Bei Southampton hatten Hristos Trikoupis und ich beide in der Verteidigung gespielt, erst unter Glenn Hoddle und dann unter dem kleinen Gordon Strachan. Ich weiß nicht, warum Glenn heute keine Mannschaft mehr trainiert. Glenn hat die Saints allen Widrigkeiten zum Trotz in der Premier League gehalten; mich hatte er von Crystal Palace gekauft, und umstrittenerweise Hristos Trikoupis von Olympiakos. Umstritten deshalb, weil Hristos vor der EM 2000 eine Spielerrevolte gegen den griechischen Nationaltrainer angezettelt hatte. Neben ihm sahen Roy Keane und Nicolas Anelka aus wie brave Streberbubis. Wir haben gut zusammen gespielt; wir waren vielleicht nicht unbedingt Steve Bould und Tony Adams, aber wir haben solide Arbeit abgeliefert. Hristos war alles, was man von einem Rechtsverteidiger erwartet: groß, ein Schädel wie ein Hammer und das bedingungslose, knallharte Auftreten eines Profikillers. Ich habe mich immer gewundert, warum Arsenal danach mich wollte und nicht ihn. Vielleicht ist er deshalb immer noch sauer auf mich, was weiß ich. Ich ging zu Arsenal, er zu den Wolves. Ich habe ihn nie gefragt, wie er das fand. Nachdem ich die Saints verlassen hatte, habe ich überhaupt erst nach Bekims Tod wieder mit ihm gesprochen.
Er wirkte jetzt gepflegter; er hatte sich die hellen Haare etwas wachsen lassen und ein bisschen Gewicht zugelegt, was ihm ganz gut stand. Er kam mit einem marineblauen Anzug und einem sauberen weißen Hemd, das bis zum haarigen Nabel aufgeknöpft war, aus dem Restaurant; die Frau an seiner Seite war sehr dünn, hatte lange, braune Haare und trug ein Kleid im Layering-Look, mit dem sie aussah wie Victoria Beckham. Ich erkannte sie wieder: Nana Trikoupis, Sängerin und ehemalige Eurovision-Teilnehmerin. Sie wurde Sechzehnte mit einem Song namens Play a Different Love Song, den der Kommentator Terry Wogan umbenannt hatte in Sing a Different Song, Love.
Sie stiegen in den schwarzen Maserati und fuhren los.
»Das ist er«, sagte Charlie und startete den Wagen. »Und sie auch. Queen Sophia. So nennen die griechischen Zeitungen seinen Hausdrachen, weil sie so ein fürchterlicher Snob ist.«
»Ich kenne sie. Ich war bei der Hochzeit. Sie hat ein Glas Champagner nach dem Trauzeugen geworfen, als er mit seiner Rede fertig war.« Ich grinste. »Sie hatte wohl nicht kapiert, dass ›sich trauen‹ in dem Zusammenhang nicht unbedingt hieß, dass ihr Gemahl fürchterliche Angst vor ihr hatte.«
Wir folgten ihnen nach Osten die Hauptstraße entlang und folgten der südlichen Küste in Richtung Vouliagmeni, wo das Hotel unserer Spieler stand. Nach gut der halben Strecke dorthin bog er erst in die Leoforos Alimou ein und dann noch einmal rechts ab.
»Er fährt wohl nach Glyfada«, sagte Charlie. »Das ist das Beverly Hills von Athen. Da leben die Millionäre. Von Christos Dantis bis Konstantinos Mitsotakis.«
Das waren wohl berühmte Griechen, aber ich hatte noch nie von ihnen gehört.
»Jeder Grieche träumt davon, im Lotto zu gewinnen und nach Glyfada zu ziehen. Da gibt es keine Graffitis, die Straßen sind sauber, kein Laden steht leer und alle Autos sind neu. Ich verstehe nie, warum die großen Demos und Unruhen immer auf dem Syntagma-Platz veranstaltet werden und nicht in Glyfada. Wenn die hier ein paar Häuser anzünden würden, würde die Regierung das mitbekommen.«
Der Maserati hielt vor einem Automatiktor in der Nähe des Golfclubs von Glyfada und verschwand dann die kurze Auffahrt hinauf.
»Nobler geht’s in Athen nicht«, sagte Charlie. »Ein Haus auf der Odos Miaouli. Bestimmt hat er sogar einen eigenen Zugang zum Golfplatz.«
Ich nickte und erinnerte mich an Hristos’ altes Haus in Romsey außerhalb von Southampton – ein schickes Sechs-Zimmer-Einfamilienhaus auf der Gardener’s Lane; aber das hier war etwas ganz anderes. Schon durchs Tor sah dieses Anwesen wie das Feinste vom Feinsten aus.
Ich stieg aus, drückte die Klingel an der Sprechanlage und wartete, bis die Überwachungskamera meine Grinsefresse und mein Daumen-hoch-Zeichen scharfgestellt hatte. Dann fragte eine verzerrte Stimme – eindeutig Trikoupis selbst – auf Griechisch, was ich wollte.
»Ich will zu Hristos Trikoupis.«
»Der ist nicht da.«
»Ach komm, Trik. Ich weiß, dass du das bist.«
»Hör zu, ich will keinen Streit. Wenn es um die Sache nach dem Spiel geht; ich habe den Zeitungen schon gesagt, dass es mir leidtut. Ich hab’s wohl ein bisschen übertrieben.«
Ich wusste genau, dass Trikoupis sich in keiner Weise dafür entschuldigt hatte; stattdessen hatte er irgendeinen Blödsinn gelabert, von wegen solche Konfrontationen müssten an der Seitenlinie ja zwangsläufig passieren, so nah wie die Coachingzonen nebeneinanderlagen; und auch wenn das vielleicht stimmte, wusste ich auch, dass er mich einen »schwarzen Nazi«, einen »schlechten Verlierer« und einen »Jammerlappen« genannt hatte, als hätte der Tod meines Spielers am Abend vorher schon gar nichts mehr zu bedeuten.
»Ach, Schnee von gestern«, erwiderte ich gelassen. »Ich war bloß grad in der Gegend und wollte mal reinschauen. Damit wir uns mal in Ruhe aussprechen können, ohne dass wir dabei die Presse an den Hacken haben.«
»Das ist echt eine tolle Idee, Scott, aber leider passt es gerade nicht so. Wir wollten uns gerade an den Esstisch setzen.«
»Ist schon okay, Trik. Kein Problem. Aber kann ich dich eins fragen?«
»Klar, Scott.«
»Bist du alleine an der Sprechanlage? Oder hört noch jemand mit?«
»Nein, ich bin alleine.«
»Gut. Ich bin nämlich hier, weil ich mit dir über eine gemeinsame Bekannte von uns reden möchte. Über eine russische Schönheit namens Valentina.«
»Kenne ich nicht.«
»Anscheinend kannte sie aber das arme Mädchen, das neulich aus der Marina Zea gefischt wurde – mit einem Gewicht an den Füßen. Und damit meine ich keine Schuhe von Jimmy Choo. Wahrscheinlich hat Valentina sie sogar selbst an ihrer Stelle zu Bekim geschickt. Und deshalb muss ich dringend mit ihr reden.«
»Wie gesagt: Ich kenne sie nicht«, beharrte Hristos.
»Ach, klar doch. Du hast sie doch neulich Abend mit deinem schicken schwarzen Maserati vor dem Hotel Grande Bretagne abgeholt. Und wie ich sie kenne, bist du mit ihr bestimmt ins Spondi gefahren. Das ist ihr Lieblingsrestaurant. Bekims war es auch. Er war da auch mit ihr. Hört sich toll an, der Laden. Ich muss da unbedingt hin, wo ich schon mal in der Stadt bin. Vielleicht gehe ich morgen nach dem Panathinaikos-Spiel dort essen. Dann kann Chefinspektor Varouxis gleich mitkommen – der ist ein großer Fan der Grünen. Vielleicht erzähle ich ihm von Valentina. Er weiß nämlich nichts von ihr. Noch nicht. Aber ehrlich gesagt, Trik, weiß ich noch nicht so genau, ob er wirklich von ihr erfahren muss. Nicht nur wegen ihr, sondern auch wegen uns beiden. Ich kann den Stress ab, ich bin ja nicht verheiratet. Aber bei dir sieht das ja ein bisschen anders aus.«
Er schwieg.
»Also, was darf’s sein? Ein kurzes Gespräch mit mir jetzt gleich oder später ein längeres mit den Bullen? Ganz zu schweigen von einer etwas peinlichen Audienz bei Queen Sophia hinterher.«
Hristos seufzte. »Was genau willst du, Scott?«
»Alle Kontaktdaten, die du von Valentina hast: Handynummern, Adressen. Alles. Und den Namen von jedem, der sie womöglich kennt: Zuhälter, Freier, Tripperdoktor. Von jedem. Ich tue dir einen Gefallen. Entweder du redest mit mir oder mit Varouxis, so einfach ist das.«
»Okay, okay. Warte. Ich komme runter zum Tor.«
»Geht klar.«
Ich wartete und starrte die moderne dreistöckige Villa an; sie sah aus wie der Flügel einer Nobelklinik oder wie ein kleines Boutique-Hotel. Der Rasen war so perfekt, dass er auch hätte aufgemalt sein können.
Dann kam Hristos eilig die Auffahrt runtermarschiert. Er schob mir ein Blatt Papier durchs Tor.
Ich schüttelte den Kopf.
»So willst du mich abfertigen? Als wäre ich der UPS-Heini? Da hätte ich mehr von dir erwartet, Trik. Nach allem, was wir im St Mary’s Stadium durchgemacht haben. Ich bin richtig beleidigt. Ich dachte, du wärst ein Mann und würdest dich nicht hinter deinem Tor verstecken.«
Ich schaute auf den Zettel und erkannte die gleiche gedruckte Nummer und E-Mail-Adresse, die sich mir schon unauslöschlich ins Gehirn gebrannt hatten.
»Die hab ich schon. Erzähl mir was, was ich nicht weiß.«
Hristos wirkte unruhig und verlegen. »Mehr hab ich nicht. Mann, was soll ich denn sagen? Ich hab mich doch nur ein einziges Mal mit ihr getroffen.«
»Das glaube ich dir nicht.«
»Doch, ich schwör’s.«
»Du hast das hier eben ausgedruckt. Das heißt, du wusstest sofort, wo du die Nummer findest. Das sieht nicht gerade so aus, als hättest du dich nur einmal mit ihr getroffen. Wie heißt sie mit Nachnamen? Hast du sie unter V für Valentina gespeichert oder woanders?« Ich zerknüllte den Zettel und warf die Papierkugel zurück durchs Tor. »Unter F wie Fremdgehen? Oder unter P wie Pleite, was du nämlich bist, wenn Nana rauskriegt, was du für ein treuloser Hund warst. Ich war bei eurer Hochzeit, falls du das schon vergessen hast. Ich weiß, was sie für ein Temperament hat. Das ist fast so gruselig wie ihre Singstimme.«
»Ach, komm schon.« Hristos schüttelte verzweifelt den Kopf. »Wer lässt sich denn von so einer den Nachnamen geben? Die zeigen dir doch nicht den Ausweis. Außerdem haben die alle Pseudonyme für den Job. Aphrodite, Jasmine und so weiter.«
Darauf ging ich nicht ein. Vielleicht kannte er Jasmine, vielleicht auch nicht, aber an ihrer Verbindung zu Bekim war ich nicht weiter interessiert.
»Bitte, Scott. Ich weiß wirklich gar nichts über sie. Du hast recht, ich war mit ihr im Spondi. Vielleicht kennen die sie da ja besser. Ich will dir ja helfen, aber mehr hab ich einfach nicht.«
»Wo hast du sie nach dem Essen gevögelt?«
»Ich hab eine kleine Wohnung beim Trainingsplatz.«
»Wie hast du sie kennengelernt?«
»Bei einer Veranstaltung des griechischen Fußballbunds im Onassis-Kulturzentrum. An der Leoforos Andrea Syngrou. Das war so’n Benefizding für behinderte Sportler.«
»Wer hat euch vorgestellt?«
»Du sagst aber keinem, dass du das von mir hast?«
»Ich sag deiner Frau alles, wenn du nicht redest, du Drecksack. Ich will einfach nur nach Hause.«
»Das war eine Frau namens Anna Loverdos. Sie ist im Komitee für internationale Zusammenarbeit beim griechischen Fußballbund.«
»Ich weiß. Die ruft mich dauernd an und will mir ihr Beileid wegen Bekim ausdrücken. Bisher bin ich nicht rangegangen, aber jetzt muss ich mich wohl mal bei ihr melden. Am besten gleich heute Abend.«
»Ich bin mir ziemlich sicher, dass Anna auch Bekim und Valentina zusammengebracht hat. Mehr weiß ich nicht, Scott, wirklich. Bitte, bitte häng das nicht an die große Glocke. Anna könnte ihre Arbeit verlieren.«
»Ich weiß doch, wie sehr ihr alle an euren Jobs hängt.« Ich nickte. »Unter einer Bedingung.«
»Ja?«
»Wenn wir uns beim Spiel nächste Woche wiedersehen, gibst du mir die Hand. Vor und nach dem Spiel. Auf korrekte Art und Weise. Wir sind für die Fans schließlich Vorbilder. Wenn wir keinen Respekt voreinander haben, haben wir gar nichts. Und ich hab genug davon, dass die britische Presse ewig nach Gründen sucht, warum wir uns nicht verstehen.«
Als er nickte, packte ich ihn durchs Tor am Hemdkragen und riss ihn zu mir, sodass er mit voller Wucht mit dem Kopf gegen die Stäbe prallte.
»Und wenn du mich noch einmal einen schwarzen Nazi nennst, du Arschloch, dann schleif ich dich vor die FIFA-Disziplinarkommission.«
Ich stieg in den Wagen, und Charlie fuhr los.
»Als durch und durch Grüner muss ich sagen: Gut gemacht, Boss!«, sagte Charlie. »Sehr gut! Wie Sie ihm den Schädel gegen das Tor gerammt haben – das war schöner als jeder Kopfball.«
Auf der Rückfahrt zum Hotel sah ich ein Tattoo-Studio und ließ Charlie anhalten, damit ich eine Expertenmeinung zu dem Tattoo einholen konnte, von dem ich jetzt Bilder auf dem iPhone hatte. Dort – wie auch in einem zweiten Studio näher am Hotel – war der Konsens, dass das Labyrinth professionell gestochen war, aber das Motiv weiß Gott nicht ungewöhnlich, nicht in Griechenland, wo Labyrinthe ja mehr oder weniger erfunden worden waren.
Über Labyrinthe wusste ich eigentlich nur eines mit Sicherheit: Am Ende lauert immer ein Monster.