KAPITEL 5

Auch nach dem Schrecken an Bord der Aeroflot Iljuschin bleib ich dabei – Hubschrauber sind noch viel schlimmer. Selbst Viks luxuriöser Sikorsky S-92, der nach unserer Rückkehr aus Russland eines Dienstagmorgens im August vom Londoner Battersea Heliport in Richtung Paris abhob. An Bord waren Viktor Sokolnikow, der Vereinsvorsitzende Phil Hobday und ich.

Wenn ich in einem Hubschrauber sitze, kann ich mich nie über die eingesparte Zeit freuen, weil ich immer an Matthew Harding denken muss, den Vizepräsidenten des FC Chelsea, der 1996 nach einem Auswärtsspiel in Bolton bei einem Hubschrauberunglück ums Leben kam. Hubschrauber sind an sich auch nicht weniger sicher als Flugzeuge, auch wenn das oft behauptet wird. Die Flügel eines Helikopters drehen sich weiter, auch wenn der Antrieb ausgefallen ist (behauptet Vik wenigstens). Aber natürlich machen Hubschrauber gefährlichere Sachen als Flugzeuge, zum Beispiel starten und landen sie in dichtbebautem Gebiet, und das dann auch noch im englischen Wetter. Bei einem Hubschrauberunglück zu sterben wäre schon schlimm genug, aber auch noch in Bolton – schrecklich.

Wir wollten nach Paris, weil wir dort mit Kojo Ironsi zum Mittagessen verabredet waren, dem Agenten und Manager von Prometheus Adenuga sowie Besitzer der berühmten King Shark Football Academy in Accra, Ghana. Vik besaß schon Anteile an der Akademie, aber Kojo – der Gerüchten zufolge gerade etwas klamm war – wollte ihm weitere verkaufen, und ich sollte unserem milliardenschweren Vereinsbesitzer bei der Einschätzung helfen, wie viel die Akademie wert war. Das glaubte ich zumindest. Ich hatte Spielergutachten von einem unabhängigen Scout in Afrika dabei, die ich anführen sollte, falls Vik fand, dass Kojo zu hoch pokerte.

Alle Spieler, die die King Shark Academy durchlaufen hatten – darunter Prometheus und andere große Namen –, hatten vertragliche Verpflichtungen der KSA gegenüber, die besagten, dass ihre späteren Vereine einen Teil der Transfersumme und des Gehalts direkt an die Akademie zahlen mussten. Kojo gab gerne den großen Philanthropen, der alles für afrikanische Nachwuchstalente tat, die es sonst nie zu den großen Vereinen schaffen würden, aber von außen sah es so aus, als wären all diese Spieler in ewiger Schuldknechtschaft gegenüber Kojo und der KSA gefangen.

»Wie viel wäre zu viel?«, fragte ich Vik irgendwo über dem Ärmelkanal.

»Der will auf jeden Fall erst mal zu viel, davon können wir ausgehen«, sagte Phil. »Das wird ein bisschen wie Teppich kaufen auf dem Basar.«

»Da stehen aber ein paar gute Spieler auf der Liste«, sagte Vik. »Oder was meinst du, Scott?«

»Klar. Mehrere der besten Afrikaner, die im Moment in Europa spielen, haben die King Shark Academy durchlaufen. Das behauptet Kojo zumindest.«

»Meine Anwälte sagen, die Verträge sind hieb- und stichfest«, erklärte Vik. »Und Jahr für Jahr zahlen all die großen Vereine Unsummen auf die Schweizer Bankkonten der KSA. Mir gehören schon fünfundzwanzig Prozent der Akademie. Wahrscheinlich will Kojo meinen Anteil auf neunundvierzig aufstocken. Dafür würde ich unter Umständen zehn Millionen Euro zahlen. Aber natürlich wird er erst das Doppelte verlangen, vielleicht mehr.«

»Dann weiß ich eigentlich gar nicht, warum du mich überhaupt mitgeschleift hast«, erwiderte ich.

»Ich will nicht irgendwann aufwachen und hören, dass ich Teilhaber eines Unternehmens bin, das Kinderhandel betreibt. Vielleicht kannst du ihm da mal auf den Zahn fühlen.«

»Geht klar. Da hatte ich selbst so meine Fragen.«

»Und wenn an der Front alles in Ordnung ist, lieferst du die Perspektive von jemandem, der sich mit Spielern und ihrem wahren Marktwert auskennt. Vor allem geht es um unseren jungen Freund Prometheus. Wegen seiner dauernden Probleme mit der Disziplin ist es gut möglich, dass wir da noch ein bisschen an der Preisschraube drehen können. Alles klar?«

»Okay. Ich soll diesem Kojo also klarmachen, dass Prometheus bisher eine Riesenenttäuschung war.«

»Und das stimmt ja auch«, sagte Phil. »Der Junge geht mir gewaltig auf den Sack. Ich will gar nicht daran denken, wie lange ich mich um sein verdammtes Auto kümmern musste.«

Prometheus war gerade erst in London angekommen, da hatte er sich schon einen Mercedes SLR McLaren für 400.000 Pfund gekauft. Die Polizei hatte allerdings ein kleines Problem damit, dass der junge Nigerianer gar keinen Führerschein besaß. In Monaco war das nicht weiter aufgefallen, dort war er nämlich immer nur von einem Ende des Fürstentums ans andere gefahren, anderthalb Kilometer hin, anderthalb Kilometer zurück und selten schneller als 50 km/h, mehr ist dort nämlich nicht drin. Aber in London war das anders. Prometheus stand also jetzt schon kurz vor dem Verlust seines nicht vorhandenen Führerscheins und der Konfiszierung seines Wagens, was ein neuer Rekord für alle Fußballvereine der Stadt wäre.

»Er ist aber ein guter Spieler«, sagte Vik. »Ich bin mir sicher, dass Scott eine Menge aus ihm rausholen kann.«

»Ich beneide dich um deinen Optimismus, Vik.«

»Wie läuft’s mit ihm und Bekim?«, fragte er.

»Nicht viel besser als in Russland. Prometheus hält seitdem beim Training zwar die Klappe. Aber er retweetet dauernd irgendeinen katholischen Bischof aus Nigeria, der dem Präsidenten Goodluck Jonathan für das Anti-Homosexuellen-Gesetz gedankt hat. Das macht die Lage mit Sicherheit nicht entspannter.«

»Solange Bekim Prometheus nicht auf Twitter folgt, ist dann ja alles in Ordnung«, erwiderte Vik. »Man kann sich doch nur über den Tweet von jemandem aufregen, dem man folgt, oder?«

»Dummerweise stürzt sich die Regenbogenpresse sofort auf jeden von Prometheus’ Tweets«, erklärte Phil. »Zeitung liest Bekim natürlich. Und Christoph Bündchen auch. Und die Journalisten haben noch lange nicht vergessen, was dem Deutschen in Brasilien passiert ist. Da machen die jetzt natürlich eine Riesensache draus. Ist er denn nun eigentlich wirklich schwul?«, fragte er mich, aber Vik antwortete.

»Ach, natürlich. Er wohnt doch sogar mit einem Mann zusammen.«

»Harry König ist doch nur sein Mitbewohner«, erwiderte ich. »Ein deutscher Reservespieler von den Queens Park Rangers. Der Spielerbetreuer hat sich das mit der WG ausgedacht, damit Christoph nicht so alleine ist.«

»Kann ja sein. Aber Harry ist auch schwul.«

»Woher weißt du das denn?«, fragte ich.

»Weil ich die beiden eine Weile unter Drohnenbeobachtung hatte.«

»Wie bitte?«

»Mir gehört ein Mililtärdrohnenhersteller«, erklärte Vik, ohne mit der Wimper zu zucken. »Die kleinsten sind ungefähr so groß wie Tauben. Mit denen kann man jemandem folgen, sich bei ihm auf die Fensterbank setzen und natürlich nach Belieben filmen. Aufladen können sie sich an Telefondrähten.« Vik war eiskalt. »Das hab ich bei allen unseren Spielern gemacht. Ich bezahle denen doch nicht das große Geld, ohne dass ich genau weiß, was Sache ist. Keine Angst, Scott, das ist nicht illegal.«

»Tja, vielleicht sollte es das aber sein.«

Ich fragte mich, ob er das wohl auch bei mir gemacht hatte. Lediglich Telefone anzuzapfen war anscheinend aus der Mode gekommen.

»Ich habe auch für alle unsere Spieler psychiatrische Gutachten erstellen lassen. Wusstest du, dass wir drei Psychopathen dabeihaben?«

»Wer soll das sein?«, fragte ich.

»Das kann ich doch nicht einfach so ausplaudern. Jetzt mal nicht so schockiert tun, die Herren. Psychopathen können schließlich sehr praktisch sein, vor allem im Sport. Das heißt ja nicht, dass sie unbedingt jemanden umbringen.« Er lachte. »Zumindest nicht sofort.«

Ich fragte mich, ob er nicht insgeheim doch unseren Piloten meinte, der über dem winzigen Landeplatz kreiste wie eine Biene, die den H-förmigen Stempel einer seltsam neongelben Blume umschwirrte. Ich schloss die Augen und wartete die Landung ab.

»Ganz ruhig, Scott«, sagte Vik. »Vielleicht kommt es auch nie so weit.«

»Das will ich doch hoffen.«

Die Hand Gottes
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