Am nächsten Morgen fuhr ich mit einem Taxi nach Glyfada im Süden Athens, wo ich mit Bastian Höhling und der Mannschaft von Hertha in deren Hotel zum Frühstück verabredet war. Sie wohnten in einem Sechziger-Jahre-Hochhaus in angenehmer Nähe zum Strand, aber vielleicht etwas zu nah an der Hauptstraße nach Piräus im Norden. Die ganze Nacht über waren Olympiakos-Fans mit wildem Gehupe vorbeigefahren, damit die Berliner nicht schlafen konnten. Die Spieler sahen völlig fertig aus, und manche hatten auch eine schwere Lebensmittelvergiftung. Bastian und der Mannschaftsarzt hatten kurz überlegt, ob sie die Polizei einschalten sollten, aber die hätte ihnen wohl auch nur das griechische Wort für Klo beibringen können.
»Meinst du wirklich, das war Absicht?«, fragte ich und ignorierte vorsichtshalber das Omelett, das der Kellner gerade gebracht hatte.
Bastian ging es selbst nicht besonders gut. Er zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, aber außer uns hat sich das hier im Hotel anscheinend keiner eingefangen. Hier läuft auch gerade eine Autohändlerkonferenz, und denen geht’s allen gut.«
»Damit ist es dann wohl offiziell, würde ich sagen.«
»Wenn das hier ein Freundschaftsspiel ist, will ich mir nicht vorstellen, wie es wird, wenn ihr in der Champions League gegen Olympiakos antretet. Nehmt auf jeden Fall einen eigenen Koch und Ernährungsberater mit. Und auf keinen Fall den Arzt vergessen.«
»Unser Mannschaftsarzt hat bald einen neuen Job in Katar.«
»Dann sucht euch einen neuen, aber schnell.«
»Gute Idee.«
»Denen traue ich so ziemlich alles zu«, sagte Bastian. »Die Zeitungen behandeln das ganze Turnier wie einen Wettbewerb Griechenland gegen Deutschland. Hristos Trikoupis, der Trainer von Olympiakos, hat uns Hitlerjungen genannt.«
»Komisch. Hristos war mit mir bei Southampton. Das ist eigentlich ein ganz anständiger Kerl.«
»Mich wundert hier gar nichts mehr«, sagte Bastian. »In Thessaloniki haben die Schweine unseren Torwart mit Steinen und Flaschen beworfen. Wir mussten uns in der hintersten Ecke außer Reichweite der Zuschauer aufwärmen. Wir werden hier behandelt, als würden wir alle eine Hakenkreuzbinde tragen. So viel zur Wiege der Demokratie.«
»Ihr seid doch Deutsche, Bastian. Ihr seid so was bestimmt schon gewohnt. Das lernt man doch als Profi ganz am Anfang: Freundschaftsspiele gibt es nicht, erst recht nicht, wenn Deutschland dabei ist. Es gibt nur Krieg und totalen Krieg.«
Da ich deutsch sprach, sahen sich einige Spieler bei dem Goebbels-Zitat nervös um.
»Ich an deiner Stelle würde das Spiel heute genau so angehen, Bastian. Das ist die einzige Sprache, die die Griechen verstehen und respektieren. Du weißt doch, was Goebbels noch auf seinen Fahnen stehen hatte: Totaler Krieg – kürzester Krieg.«
»Wahrscheinlich hast du recht, Scott. Wir müssen die plattwalzen. Die Schweine vom Spielfeld bolzen.«
Ich nickte. »Sonst machen sie das Gleiche mit euch.«
Nach dem Frühstück fuhr ich zurück ins Stadtzentrum zu meinem Hotel. Um Punkt elf saß ich auf einer großen keksfarbenen Ottomane in der Lobby und schrieb mit Simon Page über unser erstes Spiel der kommenden Premier-League-Saison, ein Auswärtsspiel gegen den Aufsteiger Leicester City am sechzehnten August. Simon hatte gleich um neun Uhr Ortszeit mit einer Trainingseinheit in Hangman’s Wood angefangen, und ich bat ihn, die Jungs nicht zu hart ranzunehmen, weil viele sicher noch von der WM und unserer desaströsen und völlig unnötigen Russlandreise geschafft waren.
»Gut geschlafen?«
Als ich hochschaute, stand Valentina vor mir. Sie trug ein weißes Hemd, enge, blaue J-Brand-Jeans, bequeme Schlangenleder-Sandalen und eine schwarze Wayfarer-Sonnenbrille. Ich stand auf, und wir gaben einander die Hand.
»Ja, danke.«
»Können wir?«, fragte sie.
»Wo geht’s denn hin?«
»Einen alten Freund besuchen.«
Wir fuhren mit dem Taxi zum Archäologischen Nationalmuseum, das fünf Minuten Richtung Norden lag. Das Gebäude sah aus wie ein griechischer Tempel, zwar nicht ganz so heruntergekommen wie der auf der Akropolis, aber doch schon fast eine Ruine; und wie viele öffentliche – und einige private – Gebäude in Griechenland war es völlig graffitiverschmiert. Im ungepflegten Park vor dem Eingang schlurften Bettler auf und ab wie Straßenhunde, und ich gab einem alten Mann alle Münzen, die ich in der Hosentasche hatte.
»Das mache ich zu Hause auch immer«, erklärte ich, als ich Valentinas skeptischen Blick sah. »Das bringt Glück. Man hat keins, wenn man nicht selbst welches gibt. Fußball ist grausam, manchmal sogar äußerst grausam. Da muss man die launischen Götter des Spiels eben beschwichtigen. Wenn man kein Optimist ist, hat man im Fußball nichts verloren, und ein Optimist ist kein Zyniker. Man muss an die Menschen glauben.«
»Ich hatte dich eigentlich nicht für besonders abergläubisch gehalten, Scott.«
»Das ist kein Aberglaube. Es ist doch nur pragmatisch, wenn man bei aller Vorbereitung auch dem Glück seinen Platz einräumt. Eigentlich ist es sogar ziemlich schlau. Das Glück ist immer aufseiten der Schlauen.«
»Das werden wir wohl sehen, was?«
»Ach klar, Hertha gewinnt, keine Frage.«
»Sagst du das, weil du zur Hälfte Deutscher bist?«
»Nein, weil ich schlau bin. Und weil ich an den totalen Fußball glaube. Bei diesem Spiel nimmt man keine Gefangenen.«
Im Museum waren die Schätze der alten Griechen ausgestellt, darunter die Goldmaske des Agamemnon, die Bastian Höhling damals in Berlin erwähnt hatte. Sie sah aus wie etwas, was ein kleines Kind aus der Goldfolie einer Tafel Schokolade geformt hatte. Aber Valentina wollte mir einen anderen Schatz zeigen. Als ich ihn sah, schnappte ich laut nach Luft. Es war eine lebensgroße Bronzestatue des Zeus, die vor vielen Jahren aus dem Meer geborgen worden war. Mich packte nicht die angedeutete Bewegung oder die menschliche Anatomie, sondern Zeus’ Kopf mit seinem Schaufelbart und den Cornrows.
»Oh Gott, das ist ja Bekim«, rief ich.
»Genau.« Valentina lachte ausgelassen. »Als hätte er Modell gestanden, oder?«
»Auch wie er dasteht: der Ausfallschritt nach vorne, der Arm holt zum Speer- oder Blitzwurf aus, genau so feiert Bekim immer seine Tore. Oder fast immer.«
»Wusste ich doch, dass er dir gefällt.«
»Weiß er das?«
»Ob er das weiß?« Wieder musste Valentina lachen. »Natürlich weiß er das. Das ist sein Geheimnis. Er hat sich den Bart extra so wachsen lassen, weil er wie die Statue aussehen wollte. Wenn er ein Tor schießt, denkt er immer an Zeus.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich glaube nicht, dass er sich wirklich für einen Gott hält, aber wundern würde es mich auch nicht.«
Ich ging mehrmals um die Statue herum und grinste wie ein Idiot, als ich mir Bekim in derselben Pose vorstellte.
So perfekt die Statue auch war, war aber doch etwas an ihr falsch. Je länger ich sie mir ansah, desto mehr kam mir die ausgestreckte linke Hand verkehrt vor, erschien mir der Arm deutlich zu lang. Später kaufte ich eine Postkarte und maß die ungefähre Länge des Arms: Zeus’ Hand hätte bis an sein Knie gereicht. Hatte der Künstler einen Fehler gemacht? Oder hatte der ursprüngliche Betrachtungswinkel der Statue diese Verlängerung nötig gemacht, damit der Arm nicht zu kurz wirkte? Ganz sicher war ich nicht, aber für mein kritisches Auge sah es aus, als würde die Hand Gottes etwas zu weit reichen.
Valentina nickte. »Ich habe über das nachgedacht, was du vorhin über Glück gesagt hast.«
»Ja? Und?«
»Ich glaube, das Glück ist auf deiner Seite«, sagte sie, nahm meine Hand und drückte sie vielsagend.
»Wann?«
»Heute Abend.«
Ich hob ihre Hand und küsste sie. Die Nägel waren kurz, aber perfekt lackiert, während die Haut ihrer Handfläche sich wie weiches Leder anfühlte, was mir seltsam vorkam. »Und ich dachte, du meinst beim Fußball.«
»Wer hat denn etwas anderes behauptet?«
Ich lächelte. »Das heißt dann wohl, du kommst mit zum Spiel.«