Charlie und zwei von Viks Bodyguards standen am Ende des Flurs vor seiner VIP-Box und sahen sich das Spiel durch die offene Tür der unbesetzten Nachbarbox an.
»Alles klar, Boss?«, fragte Charlie.
»Das kann ich dir vielleicht gleich sagen, wenn ich mit meinem Boss geredet habe, Charlie.«
»Sagen Sie aber Bescheid, wenn ich Ihnen sonst bei irgendetwas helfen kann. Ich arbeite gerne für Sie, Mr. Manson. Sie sind ein anständiger Kerl.«
»Danke, Charlie.«
Die Bodyguards nickten stumm, und ich nickte zurück und fragte mich, ob sie wohl bewaffnet waren und was sie gemacht hätten, wenn sie gewusst hätten, was ich vorhatte. Als ich die Tür öffnete, ließen aber nicht sie mich kurz stocken, sondern Louise. Ich hatte vergessen, dass Vik sie eingeladen hatte, sich das Spiel mit ihm anzuschauen, und sie war die Einzige im Raum, bei der es mir etwas bedeutete, welche Meinung sie von mir hatte. Was Vik, Phil, Kojo, Gustave Haak und sein kleiner Arschkriecher Cooper Lybrand dachten, war mir scheißegal.
»Scott, was zum Teufel machst du hier?«, fragte Vik.
»Genau«, sagte Phil. »Du hast gerade ein fantastisches Tor verpasst.«
»Welches Tor?«, fragte ich.
»Ayrton Taylor hat aus dreißig Metern getroffen«, erwiderte Phil. »Während du dich wahrscheinlich gerade die ganzen Treppen hochgekämpft hast.«
»Was?«
Kojo schlug mit seinem Fliegenwedel nach irgendetwas Unsichtbarem. »Ein wunderbarer Schuss«, erklärte er leise. »Fast so gut wie der von Prometheus.«
Ich ging ans Fenster und schaute von den Göttern runter aufs Spielfeld, wo Ayrton immer noch an der Seitenlinie entlangsprintete und sein orangefarbenes London-City-Trikot wie ein Lasso herumwirbelte, womit er sich unweigerlich eine Gelbe Karte einhandeln musste. Endlich waren die Olympiakos-Fans verstummt. »Scheiße, Mann!«
»Genau«, sagte Vik. »Wir liegen drei zu null in Führung. Also steht es insgesamt vier zu vier. Bei uns ist aber vom Hinspiel ein Auswärtstor dabei, also kommen wir weiter, wenn es dabei bleibt. Ist das nicht großartig? Ich weiß ja nicht, was du und Simon die Woche über mit den Jungs gemacht habt, aber sie spielen wie die jungen Götter. Mein Glückwunsch. Ich bin sehr zufrieden.«
»Tatsächlich«, sagte ich. »Wir kommen weiter. Meine Fresse, leck mich, wir packen’s. Ich fass es nicht.«
»Meinst du nicht, du solltest trotzdem lieber unten an der Seitenlinie stehen und für deine Mannschaft da sein?«, fragte Phil. »Tipps geben? Anfeuern? Bei allem Respekt, für die Siegesfeier ist es doch wohl noch ein bisschen zu früh. Das Spiel läuft noch mindestens dreißig Minuten.«
Meine Freude über den Spielstand wich unangenehmeren Gedanken.
»Ich bin nicht zum Feiern hier raufgekommen«, sagte ich. »Und ich erwarte gerade auch wirklich keine Lobeshymnen, Phil.«
Louise stand auf und wollte meine Hand nehmen; sie sah die Wut in meinem Gesicht, die die anderen noch nicht bemerkt hatten. Ich zog die Hand aus ihrer, küsste ihr die Finger und riss mich noch ein paar Sekunden zusammen.
»Das verstehe ich nicht«, sagte Vik. »Weshalb bist du denn dann hier?«
»Louise, wahrscheinlich ist es besser, wenn du uns einen Augenblick allein lässt«, sagte ich. »Sie auch, Mr. Haak, Mr. Lybrand. Was ich zu sagen habe, sollte unter den Angehörigen dieses Vereins bleiben. Also mir, Vik, Phil und Kojo.« Ich lächelte humorlos. »Wenn Sie so freundlich wären.«
»Pass auf dich auf«, flüsterte Louise, als sie ging.
»Ich habe dich nicht verdient«, erwiderte ich.
Gustave Haak und Cooper Lybrand standen auf, folgten ihr aber nicht gleich, sondern schauten Vik verwirrt an, ob sie wirklich gehen oder bleiben sollten.
»Scott, bitte«, sagte Vik. »Die Herren sind meine Gäste. Du blamierst mich. Kann das nicht bis nach dem Spiel warten?«
»Tut mir leid, Vik, aber nein. Wenn ich die Sache aufschiebe, klingt meine Wut womöglich ab, und ich ziehe es nicht mehr durch.«
»Das hört sich ja gar nicht gut an«, sagte Phil.
Vik schaute Haak und Lybrand an und nickte. »Wenn ihr vielleicht unten warten könntet? Sagt ihr bitte auch Louise Bescheid?« Er zuckte mit den Schultern. »Ich schreibe euch dann, wenn wir hier fertig sind, okay?«
»In Ordnung«, erwiderte Haak und verließ den Raum. Cooper Lybrand dackelte ihm treuherzig hinterher.
»Soccer ist ja sowieso nicht so mein Ding«, sagte er. »Baseball liegt mir viel mehr.«
»Wichser«, zischte ich, als die Tür zu war.
»Du hast wirklich ein beschissenes Timing, Scott«, sagte Phil.
»Stimmt. Aber so was kann man nicht immer auf die Sekunde perfekt planen. Im einen Moment weiß man noch nichts, dann geht einem plötzlich ein Licht auf und alles wird ganz klar. Man kann aber nicht immer den richtigen Moment abwarten, um zu handeln.«
»Du bist wirklich der letzte Neidhammel«, fügte er hinzu.
»Bitte?«
»Du machst doch nur wegen Kojo hier so eine Szene. Weil er jetzt Technischer Direktor ist. Er hat uns erzählt, dass du ihn vor dem Spiel im Tunnel beschimpft hast.«
»Wie freundlich.« Ich erwähnte lieber nicht Kojos Rolle bei Soltanis Platzverweis; die wirkte völlig unwichtig neben dem, was ich zu sagen hatte. Aber immerhin hatte ich gerade erfahren, was für ein hinterfotziger Kollege Kojo geworden wäre.
»Wenn du uns deine Kündigung einreichen willst, hätte das doch auch bis nach dem Spiel Zeit gehabt«, sagte Phil.
»Ja, es geht um Kojo.«
Kojo legte seine Zigarre ab und stand auf. Jetzt saß keiner mehr.
»Aber es geht nicht um seine Ernennung zum Technischen Direktor. Und kündigen will ich auch nicht. Wollte ich wenigstens nicht. Aber wo du es schon ansprichst, Phil, müssen wir jetzt wohl erst mal abwarten, wie sich die ganze Sache hier entwickelt, was? Aber erzähl du den beiden doch lieber, warum ich hier bin, Kojo! Das hast du doch bestimmt mittlerweile kapiert.«
»Ich?«
»Ja, du! Du bist vielleicht skrupellos, aber nicht blöd.«
»Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst, Scott. Wie gesagt hoffe ich eigentlich auf eine gute Zusammenarbeit, obwohl das so langsam unwahrscheinlich wird. Im Ernst, Vik, dieser Mann kommt mir ein bisschen verwirrt vor.«
»Mit dir würde ich sowieso nicht zusammenarbeiten, Kojo. Nie im Leben. Selbst wenn du alle Spieler auf der Welt vertreten würdest. Und ich sag dir auch warum. Außer der Tatsache, dass du ein verdammter Ganove bist …«
»Natürlich ist er einer, verdammte Scheiße, Scott«, sagte Vik. »Meinst du, das wusste ich noch nicht? Ich weiß alles über den verschlagenen Drecksack. Was meinst du, wie er überhaupt an den Job bei uns rangekommen ist?«
»Was?«
»Er hat mich in der Hand, deshalb habe ich ihn angestellt. Er hat mir gedroht, dass er mit einem wichtigen Deal an die Öffentlichkeit geht, den ich mit Gustave Haak und der griechischen Regierung abgeschlossen habe. An dem Geschäft haben wir schon seit Monaten gefeilt. Und am besten erfährt niemand davon. Schon gar nicht hier in Griechenland. Wenigstens jetzt noch nicht.«
»Also bitte, Vik«, erwiderte Kojo. »Das hört sich bei dir ja fast nach Erpressung an. So war das ganz und gar nicht. Ich habe nur erwähnt, dass ich wohl nicht über den Deal sprechen könnte, wenn ich eine Vertraulichkeitserklärung unterschrieben hätte, was ich natürlich nur könnte, wenn ich von dir angestellt wäre. Ich wollte dich und deine Geschäftsbeziehungen nur schützen. Das habe ich dir alles schon erklärt.«
»Schnauze, Kojo«, sagte Vik. »Wenn ich will, dass du redest, drücke ich einen Knopf. Dafür habe ich bezahlt, okay?« Vik starrte mich mit schmalen Augen an; ich hatte ihn vorher noch nie richtig wütend gesehen. »Kojo hat als Gast auf meinem Boot die Verhandlungen zu einem Deal mitbekommen. Dieser Deal darf nicht gefährdet werden. Durch gar nichts. Alles klar?«
»Und je weniger Scott über das Geschäft weiß, desto besser«, sagte Phil. »Findest du nicht auch?«
»Kojos Gehalt als Technischer Direktor und der Preis für die King Shark Academy sind nichts im Vergleich mit dem Deal. Also ist es mir scheißegal, was du mir jetzt über Kojo erzählen willst. Okay? Der kann meinetwegen Oxfam übers Ohr gehauen haben, ich will es nicht hören. Alles klar? Also vergiss die ganze Scheiße hier doch mal lieber, und schau dir das restliche Spiel vom Spielfeldrand aus an, wo du hingehörst!«
Ich nickte. Und vielleicht hätte ich auch getan, was Vik von mir verlangt hatte – wenigstens bis zum Ende des Spiels –, wenn Kojo sich nicht seine fette Zigarre ins gierige Maul gesteckt und mich blöd angegrinst hätte.
Das letzte Mal, als ich jemandem mit so einer Wucht ins Gesicht geschlagen hatte, war ich im C-Block – dem Bereich für Neuankömmlinge – des Wandsworth Prison; ich weiß nicht mal mehr seinen Namen, nur, dass er es verdient hatte. Er war irgendein weißes Arschloch mit mehr Tinte auf dem Körper als ein Tattoostudio-Schaufenster, der Arsenal hasste und mich dauernd einen Nigger nannte; das wäre ja noch in Ordnung gewesen, aber an dem Tag hatte er mich auch noch angespuckt – ein fetter, grüner Schleimbatzen, der das widerliche Fass zum Überlaufen brachte. Dem Krankenwärter zufolge hatte seine Nase danach etwas von einer Bauchtänzerin, und sie mussten ihm so viel Verbandszeug reinstopfen, dass es aussah wie ein Zaubertrick, als sie ihm das ganze Zeug später wieder rausholten.
Kojo ging allerdings nicht so leicht zu Boden, und ein, zwei Minuten prügelten und traten wir aufeinander ein wie bei einem Cage Fight im Troxy an der Commercial Road im Londoner East End. Nachdem ich ein paar harte Schläge seitlich an den Kopf hatte einstecken müssen, nach denen mir die Ohren pfiffen wie ein Teekessel, fällte ich ihn mit einem kurzen Kinnhaken, und er stand nicht wieder auf.
Mittlerweile waren Viks Bodyguards mit gezogenen Waffen hereingestürmt, aber da der Kampf offensichtlich vorbei war, brauchte Vik sie nicht mehr. »Raus! Raus! Verpisst euch! Wir regeln das selber!«
Ich bückte mich, zupfte Kojo das Seidentaschentuch aus der Brusttasche des Safari-Jacketts, wischte mir das Gesicht und die Fäuste ab und warf es weg.
»Ich brauche einen Drink«, sagte ich. »Mann, hab ich einen Durst. Ihr habt doch nichts dagegen?« Ich schenkte mir ein Glas Champagner ein, leerte es, setzte mich und atmete erleichtert auf.
»Jetzt geht’s mir schon viel besser.«