KAPITEL 48

Als der Hubschrauber über dem Hotel Astir in die Höhe stieg, zog ich Schuhe und Socken aus, legte auf dem cremefarbenen Ledersitz den Gurt an und vergrub in einem hoffnungslosen Entspannungsversuch die Füße im Hochflor-Teppich. Auf dem Flachbildschirm über einem polierten Walnussschränkchen wurden eine Karte von Paros sowie unsere Flughöhe und Geschwindigkeit angezeigt. Nach ein paar Minuten war die Insel im dichten, tiefpurpurnen Dunst verschwunden, und wir flogen knapp unterhalb der Maximalhöhe von fünfzehntausend Fuß mit 250 km/h Richtung Nordwesten. Eingemummelt in einem Vier-Millionen-Dollar-Hubschrauber mit jedem erdenklichen Luxus hätte ich mich eigentlich wohler fühlen sollen; stattdessen war ich unruhig wie eine Ratte im Labor. Ich bediente mich am Schnapsschränkchen und schenkte mir ein großzügiges Glas Cognac ein. Nachdem ich unseren Flug eine Weile auf der Karte beobachtet hatte, nahm ich die Fernbedienung und suchte mir lieber einen BBC-Kanal mit einem Fußballspiel; Burnley gegen was weiß ich wen. War mir auch egal; der Cognac war aber verdammt gut.

Nach gut vierzig Minuten setzten die Kufen des Explorer auf dem Deck der Lady Ruslana auf wie mein Arsch auf Grundeis. Ich stieg wacklig nach draußen auf den sicheren Boden der Yacht. Dort wurde ich von einem Mädchen von Viks Crew begrüßt, das mich unter Deck zu einer luxuriösen Prunkkabine führte, wo ich ein paar Minuten mit Louise allein sein konnte.

»Ich hab dich so vermisst«, sagte sie.

Ich nahm sie in den Arm und küsste sie auf den Hals und dann auf den Mund.

»Du wirkst angespannt«, bemerkte sie. »Ruhelos.«

Ich schüttelte den Kopf, aber sie hatte natürlich recht. Mein Magen hing immer noch in der Luft, aber vor allem dachte ich an mein iPhone: Bevor ich die SMS von Chefinspektor Varouxis beantworten würde, musste ich unbedingt die E-Mail von Natalijas Handy lesen, die Prometheus mir weitergeleitet hatte.

»Ich weiß«, fuhr sie fort. »Das Gesicht sehe ich jeden Tag. Das ist ein Bullengesicht. Du hast ein dunkles Geheimnis, das du lieber nicht kennen würdest, oder dir fehlt die Antwort auf eine zentrale Frage. Wenn du dich mehr für mich interessieren würdest, würdest du das Gesicht auch manchmal bei mir sehen. Ist okay. Ich bin ja selbst schuld. Ich hätte vorher wissen sollen, dass du mit den Gedanken woanders bist.«

»Und ich hätte wissen sollen, dass du meine Gedanken lesen kannst.«

»Ich bin Polizistin, schon vergessen?«

Ich küsste sie noch einmal. »Ich freue mich unheimlich. Aber jetzt muss ich erst mal dringend pissen.«

Auf dem Klo schaute ich aber als Erstes, ob ich endlich Natalijas E-Mail öffnen konnte. Zu meinem Ärger war sie auf Russisch, und die einzigen Leute an Bord, die sie mir übersetzen konnten, waren Vik und Phil. Vik wollte ich damit wirklich nicht nerven, also beschloss ich, Phil zu bitten, ob er mir am nächsten Morgen vor dem Frühstück eine Übersetzung schicken konnte, bevor ich mich wieder bei der Polizei melden musste.

Als ich aus dem Bad kam, küsste ich Louise noch einmal, und diesmal richtig.

»So gefällst du mir«, sagte sie.

»Tut mir leid.«

»Komm, wir gehen zu den anderen«, sagte sie und nahm mich am Arm. »Ich bin aber ein bisschen müde. Ich war den ganzen Tag unterwegs, und der Flug hatte Verspätung. Wenn es dir nichts ausmacht, bleibe ich nicht lang. Außerdem kann ich es gar nicht abwarten, in dem Zimmer hier ins Bett zu gehen.«

Auf den zu einem Hufeisen arrangierten cremefarbenen Sofas saßen Gustave Haak, Cooper Lybrand, Phil Hobday, Kojo Ironsi, die beiden griechischen Geschäftsmänner und mehrere Mietfreundinnen, die so jung und fit waren, dass sie auch zur Crew hätten gehören können. Gemeinsam genossen sie unter den Sternen die abendliche Seeluft und eine Magnumflasche Domaines Ott Rosé. Vik stellte mich den beiden Griechen vor. Ihre Namen hatte ich nach fünf Minuten schon wieder vergessen. Da ich mir vorher schon den Cognac gegönnt hatte, bestellte ich lieber eine Flasche Mineralwasser, damit ich einen klaren Kopf bekam. Wenn wir später allein waren, würde ich Vik und Phil herbe Neuigkeiten überbringen müssen, und ich wollte den anderen den Abend nicht verderben; also ertrug ich eine Weile großmütig die Sticheleien wegen des Gerüchts, dass ich bald der neue Trainer beim FC Málaga werden würde.

»An der Costa del Sol wird’s dir gefallen«, sagte Phil. »Die haben die wärmsten Winter von ganz Europa. Mein Boot liegt dort in der Nähe. In Puerto Banús. Das ist so ziemlich der einzige Ort in Spanien, wo es keine Arbeitslosen gibt. Deshalb gefällt es mir da wohl so gut.«

»Vergiss das Wetter«, sagte Vik. »Wie ist der Verein überhaupt?«

Phil zuckte mit den Schultern. »Arabische Besitzer, glaube ich. Kojo, was sagst du zu denen?«

»Málaga?« Kojo verzog das Gesicht. »Schwach. Die Katarer haben den Verein 2010 gekauft und Manuel Pellegrini zum Trainer gemacht. Der hat gute Arbeit geleistet und es auf den vierten Platz gebracht. Außerdem hat er die erste Champions-League-Qualifikation des Vereins überhaupt geschafft. Aber irgendetwas hat wohl nicht gepasst, sonst wäre er nicht zu Manchester City gegangen.«

»Hört sich so an, als würden die Scott wirklich brauchen«, sagte Gustave Haak.

»Er ist ein Mann mit vielen Talenten«, sagte Vik.

»Den Eindruck habe ich auch«, erwiderte Haak. »Als wir uns das letzte Mal unterhalten haben, hat er gerade im Hafen über den Tod einer Prostituierten nachgeforscht.« Für einen Augenblick hörte er auf, mit den Haaren einer seiner Freundinnen zu spielen. »Das ist doch richtig, Scott, nicht wahr? Ganz nah bei meinem Boot sogar.«

Dem Thema wollte ich lieber ausweichen; ich hatte den seltsamen Eindruck, dass bei dem Gedanken an tote Luxus-Callgirls am Grund des Hafens mindestens zweien seiner Begleiterinnen ein bisschen mulmig wurde. Ich lenkte das Gespräch höflich wieder aufs Thema Málaga.

»Ich weiß wirklich nicht, wo dieses Gerücht herkommt«, erklärte ich geduldig. »Wahrscheinlich hat Paolo Gentile es in die Welt gesetzt. Ihr wisst doch, wie es mit Agenten und narrativen Streubomben ist.«

»Was ist eine narrative Streubomben?«, fragte Louise.

»Das habe ich mich auch gerade gefragt«, gab Lybrand zu.

»Das ist gerade so ein Modewort für eine Kommunikationswaffe: ein Gerücht, das der Konkurrenz das Leben schwer machen soll. Die gibt es im Fußball überall, und sie haben fast so eine Zerstörungskraft wie die Sprengfallen in Afghanistan. Wenn man jemanden zügig zu Verein A bringen will, setzt man am besten das Gerücht in die Welt, dass er Verein B verlässt und zu Verein C will. Fußballspieler verunsichern ist einfacher als ein Baby aufwecken. Da braucht man nur ganz sachte mit einem Geldschein zu knistern.«

»Und einen guten Preis für einen Spieler bekommt man am besten, wenn man behauptet, er wäre unter keinen Umständen zu verkaufen«, sagte Vik. »Stimmt’s, Kojo?«

Der nickte. »Man gibt grundsätzlich erst zu, dass etwas überhaupt möglich ist, wenn man es schon getan hat. Oft nicht mal dann.«

»Weißt du, Scott, wir sind sehr zufrieden mit deiner Führung der Mannschaft«, sagte Phil. »Du genießt unser vollstes Vertrauen. Oder, Vik?«

Vik lachte und zündete sich eine Zigarre an. »Jetzt hast du ihm aber Angst gemacht.«

»Ich weiß.«

»Bitte entschuldige uns, Louise«, sagte Vik. »Wenn Scott zu müde ist, um sich zu wehren, nutzen wir das gerne aus. Normalerweise bekommen wir bei ihm ja kein Wort dazwischen, wenn er die Chancen unserer Mannschaft betont oder ihre Schwächen herunterspielt.«

»Meistens Letzteres«, nörgelte Phil.

Louise nahm meine Hand, drückte sie und küsste mir die Fingerspitzen.

»Tja, ich bin selbst etwas müde, also verabschiede ich mich jetzt, wenn es recht ist. Es war ein langer Tag.«

»Ich komme gleich nach«, sagte ich.

Louise schaute mich an und grinste.

»Nein, im Ernst«, versicherte ich ihr.

Die Männer standen höflich auf.

»Ihr redet doch über Fußball«, sagte sie.

»Nein, nein.«

»Doch«, erwiderte Louise. »Bis dann.«

Das war auch das Stichwort für Haak, Lybrand, die beiden Griechen und die meisten der Damen, mit Viks Tender an Land oder zu Haaks eigener Yacht, der Monsieur Crésus, zu fahren. Als sich danach die restlichen Mädchen auf der Lady Ruslana zurückgezogen hatten, wohin auch immer sie für diese Nacht beordert worden waren, war ich allein mit Vik, Phil und Kojo.

Wir schwiegen für einige Zeit.

»Vielleicht kann mich ja mal einer aufklären«, sagte Kojo schließlich. »Wenn wir nicht über Fußball reden, worüber denn dann?«

Die Hand Gottes
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