Ich war in der Royal Suite, und mein iPhone klingelte. Es war Pete Scriven, der Reiseplaner der Mannschaft.
»Der Hotelchef fragt mich schon, wie lange wir noch bleiben. Am Wochenende kommen neue Gäste an. Das Kulturministerium versucht, uns ein neues Hotel zu finden, aber es ist Hochsaison und alles ist voll.«
»Da müssen die sich schon entscheiden – entweder halten sie uns in ihrem Land fest, oder sie werfen uns aus dem verdammten Hotel. Beides geht nicht.«
»Das würde ich denen trotzdem zutrauen, Boss. Wir sind hier in Griechenland. Nach allem, was ich in der Zeitung gelesen habe, können wir von Glück reden, wenn sie nicht auch noch auf die Rückgabe der Elgin Marbles bestehen, bevor sie uns wieder gehen lassen.«
Es klingelte an der Zimmertür.
»Ich muss mich hier um etwas kümmern, Pete. Wir reden später weiter.«
Das Mädchen vor der Tür grinste breit, als sie sah, dass der Bewohner der Royal Suite nicht unbedingt wie ein Royal aussah, und sagte: »Hi, ich bin Jasmine. Panos hat gesagt, Sie wünschen Gesellschaft.«
»Panos?«
»Der Barkeeper unten.«
»Ach, klar. Komm rein, komm rein.«
»Danke.«
»Ich bin Scott«, sagte ich und schloss die Tür hinter ihr. »Schön, dich kennenzulernen, Jasmine.«
»Bist du geschäftlich hier?«
»Mehr oder weniger.«
Sie schritt langsam durch die Suite wie ein Nummerngirl im Boxring der MGM Grand Garden Arena in Las Vegas. Im Weinkeller quietschte sie vor Begeisterung, und im Speisezimmer blieb ihr die Luft weg. Als sie einen Moment auf Zehenspitzen den Blick durchs Fenster schweifen ließ, sah sie aus wie ein wunderschönes Erdmännchen.
»Tolle Aussicht«, sagte sie.
»Von hier aus auf jeden Fall«, murmelte ich. »Die Royal Suite ist mir eigentlich ein bisschen zu vornehm, aber ich bin ja auch kein König.«
»Mir gefällt sie. Sehr sogar.« Sie setzte sich auf eins der vielen Sofas und arrangierte ihre Beine sorgfältig, sodass sich eine perfekte Geometrie aus Haut und High Heels ergab, die Euklid sich nie erträumt hätte, deren einzige algebraische Formel aber nur S=EX2 lauten konnte.
Ich bot ihr einen Drink aus der gutbestückten Bar an. Sie wählte eine Cola. Ich holte uns beiden jeweils eine aus dem Kühlschrank und setzte mich neben sie aufs Sofa. Sie war elegant frisiert und duftete dezent; kaum zu glauben, dass sie gerade erst bei einem anderen Mann aus dem Bett gestiegen war. Manche von diesen Mädchen machen sich schneller wieder frisch, als Crashkids ein Auto klauen können.
»Können wir das Geschäftliche vorher regeln?«, fragte ich wie ein echter Freier.
»Schön, dass du so direkt bist«, sagte sie. »Fünfhundert die Stunde, achthundert für zwei. Zweitausend für die ganze Nacht. Es wäre ja auch eine Schande, in so einer schönen Suite nur zu schlafen.«
Ich zückte meine Brieftasche und zählte vier Hundert-Euro-Scheine auf den Kaffeetisch. »Hör zu, Jasmine, ich will nur reden.«
»Alles klar. Worüber denn, Scott?«
»Du bist Russin, Jasmine, oder?«
Sie nickte misstrauisch. »Du bist doch wohl kein Bulle?«
»Wir sind hier in der Royal Suite und nicht auf dem Revier, und da liegt Bargeld auf dem Tisch und kein Rettungspaket von der EZB. Ich bin kein Bulle. Ich hasse Bullen.«
Jasmine zuckte mit den Schultern. »Ein paar von denen sind ganz okay.«
»Kennst du eine Frau namens Valentina, Jasmine? Und sag bitte nicht Nein, denn ich weiß es besser. Dein Freund Panos hat es mir gesagt. Ich brauche nur ein paar Informationen über sie. Du sagst mir bloß, was du über sie weißt, du nimmst das Geld und dann gehst du. Ganz einfach.«
»Hat sie Probleme?«
»Nein. Noch nicht jedenfalls. Davor will ich sie bewahren. Ich muss unbedingt vor der Polizei mit ihr reden. Du würdest ihr wirklich einen Gefallen tun. Niemand will, dass die Bullen einem das Leben schwer machen. Zu Hause in London bin ich mal mit welchen aneinandergeraten, und ich habe heute noch daran zu knabbern. Bullen sind wie Herpes: Wenn man sie einmal gehabt hat, kommen sie immer wieder.«
»Willst du ihre Telefonnummer? Ihre E-Mail-Adresse? Die kann ich dir auch kostenlos geben.«
Sie zog ein kleines Notizbuch aus der Handtasche und schrieb mir nach einem Moment des Nachdenkens beides auf einen Zettel.
Die Nummer kannte ich auswendig, so oft hatte ich sie schon angerufen, mit der E-Mail-Adresse verhielt es sich ähnlich.
»Hast du noch eine andere Nummer? Eine Anschrift? Einen Skype-Namen? Die Nummer hier rufe ich schon den ganzen Tag an, aber keiner meldet sich.«
Jasmine schüttelte den Kopf. »Mehr hab ich nicht. Tut mir leid.«
»Schade.«
Ich hatte nicht eine Sekunde geglaubt, dass das Mädchen wirklich Jasmine hieß; wahrscheinlich hatte sie sich den Namen ausgesucht, weil sie damit verführerischer erscheinen wollte, was bei mir seine Wirkung verfehlte. Ich gab mich so kühl und nüchtern, wie es ging, hatte aber keinen großen Erfolg. Selbst wenn ich an den Mast der Argo gefesselt gewesen wäre, hätte sie nicht noch aufreizender wirken können.
»Okay. Versuchen wir es mal anders. Habt ihr jemals zusammengearbeitet? Mit einem Kunden, der zwei Frauen wollte? So was in der Art?«
Das war ein angenehmer Gedanke, der sich allzu einfach hätte umsetzen lassen können.
»Ich habe ihr das einmal vorgeschlagen, aber sie wollte nicht. Sie arbeitet lieber allein. Ohne Agentur. Sie will sich ihre Kunden selbst aussuchen. Sie hätte eigentlich noch viel mehr Geld verdienen können. Kennst du sie?«
»Ja.«
»Dann weißt du, was ich meine. Sie ist wunderschön. Und schlau.«
»Was kannst du mir noch über sie erzählen?«
»Sie kommt aus Moskau. Sie hat russische Literatur studiert. Sie mag Kunstgalerien und Museen. Vor allem Skulpturen, glaube ich.«
»Wo hast du sie kennengelernt?«
»Unten auf der Toilette. Sie hat mich angesprochen. Damals konnte ich meinen Job wohl noch nicht so gut verbergen. Nicht wie sie jedenfalls. Sie hat mir ein paar Tipps gegeben, wie ich mich ein bisschen dezenter geben kann, damit ich aus solchen Läden wie hier nicht rausgeworfen werde. Ein, zwei Mal habe ich sie hier gesehen, im Intercontinental oder im St George. Manchmal haben wir zusammen etwas getrunken, wenn wir auf jemanden gewartet haben. Sie war mir sympathisch.«
»Fällt dir sonst irgendwer ein, der sie kennt? Vielleicht andere Mädchen?«
»Nein. Wie gesagt hat sie mit keiner Agentur oder Website zusammengearbeitet. Sie hat sich auf Mundpropaganda verlassen.«
»Kennst du ein Mädchen mit einem Tattoo auf der Schulter? Mit einem Labyrinth als Motiv?«
Jasmine legte die Stirn in Falten. »Ich glaube, so eine habe ich mal mit Valentina sprechen sehen. Ich weiß aber ihren Namen nicht.«
»War sie auch Russin?«
»Glaub schon. Heutzutage sind viele von den Mädchen, die in Athen arbeiten, Russinnen.«
Ich wollte ganz offen mit Jasmine sein. Vielleicht fiel ihr dann ja noch etwas ein, oder der Schreck half ihrem Gedächtnis auf die Sprünge.
»Das frage ich dich nämlich deshalb, weil das Mädchen mit dem Labyrinth-Tattoo gestern Morgen tot aus der Marina Zea gefischt wurde. Man weiß bisher noch nicht, wer sie ist. Ich weiß nur, dass sie wahrscheinlich Valentina kannte und dass Valentina mir vielleicht helfen könnte, sie zu identifizieren.«
»Warum denn? Du hast gesagt, du bist kein Bulle.«
»Bin ich wirklich nicht. Wann hast du Valentina zum letzten Mal gesehen?«
»Schon länger nicht mehr.« Sie zuckte erneut mit den Schultern. »Seit der Rezession gibt es in Griechenland so viele von uns, dass man nicht immer alle auf dem Schirm hat. Und immer wieder geben welche das Geschäft auf. Aber es nehmen sofort neue ihren Platz ein.«
»Noch eine letzte Frage: Hast du Valentina jemals mit einem Kunden gesehen?«
»Kann sein. Aber über so was redet man nicht.«
»Komm schon, Jasmine, das ist wichtig.«
»Okay. Ich kann mich an zwei Kunden erinnern. Einmal habe ich sie in einem Restaurant hier in Athen gesehen, im Spondi. Da war sie mit dem einen Fußballer zusammen, der gerade gestorben ist: Bekim Develi. Und das andere Mal habe ich gesehen, wie sie zu einem Mann ins Auto gestiegen ist. Hier vor dem Hotel. In einen schwarzen Maserati.«
»Teuer.«
Sie wiegte den Kopf. »Das kann der sich schon leisten.«
»Hast du ihn erkannt?«
Jasmine zögerte. Sie schaute auf das Geld. »Wenn ich’s dir sage, verrätst du mich aber nicht, oder?«
Ich legte noch einen Fünfziger auf den Tisch. »Kein Wort.«
»Hristos Trikoupis«, sagte sie.
»Der Trainer von Olympiakos?«
Sie nickte.
»Bist du dir da ganz sicher?«
»Ja.« Sie grinste höhnisch. »Der war’s auf jeden Fall.«
»Du bist also kein Fan?«
»Von Olympiakos? Nein.«
»Warum nicht? Bist du für Panathinaikos?«
»Nein«, erwiderte sie. »Mein Freund ist PAOK-Fan. Er ist aus Thessaloniki. Die hassen Olympiakos genauso sehr wie die Drecksäcke von Panathinaikos.«
»Fußball! Neunzig Minuten Sport und eine Trajanssäule aus Hass und Missgunst.«
»Ist das in England anders?«
»Nein.«
»Tut mir leid, dass ich nicht mehr tun konnte.«
»Doch, du hast mir sehr geholfen, wirklich. Wenn du willst, kannst du jetzt dein Geld nehmen und gehen.«
Das tat sie auch.