KAPITEL 39

Panathinaikos schickte einen Bus, der uns zu ihrem Spiel gegen OFI im Leoforos fuhr, wie die Einheimischen das Apostolos-Nikolaidis-Stadion nannten. Als wir am Hotel losfuhren, ging ich ganz nach hinten und schaute aus dem Heckfenster, ob wir von einem silbernen Skoda Octavia verfolgt wurden. Wurden wir. Ich musste grinsen; es ist immer schön, wenn man recht hat, vor allem, wenn es um die Polizei geht.

Ich setzte mich hin und schloss die Augen. Zu einem Fußballspiel fahren war ein tolles Gefühl, auch wenn wir nicht selbst spielten. Nur schade, dass ich das Spiel nicht sehen würde. Ich hatte andere Pläne für den Nachmittag. Die Stimmung im Bus war ausgelassen; derzeit führte Gary Ferguson die Mannschaft nicht nur im Spiel, sondern auch im Witzereißen, die allerdings gröber gestrickt waren als die Weihnachtssocken von meiner Oma.

»Guckt euch mal an, wie es in diesem Land aussieht«, beschwerte er sich, während der Bus Richtung Norden rauschte. »Verbretterte Schaufenster. Überall Schlaglöcher. An jeder Ecke wollen sie einem für ein bisschen Klimpergeld die Windschutzscheibe putzen. Hab gehört, das liegt an der Kreditkrise, was auch immer das sein soll. Seit wir hier sind, glotz ich jeden Tag in meinem Bungalow Bloomberg TV, und ich weiß immer noch nicht, wie sie den Laden hier in die Scheiße geritten haben.« Die Vorstellung, dass Gary gebannt Bloomberg schaute, sorgte für ihren eigenen Lacher. »Das ist dieser Finanzsender mit den ganzen kleinen Zahlen unten im Bild. Hab am Anfang gedacht, das wären Spielstände, aber es ist wohl doch nur Börsenkram, Aktien und so’n Rotz. Auf jeden Fall haben die auch keine Erklärung, warum hier so ’ne Flaute herrscht, Jungs, das könnt ihr mir glauben. Wenn ihr wirklich wissen wollt, was hier gerade passiert, guckt euch lieber die örtlichen Pornosender an. Da wird alles sofort ganz klar. Kurz gesagt: In Griechenland sind alle gefickt.«

Gelächter.

»Deshalb fühle ich mich in diesem Dreckloch auch ganz wie zu Hause. Hier kochen sie den Kaffee für Deutschland, wie wir in Schottland den Tee für England. Aber die Griechen könnten den Schotten mal Nachhilfe geben, wie man durch den Tag kommt, ohne einen Finger zu rühren.«

Garys Schimpftiraden waren immer großes Kino. Vielleicht würde doch noch etwas aus seiner Fernsehkarriere werden – als Komiker. Aber nach einer Weile kroch mir etwas anderes an den Rand des Bewusstseins wie ein Kerl mit Warnweste am Ende des Spiels, der mit Ärger rechnet, und so sehr ich auch wollte, konnte ich es nicht ignorieren. Ich stand auf und setzte mich hinter den Fahrer. Er war wohl schon über sechzig; wallende weiße Haare, große Sonnenbrille, Haut wie Leder, Nikos-Galis-T-Shirt (Nikos Galis war ein griechischer Basketballspieler), Körpergeruch wie das letzte Handtuch in der Sauna und Atem wie eine Tabakplantage.

An der nächsten roten Ampel legte ich einen leicht angeschwitzten Zwanziger vor ihn auf die Konsole.

»Ich habe mich gefragt, ob Sie vielleicht Thanos Leventis kannten.« Nach einer Pause fügte ich hinzu. »Hannibal Leventis?«

»Ich kannte ihn.« Er schüttelte den Kopf. »Das war wirklich schrecklich. Ganz ehrlich, Sir, das hätte ich ihm niemals zugetraut. Man muss doch wahnsinnig sein, dass man so was macht, oder? Aber er war nicht verrückt. Nicht mal unsympathisch. Er war ganz normal.«

Ich schwieg, während er den Bus um eine schwierige Ecke manövrierte. Dann sagte ich: »Es hieß, Leventis hätte nicht alleine gearbeitet. Er hätte einen Komplizen gehabt.«

»Ja, Sir. Das hat eins der Opfer gesagt. Aber die Polizei hat ihre Aussage bezweifelt. Sie war natürlich schlimm zugerichtet. Wahrscheinlich haben sie sie deshalb nicht als zuverlässige Zeugin betrachtet.«

Mit unzuverlässigen Beweisen hatte ich so meine Erfahrungen gemacht.

»Und was glauben Sie?«

»Ich habe gehört, sie hat ausgesagt, der andere hätte für die UN gearbeitet, weil er ein T-Shirt von denen hatte oder so. Auch deshalb hat die Polizei ihr nicht geglaubt. Wer läuft denn bitte mit einem UN-T-Shirt herum? Und gerade ein UN-Mitarbeiter soll Vergewaltiger und Mörder sein? Die sollen doch gegen so was angehen.«

»Da haben Sie wohl recht.«

»Aber wenn es einen zweiten Mann gab, dann schnappen sie den schon noch früher oder später. Wenn man so was einmal gemacht hat, macht man es auch wieder.«

»Wenn er das nicht schon hat.«

Wir bogen in die Leoforos Alexandras ein. Einige unserer Spieler hatten das Stadion noch nicht gesehen und waren erstaunt über seinen Zustand.

»Das ist ja nicht gerade Stamford Bridge«, sagte Xavi Alonso. »Nicht mal Silvertown Dock.«

»Das sieht ja abrissreif aus«, bemerkte ein anderer.

Ayrton Taylor konnte das Ganze erklären.

»Das Stadion sollte vor über zehn Jahren wirklich abgerissen werden. Panathinaikos war hier schon 1984 ausgezogen und ins neue Olympiastadion gegangen. Das musste aber 2000 renoviert und auf UEFA-Standard gebracht werden, also waren sie übergangsweise wieder hergekommen. Dann ist aber das Geld ausgegangen, und jetzt sitzen sie erst mal hier fest.«

»Hab ich doch gesagt«, erwiderte Gary. »Das Land ist fertig.«

»Und wenn man bedenkt, was die Leute in Großbritannien für einen Aufstand machen, weil hier und da was gestrichen wird«, sagte jemand anders. »Die wissen gar nicht, wie gut sie es haben.«

»Nach einem Griechenland-Trip wählt wohl jeder die Tories«, sagte Ayrton.

Antonis Venizelos, unser Kontaktmann bei Panathinaikos, begrüßte uns vor dem Haupteingang. Er trug ein grünes Kurzarm-Hemd und einen weißen Schlips; mit seinen haarigen Armen sah er aus wie ein iranischer Chirurg.

Er verteilte die Tickets, zündete sich eine Mentholzigarette an, und wir marschierten ihm hinterher ins Stadion.

Ich machte freundliche Konversation: »Die anderen, OFI, wo kommen die her?«

»Von Kreta«, erwiderte er, »wo englische Schlampen sich im Urlaub von hübschen griechischen Jungs flachlegen lassen.«

»Das ist doch wohl nicht der einzige Grund«, sagte Simon steif.

»Englische Schlampen und Sandaffen.«

»Sandaffen?« Ich runzelte die Stirn. »Wer oder was sind das denn?«

»Auf Kreta steuern die ganzen Illegalen von Libyen und Ägypten aus mit ihren Lastkähnen zu.« Venizelos zuckte mit den Schultern. »Das ist richtig schlimm für die und für uns, und die EU tut gar nichts. Solange die aus Deutschland und Frankreich rausbleiben, rührt keiner einen Finger. Unsere Küstenwache rettet jede Woche ganze Bootsladungen von denen. Neulich waren vierhundertacht in einem Boot. Vierhundertacht Leute, die wir jetzt versorgen müssen. Meiner Meinung nach hätten wir die Schweine ersaufen lassen müssen. Dann würde uns vielleicht endlich mal jemand helfen.«

Die Menge applaudierte, als sie uns sah. Wir setzten uns auf unsere Plätze, und Venizelos verließ uns. So kaputt das Stadion auch wirkte, die Stimmung war toll; und auch der Rasen sah vorbildlich aus.

»Zum Glück ist der weg«, sagte Simon. »Für einen, der Mentholzigaretten raucht, sagt er ziemlich widerliche Sachen. Am liebsten würd ich dem mal ordentlich die Meinung geigen.«

»Mann, lass das bloß. Das sind hier unsere einzigen Freunde in Griechenland.«

»Du weißt schon, dass der ein Scheißnazi ist, Mitglied bei der Goldenen Morgenröte? Hat er mir selbst gesagt.«

»Das sind hier viele. Die haben achtzehn Sitze im Parlament.«

»Das heißt noch lange nicht, dass es okay ist.«

»Nein, natürlich nicht.« Ich schaute auf die Uhr. »Pass auf, ich muss mal eben weg, und wahrscheinlich bin ich nicht vor dem Abpfiff zurück. Mir passt es ganz gut, wenn die Bullen meinen, ich sitze die nächsten hundertfünf Minuten hier. Aber keine Angst, ich verschwinde jetzt nicht einfach wie Zarco.«

»Wo geht’s denn hin, Boss?«

»Das sage ich dir lieber nicht. Viel Spaß beim Spiel. Und wenn hinterher irgendwer fragt – ich war die ganze Zeit hier.«

Simon nickte. »Geht klar, Boss. Pass auf dich auf.«

Ich ging durch den Südeingang, wo vor dem offiziellen Fanshop Charlie mit dem Range Rover wartete. Wir fuhren zügig Richtung Westen und bogen dann nach Süden ab auf die Straße nach Piräus.

»Ich hätte nie gedacht, dass ich das jemals sagen würde, aber schade, dass Sie sich kein Olympiakos-Spiel angeguckt haben«, sagte Charlie. »Das wäre viel näher und wir hätten mehr Zeit.«

»Geht nicht anders. Aber wenn wir den Abpfiff verpassen, ist es auch nicht so schlimm. Hauptsache, wir haben mal wieder die Bullen abgehängt.«

Charlie versicherte sich mit einem Blick in den Spiegel und nickte.

Die Hand Gottes
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