KAPITEL 53

Nach dem ITV-Interview vor dem Spiel – warum stellen die eigentlich immer so dämliche Fragen? – ging ich zu meinen Spielern.

Für das Match gegen Olympiakos im Apostolos-Nikolaidis-Stadion gegenüber der GADA hatte ich meinen schlichten schwarzen Trainingsanzug mit passendem T-Shirt und schwarzen Sportschuhen angezogen. Für diesen voraussichtlich langen und stressigen Abend wäre ein Leinenanzug von Zegna mit weißem Hemd und Seidenschlips einfach nicht angemessen gewesen, und alle meine Spieler in der Umkleide sollten mich genau verstehen: Das bevorstehende Spiel erforderte absoluten Kampfgeist bis zum letzten Blutstropfen, viel Substanz, wenig Stil.

Nicht, dass der Abend überhaupt irgendwie stilverdächtig gewesen wäre; die Umkleide des Stadions war so heruntergekommen, wie wir es von außen erwartet hatten, ein harscher Kontrast zu der strahlenden Perfektion in gebürstetem Aluminium, die wir von Silvertown Dock gewohnt waren. Manche der Kleiderhaken an den Wänden waren lose oder fehlten gleich ganz, und für Hemden und Jacken gab es nur Drahtbügel; der Boden war uneben und lag voller alter Streichhölzer, Kippen und Kaugummireste. Der Mineralwasserkühlschrank lief nicht; das war aber nicht weiter schlimm, denn er war außerdem auch leer. Die Luft roch stark nach den Abflüssen und den Schimmelflecken in den Ecken der Dusche, der mehr Kacheln fehlten als einem alten Scrabblespiel. Eine Klimaanlage gab es auch nicht, sondern nur zwei Industrieventilatoren, die Simons Spielernotizen durcheinanderwirbelten. Zum Glück hatte ich nur mein iPad dabei.

»Okay, ihr Nörgeltrinen«, rief Gary Ferguson, als er seine Tasche auf die Bank warf, »jetzt mal Schnauze halten und umziehen, ja? Wenn das Dreckloch hier für die Heimmannschaft ist, stellt euch mal vor, wie die Gästeumkleide aussieht. Wahrscheinlich schwimmt da noch ’ne Kackwurst im Klo. Da geh ich mal von aus, ich hab sie ja gestern selber dagelassen.«

Großes Gelächter.

»Willst du die Banane da noch essen?«, fragte Zénobe Schuermans.

»Die wollte ich eigentlich in die Menge feuern«, antwortete Daryl Hemingway. »Falls die Fans mitten im Spiel Nachschub brauchen.«

»Sei doch froh, dass sie hier nur Bananen werfen«, sagte Kenny Traynor. »Wenn in Edinburgh die Hearts gegen die Hibs gespielt haben, haben die Scheißkohlköpfe immer Münzen geschmissen.«

»In Anfield kamen immer Klorollen geflogen«, merkte Soltani Boumediene an.

»Ich schwör’s, wenn einer eine Münze nach mir wirft, schmeiß ich die zurück.«

»Ach Junge, wenn hier einer einen Euro auf den Platz wirft, will er wahrscheinlich nur den Verein kaufen.«

»Die Neandertaler in Liverpool müssen sich an so modernes Zeugs wie Klopapier eben erst noch gewöhnen«, rief Jimmy Ribbans.

Sie waren alle aufgeregt, also ließ ich ihnen eine Zeit lang ihren Spaß, bevor ich sie zur Ruhe rief.

»So, wenn ich dann einmal eure Aufmerksamkeit haben darf, die Herren!«, sagte ich.

Ich wartete kurz und erklärte dann meine Strategie, die ich schon Vik und Phil auf der Lady Ruslana dargelegt hatte. Danach sagte ich den Jungs die harte Wahrheit über unsere Chancen. Wie so viele Wahrheiten enthielt diese einen wichtigen Bestandteil, der nicht unbedingt Sinn ergab. Das ist der Job des Trainers; man muss die Spieler daran erinnern, dass der Fußball noch immer die schönsten Geschichten schreibt.

»Einen 4:1-Rückstand aufholen ist keine Kleinigkeit«, sagte ich. »Das wäre schon zu Hause in Silvertown Dock schwierig gewesen. Und erst recht hier in diesem Dritte-Welt-Slum, den Panathinaikos ein Stadion nennt, in dieser kaputten Hauptstadt eines kranken Landes, das vor die Hunde geht und dabei selber noch das größte Gebell veranstaltet!«

Ich hielt einen Moment lang inne, damit wir alle den Lärm des ausverkauften Stadions hören konnten; die Menge war hauptsächlich griechisch, gut fünfzig Prozent Olympiakos-Fans, dreißig Prozent Panathinaikos-Fans, die ihren Erzrivalen verlieren sehen wollten, zehn Prozent London-City-Fans und noch mal zehn Prozent unparteiische Touristen, die sich einfach nur ein spannendes Spiel erhofften.

»Hört ihr das? Das ist das Hundegebell! Es bedeutet nur eins: Keiner rechnet damit, dass wir heute hier gewinnen. Keiner hier in Griechenland und auch keiner zu Hause in England. Alle haben uns abgeschrieben. Ich habe gerade einen Tweet von Maurice in London gelesen: Roy Keane hat auf ITV gesagt, unsere Chancen auf die nächste Runde wären geringer als die von den Jungs aus dem Film Die Kanonen von Navarone. Und das stimmt auch fast; wir haben wohl unsere eigene griechische Tragödie durchlebt, meine Herren. Früher haben sie hier dem Dichter eine Ziege geschenkt, der die beste Geschichte erzählen konnte. Eure Ziege könnt ihr behalten; mit unserer Tragödie hätten wir den verdammten Booker Prize gewinnen können.

Zehn Tage lang sind wir schon gegen unseren Willen von unserem Zuhause und unseren Familien getrennt; Armeen von Fernseh- und Pressefuzzis sind über uns hergefallen wie die Heuschrecken; die örtliche Bullerei hat uns über Nutten und Drogen und was weiß ich für Scheiß ausgefragt, der rein gar nichts mit Fußball zu tun hatte. Auf dem Platz haben sie uns mit Bananen beworfen und in den Zeitungen Schlammschlachten inszeniert. Unser Held, unser Ajax, ist tot, und ja, die meinen, die Sache ist gelaufen. Stellt euch das mal vor: Proto Thema – die meistverkaufte Sonntagszeitung Griechenlands – schreibt, das Spiel heute wäre nur noch Formsache. Wir würden überhaupt nur antreten, weil wir in unserem Hausarrest hier in Athen Langeweile haben. Die können uns mal! Wir sind stärker! Diese Mannschaft tritt nicht einfach nur an. Wenn wir antreten, spielen wir auch. Und wenn wir spielen, spielen wir, um zu gewinnen.

Und wie wir heute gewinnen werden! Wenn ich mich hier umschaue, sehe ich Gesichter, die es mit dem Gewinnen ernst meinen. Nichts anderes erwarte ich von den Männern, die ich ausgewählt habe, um die Ehre dieses Vereins zu verteidigen. Also vergessen wir die Gerüchte von korrupten Schiedsrichtern, okay? Vielleicht spielen wir gegen zwölf Mann und die Menge, aber das wird uns nicht davon abhalten, unser Spiel zu spielen!

Andererseits erwarte ich nicht, dass wir den 4:1-Rückstand ausgleichen werden. Ich bin ja nicht blöd. Und ihr auch nicht. Wenn wir heute in der Gesamtwertung gewinnen, ist das das größte Wunder in diesem Teil der Welt, seit sie den Schatz von Troja gefunden haben. Ein pures, strahlendes Wunder. Und wo wir gerade von Wundern reden, lasst mich euch daran erinnern, meine Herren, dass wir hier im Land der dreihundert Spartaner sind, wo Mythen und Legenden und, ja, auch verdammt noch mal Wunder wahr werden. Aber als ich neulich im Archäologischen Nationalmuseum war, um mir die Zeusstatue und die Maske des Agamemnon anzusehen, war kaum ein Grieche dort. Da ist mir der Gedanke gekommen: Vielleicht haben die Griechen die Macht ihrer eigenen Mythen vergessen, vielleicht erinnern sie sich nicht mehr an die Geschichten von Perseus, Theseus, Jason und Orpheus.

War irgendwer der Meinung, dass Perseus auch nur den Hauch einer Chance hatte, Medusa zu töten? Nicht die Griechen. Wer glaubte, Theseus könnte ins Labyrinth marschieren und den Minotaurus zur Strecke bringen? Nicht die Griechen. Und Jason, erinnert ihr euch an den? Hatte irgendwer von den Griechen wirklich gemeint, dass er und seine Argonauten wirklich das Goldene Vlies finden und dann auch noch heil nach Hause bringen würden? Nein, natürlich nicht. Und was war mit Orpheus? Als er in die Unterwelt hinabstieg, um seine Frau Eurydike zurückzuholen, haben die Griechen auch ihn abgeschrieben wie all die anderen Heroen. Die waren mit großem Mut und großer Kraft ausgerüstet und haben allen Widrigkeiten zum Trotz ihr Ding durchgezogen. Daraus sind Legenden gemacht. Deshalb erinnert man sich an sie.

Die Kanonen von Navarone ist einer meiner Top-Ten-Lieblingsfilme. Ich kann euch gar nicht sagen, an wie vielen Feiertagen ich ihn mir angeschaut habe. Und ich glaube, dass Roy Keane vergessen hat, dass Gregory Peck, Anthony Quinn und David Niven es am Ende des Films doch tatsächlich packen. An einem warmen Ägäis-Abend wie diesem können sie allen Widrigkeiten zum Trotz die großen, scheinbar unbezwingbaren Kanonen mit einer spektakulären, dramatischen Explosion zerstören.

Und da fällt mir ein, was Jensen, der Kerl, der sie alle auf die Mission schickt, am Anfang des Films sagt: Im Krieg ist alles möglich.«

Die Hand Gottes
titlepage.xhtml
title.xhtml
copyright.xhtml
toc.xhtml
dedication.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_000290.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_000470.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_000621.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_000719.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_000787.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_000931.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001030.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001132.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001203.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001335.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001441.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001552.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001632.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001688.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001769.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001831.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001904.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_002055.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_002216.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_002302.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_002392.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_002564.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_002670.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_002815.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_002882.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_003094.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_003189.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_003384.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_003588.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_003733.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_003823.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_004014.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_004173.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_004334.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_004472.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_004585.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_004760.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_004897.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_005042.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_005209.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_005336.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_005443.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_005580.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_005684.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_005802.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_005914.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_006113.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_006358.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_006453.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_006574.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_006725.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_006847.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_006962.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_007049.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_007123.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_007241.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_007322.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_007434.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_007503.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_007640.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_007802.xhtml
appendix.xhtml