KAPITEL 13

Sportanalysesoftware ist etwas Wunderbares. Ich frage mich oft, was die Trainer früher ohne Tablets gemacht haben; vorbereitete Filmsequenzen der Schlüsselszenen eines Spiels auf dem iPad sind ein zentrales Werkzeug für einen Trainer. Ich schaue mir die Ausschnitte immer mit nur zwei, drei Spielern auf der Heimfahrt im Bus an. Als Spieler weiß man es schon selbst, wenn man Mist gebaut hat, dazu muss man den Fehler nicht unbedingt tausendmal in der Wiederholung auf der großen Leinwand vor versammelter Mannschaft sehen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie erniedrigend das sein kann. Aber diesmal ließ ich meinen iPad-Bildschirm an die Busfernseher übertragen, damit mir alle folgen konnten. Ab und zu tut ein bisschen Erniedrigung auch gut.

»Wenn ich bitte eure Aufmerksamkeit haben dürfte«, sagte ich ins Mikrofon, als der Bus das King Power Stadium hinter sich ließ. »Schnauze jetzt, okay? Was quasselt ihr? Wie gut die waren? Wie schnell dieser Vardy war? Wie sensationell der Keeper war? Wie sehr er nach seinem Vater kommt? Ach, leckt mich doch! Deswegen haben wir heute nicht verloren.

Da hinten, westlich vom King Power Stadium, fließt der River Soar. Ich zeige extra hin, weil manche von euch wohl gerade kaum noch wissen, wo oben und unten ist. Es hieß früher, nach dem Battle of Bosworth 1485 hätten die siegreichen Tudors die Leiche von Richard III. in diesen hässlichen Fluss geworfen. Was natürlich nicht stimmt, weil vor Kurzem sein Skelett unter einem Parkplatz hier in Leicester gefunden wurde. Wahrscheinlich hatte das arme Schwein seinen Parkschein verloren und kam nicht mehr durch die Schranke. Auf jeden Fall wisst ihr jetzt wohl alle, wie sich der alte Richard gefühlt haben muss. In Leicester verlieren macht einfach keinen Spaß.

Aber es gibt für alles einen Grund, bloß ist der nicht immer ganz eindeutig, weil oft die kleinen Sachen große Auswirkungen haben. Das nennen die Physiker Chaostheorie. Und die Anwälte und Philosophen Kausalität. Historiker haben dazu auch etwas zu sagen: Der Erste Weltkrieg ist nicht allein deshalb ausgebrochen, weil der österreichische Thronfolger in Sarajewo erschossen wurde – das war nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Na, wer sagt’s denn? Als Profifußballer kriegt man auch noch seine Ration Bildung verpasst. Das können manche von euch verdammt gut gebrauchen. Ich will euch helfen. Ganz richtig, Jungs. Wenn ihr was wissen wollt, fragt mich.

Als Fußballtrainer macht man einen ganz ähnlichen Job wie all diese Leute; manchmal spielt man sogar Detektiv – zum Beispiel sehen wir uns jetzt hier im Bus diese stinkende Leiche von einem Spiel an, weil wir herausfinden wollen, warum wir verloren haben. Das ist nämlich nie so offensichtlich, wie man manchmal denkt. Und jetzt kommt’s. Das Eigentor können wir vergessen. Wie gesagt, das war einfach Pech. Stattdessen sehen wir uns mal das erste Tor an, das die selbst geschossen haben; das Tor von Jamie Vardy. Der Kerl kann rennen wie sonst was und nimmt damit immer auch eine Menge Druck von Nugent. Gary hatte mit Vardy heute alle Hände voll zu tun, wie überhaupt unsere ganze Viererkette. Vardy ist zwar Mittelstürmer, aber ihm scheint der linke Flügel besser zu liegen, und von da kam auch das Tor zustande. Er hat also nicht auf seiner Position gespielt, und deshalb hattet ihr Probleme, ihn zu decken. Es war ein gutes Tor, ein sauberer Schuss, aber geschafft hat er das nur, weil keiner von euch gesehen hat, dass er den Raum dazu hatte. Das wissen wir jetzt besser. Ich kann es nur immer wieder betonen: Je länger man einen Stürmer in Ruhe lässt, desto mehr Tempo baut er auf und desto besser wird seine Torchance. Versucht gar nicht erst, jeden kleinen Haken mitzulaufen. Er denkt schneller, als euer Körper hinterherkommt. Mit einem schlauen Kopf hält keiner mit. Also Augen auf den Ball und rein in den Zweikampf, auch wenn’s wehtut.

Und jetzt spulen wir mal zurück, was ein, zwei Minuten vor dem Tor passiert. Kenny rollt den Ball zu Gary, der zu Kwame, dem nichts Besseres einfällt, als ihn quer rüber auf John zu spielen – bloß kommt der Ball zu langsam, also muss John sich strecken, um überhaupt noch ranzukommen, weshalb sein Pass zu Zénobe jede Präzision vermissen lässt. Nugent schnappt sich den Ball und schlenzt ihn zu Vardy, der einen Haken schlägt, dann noch einen und noch einen, und ihr bleibt von ihm weg, als hätte er die verdammte Pest. Aus irgendeinem Grund meint ihr dann plötzlich alle, er hätte sowieso nicht genug Raum, Zeit also, sich ein bisschen zu entspannen. Nur, oh Wunder, hat er eben doch genug Platz – und Tor.

Und noch mal zurück, bevor Vardy überhaupt an den Ball kommt: Kenny, bevor du den Ball rausgibst, hast du da nicht gesehen, dass Prometheus im Mittelfeld meilenweit frei stand? Du hast bessere Augen als ein Komantsche; du bist einer der präzisesten Schützen überhaupt; du hättest ihn ohne Probleme erreichen können, warum hast du den Ball zu Gary gespielt? So was funktioniert doch nur, wenn der gegnerische Stürmer Beton in den Stiefeln hat, aber der ist heute rumgerast wie ein Windhund. Nein, Moment, ich bin noch nicht fertig.

Und Kwame, keine Angst, der Ball tut dir schon nichts. Wenn du ihn abgibst, musst du dir überlegen, was der andere damit machen kann, wenn er ihn hat. Wenn du einfach nur Raum schaffen willst, geht’s auch so, aber hier hattest du genug und konntest nichts damit anfangen.

Und John, du erwartest den Ball nicht – das ist eindeutig; aber warum nicht? Jeder von euch muss in jedem Augenblick immer den Ball erwarten. I-D-V-B-E. Immer den verdammten Ball erwarten. Aber hier plant keiner von euch voraus, jeder will den Ball nur so schnell wie möglich wieder loswerden, mit dem Ergebnis, dass der Pass zu Zénobe eine reine Verzweiflungstat wird.

Ich hab’s vor dem Spiel gesagt, ich sag’s nämlich vor jedem Spiel: Kreative Ballbehandlung bedeutet, ihr wisst, was ihr mit dem Ball macht, bevor ihr ihn überhaupt kriegt. Das heißt, ihr müsst die anderen Spieler lesen wie Schachfiguren, den Raum um sie herum sehen und welchen Vorteil sie euch gegenüber deshalb haben oder eben nicht. D-S-L und D-R-F. Die Spieler lesen und Den Raum finden.«

Ich wartete einen Moment ab und ließ die Spannung auf meine Überraschung steigen.

»Aber jetzt kommt der wahre Grund, warum wir Vardys Tor verbockt haben. Wieder auf Anfang: Kenny rollt den Ball zu Gary. Eine Sekunde vorher schaut er hoch, sieht Prometheus völlig frei stehen und will ihm ganz eindeutig den Ball zuschießen. Er überlegt es sich aber anders. Warum? Weil er mit seinen Komantschenaugen den Spieler liest: Prometheus steht nämlich mit dem Rücken zu ihm; hier, wir gehen auf Pause und verschieben den Ausschnitt; da steht Prometheus. Bitte. Wie lange steht er mit dem Rücken zu Kenny? Mal sehen. Meine Fresse, volle zehn Sekunden.

I-D-V-B-E. Immer den verdammten Ball erwarten. Immer. Aber Prometheus, du guckst dir lieber zehn Sekunden was weiß ich was an, bloß nicht den Scheißball. Da fragt Kenny sich natürlich, warum er ihm den Ball rüberschießen soll. Prometheus sonnt sich lieber. Träumt von seiner Stubenhyäne. Deshalb rollt Kenny den Ball zu Gary. Weil er keine andere Wahl hat. Und das, meine Herren, ist der wahre Grund für Jamie Vardys verdammtes Tor.«

Prometheus stand auf und flatterte mit den Armen wie ein wütender Pinguin. Sein Gesicht bebte so stark, dass einer seiner Diamant-Ohrringe mich anblinkte wie eine kleine Taschenlampe.

»Dann bin ich also schuld an dem Tor? Ich war meilenweit weg von dem Kerl, als er geschossen hat.«

»Hast du mir überhaupt zugehört? Hast du nicht nur was an den Halsmuskeln, sondern auch noch an den Ohren?«

»Warum bau hier immer nur ich die Scheiße?«

»Das würde ich auch gerne wissen.«

Prometheus schüttelte den Kopf.

»Das ist nicht fair«, jammerte er.

»Das kannst du laut sagen. Das ist nicht fair deinen Mannschaftskameraden gegenüber, die du im Stich gelassen hast. Anders kann ich das nicht sagen, wenn du nicht mal guckst, wo der Ball ist. I-D-V-B-E. Immer den verdammten Ball erwarten. Aber vielleicht hast du das ja nicht nötig. Vielleicht bist du der erste Mensch auf diesem Planeten, dem Augen am Hinterkopf gewachsen sind. Vielleicht siehst du den Ball ja, ohne hinzugucken. Toller Trick, bloß weiß ich nicht, was deine Mannschaft davon hat. Denn dieses Spiel funktioniert nur mit Teamwork.«

Prometheus ließ sich auf seinen Platz fallen und boxte den Sitz vor sich, der zum Glück unbesetzt war.

Von Leicester nach Ost-London sind es zwei Stunden. Ich wartete, bis wir kurz vor Harlow die halbe M11 geschafft hatten, und setzte mich neben Prometheus. Er roch stark nach Aftershave und Salbe. Auf seinem iPad Air spielte er Angry Birds. Er trug Monster-Beats-Ohrstöpsel, deren grellrote Kabel aussahen wie Blutrinnsale, die seinen Schädel und Hals hinabliefen. Bei dem Bassgewummer kam mir dieses Bild richtig plausibel vor.

Als er mich sah, seufzte er, zog sich die Ohrstöpsel raus wie ein träger Teenager und erwartete still seinen Privatanschiss.

»Hör zu, das Leben ist voller Konflikte«, sagte ich. »Die machen es gerade erst interessant. Es gibt immer mal wieder Krach, und bei einem so leidenschaftlichen Spiel wie Fußball geht’s da schon mal zur Sache. Als ich für Arsenal gespielt habe, hat mich unser Kapitän Patrick Vieira – ein Riesenkerl – mal am Kragen gepackt und gesagt, er macht mich fertig, wenn ich mich nicht zusammenreiße. Und das hat er ernst gemeint. Er kommt aus dem Senegal, und da sagt man so was nicht einfach so daher. Er war der beste Spieler auf seiner Position, den ich je gesehen habe. Er hatte eine unglaubliche Begabung, um die ich ihn sehr beneidete. Aber ich hatte auch Angst vor ihm, also habe ich mich danach wirklich zusammengerissen. Genau das hatte ich damals gebraucht. Einen wie ihn, der sich mich zur Brust nimmt wie ein großer Bruder und mir sagt, wo ich Mist gebaut habe.

Aber vor allem muss man aus seinen Fehlern lernen und hinterher wieder miteinander zusammenarbeiten. Darum geht’s bei einer Mannschaft. Wir sind wie eine große Familie, ihr Spieler seid alle Brüder. Viel Testosteron, viele Streite. Aber hinterher müssen wir den anderen ihre Fehler verzeihen. Weil wir eben Brüder sind.

Als wir in Russland waren, hast du gesagt, deine Mutter hat keine Ahnung, wer dein Vater ist. Du hast dich einen schwarzen Bastard genannt; ich nehme an, das hast du ernst gemeint. Ich glaube, das ist deine Grundeinstellung. Du meinst, du bist ein Bad Boy. Und vielleicht meinst du auch, du bist ein umso besserer Spieler, je schlechter du dich benimmst. Aber so funktioniert das leider nicht, das kannst du mir glauben. Nicht bei einem echten Profi. Ich hab Glück gehabt. Mein Vater ist noch da. Aber bei Patrick war es anders. Seine Eltern haben sich scheiden lassen, als er noch klein war, und er hat seinen Vater nie wieder gesehen. Aber Patrick hat sich davon nicht unterkriegen lassen. Ich habe nie wieder einen Mann mit so einer eisernen Disziplin gesehen wie ihn. Er hatte ein Riesentalent, klar, aber vor allem auch Disziplin.

Du bist einer der begabtesten jungen Spieler, die ich je gesehen habe. Und ich glaube nicht, dass du auch nur ansatzweise so ein Bad Boy bist, wie du vielleicht meinst. Du kannst jeden Verein bereichern, den du dir aussuchst. Aber Talent alleine reicht nicht. Du brauchst Disziplin, wenn du dein Talent voll ausschöpfen willst, genau wie Patrick Vieira. Wie wir alle.«

Ich nickte. »Und hier endet die Predigt.«

»Danke, Boss.«

Ich streckte ihm die Hand entgegen.

Er grinste und schüttelte sie.

»I-D-V-B-E«, sagte er.

Ich grinste zurück. »Immer den verdammten Ball erwarten. Ganz genau.«

Die Hand Gottes
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