Am nächsten Tag stieg ich mittags in ein klappriges Propellerflugzeug vom Typ DHC-8-100 und flog nach Paros. Paros ist eine der Kykladen, die aus der Luft aussehen wie ein zerrissener Wettschein, dessen Reste auf einem blauen Teppich verstreut worden waren. Paros war nicht mal die kleinste der Inseln, auch wenn man sich das bei der Briefmarke von einer Landebahn gut hätte vorstellen können.
Dem verschlafenen Flugplatz-Terminal gegenüber mietete ich mir bei Loukis einen kleinen Suzuki-Geländewagen und ließ mir den Weg zur Südwestspitze der Insel erklären, wo Bekims Haus stand. Die Insel sah aus wie ein riesiger Golfplatz – Buschland mit Trockenmauern und sehr wenigen Bäumen. Bis auf das allgegenwärtige Zirpen der Zikaden hätte man meinen können, man wäre in einem entlegenen Teil Irlands, den eine ungewohnt starke Hitzewelle heimgesucht hatte. Die Einheimischen wirkten genauso verhutzelt und rustikal. Fast jedes einzelne Haus bestand aus weißem Stein und Türen, Fensterrahmen und -läden, Balkongeländern und Toren im selben Blauton, als könnte man im örtlichen Heimwerkerbedarfsladen keine andere Farbe bekommen. Oder vielleicht war die Insel auch ein riesengroßer Everton-Fanclub.
Nach einer knappen Viertelstunde fuhr ich auf einem zerfurchten Feldweg auf eine Ansammlung rechteckiger Häuser zu, die von Brachland umgeben war, das an einen perfekten, kleinen Privatstrand grenzte. Bekims Haus sah aus wie ein Außenposten einer vergessenen französischen Kolonie. Ich parkte im Schatten dahinter und wollte Prometheus anrufen, wie es mit Natalijas Handy lief, bekam aber kein Netz.
Im Inneren war das Haus weniger traditionell: offene Bauweise, polierte Holzböden und Eames-Möbel wie aus einer Folge Mad Men. Am Ehrenplatz dem großen Kamin gegenüber hing ein wunderbares Gemälde eines Fußballspiels von Peter Howson, das ich sofort haben wollte. Im Esszimmer hing noch ein Howson, ein Porträt von Henrik Larsson in seiner siebten Saison bei Celtic 2003/2004; auch das löste bei mir blanken Neid aus. Außerdem fand ich zahlreiche moderne Skulpturen aus weißem Marmor und poliertem schwarzen Granit von einem Künstler namens Richard King, die so schön waren, wie sie der Hand schmeichelten. Soweit ich sehen konnte, gab es keinen Fernseher, kein Telefon und kaum Post auf der Fußmatte oder sonst irgendwo.
In der Küche kochte ich mir einen griechischen Mokka, setzte mich an den Tisch und blätterte alte Ausgaben der Athens News durch, einer Zeitung in englischer Sprache. Das war sehr deprimierend. Die meisten Titelseiten zeigten Farbbilder von der hellenischen Polizei, die sich gegen Randalierer vor dem griechischen Parlament in Stellung brachte. Auf einer anderen Titelseite sah ich einen Schlägertypen mit einer großen, schwarzen Flagge mit einem Logo, das dem der UN ähnlich sah; zwischen den Zweigen war eine Art kleines, goldenes Labyrinth abgebildet. In Wirklichkeit war es natürlich überhaupt kein Labyrinth, sondern ein vereinfachtes Hakenkreuz. Ich blätterte um und fand noch ein Foto, diesmal von einem Mann mit einem schwarzen T-Shirt mit demselben Zeichen. Der Bildunterschrift zufolge gehörte der Mann zur ultrarechten Partei Goldene Morgenröte. Jetzt wusste ich also, was für ein T-Shirt Sara Gills Vergewaltiger getragen hatte. Er war ein Faschist, ein Neonazi.
Ich trank meinen Kaffee aus und durchsuchte anschließend systematisch das Haus, wobei rein gar nichts herauskam – bis auf die Tatsache, dass Bekim wohl sehr auf Heinz-Suppen und Fertigspaghetti in Dosen stand. Er hatte Schränke voll von dem Zeug. Ich wollte mir schon eingestehen, dass die ganze Reise reine Zeitverschwendung gewesen war, als sich die Hintertür öffnete und eine kleine, hobbitartige Frau mit einem Korb voll Putzzeug in die Küche gestapft kam. Als sie mich sah, schrie sie und ließ den Korb fallen. Ich entschuldigte mich dafür, dass ich ihr so einen Schrecken eingejagt hatte, und erklärte, dass ich ein Freund von Mr. Develi war.
»Er nicht da«, sagte die Frau – Zoi hieß sie –, und mir wurde klar, dass sie keine Ahnung hatte, dass ihr Arbeitgeber tot war. Das würde ich ihr nicht sofort erzählen, schließlich wollte ich Informationen und keine Tränen. »Er spielt Fußball in London.«
»Ja, ich weiß«, erwiderte ich und zeigte ihr den Schlüssel. »Mr. Develi hat mir den Schlüssel gegeben.«
Sie nickte, wirkte aber immer noch misstrauisch.
»Ich war auf dem Festland, in Athen, und Bekim hat gesagt, wenn ich Zeit habe, soll ich unbedingt mal herkommen.«
Das stimmte sogar.
»Sie hier übernachten?«, fragte sie.
»Ja, wenn das in Ordnung ist. Nur bis morgen.«
»Soll ich Ihnen Bett machen?«
»Nein, das kriege ich schon hin.« Ich sah mich um. »Arbeiten Sie schon lange für ihn?«
»Ich putze Haus für Mr. Develi, seit er auf der Insel ist. Acht Jahre. Ihm gefällt hier, weil Paros sehr ruhig und die Leute lassen ihn in Ruhe. Die meisten hier wissen nicht, dass er so großer Fußballer ist. Er lebt hier sehr zurückgezogen. Wie andere reiche Leute auf Andiparos.«
Andiparos ist die kleinere Nachbarinsel im Westen.
Es hörte sich komisch an, wie sie von Bekim in der Gegenwart sprach; als wäre er gar nicht tot. Für sie war er das natürlich auch nicht.
»Bekim Develi. Die Familie Goulandris. Tom Hanks. Seine Frau Rita Wilson ist Griechin. Die sind alle gerne hier, weil es sonst keiner weiß. Das ist großes Geheimnis.«
Damit konnte es nicht weit her sein, so bereitwillig wie sie es ausgeplaudert hatte.
»Kochen Sie auch für ihn? Für Bekim?«
»Nein. Er sagt, er ist da etwas eigen. Er mag kein griechisches Essen. Nur griechischen Wein. Nur sehr einfache englische Sachen. Eier, Brot, Salat. Das bringe ich ihm, aber er macht sich sein Essen selbst.«
Es kam mir seltsam vor, dass ausgerechnet jemand ein Ferienhaus auf einer griechischen Insel besaß, der kein griechisches Essen mochte; andererseits lebten wohl die meisten englischen Touristen in diesem Land von nichts als Hamburgern und Pommes.
»Ich kann aber für Sie kochen, Mr. …?«
»Manson. Scott Manson.« Ich nahm eins der Fotos von einem Küchenregal und zeigte es ihr; es war eine Teamaufnahme vom Ende der letzten Saison, als wir gerade erfahren hatten, dass wir es auf den vierten Platz geschafft und uns für die Champions League qualifiziert hatten. Wer weiß, was passiert wäre, wenn wir Fünfter geworden wären? Würde Bekim dann noch leben? »Das da bin ich.«
»Ja.« Sie wirkte etwas beruhigter. »Das sind Sie.«
»Ich gehe heute Abend wohl in einer Taverne in der Stadt essen«, sagte ich. »Sie müssen sich also keine Umstände machen.«
»Keine Umstände. Ich koche gern. Aber wie Sie wünschen, Mister.«
»Und sonst kann ich mir auch eine Dose Spaghetti warm machen. Wie Mr. Develi.«
Sie verzog das Gesicht. »Bah. Ich weiß nicht, wie er das Dosenzeug essen kann.«
»Er ist wohl ein schwieriger Arbeitgeber«, sagte ich.
»Mr. Develi?« Zoi zog die Augenbrauen zusammen und schüttelte den Kopf. »Er ist ein wunderbarer Mann. Hat wohl noch nie jemand einen besseren Chef gehabt. Er ist freundlich und großzügig wie keiner sonst. Das kann Ihnen jeder sagen, der ihn kennt.«
»Ja? Ich dachte, er würde hier ganz zurückgezogen leben.«
»Er hat Freunde auf der Insel. Natürlich. Die Künstlerin in Sotires kennt ihn wohl am besten. Mrs. Yaros. Sie und Mr. Develi sind gute Freunde. Sie ist Bildhauerin. Auf Paros gibt es viele Bildhauer. Früher kamen die wegen dem guten Marmor her, aber der beste ist wohl schon weg. Ich glaube, sie kennt ihn besser als jeder andere hier.«
»Diese Mrs. Yaros würde ich gerne mal kennenlernen. Meinen Sie, sie ist zu Hause?«
Zoi nickte. »Ich habe sie heute Morgen gesehen. Im Supermarkt.«
»Wie ist ihre Adresse?«
»Weiß nicht. Aber das Haus ist leicht zu finden. Wenn Sie hier losfahren, vorne links, dann fünf Kilometer geradeaus, hinter der alten Autowerkstatt rechts, dann wohnt sie oben auf einem steilen Hügel. Das Haus ist grau-weiß mit einem großen, blauen Tor und manchmal einem Hund. Der Hund ist nicht so nett, also warten Sie lieber im Auto, bis sie Sie abholt.«
»Danke für den Tipp.«
Obwohl ich im Schatten geparkt hatte, war es in dem kleinen Suzuki heiß wie im Krematorium. Ich schaltete die Klimaanlage ein, startete den Motor und fuhr den Feldweg zurück auf die Autowerkstatt zu. Ein paar Minuten später war ich durch das blaue Tor und kämpfte mich eine steile, gepflasterte Steigung hinauf, bei der der kleine Suzuki alles geben musste. Hätte ich nicht den Tipp mit dem Hund bekommen, wäre ich vielleicht schon unten ausgestiegen und zu Fuß gegangen. Oben lag ein Terrassengarten, und außer dem Motorgeräusch hörte ich jetzt auch ein Kreischen wie von einem Zahnarztbohrer. Ich dachte kurz, ich hätte das falsche Haus erwischt. Doch dann sah ich in einer Atelierwerkstatt eine schmale Gestalt im Blaumann voller weißem Staub. Die Person trug eine Schutzmaske, also konnte ich nicht erkennen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte. Ich fuhr in den Schatten eines Carports und wartete auf den Hund oder sein Herrchen oder Frauchen. Als niemand kam, öffnete ich vorsichtig die Tür und rief: »Mrs. Yaros? Bitte entschuldigen Sie, dass ich so hereinplatze. Mein Name ist Scott Manson. Ich bin ein Freund von Bekim Develi.«
Als ich die paar Meter zur Werkstatt gegangen war, hatte die Gestalt im Blaumann schon die Druckluftflasche zugedreht, die den winzigen Bohrer angetrieben hatte, mit dem sie an einer unfassbar schönen Marmorspirale gearbeitet hatte, die aussah, als befände sie sich im freien Fall. Die Gestalt nahm die Maske ab und warf ihre blonde Mähne von der einen Schulter auf die andere.
Ich erkannte die Frau sofort. Es war Swetlana Jaroschinskaja, mir besser bekannt als Valentina.