KAPITEL 17

Sechs Mann hoben Bekim auf die Trage und liefen mit ihm vom Feld. Ich folgte Gareth zum Eingang des Spielertunnels. Es war immer noch heiß wie im Backofen, aber innerlich fühlte sich alles kalt und leer an. Die Fans applaudierten für den Mann, der um sein Leben kämpfte.

»Lebt er?«, fragte ich Gareth.

»Gerade noch so, Boss. Sein Herz spielt immer noch verrückt. Vielleicht können sie im Krankenhaus etwas machen. Am besten wäre wohl eine ordentliche Adrenalinspritze. Oder ihn aufschneiden und das Herz massieren. Aber hier draußen haben wir getan, was wir konnten.«

»Was ist denn überhaupt passiert? Was hat das ausgelöst?«

»Ich bin kein Arzt, Boss. Aber hast du schon mal von SADS gehört? Sudden Adult Death Syndrome. So nennen die Ärzte das, wenn sie keine Ahnung haben, warum einer plötzlich tot umgefallen ist. Und das passiert dauernd.«

»Aber doch nicht mit neunundzwanzig«, sagte ich. Doch Gareth hörte mich nicht. Die Trage wurde kurz angehalten, und die Sanitäter versuchten es erneut mit einer Herz-Lungen-Wiederbelebung.

»Geh mit«, bat ich Simon. »Geh mit ins Krankenhaus und halt mich auf dem Laufenden.«

»Alles klar, Boss.«

Als ich mich umdrehte, stand Gary vor mir. Er war blass und wirkte abgekämpft.

»Trink mal was«, sagte ich fast automatisch. »Du siehst ganz dehydriert aus.«

»Ist er tot?«

»Keine Ahnung. Nein, ich glaube nicht. Aber es sieht nicht gut aus.«

»Wir können heute nicht weiterspielen«, sagte er. »Nicht so. Die Jungs müssen erst wissen, dass es Bekim gut geht.«

»Da hast du vollkommen recht.«

»Mann, da macht man sich doch Gedanken, was wirklich zählt, oder?«

Ich ging zur Torlinie, wo Merlini sich mit einem UEFA-Offiziellen und mehreren Leuten von Olympiakos beriet. Merlini hatte die Hände gefaltet, als hätte auch er gebetet; er kaute sich am Daumennagel herum und überlegte wohl, was zu tun war. Hristos Trikoupis, der Trainer von Olympiakos, legte mir eine Hand auf die Schulter.

»Wie geht’s deinem Mann?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht.«

»Sie bringen ihn ins Metropolitan Hospital«, sagte er. »Das sind zwei Minuten zu Fuß von hier. Das ist ein sehr gutes Privatkrankenhaus, kein öffentliches. Mach dir keine Sorgen. Da schicken wir auch unsere eigenen Spieler hin. Ich verspreche dir, dass er da die beste Behandlung überhaupt bekommt.«

Ich nickte stumm, denn ich war ziemlich überrascht, wie freundlich Hristos auf einmal war; vor dem Spiel hatte er in den griechischen Zeitungen alle möglichen Frechheiten über mich vom Stapel gelassen; er hatte sogar meinen Knastaufenthalt erwähnt und gewitzelt, den hätte ich mir schon allein deshalb verdient, weil ich ein »sehr brutaler Spieler« gewesen sei. Wahrscheinlich nichts als Psychospielchen, aber wehgetan hatte es trotzdem. So etwas erwartet man nicht von einem ehemaligen Mannschaftskameraden. Beim Händeschütteln vor dem Spiel hätte ich ihm am liebsten den Arm gebrochen.

»Ich glaube nicht, dass meine Jungs heute Abend weiterspielen können«, sagte ich schließlich.

»Das sehe ich auch so«, erwiderte Trikoupis.

Merlini zeigte auf den Tunnel. »Gehen wir lieber rein. Ich möchte die Entscheidung nicht vor den Kameras und all den Leuten treffen.«

Er pfiff und winkte die Spieler vom Feld.

Ich hob meine Jacke auf, und wir gingen in den Schiedsrichterraum; Merlini, der UEFA-Funktionär, Hristos Trikoupis, die beiden Spielführer und ich.

Wir saßen fast eine ganze Minute schweigend da, bevor Trikoupis eine Schachtel Zigaretten rumgehen ließ. Jeder nahm eine, sogar ich. Nichts hilft einem die Fassung zu bewahren wie eine Zigarette. Wenn man den Rauch auf Lunge zieht, ist es, als würde man etwas zurück in sein Inneres holen, was sich sonst verflüchtigt hätte.

Gary rauchte wie ein hartgesottener Soldat in einem Schützengraben an der Somme. »Ich dachte immer, die hier würden mich irgendwann umbringen«, sagte er. »Seit heute Abend bin ich mir da nicht mehr so sicher.«

Trikoupis reichte mir ein Glas Wasser, wie ich dachte. Erst als ich es runtergekippt hatte, merkte ich, dass es Ouzo war.

»Nein«, sagte ich entschlossen. »Wir können heute auf keinen Fall weiterspielen.«

»Ganz meine Meinung«, erwiderte Trikoupis.

»Richtig«, stimmte Merlini zu. Er wirkte erleichtert, dass wir ihm die Entscheidung abgenommen hatten. »Die Frage lautet, wann das Spiel fortgesetzt wird.«

Der UEFA-Funktionär, ein Belgier namens Bruno Verhofstadt, der aussah wie Don Draper mit Van Goghs Bart, nickte. »Schön, dann sind wir uns ja alle einig. Und wir hoffen sicher auch alle auf eine baldige Genesung Mr. Develis. Ich bin natürlich kein Arzt, aber ich muss hier eine harte, unangenehme Wahrheit aussprechen, die Mr. Manson und Mr. Ferguson mir hoffentlich vergeben werden: Was auch immer passiert, Bekim Develi wird in der näheren Zukunft sicher nicht mehr für London City spielen. Das kommt nach einem Herzinfarkt nicht infrage.«

Ich nickte. »Das ist richtig, Mr. Verhofstadt.«

»Danke. Bitte vergeben Sie mir ebenfalls, wenn ich diese Gelegenheit dazu nutze, über das weitere Vorgehen zu beraten. Aus Sicht der UEFA, meine ich.«

»Das heißt?«, fragte ich.

»Ich verstehe voll und ganz, wenn Sie jetzt nicht darüber reden wollen, Mr. Manson. Ich möchte Sie in dieser wichtigen Angelegenheit wirklich nicht unter Druck setzen.«

»Nein, nein. Sie haben recht, wir müssen darüber reden.«

»Nun gut, da wir uns also einig sind, dass Mr. Develi in dieser Begegnung höchstwahrscheinlich nicht mehr spielen wird …« Er schaute mich an, als erwartete er eine Bestätigung.

Ich nickte.

»Dann muss das Spiel nach UEFA-Regeln so bald wie möglich abgeschlossen werden. Die UEFA-Regeln verbieten außerdem, dass in Europa nationale Ligaspiele am gleichen Abend stattfinden wie Spiele der Champions League oder der Europa League. Morgen ist auch ein Champions-League-Abend. Es finden nirgendwo Ligaspiele statt. Termintechnisch erscheint es sinnvoll, diese Begegnung bei der ersten Gelegenheit zu Ende zu spielen, die beiden Vereinen passt.«

»Also morgen«, sagte ich.

»Morgen, in der Tat, Mr. Manson.« Er seufzte. »Komme, was wolle.«

Ich wusste genau, was er damit meinte. Wir würden auch spielen müssen, wenn Bekim starb. Diese Möglichkeit wollte ich auf gar keinen Fall offen aussprechen, obwohl ich natürlich wusste, dass sie sogar recht wahrscheinlich war.

»Komme, was wolle. Auch das ergibt Sinn. Uns waren auch heute nicht allzu viele Fans nachgereist. Die meisten waren wahrscheinlich sowieso gerade hier im Urlaub.« Ich nickte. »Jetzt sind wir alle in Griechenland. Wenn wir morgen nicht spielen, wann dann? Samstag spielen wir gegen Chelsea und nächste Woche steht schon das Rückspiel an.« Ich sah Gary Ferguson an. »Entweder spielen wir morgen oder wir ziehen uns aus der Champions League zurück. Was meinst du, Gary?«

»Zurückziehen kommt nicht infrage«, erwiderte er entschlossen. »Nein, Boss, wenn wir spielen müssen, müssen wir eben spielen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Bekim jemals gewollt hätte, dass wir das Handtuch werfen – schon gar nicht seinetwegen. Und auf keinen Fall, wenn wir ein Tor vorneliegen.« Er zog übermenschlich kräftig an seiner Zigarette und gestikulierte dann damit. »Ich muss gerade an einen alten Charlton-Heston-Film denken – Bekim Develi ist doch quasi unser El Cid. Tot oder lebendig, er will doch, dass wir morgen antreten, oder?« Er zuckte mit den Schultern. »Und mir ginge es genauso. Ich lebe und sterbe mit meinem Verein, okay?«

Verhofstadt schaute Trikoupis an.

»Ja«, sagte der. »Das sehe ich auch so. Auch wir können morgen antreten.«

»Vielen Dank, meine Herren, dass Sie mir in dieser allzu schwierigen, tragischen Situation so entgegenkommen.«

Ich gab erst Hristos Trikoupis und dann Mr. Verhofstadt die Hand.

»Dann wäre das geregelt«, sagte der UEFA-Funktionär. »Die Fortsetzung des Spiels wird auf morgen festgesetzt.«

Als Gary und ich den Raum verließen, nahm Trikoupis mich beiseite.

»Das wollte ich vor dem UEFA-Typen nicht sagen«, fing er an und klang gar nicht mehr so freundlich wie vorher, »aber du bist ja ein großer Junge, Scott. Hast du irgendeine Ahnung, worauf du dich da einlässt? Meinst du, heute war es da draußen hart? Das war gar nichts gegen das, was dich morgen erwartet! Glaub ja nicht, dass wir euch mit Samthandschuhen anfassen, bloß weil bei euch einer ’nen Herzinfarkt hatte! Der Junge hatte hier sowieso nicht viele Freunde, nach allem, was er bei der Pressekonferenz über unser Land gesagt hat.«

»Wie gesagt: Meiner Meinung nach haben wir keine Wahl – wir müssen spielen.«

»Na meinetwegen. Aber verlass dich drauf: Morgen Abend ficken wir euch in den Arsch. Wir schlachten euch ab. Und dann binden wir eure Leichen an unsere Streitwagen und schleifen sie um die Stadionmauern. Du meinst, jetzt geht es dir schlecht? Morgen wird alles tausendmal schlimmer. Also hör auf meinen Rat: Geht nach Hause, solange ihr noch könnt.«

Ich war wegen Bekim immer noch wie benommen, sonst hätte ich Hristos gesagt, dass er sich ins Knie ficken soll, erst recht nach den Sachen, die er in den Zeitungen über mich gesagt hatte. Aber es war auch so schon alles schlimm genug, ohne dass ich unter den Augen der Polizei einen Streit mit einem anderen Trainer vom Zaun brach. Also wandte ich mich wortlos ab und ging zur Umkleide, wo ich meinen Spielern erklärte, was beschlossen worden war.

Bald darauf kehrte Simon Page mit der Nachricht zurück, die manche von uns erwartet und alle befürchtet hatten: Bekim Develi war tot.

Ich brauchte eine Weile, bis ich reagieren konnte.

Schließlich sagte ich: »Überlassen wir es den Medien, den Mann zu idealisieren und ihn im Tod größer zu machen, als er es im Leben war. Das hätte Bekim nicht von uns gewollt. Das weiß ich, denn nach der katastrophalen Pressekonferenz gestern Abend habe ich ihn gefragt, warum er das alles gesagt hatte. Seine Antwort lautete: ›Die Wahrheit ist die Wahrheit. Ich spreche sie aus, wie ich sie sehe. Ich kann nicht anders.‹ Diejenigen unter uns, die Bekim Develi liebten, wie er wirklich war, sollten es dabei belassen: Wir behalten ihn in Erinnerung als einen, der immer sein Bestes gab und niemals kapitulierte, als einen, der immer an Fair Play für alle glaubte, aber vor allem als einen großartigen Sportler. Wenn ein Teamkamerad so stirbt, dann – keine Ahnung –, dann kann es nicht schlimmer kommen. Aber morgen haben wir als Mannschaft die Gelegenheit, ihm zu zeigen, was uns seine Freundschaft bedeutet hat.«

Ich stand auf. »Dann los, Jungs. Geht duschen und dann ab in den Bus.«

Die Hand Gottes
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