»Ich will dich nicht im Dunkeln darüber lassen, was ich hier suche«, sagte Vik, während er in der Suite im Hotel Grande Bretagne Bekims Posteingang und gesendete Nachrichten durchscrollte. »Ich wollte das Penthouse im One Hyde Park kaufen, aber meine Frau sollte nichts davon erfahren. Also hat Bekim sich bereit erklärt, den Strohmann zu spielen und das Geschäft über sein Unternehmen laufen zu lassen.«
»Das geht mich eigentlich gar nichts an«, erwiderte ich.
»Doch, weil wir vielleicht Dateien von einem Computer löschen, den die Polizei forensisch untersuchen will. Für so etwas wandert man schon mal in den Knast. Und weil du da nicht schon wieder hinwillst, hast du ein Recht darauf, zu erfahren, was genau ich hier mache.«
»Bullen anlügen ist kein Verbrechen«, erwiderte ich. »Für mich ist das genauso normal, wie wenn man seiner Frau sagt, dass ihr Hintern nicht dick aussieht.«
Vik grinste. »Dich hat sie also auch gefragt, was?«
Wie sich herausstellte, musste Vik aber gar keine Nachrichten von Bekims Laptop und iPhone löschen, weil dort nichts Vertrauliches ausgeplaudert wurde.
Nicht, dass ich das hätte beurteilen können, denn die Hälfte von Bekims E-Mails war in kyrillischer Schrift. Als Vik gegangen war, gab ich dieses Detail an Varouxis weiter, damit er jemanden mitbrachte, der Russisch sprach und vor allem auch lesen konnte.
»Ich habe Sie heute Morgen nicht angelogen«, erklärte ich ihm am Telefon. »Auf dem Handy und dem Laptop ist wirklich nichts zu finden. Wenn es so gewesen wäre, hätte ich es Ihnen gesagt. Wir wollen einfach nur nach Hause, okay?«
»In Ordnung. Tun wir mal so, als würde ich Ihnen glauben. Wie ist er dann mit dem Mädchen in Kontakt getreten?«
»Da gibt es tausend Möglichkeiten. Vielleicht hat er schon aus London mit ihr telefoniert. Oder er hat ihr von seinem Bürocomputer aus geschrieben. Vielleicht hat er sie auch in Athen mit dem Handy von jemand anderem angerufen. Oder vom Telefon in der Lobby. Vielleicht hat er einen webbasierten E-Mail-Dienst benutzt, der auf seinem Computer keine Spuren hinterlässt. Zum Beispiel Hushmail.«
»Hushmail?«
»Die bieten authentifizierte, verschlüsselte Nachrichten in beide Richtungen an. Genau das Richtige für einen Schwanzgesteuerten mit misstrauischer Freundin zu Hause in London.«
»Verstehe. Okay, ich rufe Sie zurück, wenn ich jemanden aufgetrieben habe, der Russisch kann. Danke für den Hinweis.«
»Gerne.«
»Und bitte halten Sie mich auf dem Laufenden, wenn sich jemand auf Ihre versprochene Belohnung hin meldet. Egal, was Sie hören, sagen Sie Bescheid.«
Er seufzte und tat mir fast schon leid, bis mir wieder einfiel, dass wegen diesem Drecksack meine Mannschaft hier festsaß.
»Klar. Sie hören als Erster davon.«
Als Varouxis aufgelegt hatte, rief ich Valentina an, aber sie ging nicht ran, also schrieb ich ihr eine E-Mail und eine SMS mit der Bitte, sich möglichst schnell bei mir zu melden. Ich hatte die raffinierte Eingebung gehabt, dass sie die Tote kannte; dass Valentina selbst sich hätte mit Bekim treffen sollen und die Tote an ihrer Stelle gekommen war. Bekim hätte sich niemals mit einem Trostpreis zufriedengegeben, also musste die Tote ähnlich schön wie Valentina gewesen sein, sonst hätte die sie nicht als Vertretung geschickt.
Bis zum Nachmittag hatte ich Valentina bestimmt ein Dutzend Mal angerufen und ebenso viele Textnachrichten geschickt, aber keine Antwort erhalten. So kannte ich sie von meinem ersten Besuch ganz und gar nicht, also musste ich die Möglichkeit in Erwägung ziehen, dass sie wusste, welchem Schicksal sie entgangen war, und untergetaucht war. Das konnte ich ihr nicht vorwerfen, aber ohne sie hatte ich keinen Plan mehr, mit dem ich der Athener Polizei zuvorkommen konnte. Trotzdem wollte ich Varouxis noch nicht von Valentina erzählen. Natürlich sollte meine Nacht mit Valentina nicht herauskommen, und weder sie noch Bekim wollte ich in irgendetwas hineinziehen. Vor allem hatte ich aber Angst, die laut Dr. Christodoulakis ziemlich rechte Polizei würde das Ganze unter den Teppich kehren und der Presse gegenüber als reine Ausländersache abtun, weil Bekim und Valentina Russen waren.
Da ich nicht so recht wusste, wo ich jetzt mit meiner Privatermittlung anfangen sollte, ließ ich mich von Viks Fahrer zur Marina Zea bringen, wo die Tote gefunden worden war. Ich bereute schon, dass ich gemeint hatte, ich könnte den Fall lösen, bloß weil ich ein bisschen mehr wusste als die Polizei. Die Hauptstraße führte uns am Karaiskakis-Stadion und dem Metropolitan Hospital vorbei. Es war ein eigenartig moderner Bau mit blauer Glasfront, der eher wie ein Ladbrokes-Casino aussah als wie das beste Privatkrankenhaus Griechenlands. Komische Vorstellung, dass Bekim dort gestorben war.
Die Marina Zea war ein großer Hafen voller teurer Tupperware-Boote, hinter dem sich ein Hang erhob, auf dem sich dicht an dicht beigefarbene Mietshäuser in größtenteils fragwürdigem Zustand aneinanderreihten. Das andere Ende der Marina war noch immer polizeilich abgesperrt, also ging ich ein bisschen spazieren und sah mir die schwimmenden Paläste an. Den größten und opulentesten von ihnen – die bescheidene Monsieur Crésus – erkannte ich wieder, auch wenn ich mich nicht sonderlich für Yachten interessiere. Diese hochgezüchteten Plastikkähne sehen doch alle gleich aus, und manche Leute verpulvern wirklich Abermillionen für dieses schwachsinnige Hobby. Haben die denn noch nie gehört, dass Boote untergehen?
Ziellos ging ich weiter. Wie schwer konnte es sein, ein Mädchen hierherzubringen und mit einem Gewicht an den Füßen im Wasser zu versenken? Nachts war das bestimmt ein Kinderspiel. Parkplätze waren reichlich vorhanden, und wenn sie sowieso schon auf einer Yacht gewesen war, wurde die Sache noch viel einfacher. Ich warf ein paar Steine ins Wasser, um die Tiefe zu prüfen, wobei ich einen kleinen Schwarm Fische aufscheuchte; das waren sicher diese gavroi, diese Fische, die Fäkalien fressen und mit denen unser Kontaktmann bei Panathinaikos die Spieler und Fans von Olympiakos verglichen hatte.
Es war ein heißer, klebriger Nachmittag. Ein paar der allgegenwärtigen Müllsammler, meist Roma, stocherten in den Mülltonnen und Containern der Marina. Einige Jungs sprangen immer wieder vom Kai ins Wasser und kletterten an den Leinen einer unbewachten Yacht wieder heraus. Das machte bestimmt mehr Spaß, als im Müll zu wühlen, und ich beneidete sie fast ein wenig um ihre Sorglosigkeit, als mir einfiel, dass solche Jungs auch die Tote gefunden hatten. Das brachte mich auf eine Idee.
Sie waren ungefähr elf, zwölf Jahre alt, braungebrannt und dünn, richtige Bilderbuch-Straßenkinder.
»Kannst du Englisch?«, fragte ich einen von ihnen.
Er schüttelte den nassen, dunklen Kopf.
Ich ging zurück zum Auto, um meinen Fahrer als Dolmetscher zu holen. Dann fragte ich die Jungs, ob sie es waren, die die Tote gefunden hatten.
Zwei von ihnen blickten einander an und nickten.
Ich hielt zwei Zwanzig-Euro-Scheine hoch, setzte mich auf die Hafenmauer und bat die beiden, mir alles so genau wie möglich zu erzählen. Sie setzten sich neben mich, und ich gab ihnen das Geld. Die anderen schauten zu, während Charilaos, mein Fahrer, hinter uns hockte und allen Zigaretten anbot, was fast so viel half wie das Geld.
»Gestern früh haben sie sie gefunden«, übersetzte er. »So gegen zehn. Sie lag drüben auf der Seite von Koumoundourou, wo die Polizei jetzt ist, in drei Meter Tiefe.«
»War da ein Boot in der Nähe?«
»Zwischen zwei Booten«, sagte Charilaos. »Beide stehen zum Verkauf, und es war niemand an Bord. Die Jungs haben auf beiden Booten nach Hilfe gesucht, deshalb wissen sie das.«
»Wie sah das Mädchen aus?«
»Sehr hübsch, mit langen, blonden Haaren und einem dunkelblauen Kleid. Das Wasser ist hier nicht besonders klar, und ohne das blaue Kleid hätten sie sie vielleicht schon früher gesehen. Die beiden haben sich fürchterlich erschrocken.«
Der eine Junge wirkte verlegen, als er weitersprach.
»Sie hatte keine Unterwäsche an, sagt er. Das Kleid wallte unter ihren Armen.«
»Waren ihre Hände gefesselt?«
Der gleiche Junge sprach weiter, und Charilaos übersetzte: »Nein, ihre Hände trieben frei im Wasser über ihrem Kopf. Nur ihre Füße waren an ein orangefarbenes Gewicht gefesselt, von der Art, wie man es aus einem Fitnessstudio kennt.«
»War sie geknebelt?«
»Nein.«
»Hatte sie Schuhe an?«
»Nein.«
Ich holte mein Notizbuch heraus und ließ mir von dem Jungen das Gewicht zeichnen. Eine Kugelhantel. Ich nickte.
»Haben die beiden irgendwelche anderen Verletzungen gesehen?«, fragte ich. »Schnittwunden, blaue Flecken, Blut?«
»Nein. Aber die Fische haben an ihr geknabbert.«
»Keine Beulen am Kopf? Schnittwunden an den Händen?«
»Er sagt, sie hatte sehr schöne Hände und Fingernägel. Fußnägel auch. Er meint wohl, sie hatte eine Maniküre.«
»Welche Farbe hatte der Lack?«, fragte ich.
»Lila, meinen sie.«
»Schmuck?«
Die Jungs wirkten etwas unruhig.
»Er behauptet, sie hatte keinen Schmuck«, sagte Charilaos, »aber ich glaube ihm nicht. Die beiden haben ihn bestimmt geklaut.«
»Egal. Sonst irgendwas, woran man das Mädchen wiedererkennen könnte?«
Einer der Jungs sagte etwas, was Charilaos nicht sofort verstand. Er bat ihn, es zu wiederholen.
»Tatouáz«, sagte der Junge.
»Sie hatte ein Tattoo«, erklärte mein Fahrer.
»Was für eins? Und wo?«, fragte ich.
»An der Schulter. Eine geometrische Figur in Schwarz. Ich glaube, er meint ein lavýrinthos. Wie in der Geschichte von Theseus und dem Minotaurus, verstehen Sie?«
»Ein Labyrinth?«
»Ja. Ungefähr so groß wie eine Teetasse.«
»Hat er das der Polizei gesagt?«
Charilaos lachte. »Glaub ich nicht. Die Bullen haben ihm bestimmt keine vierzig Euro in bar angeboten. Und außerdem: Hier in Athen, in Piräus …«
»Ich weiß, hier hassen alle die Polizei.«
Auf dem Rückweg zum Auto kamen wir wieder an der Monsieur Crésus vorbei, wo jemand auf dem Außendeck stand, den ich zufällig kannte; noch überraschender: Er erkannte mich auch. Es war Cooper Lybrand, der Hedgefonds-Manager. Er trug zwar nicht mehr den weißen Anzug, sah aber immer noch wie ein Arschloch aus.
»Hi! Was führt Sie denn hierher?«, fragte er.
»Die Neugier. Am anderen Ende der Marina haben sie ein totes Mädchen aus dem Wasser gefischt, das anscheinend die Nacht mit einem meiner Spieler verbracht hat. Deshalb dürfen wir die Stadt nicht verlassen. Ich wollte mir das Ganze mal aus der Nähe ansehen.«
»Hab ich gehört. Und das von Mr. Develi auch. Mein Beileid.«
»Ich dachte, Sie sind bei Viktor auf dem Boot untergebracht«, erwiderte ich.
»War ich auch. Aber dann hat sich ein Geschäft mit dem Eigner dieser Yacht ergeben. Gustave Haak. Und jetzt bin ich hier. Wir haben aber erst vor einer Stunde hier festgemacht, also sind wir wohl fein raus, was?«
»Wenn Sie das sagen.«
»Ich würde Sie ja an Bord einladen, aber es ist ja nicht mein Boot. Gustave legt großen Wert auf seine Privatsphäre.«
»Wer sagt das?«
Ein weiterer Kopf tauchte an Deck auf. Der Mann war älter und größer als Cooper Lybrand, hatte volle, halblange, dunkle Haare, ein Habichtsgesicht und eine fast unsichtbare Brille.
»Gustave. Das hier ist Scott Manson. Er trainiert Viks Fußballverein.«
»Ich werd doch wohl noch wissen, wer Scott Manson ist, für wie blöd hältst du mich?«, sagte Gustave Haak. »Bitte vergeben Sie uns unsere Manieren, Mr. Manson, und kommen Sie an Bord. Wir wollten gerade ein Glas Wein trinken.«
Ich schaute auf die Uhr. »Gerne. Einen Drink kann ich gerade gut gebrauchen.«
Ich machte mit Charilaos aus, dass wir uns wieder am Auto treffen würden, und ging an Bord.
Mittlerweile hatte Cooper Lybrand Haak schon erzählt, warum ich in der Marina war, und dieser hatte nun tausend Fragen über die Tote, von denen ich kaum eine beantworten konnte.
»Aber es war eine gute Idee von Ihnen, dass Sie hergekommen sind und sich alles vor Ort angeschaut haben«, sagte Haak, als er mich in einen exquisiten Salon führte, dessen Gestalter bestimmt keine Kinder hatte – alles war weiß. »Mir kommen immer die besten, originellsten Ideen, wenn ich gerade nicht am Schreibtisch sitze. Wenn ich über ein Unternehmen recherchiere, das ich vielleicht übernehmen will, mache ich es immer genauso. Man braucht eben die besten Informationen, wenn man gute Entscheidungen treffen will. Ohne hat man verloren.« Er lächelte und winkte eine der vielen Cartoon-Blondinen heran, die alle hinreißende weiße Uniformen trugen – weiße Badeanzüge und weiße Sneaker.
»Wie wäre es mit diesem exzellenten deutschen Riesling, Mr. Manson?«
»Sehr gern, danke.«
Eins der Mädchen reichte mir ein Glas mit flüssigem Gold, und Haak erzählte weiter.
»Ich liebe Fußball«, verkündete er. »Und das Tolle an Fußballtrainern ist, dass man immer weiß, was sie machen. Sie trainieren eine Fußballmannschaft. Und das machen sie entweder gut oder schlecht. Die meisten anderen Unternehmen sind voller Führungspersonal, das gar nichts macht. Nein, das stimmt nicht ganz. Größtenteils bauen diese Leute nämlich Scheiße, was noch viel schlimmer ist, als gar nichts zu machen. Und ich suche Tag für Tag nach solchen Leuten, damit ich sie rauswerfen kann. Und sofort steigt der Wert des Unternehmens. Das ist schon fast unheimlich. Das ist mein Job, Mr. Manson, das Feuern unfähiger Manager.«
Er war wohl Holländer, denn sein Akzent erinnerte mich an Ruud Gullit. Zu seinem Glück hatte er nicht auch noch dessen Frisur.
»Vik sagt, Sie sind ein guter Trainer, Mr. Manson. Aber meinen Sie wirklich, es ist klug, sich in die Ermittlungen der Polizei einzumischen? Wäre es nicht besser, die Polizei ihre Arbeit machen zu lassen?«
»Haben Sie die Polizei hier in Attika schon kennengelernt, Mr. Haak?«
»Nein, bisher hatte ich noch nicht das Vergnügen.«
»So wie ich es sehe, Mr. Haak, habe ich in einer Situation wie dieser zwei Möglichkeiten. Ich kann versuchen, irgendwie zu helfen; oder ich kann Däumchen drehen. Tendenziell neige ich eher dazu, etwas zu unternehmen, auch wenn sich später herausstellen sollte, dass das nicht unbedingt viel war. Vielleicht bin ich dann tatsächlich einer der Männer, die Sie nicht mögen, weil sie Scheiße bauen. Aber ich baue lieber ein Mal zu viel Scheiße, als gar nichts zu tun. Nur so lernt man im Leben. Da habe ich wohl den gleichen Ansatz wie die Polizei: Die baut regelmäßig Scheiße, lässt sich beim nächsten Mal aber auch nicht davon abhalten.«
»Schön, schön«, erwiderte er. »Aber da ich Niederländer bin, müssen wir uns jetzt unbedingt mit etwas Wichtigerem beschäftigen. Reden wir über Fußball.«