Charlie fuhr mich runter zum Astir Palace Hotel in Vouliagmeni. Diesmal war es mir egal, dass die Bullen uns folgten. Ich hatte ja nichts Geheimes vor.
Wie ich am vorigen Abend mit Kojo Ironsi ausgemacht hatte, wartete Prometheus vor dem Haupteingang auf mich. Er trug ein blaues Denim-Shirt, eine Jeans, die scheinbar von Granatsplittern zerfetzt worden war, rosa S-Dot-Sneaker, eine Sonnenbrille von Alexander McQueen und mehr Goldkettchen als der Bürgermeister von Hatton Garden. Er zupfte sich die roten Dr.-Dre-Beats aus den diamantverkrusteten Ohren und stapfte in einem Dunst aus Eau de Toilette und Miesepetrigkeit auf mich zu. Und falls ich immer noch nicht wusste, womit ich es zu tun hatte, stand auf seiner Baseballcap freundlicherweise in großen, weißen Lettern DOPE.
Ich ließ ihn seine Tasche in den Kofferraum werfen und einsteigen.
»Wie war das Training heute Morgen?«
Er zuckte mit den Schultern. »Okay.«
Wir fuhren zur Astir Marina. Ich hatte mir den Tender von Viks Yacht für ein paar Stunden ausgeliehen, weil ich mit dem Jungen auf den Saronischen Golf rausfahren wollte – einen Streifen blaues Meer am Rande der Welt, bevor er auf magische Weise zu einem Ort wurde, wo Helden sich mit Göttern und Ungeheuern maßen; wo schon Aristoteles den jungen Alexander Lektionen fürs Leben lehrte; wo es kein Handynetz gab und wir völlig ungestört waren.
Das Boot war eine Regulator mit dreiunddreißig Fuß Länge, einer Mittelkonsole und zwei Außenbordern, die es auf bis zu zweiundfünfzig Knoten beschleunigten. Es war schon eine Zeit lang her, dass ich ein Boot gesteuert hatte, also blieb ich in Küstennähe, bis ich ein Gefühl für den Kahn und die Bedingungen hatte. Schließlich gab ich Gas und setzte Kurs Nordwest aufs Meer raus. Wir sahen die Lady Ruslana, die vor der Küste ankerte wie die stahlgepanzerte Argo. Ich konnte gerade so die Crewmitglieder ausmachen; über dem dunkelblauen Rumpf sahen sie mit den orangefarbenen Shorts und Polohemden aus wie die Figuren auf einer riesigen griechischen Vase.
»Fahren wir zu Mr. Sokolnikows Yacht?«, fragte Prometheus.
»Heute nicht«, erwiderte ich.
»Schade. Hab gehört, die soll ziemlich cool sein. Würd ich gerne mal sehen.«
»Das kommt schon noch. Aber heute steht eine kleine Lektion in Geschichte auf dem Plan.«
»Mit Geschichte hatte ich es nie so«, gab Prometheus zu.
»Die Lektion ist wichtiger als die Geschichte«, erklärte ich.
Als wir nach gut fünfzehn Kilometern an einer Meerenge ankamen, verlangsamte ich die Fahrt und kuppelte schließlich aus. Den Anker warf ich nicht. Die Lektion war nicht lang. Außerdem musste ich manövrieren können.
»Wir sind da«, sagte ich.
»Wo da?«
»Am Ort der Lektion.«
Prometheus nickte, lehnte sich mit dem Handy in der Hand über die Seite und starrte in die blauen Tiefen, als würde er Poseidon persönlich dort vermuten oder vielleicht ein Seeungeheuer. Der Seegang war ganz anständig, und keiner von uns hätte sich gewundert, wenn plötzlich etwas Großes im Wasser vorbeigezogen wäre. Ein Thunfisch vielleicht oder ein Hai.
»Wissen Sie, Boss«, sagte er und schaute weiter ins Wasser, als traute er sich nicht, mir ins Gesicht zu sehen. »Es tut mir schrecklich leid, was ich Bekim angetan habe. Das war falsch, und ich mach mir ewig Vorwürfe. Ich hab ihm das Böse Auge gegeben, und das macht mich ganz krank, okay? Ich wollt ihn nur ein bisschen erschrecken, Gott ist mein Zeuge. Hätte ich geahnt, dass das wirklich funktioniert, hätte ich es nie im Leben gemacht, das müssen Sie mir glauben. Ich kann kaum schlafen und essen deswegen. Wenn ich die Uhr zurückdrehen könnte, würd ich’s machen, okay? Da würd ich alles für geben. Alles. Ehrlich.«
»Das ist doch alles vollkommener Schwachsinn«, sagte ich. »Es gibt kein böses Auge. Du hast dich wie ein Idiot aufgeführt, das ist alles.«
»Echt jetzt, da komm ich nie im Leben drüber weg, Boss.«
»Tja, dann kann ich dich auch nicht mehr gebrauchen«, sagte ich, setzte mit dem Schuh an seinem Hintern an und stieß ihn über Bord.
Prometheus platschte laut ins Wasser und verschwand.
Ich setzte mich sofort hinters Steuerrad und fuhr mit dem Boot ein Stück weit von ihm weg – nur ein paar Meter, damit es gerade außer Reichweite war und die Lektion wirklich ankam.
»Scheiße, Mann!«, rief er, als er auftauchte und wütend aufs Wasser schlug. »Scheiße, was soll das denn? Ich hab meine Sonnenbrille verloren. Und mein Handy. Und meine Mütze.«
»Die Mütze hat mir sowieso nicht gefallen«, gab ich zu. »Sei froh, dass du sie los bist. Und dein Handy brauchst du hier draußen auch nicht. Man kriegt hier sowieso kein Netz.«
Er schwamm auf das Boot zu; doch ich hielt den Abstand.
»Hey! Was soll das, Mann? Was haben Sie vor? Das ist nicht lustig! Das Handy war ein Vertu Signature mit Bang & Olufsen-Lautsprecher, Concierge-Service und allem. Das hat mich fast siebentausend Pfund gekostet.«
»Siebentausend für ein Handy? Da haben die ja den Richtigen gefunden.«
»Leck mich, Mann!« Wieder schwamm er auf das Boot zu, wieder fuhr ich langsam davon.
»Bleib, wo du bist!«, rief ich. »Oder ich lass dich hier draußen zurück. Ich mein’s ernst!«
»Du bist doch verrückt, Nigger!«, rief er und schwamm nur noch auf der Stelle. Eins der Kruzifixe von seinen Halsketten hielt er in der Hand, als wollte er beten.
»Meinst du? Dann hast du wohl Pech gehabt. Denn ich bin der Nigger im Boot, und du bist der Nigger im Wasser. Genauer gesagt bist du in der Straße von Salamis. Hinter dir im Westen haben wir die Insel Salamis, und im Osten hinter mir das Festland mit dem Hafen von Piräus. Wahrscheinlich könntest du mit ein bisschen Glück beide Seiten erreichen. Ich weiß natürlich nicht, wie die Strömungen sind oder wie gut du schwimmen kannst. Allerdings muss ich dich darauf hinweisen, dass es entgegen der landläufigen Meinung sehr wohl Haie im Mittelmeer gibt, darunter auch solche Größen wie den Weißen Hai, den Bullenhai und den Tigerhai. Auf jeden Fall steht dir das Wasser bis zum Hals, du kleiner Wichser. Und das kannst du wörtlich nehmen.«
»Okay, Sie sind sauer auf mich, klar, Mann. Aber ich hab doch gesagt, das mit Bekim tut mir leid. Was soll ich denn noch machen?«
»Du kannst mir zuhören – nicht, dass du da eine Wahl hättest.«
»Alles klar, ich hör ja zu, Mann!«
»Und was es hier zu hören gibt!« Ich hob ein Ohr in die Brise. »Hier draußen auf dem Meer. Wir befinden uns hier nämlich am Schauplatz einer großen Seeschlacht. Der Schlacht von Salamis. Viele Historiker vertreten die Ansicht, dass es sich dabei um eine der wichtigsten Schlachten der Menschheitsgeschichte handelte. Kaum zu glauben, oder? Dieser kleine Streifen tiefes, blaues Meer überzogen von Blut, Pech und Öl. Männer, die vor Höllenqualen schreien. Aber das ist wirklich passiert, nämlich im Jahr 480 vor unserer Zeitrechnung, gar nicht lang nach der Schlacht bei den Thermopylen, und über den Teil der hiesigen Geschichte kennst du dich schon aus. Denn deiner Facebook-Seite nach ist 300 dein Lieblingsfilm.«
Eine große Welle schwappte über den Nigerianer, und einen Augenblick lang verschwand er. Als er wieder hochkam, stand ihm die Angst in den Augen.
»Hey, wenn du das nächste Mal abtauchst, erzähl mir mal, was du da unten gehört hast. Vielleicht ja die Stimmen all der Männer, die hier ihr Ende fanden – ertrunken, mit dem Speer aufgespießt, von Pfeilen durchbohrt, vom griechischen Feuer verbrannt. Abertausende Männer, die ihre Familien nie wieder sahen, deren Knochen den Seeboden hundert Meter unter deinen Füßen bedecken.«
Ich gab Gas und fuhr einen Kreis um den Kopf des Nigerianers; er sah im Wasser ganz klein aus, wie eine Kokosnuss, die auf den Wellen trieb.
»Also: Xerxes, der Perserkönig – den kennst du ja schon –, fuhr mit der größten Flotte, die jemals aufgestellt worden war, hier hoch und war wie immer in großer Eile. Zwölfhundert persische Schiffe, hieß es, gegen dreihundertsiebzig griechische, genannt Trieren. Und auch hier passierte wieder so ziemlich das Gleiche wie bei den Thermopylen. Da wollten einfach zu viele persische Schiffe durch die schmale Seestraße, und genau wie wir neulich gegen Olympiakos haben sie ihre Formation nicht eingehalten. Aber Themistokles, der griechische Feldherr, sorgte dafür, dass die Griechen ihre hielten. Und natürlich ihre Disziplin.
An Bord der griechischen Schiffe befanden sich die Hopliten, gepanzerte Infanteristen für den Nahkampf. Die trugen ein Schwert und einen Speer und vor allem einen Schild am linken Arm, mit dem sie nicht nur sich selbst schützten, sondern auch den Kameraden zu ihrer Linken. Jeder verließ sich auf den Schutz seines Nebenmanns. Und wie die Schiffe die Formation einhielten, taten es auch die Hopliten. Bei den Griechen war aber nicht alles eitel Sonnenschein. Die Spartaner und Griechen waren alte Rivalen und hassten einander wahrscheinlich. Aber gegen die Perser taten sie sich zusammen und siegten, allen Widrigkeiten zum Trotz.
Das ist deine Lektion. Du kümmerst dich um den Mann zu deiner Linken, wie der zu deiner Rechten um dich. Die Griechen waren zwar ein abergläubischer Haufen, aber wenn ihnen ein Perser einen Speer in den Hals rammen wollte, verließen sie sich nicht auf ihre Götter. Im Kampf rettete einem der rechte Mann den Arsch, und daran änderte kein Glücksbringer oder Gebet der Welt irgendetwas. Das ist Teamwork, Junge. Daran kannst du glauben. Krieg, Fußball, scheißegal. Du kümmerst dich um deinen Nebenmann, und dann kannst du nach dem Spiel auch deinen Mannschaftskameraden in die Augen schauen und dir sicher sein, dass ihr wirklich alles gegeben habt. Wenn man das nicht kann, ist die Mannschaft einen Scheiß wert.«
Ich schaltete den Motor ab und setzte mich ans Heck.
»Und damit sind wir beim letzten Teil der Lektion: Bei dir, Prometheus. Du kannst jetzt natürlich Gott fragen, ob er dich aus dem Wasser fischt – und wer weiß, vielleicht kommt ja wirklich ein Schiff vorbei und rettet dich. Oder du vertraust auf deinen Nebenmann, auf mich. Also, was darf’s sein?«
Ich lehnte mich über die Seite und streckte die Hand aus. »Gott oder ich?«
Prometheus grinste und griff zu.
Ein paar Minuten später lag er auf dem Deck der Regulator, starrte in den Himmel und lachte.
»Was ist denn so witzig?«, fragte ich.
»Ich hab mir nur grad gedacht, dass das die spannendste Geschichtsstunde war, die ich je gehört hab. Wenn ich früher einen Lehrer wie Sie gehabt hätte, vielleicht hätte ich dann auch mal eine Prüfung bestanden und nicht immer nur geklaute Handys geknackt.«
Ich schüttelte den Kopf. »Mach dir da mal keine Gedanken, Junge. Wenn du gut in der Schule gewesen wärst, wärst du nie zu dem geworden, der du bist: Zu einem der begabtesten Mittelstürmer, die ich je gesehen habe. Im Ernst. Aus dir wird ein Star.«
Er setzte sich auf und grinste immer noch. Er war wirklich ein kleiner Sonnenschein, das musste ich ihm lassen.
»Meinen Sie echt, Boss?«
»Absolut. Du musst nur noch lernen, für die Mannschaft zu spielen. Wenn dir egal ist, wer den Ruhm einfährt, kannst du auf dem Fußballplatz Wunder vollbringen.«
Er nickte.
»Und die schwierigste Prüfung von allen hast du doch schon längst bestanden, mein Freund. Du spielst in der Premier League bei einem der besten Vereine Englands. Wenn du auf mich hörst, wirst du einer von den ganz Großen, Junge. Wenn du das willst.«
Prometheus streckte mir die Hand entgegen. Ich griff zu. Diesmal standen ihm die Tränen in den Augen. »Ich will nichts anderes.« Dann grinste er wieder. »Na ja, vielleicht noch ein neues Handy.«
»Ich kauf dir eins.«
»Nein, ist schon okay. Ich hab ein paar billige im Hotelzimmer liegen. Man weiß ja nie.«