KAPITEL 59

Als Vik und Phil mich voller Angst und Schrecken ansahen, musste ich lachen. Plötzlich tobte draußen die Menge, ich sprang auf und ging näher ans Fenster, aber es war kein Tor, sondern nur wieder griechisches Gezeter über dieses oder jenes. Ich wandte mich wieder meinen Vorgesetzten zu und schüttelte den Kopf.

»Ich dachte schon, wir hätten noch mal getroffen«, sagte ich. »Schade.«

»Mann, Scott, bist du verrückt geworden?«, fragte Vik.

»Kann schon sein. Und jetzt frag mich, warum ich ihn verprügelt habe.«

Vik verdrehte die Augen, schüttelte den Kopf und wurde laut. »Ich hab dir doch schon gesagt: Ich weiß, dass er ein Ganove ist, und es ist mir scheißegal, was er verbrochen hat.«

»Kann ja sein, nur ist unser lieber Technischer Direktor ein bisschen mehr als bloß ein Ganove. Er ist ein Mörder. Er steckt hinter dem Tod unseres Freundes Bekim Develi.«

Kojo drückte sich auf einem Ellenbogen hoch und lehnte sich an die Wand. »Das stimmt nicht, Vik«, sagte er und suchte nach dem Taschentuch, das nicht mehr in seiner Brusttasche steckte. »Ich hab niemanden umgebracht.«

»Tja, Kojo, da hast du wirklich fast recht. Aber eben nur fast«, erwiderte ich.

»Hier.« Phil hob das Taschentuch vom Boden auf und warf es ihm zu; Kojo wischte sich das Blut von der Nase und schwieg.

Vik schenkte sich ein Glas Champagner ein, stellte einen der umgestürzten Sessel wieder richtig hin und setzte sich. »Jetzt beruhige dich doch mal, Scott, und erzähl uns, worum es hier eigentlich geht.«

»Ich bin anscheinend wirklich ziemlich aufgeregt«, sagte ich. »Okay. Hier kommt’s – die vollen neunzig Minuten. Sonntag auf dem Boot habe ich dir erzählt, dass jemand Natalija Matwijenko dazu angestiftet hatte, am Abend vor Bekims Tod seine Epinephrin-Injektoren aus seinem Bungalow im Astir Palace Hotel zu klauen. Dieser Jemand war unser lieber Kojo. Kojo hat das Mädchen hinterher sogar mit Mercedes und Chauffeur am Hotel abgeholt. Das weiß ich, weil mir die Polizei am Montagmorgen Sicherheitsaufnahmen gezeigt hat.«

»Das war ich nicht«, beharrte Kojo.

»Stimmt, auf der Aufnahme kann niemand dein Gesicht sehen, Kojo. Chefinspektor Varouxis meint, du wärst einfach nur ein Freier, der auf ausgefallene Sachen steht, weil auf der Heckablage im Auto eine Peitsche lag. Bloß war es gar keine Peitsche, sondern der dämliche Fliegenwedel, den du immer mit dir rumschleppst, oder?«

»Ich weiß wirklich nicht, wovon du redest«, erwiderte Kojo und tupfte sich erneut die Nase ab. »Ich kenne gar keine Natalija.«

»Wir können bei den örtlichen Autovermietungen ganz einfach prüfen, ob du an dem Abend eine Limousine gemietet hast. Ja? Und Natalija kanntest du schon von einem kleinen Athen-Ausflug vor ein paar Monaten. Dafür habe ich sogar eine Zeugin. Eine Kollegin von ihr.«

»Das ist deine Zeugin?« Kojo lachte. »Eine andere Nutte?«

»Kojo war mit Natalija und dem anderen Mädchen, mit Séraphim Ntsimi – einem seiner Spieler – und mit Roman Boerescu von Olympiakos essen. Natalija war die Prostituierte, die sich im Hafen ertränkt hat, weil sie Bekims Tod nicht ertragen konnte, falls ihr das schon vergessen habt. Die beiden waren gut befreundet. Ich kann sie gut verstehen. Ich habe die Sache auch nicht einfach so weggesteckt. Aber das habt ihr wahrscheinlich schon kapiert.«

Ich atmete tief durch, um gegen das Adrenalin anzukommen, das mich ein bisschen zittern ließ. Ein großer Teil von mir wollte noch mal so richtig auf Kojo losgehen; eine blutige Nase reichte einfach nicht für das, was er getan hatte.

»Und warum sollte Kojo so etwas machen?«, fragte Vik.

»Genau«, flüsterte Kojo.

»Geld. Darum geht es Kojo doch immer. Die letzten Monate hat er doch ganz verzweifelt versucht, ein paar Kröten zusammenzukratzen. Er hat nämlich beträchtliche Spielschulden angehäuft. Wisst ihr noch, wie wir uns in dem Restaurant in Paris mit ihm getroffen haben? Im Taillevent. Da hat er doch gesagt, dass er sich in Russland einen Partner suchen wollte, dem er die King Shark Football Academy andrehen konnte. Und einen Partner gefunden hat er wirklich. Bloß war es nicht die Art Partnerschaft, die er eigentlich gesucht hatte. Er und dein alter Freund Semjon Michailow, der Besitzer von Dynamo Sankt Petersburg, haben auf dem grauen Wettmarkt eine bedeutende Wette auf das Ergebnis unseres ersten Spiels gegen Olympiakos abgeschlossen. Michailow wusste von Bekims Allergie, und er hat Kojo überredet, aus der Wette gegen London City eine todsichere Sache zu machen. Er sollte nämlich unseren besten Spieler ausschalten, von dem Michailow zufälligerweise wusste, dass er auch am angreifbarsten war.«

»Vik, du musst mir glauben«, sagte Kojo. »Das ist alles nur Gerede. So eine Wette habe ich nie abgeschlossen.«

»Vielleicht hast du es nicht selbst getan, aber du warst beteiligt. Und du hattest auch einen guten Vorwand für den Athen-Trip, auf dem du die Drecksarbeit für Semjon Michailow gemacht hast. London City hatte gerade Prometheus eingekauft, und wir haben gegen Olympiakos um die Champions-League-Qualifikation gespielt. Und du wolltest uns noch einen anderen Spieler verkaufen. Dafür bist du sogar auf Viks Yacht eingeladen worden. Was sehr praktisch war, denn hättest du wie wir anderen auf dem Festland übernachtet, wärst du womöglich auch als potentieller Verdächtiger behandelt worden.«

Vik wirkte einen Augenblick lang gequält. »Der Diebstahl der Injektoren ist eine Sache. Aber daran ist Bekim nicht gestorben. Du hast Sonntagabend gesagt, jemand muss ihm Kichererbsen unters Essen gemischt haben. Vielleicht nur ein paar Gramm. Wie soll Kojo das denn gemacht haben? Am Spieltag war er die ganze Zeit bei Phil und mir. Außerdem hat die Mannschaft doch einen eigenen Ernährungsberater. Alle haben höllisch darauf aufgepasst, was sie vor dem Spiel essen. Genau wie du es angeordnet hattest.«

»Ja, das habe ich selbst lange nicht verstanden. Bis ich heute vor dem Spiel im Tunnel Mrs. Boerescu gesehen habe. Olympiakos hat sie angestellt, damit sie sich um die Auflaufkinder kümmert, die mit den Spielern aufs Feld kommen. Ich habe eben mit ihr geredet. Sympathische Frau. Sie sagt, Kojo hat den Kindern heute das Abendessen ausgegeben. Genau wie letzte Woche, als Bekim gestorben ist. Normalerweise müssen die Kinder sich selbst versorgen, weil in Griechenland alle pleite sind. Da hatte Kojo natürlich Mitleid und ist selber für die Kosten aufgekommen.«

Kojo war verstummt. Er hievte sich schwerfällig hoch und ließ sich auf einen Sessel sinken. Er schaute mich mit müden, blutunterlaufenen Augen an und starrte dann wieder auf den Boden, als würde ich mich der Wahrheit nähern.

»Er hat sogar nicht nur dafür bezahlt, er hat das Essen sogar selber besorgt. Mrs. Boerescu sagt, er hat ein Restaurant in Piräus angerufen und persönlich dort bestellt. Wie überaus freundlich von ihm. Selbst in der Stadionzeitung wird ihm für seine Großzügigkeit gedankt. Auf Griechisch natürlich, also hat es keiner von uns bemerkt. Nichts Vornehmes, eben Sachen, die die Kinder hier mögen. Alle möglichen Brausen natürlich, aber nur ein Gericht: Chips, Pitabrot und Hummus. Ganz genau. Hummus macht man aus Kichererbsen. Und als die Kinder im Spielertunnel zu unseren Jungs stießen, hatten sie ganz klebrige Hände von dem Zeug. Da kann ich nur sagen: Kinder dazu bringen, jemanden zu vergiften – geht es eigentlich noch zynischer? Und als Bekim nach nur fünf Spielminuten ein Tor geschossen hatte – unser hochwichtiges Auswärtstor –, hat er es so gefeiert, wie er es erst seit Kurzem tat: Er hat sich am Daumen gelutscht. So hat er die Geburt seines kleinen Sohnes Peter gefeiert. Und selbst wenn er das nicht getan hätte, hätte er sich nur einmal an den Mund oder die Nase fassen müssen und schon einen anaphylaktischen Schock erlitten. Wie sieht’s aus, Kojo? Erinnerst du dich so langsam?«

»Stimmt das, Kojo?«, fragte Vik.

Kojo schwieg.

»Vielleicht muss ich ein bisschen nachhelfen.« Ich trat ihm kräftig gegen den Oberschenkel. »Und, Kojo?«

»Okay, okay«, rief er. »Reg dich ab, Mann. Keiner wollte, dass er stirbt. Das war ein Unfall. Auf jeden Fall kein Mord. Bekim Develi sollte einfach nur ausgewechselt werden. Wenn er sich nicht am Daumen gelutscht hätte und dieses Land nicht so im Arsch wäre, wäre er heute noch quicklebendig. Das dumme Huhn sollte ihm doch nicht alle Injektoren klauen, sondern nur einen. Ich wollte doch nur überprüfen, ob das mit der Allergie stimmte. Und selbst wenn er noch welche gehabt hätte, hätte er die Dinger doch sowieso nicht mit aufs Feld nehmen können, oder? Wir wollten uns nur absichern. Und dann ist sie auch noch in den Hafen gesprungen – die totale Überreaktion! Damit hat doch keiner gerechnet. Sonst wärt ihr alle schon lange wieder in London gewesen, und Bekims Tod wäre einfach eine Fußballtragödie von vielen geworden. Ein zweiter Fabrice Muamba.«

»Bloß lebt Muamba noch«, erwiderte ich.

»War’s das?«, fragte Vik.

Ich zuckte mit den Schultern. »Was willst du denn noch?«

Vik atmete tief durch, leerte sein Glas und ging ans Fenster, wo er eine Geldscheinklammer aus der Tasche zog. Die hatte ich früher schon mal gesehen, und kurz glaubte ich, er wollte jemandem Schweigegeld zahlen. Stattdessen zog er die goldene Klammer von dem Bündel Scheine ab, das er immer bei sich trug, und rieb sie zwischen den Fingern.

»Ich habe nicht viele Freunde«, sagte er leise. »Wenn man so reich ist wie ich, kommen Freundschaften immer mit dem Hut in der Hand und gebeugtem Kopf an und fragen nach einem Kredit, einem Gefallen oder einem Deal. Aber Bekim Develi war ein echter Freund von früher – da hat Scott recht. Er wollte nie etwas von mir. Er war der Einzige, der mich nie bezahlen ließ; der mir sogar Geschenke kaufte. Von Bekim habe ich diese Geldklammer. Ich weiß gar nicht, wie er drangekommen war. Achtzehn Karat Gold, Cartier, ein Geschenk von Richard Nixon an Leonid Breschnew, als die beiden sich 1973 in Washington getroffen haben. Bekim wusste, dass ich solche kleinen Gegenstände mit Geschichte schätze.

Er war in diesen Dingen sehr aufmerksam. Ich glaube, er mochte mich einfach so, wie ich bin. Das passiert mir nur selten. Heute überhaupt nicht mehr. Dass er so und aus solchen Gründen gestorben ist, kann ich kaum fassen. Und dazu noch das, was danach mit seiner Freundin Alex passiert ist. Mit Semjon Michailow werde ich auf meine Art und Weise fertig. Die Frage lautet: Was machen wir jetzt mit dir, Kojo?«

»Wir übergeben das Schwein der Polizei, das machen wir«, sagte ich. »Klar fangen die meisten Beweise mit ›müsste‹, ›könnte‹ und ›wahrscheinlich‹ an, aber mit seinem Geständnis vor drei Zeugen bin ich mir absolut sicher, dass ich dem Bullen einen soliden Fall präsentieren kann, wenn ich ihn wiedersehe.«

»Kann sein«, erwiderte Kojo. »Aber sobald du das tust, geben meine Anwälte eine detaillierte Stellungnahme zu den Plänen ab, die Vik und Gustave Haak für dieses Land haben. Das kannst du mir glauben, Vik.«

Vik schwieg; er schaute Phil an und seufzte.

»Jetzt muss ich dir doch mal erzählen, was die beiden dir lieber verschweigen würden, Scott«, sagte Kojo. »Es geht um die Erytheischen Inseln. Dein Chef und Gustave Haak haben der griechischen Regierung gerade für einen Euro eine ganze Inselkette abgekauft. Das waren die Griechen, die da vor ein paar Tagen mit auf dem Boot waren. Ein Euro hört sich natürlich nicht nach viel an, aber Haak und Sokolnikow repräsentieren eine internationale Investorengruppe, der jetzt schon das ganze Land gehört. Buchstäblich. Seit 2012 kaufen sie griechische Staatsschulden auf, und mittlerweile besitzen sie den Großteil davon, was bedeutet, dass sie hier alles in der Hand haben. Wenn sie jetzt alle ihre Anleihen abstoßen, geht Griechenland den Bach runter. Also tut die Regierung brav, was Vik und seine Freunde sagen. Und Vik und seine Freunde hätten die Erytheischen Inseln nördlich von Korfu gerne als ihre eigene steuerfreie Zone. Sie sollen wohl irgendwann ein griechisches Monaco werden. Diese Zonen sind gerade wieder schwer in Mode. In China nennt man das eine Sonderwirtschaftszone. Auf Kuba eine Spezialzone zur Entwicklung. Stell dir das mal vor, Scott. Wenn du wie Vik zwölf Milliarden Pfund schwer bist oder zwanzig Milliarden wie Haak; und du dann keine Steuern zahlen musst. Nie und nirgends. Wäre das nicht schön? Und außerdem erfährt keiner ein Sterbenswörtchen davon, bevor die ganze Sache nicht in trockenen Tüchern ist. Außer uns beiden natürlich. Wir wissen Bescheid.«

Vik schwieg.

Draußen brach die Hölle los, als das Spiel endete; die Panathinaikos-Fans jubelten über die Deklassierung ihres verhassten Erzrivalen. Es gab wieder eine laute Explosion, Drucklufttröten waren zu hören, und aus der Ferne kam eine Polizeisirene näher. Phil blickte erschrocken zum Fenster, als etwas davon abprallte.

»Dann ist London City jetzt wohl eine Runde weiter«, sagte er.

Das war einfach nicht wichtig; nicht für mich; nicht mehr.

»Bitte sag mir, dass du die Scheiße nicht einfach unter den Teppich kehrst, Vik«, forderte ich.

Kojo grinste; er verstand die Zeichen, was passieren würde, lange vor mir. »Ja, Vik, sag es ihm. Sag ihm, dass dir Freundschaft wichtiger ist als Dollar und Cent.«

»Vielleicht wollte Kojo Bekim ja wirklich nicht umbringen, Vik«, sagte ich. »Aber weniger schlimm wird es deshalb doch auch nicht. Er hat für Geld den Tod deines besten Freundes in Kauf genommen. Eines Mannes, den ich gekannt und sehr bewundert habe. Kojo muss seine gerechte Strafe erhalten.«

Vik wandte sich vom Fenster ab und verzog das Gesicht.

»Jetzt tu doch nicht so, Scott«, sagte er. »Ehrlich gesagt wundert es mich ein bisschen, dass gerade du hier von Gerechtigkeit faselst. Es gibt nur das Gesetz, und wir wissen beide, was das heutzutage in Griechenland wert ist. Das Gesetz braucht eine Autorität hinter sich, und die hat in diesem Land jede Bedeutung verloren. Schau doch mal aus dem Fenster. Die Olympiakos-Fans werfen Molotow-Cocktails auf die Polizei. Aber wundert das irgendwen? Wenn selbst die Gerichte und Anwälte streiken, kann das doch nur zu Unruhen, Chaos und Anarchie führen. Das liest man an den graffitibeschmierten Wänden. Das riecht man in der verrauchten Luft. Und das will einem an jeder Kreuzung die Windschutzscheibe putzen. Was sollen wir uns darüber streiten? Wir wissen doch beide, dass ich recht habe.

Es läuft jetzt so: Kojo, wir haben immer noch einen Arbeitsvertrag mit wasserdichter Geheimhaltungsklausel. Du beziehst weiter dein Gehalt von mir, aber ich will dich nie wieder sehen. Erst recht nicht in meinem Fußballverein oder auch sonst irgendeinem. Du verschwindest jetzt. Verzieh dich irgendwohin, wo du deinen Fliegenwedel wirklich brauchst – irgendwo nach Afrika am besten –, und lass dich von mir durchfüttern. Aber komm ja nicht auf die Idee, jemals wieder im Fußball zu arbeiten. Denn eins darfst du nicht vergessen: Mein Arm ist lang und mein Gedächtnis noch viel länger.«

Kojo stand auf. »Was ist mit meinen Sachen auf dem Boot? Meinem Laptop? Meinen Klamotten?«

»Mein Kapitän lässt dein Gepäck morgen früh um acht am Astir Palace Hotel an Land bringen. Und jetzt raus.«

Kojo griff sich seinen Fliegenwedel und grinste. »Glückwunsch, Scott. Der Tag geht an dich. Oder vielleicht auch nicht? ›Ein Spiel ist nicht gewonnen, bevor es nicht verloren ist‹, hat ein kluger Mann mal gesagt.«

Als Kojo weg war, gab es eine längere Stille, die hauptsächlich von mir ausging. Denn auch wenn ich genau wusste, was ich zu tun hatte, fiel mir einfach nicht ein, was ich sagen sollte.

»4:0«, sagte Phil schließlich. »Unglaublich.«

Er schaute erst mich an und dann Vik. »Was ist mit Scott?«, fragte er. »Dieselbe Geheimhaltungsklausel steht auch in seinem Vertrag, wenn er ihn denn jemals gelesen hat.«

»Scott Manson?« Vik sprach meinen Namen aus, als wollte er hören, wie loyal er noch klang. »Ich weiß nicht, Phil. Das liegt wohl an ihm. Er hat sich sehr schlau angestellt. Vielleicht ist er zu schlau für den Fußball. Möglicherweise ist das sein Problem als Trainer. Aber allzu viele handfeste Beweise gibt es wirklich nicht. Wenn du mich fragst, wird dieser griechische Bulle Varouxis mit dem Selbstmord des Mädchens und dem Namen von dem anderen Kerl zufrieden sein. Von dem, der damals 2008 oder wann das war die ganzen Nutten ermordet hat.«

»Die Hannibal-Morde«, erwiderte Phil.

»Genau. Der. Das ist doch ein guter Fang, wenn er da einen ungelösten Fall aufklärt, mit dem alle schon abgeschlossen hatten. Von so was träumt doch jeder Polizist. Ja, damit muss er sich wohl zufriedengeben. Ich habe nämlich ganz sicher kein Geständnis von Kojo gehört. Du etwa?«

Phil schüttelte den Kopf. »Nein. Nichts.«

Vik dachte eine Weile nach und drohte mir dann mit dem Finger. »Was wir hier heute sonst noch gehört haben, ist nichts als Spekulation«, fuhr er fort. »Das Mädchen – Natalija – hat sich selbst umgebracht; das wussten wir schon aus der unverschickten E-Mail von ihrem iPhone. Und da die Polizei das jetzt auch weiß, kann sie uns nicht weiter hier festhalten. Aber von wem Bekim Develi vergiftet wurde, das werden wir wohl nie erfahren. Man könnte fast sagen, von der Hand Gottes. So nennen die Versicherungen so etwas, nicht wahr?«

»Ich glaube, man spricht da von höherer Gewalt«, sagte Phil.

»Stimmt, du hast recht«, gab Vik zu. »Auf Russisch ist das natürlich alles ein bisschen anders. Aber lieber die Hand Gottes als die eines unschuldigen Kindes, oder? Auch Scott würde es sicher nicht gefallen, wenn herauskäme, dass die Hand eines kleinen Kindes von skrupellosen, gierigen Männern als Mordwaffe eingesetzt wurde. Wie muss das für so ein Kind sein, wenn es mit dem Wissen aufwächst, dass es Bekim Develi umgebracht hat. Nein, dieses Kreuz sollte kein Kind tragen müssen. Findest du nicht auch, Scott?«

Ich seufzte laut und öffnete den Reißverschluss meiner Trainingsjacke; von den Anstrengungen war mir heiß geworden; und vielleicht nicht nur von denen. Ein bisschen schlecht war mir auch, aber das hatte weder mit der Hitze zu tun noch damit, dass ich Kojo vermöbelt hatte. Nachdem wir uns gerade für die nächste Runde qualifiziert hatten, hätte ich absolut begeistert sein müssen. Stattdessen hätte ich mich am liebsten irgendwo verkrochen.

Ich trank einen ordentlichen Schluck aus der Flasche Krug-Champagner, rülpste laut und schüttelte den Kopf. »Das Problem mit reichen Leuten …«

Vik ächzte, als hörte er diesen Vortrag nicht zum ersten Mal, was ich mir gut vorstellen konnte. »Pass auf, Scott, du bist selbst nicht unbedingt arm.«

»Nein, bin ich nicht. Da hast du natürlich recht, Vik. Dann geht’s mir wohl um den Unterschied zwischen meinem bescheidenen Reichtum und deinem. Ich habe mir nämlich noch nie darüber Gedanken machen müssen, ob ich unter bestimmten Umständen wirklich alles tun und jeden links liegen lassen würde, um mein Geld zu behalten oder noch mehr anzuhäufen. Wisst ihr, was ich meine? Nein, hätte ich auch nicht gedacht.«

Ich nickte ihnen beiden zu.

»Morgen früh habt ihr meine schriftliche Kündigung auf dem Tisch, meine Herren. Aber jetzt möchte ich mich erst mal von meiner Mannschaft verabschieden, bevor ich den Rest des Abends mit meiner Freundin verbringe.«

Die Hand Gottes
titlepage.xhtml
title.xhtml
copyright.xhtml
toc.xhtml
dedication.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_000290.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_000470.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_000621.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_000719.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_000787.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_000931.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001030.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001132.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001203.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001335.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001441.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001552.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001632.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001688.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001769.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001831.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001904.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_002055.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_002216.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_002302.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_002392.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_002564.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_002670.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_002815.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_002882.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_003094.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_003189.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_003384.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_003588.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_003733.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_003823.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_004014.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_004173.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_004334.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_004472.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_004585.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_004760.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_004897.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_005042.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_005209.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_005336.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_005443.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_005580.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_005684.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_005802.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_005914.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_006113.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_006358.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_006453.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_006574.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_006725.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_006847.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_006962.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_007049.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_007123.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_007241.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_007322.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_007434.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_007503.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_007640.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_007802.xhtml
appendix.xhtml