen nur nach Münzeinwurf; wie jeder andere im englischen Fußball heutzutage.«
»Das kannst du laut sagen«, knurrte Simon.
»Manchmal arbeiten die Leute in diesem Land monatelang ohne Lohn und finden dann am Ende heraus, dass die Firma pleite ist und sie überhaupt nicht mehr bezahlen kann«, erklärte Antonis. »Wenn man in Griechenland voll bezahlt wird, ist das wie ein Lottogewinn.«
»Warum hast du die Leute von Olympiakos eben eigentlich amerikanische Bastarde genannt?«, fragte ich.
Antonis schnaufte. »Weil früher viele amerikanische Kriegsschiffe im Hafen von Piräus festmachten. Und die Matrosen schliefen mit den Huren von Piräus. Also nennen wir sie alle Hurensöhne oder eben amerikanische Bastarde. Eigentlich sind alle Frauen in Piräus Huren. Das sagen nicht nur wir. In Griechenland hassen alle Olympiakos. Die sind ein Haufen Lügner und Betrüger.« Er zuckte mit den Schultern. »Aber glaubt mir, meine Freunde, die sagen noch viel Schlimmeres über uns.«
»Das sollen wir glauben?«, erwiderte Simon. »Was denn genau?«
Antonis schüttelte den Kopf, als könnte es niemals irgendeine Rolle spielen, was irgendwer von Olympiakos sagte. »Sie meinen, weil wir Athener sind, halten wir uns für etwas Besseres. Sie meinen, wir sind Snobs. Was natürlich stimmt, wenn es um Olympiakos geht. Sie nennen uns lagoi – Hasen, weil sie meinen, wir laufen vor jedem Kampf davon. Das hätten die wohl gerne. Kein Wunder. Die sind eben nichts als ein Haufen gavroi.« Er grinste. »Das ist eine winzige Fischart, die im Hafen lebt und die Scheiße aus den Schiffsabwässern frisst.«
Simon und ich sahen uns überrascht an. Zu welcher Feindseligkeit dieser ansonsten völlig zivilisierte und weltgewandte Mann fähig war. Schon am Gesicht meines großen, bornierten Trainerassistenten aus Yorkshire konnte ich ablesen, was er dachte. Er hatte es seit unserer Ankunft auch schon oft genug gesagt: »Die verdammten Griechen sind sich selbst der größte Feind. Sie würden mir ja leidtun, wenn sie nicht solche Scheißkommunisten wären.«
»Aber von Fußball verstehen sie was«, sagte Simon stattdessen. »Wie oft sind sie griechischer Meister geworden? Zweiundvierzig Mal, oder? Und den griechischen Pokal haben sie siebenundzwanzig Mal gewonnen. Auch dieses Jahr wären sie Meister geworden, wenn der griechische Fußballbund ihnen nicht so viele Punkte aberkannt hätte. Deshalb spielen wir ja auch jetzt in den Playoffs gegen sie.«
Antonis verzog das Gesicht und schaute weg. »Fußballspielen kann man jedem beibringen. Auch einem malakas aus Piräus. Aber die bescheißen, wo sie nur können. Ihr seid vielleicht die Favoriten bei diesem Spiel, aber unterschätzt die Trickkiste der gavroi nicht. Heute Abend spielt ihr nicht gegen elf Männer, sondern gegen siebzehn, nämlich auch gegen die angeblich Unparteiischen. Und gegen die Zuschauer natürlich, vergesst nicht die Legende. Die ist wie ein zusätzlicher Spieler, und zwar ein verdammt aggressiver. Das Stadion wird für euch heute Abend kein freundlicher Ort sein. Und eure englischen Vorstellungen vom beautiful game könnt ihr gleich vergessen. Das gibt es hier nicht. Überhaupt gibt es kaum noch Schönes in Griechenland. Nur noch Wut.« Er nickte. »Die ist das Einzige, was wir im Überfluss haben.«