Am Abend vor Herthas Spiel gegen Olympiakos flog ich nach Athen.
Erst nach ein Uhr morgens kam ich mit einem Taxi am Hotel Grande Bretagne an, das so beeindruckend war, wie Bekim versprochen hatte. Die riesige, hochelegante Lobby empfing mich mit einem Marmorboden und war wunderbar kühl; draußen auf dem Syntagma-Platz war es immer noch um die fünfundzwanzig Grad warm. Im Hotel waren alle gut angezogen und wirkten vornehm, sodass man leicht vergessen konnte, dass es in Griechenland eine Arbeitslosenquote von sechsundzwanzig Prozent und eine Staatsverschuldung von hundertfünfundsiebzig Prozent der Gesamtwirtschaftsleistung gab; oder dass auf dem Syntagma-Platz einige der schlimmsten Unruhen Europas stattgefunden hatten, als das griechische Parlament über Sparpakete abgestimmt hatte, die die Europäische Zentralbank und vor allem die Deutschen zufriedenstellen sollten, die den größten Teil des Geldes beisteuerten, das zu Griechenlands Rettung vorgesehen war. All das lag scheinbar in weiter Ferne, als ich zur Rezeption ging.
Nach dem Check-in überreichte die Rezeptionistin mir einen Briefumschlag, der für mich bereitlag. Darin fand ich eine handgeschriebene Nachricht auf duftendem Papier:
Bekim hat mir gesagt, wann Du in Athen ankommst, und da ich gerade in der Nähe des Hotels war, habe ich mir gedacht, ich schaue mal rein. Ich bin in Alexander’s Bar hinter der Rezeption. Ich warte bis 2:15 Uhr. Valentina (0:55)
PS: Wenn Du zu müde von der Reise bist, verstehe ich das natürlich. Lässt Du diese Nachricht dann bitte vom Pagen zurückbringen?
Ich ließ mir mein Zimmer zeigen und überlegte, was ich tun sollte. Ich war nicht besonders müde – die Athener Zeit ist zwei Stunden vor der Londoner. Und da ich den Fertigfraß im Flugzeug dankend abgelehnt hatte, würde ich von der Handvoll Erdnüsse aus der Minibar nicht satt werden. Griechen essen recht spät zu Abend, und ich würde bestimmt noch etwas bekommen. Nach alleine essen war mir aber nicht zumute, und mein iPad konnte mit einer attraktiven Begleiterin sicher nicht mithalten. Also putzte ich mir die Zähne, wechselte das Hemd und ging nach unten, um Valentina zu suchen.
Auch nach allem, was Bekim gesagt hatte, ging ich immer noch davon aus, dass ich gleich eine Nutte kennenlernen würde. Denn zum einen war Bekim ziemlich schwanzgesteuert, und zum anderen durfte ich seine Nationalität nicht vergessen. Ich weiß nicht, warum so viele russische Frauen Nutten werden; wahrscheinlich ist es für viele die einzige Möglichkeit, aus Russland rauszukommen. Nach unserer Freundschaftsspiel-Tour wäre ich froh, nie wieder einen Fuß in dieses Land setzen zu müssen. Ich hatte nichts gegen Nutten – wenn man unschuldig im Knast gesessen hat, gewöhnt man sich viele Vorurteile ab –, aber ich will keinen Sex mit ihnen. Deshalb bin ich nicht besser als Bekim oder jeder andere Fußballer, der sich den Versuchungen hingibt, die einem hunderttausend Pfund die Woche so eröffnen. Ich war bloß älter, vielleicht ein bisschen weiser und ehrlich gesagt nicht mehr ganz so spitz wie früher. Wenn man älter wird, ist Schlaf oft wichtiger als der eigene kümmerliche Rest an Libido.
Alexander’s Bar hätte aus einem alten Hollywoodfilm stammen können. Der Marmortresen war gut zehn Meter lang, davor standen anständige Barhocker für ernsthafte Trinker und dahinter mehr Flaschen als in einem Zolllager. Über den zahlreichen Spirituosen hing ein Wandteppich mit einem Streitwagenlenker, der wohl Alexander der Große sein musste. Neben dem Wagen wurde eine griechische Vase hergetragen, die etwas vom FA Cup hatte, was erklären würde, warum alle so fröhlich waren.
Valentina war leicht zu erkennen: Sie saß in einem grauen Sessel, hatte endlose Beine und trug ein Minikleid aus beschichtetem Tweed und High Heels von Louboutin. Die Louboutins sind leicht zu erkennen; das Minikleid war von Balmain und kostete dreitausend Pfund, was ich nur wusste, weil ich bestimmt einmal im Monat bei NET-A-PORTER etwas für Louise kaufte. Die blonden Haare, die sie zu einem lockeren Knoten zusammengebunden hatte, verliehen Valentina etwas Adliges. Wenn sie eine Nutte war, dann keine, die einen Rabatt für Barzahlung gab.
Als sie mich sah, stand sie auf, blendete mich mit ihrem Lächeln, nahm meine Hand und drückte sie überraschend fest. Ich schaute mich um, ob mich noch jemand so schnell erkannt hatte wie Valentina. Heutzutage kann man gar nicht vorsichtig genug sein; mit dem Handy in der Hand ist jeder ein Spion.
»Bekim hat mir ein Bild von dir geschickt«, sagte sie.
Ich widerstand der spontanen Versuchung, ihr ein plattes Kompliment zu machen; wenn man eine richtig schöne Frau kennenlernt, kann man von Glück reden, wenn man nicht plötzlich anfängt zu sabbern. Natürlich hatte Bekim mir ihr Bild auf dem iPhone gezeigt, aber so etwas Gewöhnliches und Allgegenwärtiges wie ein Foto auf einem kleinen Bildschirm hatte einfach gar nichts mit der lebendigen Göttin zu tun, die jetzt vor mir stand. All meine Gedanken ans Abendessen waren verflogen; ich wusste wahrscheinlich nicht mal mehr, wie man »Hunger« buchstabiert.
Wir setzten uns, und sie winkte den Barkeeper herüber. Er kam sofort, als hätte er sie die ganze Zeit beobachtet. Selbst Alexander der Große konnte die gestickten Augen kaum von ihr lassen. Ich bestellte einen Brandy, was dumm war, weil ich den nicht vertrage, aber sie trank auch einen, und in dem Moment erschien es mir extrem wichtig, dass wir uns in allem einig waren.
»Ich wohne hier ganz in der Nähe«, sagte sie.
»Ich wusste gar nicht, dass der Olymp so nah ist«, erwiderte ich.
Sie lächelte. »Thessaloniki, meinst du.«
»Nein. Ich meine die griechische Mythologie.« Ich konnte mich kaum zurückhalten, ihr noch mehr Honig um den Mund zu schmieren, dabei hörte sie solchen Mist wahrscheinlich jeden Tag.
»Hast du schon gegessen?«, fragte sie.
Ich schüttelte den Kopf.
»Es ist noch nicht zu spät«, sagte sie. »Zum Spondi sind es nur fünf Minuten mit dem Taxi. Das ist das beste Restaurant von Athen.«
Der Kellner kam mit den Brandys.
»Wir können aber auch hier essen. Vom Restaurant auf dem Dach hat man einen wunderbaren Blick über die Stadt.«
»Hört sich gut an«, sagte ich.
Unsere Drinks nahmen wir mit. Das Felsplateau über der Stadt mit dem nachts angestrahlten Parthenon bietet einen der beeindruckendsten Anblicke der Welt, vor allem vom Dach des Hotel Grande Bretagne aus und mit einem Gesicht im Vordergrund, das einer der Göttinnen gehören könnte, die früher dort verehrt wurden. Aber das behielt ich für mich, denn nicht jede Frau verträgt so viel Schmalz. Es dauerte nur ein paar Minuten, und ich bemerkte die Akropolis kaum noch. Wir bestellten unser Essen. Auch an das kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich erinnere mich überhaupt an nichts mehr außer an sie. Bekim hatte ausnahmsweise nicht übertrieben; so eine schöne Frau hatte ich wirklich noch nie gesehen. Hätte sie jetzt auch noch Fußballtalent besessen, hätte ich ihr sofort einen Antrag gemacht.
»Um wie viel Uhr ist das Spiel morgen?«, fragte sie.
»Viertel vor acht.«
»Was hast du tagsüber so vor?«
»Ein bisschen Sightseeing.«
»Dann führe ich dich gern durch die Stadt«, sagte sie. »Ich muss dir unbedingt etwas Besonderes zeigen.«
»Ach ja?«
»Das ist eine Überraschung. Ich kann ja um elf wieder hier vorbeikommen und dich abholen.«
»Hört sich gut an.«
Als wir uns auf der Hoteltreppe verabschiedeten, wünschte sie mir schöne Träume. Die würde ich ziemlich sicher haben. Normalerweise war es mir egal, ob ich mich an meine Träume erinnerte oder nicht, aber diesmal hoffte ich es doch sehr, vor allem wenn Valentina darin vorkam.