Als ich wieder im Hotel Grande Bretagne war, verbrachte ich eine unangenehme Stunde mit Chefinspektor Varouxis. Er und eine Frau, die Russisch sprach, saßen im geräumigen Esszimmer der Royal Suite am einen Ende des Tisches, während ich als widerwilliger Anstandswauwau am anderen saß und auf dem iPad Zeitung las und einen mittelsüßen griechischen Mokka schlürfte. Das war an diesem Tag das Erste, was ich genießen konnte. Manche Leute nennen ihn auch türkischen Mokka, aber nach dem konnte man in Griechenland lange fragen und andersherum wohl genauso. Zwischen den beiden Ländern saß der Hass so tief, dass selbst Kaffee zum Politikum wurde.
Ab und zu rief Varouxis mich herüber in seine schwer erträgliche Atemwolke, damit ich ihm eine E-Mail auf dem Laptop erklärte. Nach dem letzten dieser Gänge inhalierte ich ausgiebig den Duft des Blumenstraußes auf dem Mahagoni-Sideboard, um seinen Pesthauch aus meiner Lunge zu vertreiben.
»Haben Sie etwas Verwertbares gefunden?«, fragte ich ihn, als die Übersetzerin gegangen war.
»Nein. Sie hatten recht. Das Mädchen hat sich nicht per E-Mail oder Handy bei ihm gemeldet. Wenigstens nicht auf diesem Laptop und Handy.«
»Gibt es schon irgendwelche Hinweise darauf, wer sie war?«
»Sie muss wohl im hochpreisigeren Milieu des Escort-Geschäfts gearbeitet haben. Ihr Kleid war von Alexander McQueen und kostet zweitausend Euro. Ihr BH von Stella McCartney, gut hundertfünfzig Euro. Beide wurden für NET-A-PORTER hergestellt, also kommen wir vielleicht über die Seriennummern an einen Namen. Aber das dauert. Mit ein bisschen Glück meldet sich vorher jemand auf Ihre Belohnung. In ganz Piräus hängen die Plakate, also hat Ihre Anwältin sicher alle Hände voll zu tun. Es gibt bestimmt viele Leute, die zehntausend Euro gut gebrauchen könnten. Mich eingeschlossen.«
Wahrscheinlich wusste er, dass das auch der Preis für eine Übernachtung in der Royal Suite war, denn er sah sich eine Weile um und nickte dann. »Ansonsten geht es Ihnen gut hier in Athen?«
»Ich kann mich nicht beschweren. Wenigstens nicht, wenn ich hier in der Suite sitze«, erwiderte ich.
»In der Tat.«
»Aber ich leihe sie mir ja nur kurz aus. Mr. Sokolnikow, unser Vereinsbesitzer, hat die Suite als Vereinsbüro hier in Athen angemietet.«
»Wussten Sie, dass Mr. Sokolnikow fast zwanzig Milliarden Dollar besitzt? Das ist ungefähr ein Hundertstel der griechischen Staatsschuld. Es kann doch nicht richtig sein, dass einer allein so viel hat, während alle anderen auf dem Zahnfleisch gehen. Oder was meinen Sie, Mr. Manson?«
»Dann klauen Sie eben die Seife, wenn es Sie glücklich macht.«
»Es war nur eine Beobachtung.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Ich dagegen habe die Beobachtung gemacht, dass ich beschattet werde.«
»Zu Ihrem eigenen Schutz wurde beschlossen, dass einige Kollegen auf Sie aufpassen, Mr. Manson.«
»Aber warum ausgerechnet auf mich?«
»Mr. Sokolnikow hat schon mehrere Bodyguards, wie Sie wissen. Und Ihre Mannschaft wohnt sicher abgeschirmt im Hotel auf der Halbinsel in Vouliagmeni. Nur Sie laufen mehr oder weniger allein frei herum. Und natürlich waren Sie neulich auch im Fernsehen.«
»Also betrachten Sie mich nicht als Mordverdächtigen?«
Varouxis zupfte an dem kleinen Bärtchen unter seiner Lippe; ein wenig erinnerte es mich an den winzigen Schamhaarstreifen, den ich am Morgen bei der Toten gesehen hatte.
»Ich bin Polizist, Mr. Manson. Ich bin von Natur aus misstrauisch. Aber nein, Sie persönlich stehen für mich nicht unter Mordverdacht. Für so etwas bekommt man ein Gefühl. Genauso wie Sie wahrscheinlich für Ihre Spieler. Sie sind sicher abgebrüht, aber kein Mörder. Andererseits frage ich mich schon, ob Sie auch hier wieder versuchen wollen, was Sie den Zeitungen zufolge in London nach dem Tod von João Zarco getan haben.«
»Wie kommen Sie denn darauf?«
»Weil Sie hier in Athen sind und nicht bei Ihrer Mannschaft im Hotel. Weil Sie möglicherweise frustriert sind, dass die Ermittlungen nicht so schnell voranschreiten, wie Sie sich das erhofft haben. Und wenn nicht Sie, dann Mr. Sokolnikow – russische Oligarchen sind nicht gerade für ihre Geduld bekannt. Außerdem sind Sie zur Hälfte Deutscher, also glauben Sie wahrscheinlich, dass wir Griechen alle so dumm und faul sind, dass wir nicht mal unser eigenes Arschloch finden könnten. Sollte es aber tatsächlich so sein, dann würde ich Sie dringend dazu anhalten, die Angelegenheit uns zu überlassen. Athen ist nicht London, Mr. Manson. Diese Stadt steckt voller unerwarteter Gefahren.«
»Vielen Dank, Herr Chefinspektor, ich werde das im Hinterkopf behalten. Aber im Moment bin ich eher darauf aus, den Spion zu spielen als den Detektiv.«
Varouxis legte die Stirn in Falten.
»Ich habe mir gedacht, ich fahre mal zum Trainingszentrum nach Rentis«, erklärte ich. »Um unsere Gegner unter die Lupe zu nehmen. Mal schauen, wie die sich so die Zeit bis zum Rückspiel vertreiben.«
»Die werden Sie ganz sicher nicht reinlassen«, erwiderte Varouxis. »Und das Gelände hat rundherum einen Sichtschutz. Außerdem beendet Olympiakos das Training freitags schon um eins. Danach fährt Trikoupis mit seiner Frau Melina immer ins gleiche Restaurant zum Mittagessen.«
»Oh, vielen Dank für den Tipp.« Ich sah auf die Uhr. »Vielleicht gehe ich dann selbst mal mittagessen. Wie heißt der Laden noch gleich? Nur damit ich ihm aus dem Weg gehen kann.«
»Das ist ein altes Familienrestaurant namens Dourambeis. Irgendwann sollten Sie da aber unbedingt mal hingehen. Man bekommt dort den besten Fisch der Stadt.«
»Danke.«
»Keine Ursache.«
Varouxis war wohl doch kein so schlechter Kerl, und ich bereute schon meinen Kommentar mit der Seife.
»Was machen Sie eigentlich morgen Nachmittag? Ich habe zufällig ein paar Tickets. Panathinaikos gegen OFI. Wer auch immer die sind.«
»Heraklion. Eine gute Mannschaft. Das wird sicher ein großartiges Spiel. Ich würde wirklich sehr gern hingehen, aber ich kann leider nicht. Wenn mein Chef rausfindet, dass ich beim Fußball bin, statt an der Ermittlung zu arbeiten, wird er sehr ungehalten, glaube ich.«
»Okay, aber rufen Sie mich an, wenn Sie es sich anders überlegen. Fast meine ganze Mannschaft wird dort sein. Und wer weiß, vielleicht verplappert sich ja einer, und Sie kommen sogar mit Ihrer Ermittlung voran. Genau deshalb wurde Fußball doch erfunden – damit die Männer in Ruhe miteinander reden können. Das ist genauso wie bei den Frauen und ihren Literaturzirkeln.«