KAPITEL 52

»Wir müssen Ihnen noch etwas erzählen, Chefinspektor«, sagte ich vorsichtig. »Es hat mit einem Ihrer alten Fälle zu tun. Nun, so alt ist er auch wieder nicht. Mit der Angelegenheit um Thanos Leventis.«

»Was ist damit?« Varouxis wirkte angespannt.

»Ich finde, es gibt gewisse Ähnlichkeiten zwischen dem Fall und dem Tod von Natalija Matwijenko.«

»Hauptsächlich die Tatsache, dass auch eins von Leventis’ Opfern in der Marina Zea ins Hafenbecken geworfen wurde«, ergänzte Louise. »Nämlich Sara Gill. Eine Engländerin.«

»Ich habe mit Sara Gill über ihre Entführung 2008 gesprochen«, sagte ich.

»Tatsächlich?«

»Das haben wir beide«, ergänzte Louise trocken. »Wir wollten überprüfen, ob es möglicherweise eine Verbindung zum Tod von Natalija Matwijenko gab.«

»Und zu welchem Schluss sind Sie gekommen?«, fragte Varouxis.

»Es gibt keine Verbindung«, erwiderte Louise. »Trotzdem plane ich, über den britischen Botschafter ein formales Gesuch an Ihre Regierung zu stellen, dass die Sonderabteilung Gewaltverbrechen Athen den Fall wieder öffnet.«

»Darf ich fragen warum?«

»Wie Miss Gill mir erzählt hat, kamen Sie zu der absolut nachvollziehbaren Einschätzung, dass sie wegen ihrer schweren Verletzungen keine verlässliche Zeugin war. Sie gibt selbst zu, dass sie verwirrt war. Und dass ihre Geschichte scheinbar keinen Sinn ergab.«

Varouxis nickte und zündete sich in Ruhe eine neue Zigarette an. »Ehrlich gesagt war es nicht meine Entscheidung, ihrer Schilderung der Ereignisse nicht weiter nachzugehen, sondern die des Generals. Aber fahren Sie doch fort.«

»Heute sieht die Lage anders aus«, erklärte Louise. »Sie hat sich erholt und erinnert sich noch an vieles, was ihr damals angetan wurde. Vor allem glauben wir, dass sie imstande ist, ihren zweiten Angreifer zu identifizieren.«

»Wir?«

»Während eines Skype-Gesprächs am Samstagabend hat Miss Gill mir eine Beschreibung dieses Angreifers gegeben«, sagte ich. »Eine sehr detaillierte Beschreibung, nach der ich mir ziemlich sicher bin, dass ich ihren Angreifer schon persönlich kennengelernt habe.«

»Und wer soll das sein? Nein. Moment. Tsipras?«

»Ja, Sir?«

»Am besten verlassen Sie eben mal den Raum«, sagte Varouxis. »Falls Mr. Manson hier gleich jemanden verleumdet, sollte das nur vor einem einzigen Zeugen geschehen. Aus Gründen der diplomatischen Beziehungen zwischen unseren Ländern. Ich möchte nicht, dass Mr. Manson in noch größere Schwierigkeiten gerät.«

»Sehr wohl, Sir.« Tsipras stand auf und ging.

»Also dann«, sagte Varouxis, als sich die Tür geschlossen hatte. »Was möchten Sie mir sagen?«

»Er heißt Antonis Venizelos und er arbeitet für …«

»Ich weiß, für wen Antonis Venizelos arbeitet. In diesem Gebäude kennt jeder Antonis Venizelos. Er ist sehr beliebt. Er versorgt uns mit Freikarten zu jedem Spiel von Panathinaikos. Er geht hier im Hauptquartier ein und aus, als wäre es eine Erweiterung des Stadions auf der anderen Straßenseite.« Er nickte aus dem Fenster und seufzte. »In Ordnung, sagen Sie mir, weshalb Sie glauben, dass er Miss Gill vergewaltigt hat.«

»Sie hat gesagt, dass er haarig war. Sehr haarig. Wie Venizelos. Außerdem hatte der Mann einen sehr süßen Atem. Venizelos kaut dauernd Kardamomsamen und raucht Mentholzigaretten. Weiterhin hat sie einen Mann beschrieben, der ein T-Shirt mit einer Art UN-Logo trug. Mit einem Kranz aus Olivenzweigen. Bloß war darin keine Weltkarte abgebildet, sondern eine Art Labyrinth. Ich bin davon überzeugt, dass sie ein T-Shirt der Goldenen Morgenröte beschrieben hat. Venizelos ist oder war Mitglied dieser Neonazi-Organisation. Das hat er zumindest meinem Co-Trainer erzählt. Aber vor allem hat sie einen Mann beschrieben, der scheinbar drei Augenbrauen hatte. Wegen dieses Details hatte ihre Schilderung damals unzuverlässig gewirkt. Allerdings hat Venizelos eine tiefe Narbe, die eine seiner Augenbrauen teilt und es aussehen lässt, als hätte er nicht zwei, sondern drei. Wenn man bedenkt, dass Thanos Leventis den Bus für die zweite Mannschaft von Panathinaikos fuhr, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass er Antonis Venizelos kannte. Aus meinen eigenen Gesprächen mit Venizelos weiß ich außerdem auch, dass er schwer frauenfeindliche Meinungen vertritt. Ich würde sagen, er hasst Frauen genauso sehr wie Pakistaner und Roma. Aber natürlich kann ich nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, dass er es war. Und Sie haben mein Wort, dass ich Miss Gill diesen Verdacht nicht mitgeteilt habe. Aber ich glaube, dass die Chancen gut stehen, dass sie ihn in einer Gegenüberstellung mit mehreren Verdächtigen wiedererkennen würde.«

Varouxis zündete sich noch eine Zigarette an und dachte eine Weile nach.

»Allerdings wussten Sie wohl schon, welchen Namen ich sagen würde«, fuhr ich fort. »Deshalb haben Sie Tsipras rausgeschickt, oder?«

Varouxis blieb still.

»Wenn ich dazu meine Meinung sagen darf«, fing Louise an. »Es ist doch sicher besser, wenn Sie den Fall selbst wieder öffnen, als wenn Sie es auf Anweisung der britischen Botschaft und Ihres eigenen Justizministeriums tun müssen.«

»Leider ist es aber so, dass ich den Fall erst wieder öffnen kann, wenn ich den Tod von Miss Matwijenko oder Bekim Develi aufgeklärt habe. Dann würde niemand mehr die Entscheidung anzweifeln, wieder in Miss Gills Fall zu ermitteln.«

»Wer sollte die Entscheidung denn anzweifeln, wenn ich fragen darf?«, sagte Louise.

»Mein Vorgesetzter, der Generalleutnant der Polizei Stelios Zouranis, ist ein Cousin von Venizelos. Auch er ist Mitglied der Goldenen Morgenröte. Ich mag weder den Mann noch die Organisation, aber mir sind die Hände gebunden. Wenigstens bis ich diesen Fall gelöst habe. Dann müsste der Minister auf mich hören und könnte sich nicht weiter sperren.«

Louise nickte. »Das verstehen wir.«

»Antonis Venizelos hat diese Narbe durch die Augenbraue von einer Verletzung, die er sich 2000 bei einem Spiel gegen Thessaloniki zugezogen hat«, sagte Varouxis. »Venizelos hatte einem Spieler auf den Knöchel gestampft, wofür er einen Kopfstoß von einem dritten kassierte. Er musste mit sechzehn Stichen genäht werden. Er war immer ein sehr brutaler Spieler. Und das sage ich als Panathinaikos-Fan. Danach wurde er eine Zeit lang der Minotaurus genannt.«

Er öffnete das Fenster und wedelte den Rauch nach draußen.

»Ehrlich gesagt habe ich immer schon vermutet, dass er etwas damit zu tun hatte. Ich würde ihn nur zu gern ins Gefängnis schicken. Und nicht nur weil er ein Vergewaltiger und Mörder ist, sondern auch weil er für das Schlimmste an unserer Gesellschaft steht. Dieser Hass, diese Intoleranz – das ist nicht das wahre Griechenland. Wir haben die Demokratie erfunden, und jetzt vergessen wir wohl, was sie bedeutet. Damit ich ihn wirklich drankriegen kann, braucht meine Stimme mehr Gewicht. Dafür muss ich zuerst diesen Fall lösen.«

»Verstehe.«

»Ich bin beeindruckt von allem, was Sie bisher haben in Erfahrung bringen können, Mr. Manson. Beeindruckt, aber wohl nicht überrascht – schließlich haben Sie auch João Zarcos Mörder gefunden. Ich hätte wissen müssen, dass Sie niemand sind, der gern herumsitzt und Däumchen dreht. Ich gebe Ihnen mein Wort, dass ich Ihnen helfen werde, wenn Sie mir jetzt helfen.«

Er streckte mir die Hand entgegen; ich schüttelte sie. Dann gab er auch Louise die Hand.

»Vielleicht können wir drei die Angelegenheit zu einem zufriedenstellenden Abschluss bringen«, sagte er. »Da bin ich mir sogar sicher.«

Die Hand Gottes
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