KAPITEL 44

»Als 2008 die Rezession dieses Land voll erwischte, sah es so aus, als würden einige Banken pleitegehen. Wie viele Russen hatte ich Geld in der Bank of Cyprus, und eine Weile hatte ich Angst, ich würde alles verlieren. Meine Skulpturen verkauften sich nicht mehr. Kunst ist immer der erste Posten, an dem die Leute sparen. Aber nicht Bekim, er hat ein gutes Auge für Gemälde und Bildhauerei. Er hat mich vor dem Bankrott gerettet. Er hat mehrere meiner Werke gekauft und mir einen Tipp gegeben, wie ich ein geregeltes Einkommen verdienen kann. Er sagte, auch in Griechenland gebe es im Fußball viele, die gutes Geld für eine GFEgirlfriend experience – bezahlen würden, also die Betreuung durch eine, die kein Profi-Callgirl ist.

Ich dachte erst, das wäre ein Witz. Aber dann hat er mich einer Engländerin vom griechischen Fußballbund vorgestellt, Anna Loverdos, und einem Griechen von der UEFA, auf den sie stand. Die waren ganz heiß auf Bekims Idee. Das Ganze ist auf seinem Mist gewachsen. Er meinte, wir würden einer Menge Jungs einen Gefallen tun, die sonst nur im Athener Rotlichtviertel an der Odos Sofokleus in Schwierigkeiten geraten würden. An erster Stelle natürlich Bekim selbst. Der Mann hat eine Libido wie ein Ziegenbock.

Der Erste war ein alter Sack von der FIFA. Da ging es irgendwie um die WM in Katar. Ich war das Sahnehäubchen auf dem Bestechungsgeld für seine Stimme. Der Sex war eklig, aber das Geld war toll. Ich bekam fünftausend Euro für ein Wochenende mit ihm, wovon ein Anteil Schweigegeld war. Zusätzlich hat der Kerl mir tausend Euro Trinkgeld gegeben. Das konnte er sich natürlich leisten. Später habe ich in der Zeitung gelesen, dass er über eine Million Dollar für seine Stimme gekriegt hat.

Dann rief Anna mich wieder an, und bald pendelte es sich bei ein-, zweimal im Monat ein. Dann sollte ich mich immer bei irgendeinem Fußballer melden oder bei einem FIFA- oder UEFA-Funktionär. Für eine Nacht gab es gut und gerne zweitausend Euro bar auf die Hand. Ich sagte mir, dass Anschaffen für eine Künstlerin auch nicht unbedingt das Schlechteste ist. Mit ein paar Typen zu vögeln war auch nicht schlimmer als manche der Sachen, die Caravaggio und Cellini gemacht haben.« Sie zuckte mit den Schultern. »Wenn man es darauf anlegt, kann man sich alles schönreden. Wichtig war mir nur meine Arbeit, und wenn ich irgendeinen reichen Kerl ficken musste, damit ich sie weitermachen konnte, würde ich das eben tun. Ich will auch gar nicht abstreiten, dass es mir oft sogar gefallen hat. Gerade bei den Spielern. Es gibt Schlimmeres als Sex mit sportlichen, gutaussehenden jungen Männern.

Wie gesagt war es am Anfang ein Teilzeitjob. Ich konnte meine Schulden abbezahlen und hatte sogar noch genug übrig, um mir eine kleine Wohnung in Athen zu kaufen. Doch dann rief Anna immer häufiger an. Anscheinend gibt es im Fußball nicht gerade wenige Typen mit Geld. Agenten, Trainer, Spieler, Funktionäre, sogar ein paar Schiedsrichter, die jemand vor einem großen Spiel freundlich stimmen wollte. Also suchte ich mir ein anderes russisches Mädchen, das mir aushelfen konnte, wenn ich zu viel zu tun hatte. Natalija. Sie war viel professioneller als ich und auch viel besser. Entweder übernahm ich einen Kunden also selbst, wenn ich das Geld brauchte, oder ich vermittelte ihn weiter an Natalija und nahm zehn Prozent. Das erschien mir fair. Mein Galerist nimmt mehr. Ich glaube, Bekim mochte sie sogar lieber als mich. Sie war abenteuerlustiger als ich. Wenn er in Athen war, rief er immer sofort Natalija oder mich an. Er meinte es nur gut. Und er hat uns an andere weiterempfohlen. An dich zum Beispiel.

Nach einer Weile wollte ich nicht mehr. Ich verkaufte ein paar Skulpturen an eine Kreuzfahrtfirma und war auf einmal kaum noch motiviert, für Geld Fußballer zu vögeln. Ich weiß nicht, ob du mir das glaubst, aber du warst mein letzter Kunde. Ich habe dich eigentlich nur als Gefallen für Bekim angenommen. Er hat im Voraus bezahlt und meinte, ich müsste nicht mit dir ins Bett, du wärst aber ein netter Kerl und könntest dich benehmen. Ich hab es dann nur mit dir getan, weil ich wollte. Aber hier auf Paros nie. Nicht mal mit Bekim. In Athen bin ich Valentina. Hier bin ich Swetlana Yaros, die Bildhauerin. Und das war bis heute nie ein Problem.«

Sie drehte sich die Haare zu einem Pferdeschwanz und presste das Wasser heraus.

»Bleib hier«, sagte sie.

Sie stand auf und holte sich nicht etwa ihre Klamotten oder einen Bademantel, sondern eine Zigarette aus der Küche. Das sollte mir recht sein. Kalypso persönlich hätte nicht verführerischer aussehen können.

»Erzähl mir von Hristos Trikoupis«, sagte ich.

»Hat er dir von mir erzählt?«

»Nein. Das war Jasmine.«

»Ah, Jasmine. Du hast deine Hausaufgaben gemacht. Ich hatte mal etwas Regelmäßiges mit Trikoupis laufen. Er wollte mich als Geliebte, aber an so etwas war ich nicht interessiert. Dazu war er mir zu haarig. Zu sehr wie ein Tier. Und aus dem Mund gestunken hat er auch.« Sie rümpfte die Nase. »Wir haben immer im Spondi zu Abend gegessen, und dann bin ich mit ihm in seine Wohnung beim Stadion gefahren und hatte Sex mit ihm. Aber irgendwann habe ich mich nicht mehr mit ihm getroffen. Als er uns zusammen bei dem Spiel gegen Hertha gesehen hat, war er stinkwütend. Das hatte ich nicht geplant. Aber er war unheimlich eifersüchtig auf dich. Er hat dich richtig gehasst.«

»Das erklärt so einiges«, sagte ich. »Er hat in den Zeitungen ein paar verdammt fiese Sprüche über mich abgelassen, die ich unter Psychotricks vor dem Spiel verbucht hatte. Da habe ich wohl falschgelegen.«

»Ich weiß nicht. Kann sein.«

»Wann hast du Natalija zum letzten Mal gesehen?«

»Im Mai, glaube ich. Da haben wir im Hotel Grande Bretagne mit zwei schwarzen Typen etwas getrunken. Mit einem Panathinaikos-Spieler und seinem Agenten. Zum Essen sind wir alle in ein Restaurant namens Nikolas tis Schinoussas gegangen, wo wir uns mit einem anderen Spieler getroffen haben, einem Rumänen. Er spielt für Olympiakos. Dann sind wir zu der Wohnung des Rumänen nach Glyfada gefahren. Der Agent ist alleine zurück ins Hotel gegangen.« Sie runzelte die Stirn. »Und jetzt soll ich mich wahrscheinlich an die ganzen Namen erinnern, was? Damit hab ich es eigentlich nicht so.«

»Versuch’s mal.«

»Der Rumäne hieß Roman irgendwas.«

»Roman Boerescu?«

Sie nickte.

»Und die anderen? Die beiden Schwarzen?«

»Hmm. Der Spieler hieß irgendwie wie ein Engel. Ja. Séraphim.«

Ich nickte. »Séraphim Ntsimi. Den hat Panathinaikos diesen Sommer von Crystal Palace gekauft.«

»Wenn du das sagst. Ich kenne mich da nicht aus. Ich schlafe nur mit denen.«

»Und der Agent?«

»Tojo. Glaube ich wenigstens. Großer Kerl. Kopf wie eine Bowlingkugel.«

Ich nickte. »Ja, den kenne ich.«

Ich schwieg eine Weile.

»Wie schlage ich mich bisher?«, fragte sie.

»Gut.«

Sie schloss die Augen und hob das Gesicht zur Sonne.

»Bleibst du heute Abend in Bekims Villa?«, fragte sie.

»Habe ich vor.«

»Wo willst du essen?«

»Ich dachte, ich schau mich mal in der Stadt um und suche mir eine kleine Taverne. Und natürlich Handynetz und am besten WLAN

»Du kommst nirgendwo mehr rein. Nicht im August. Alle guten Restaurants sind ausgebucht. Bleib doch zum Essen hier. Ich habe schon etwas fertig. Du hast Glück, ich koche eigentlich immer für zwei, das hält dann zwei Tage.«

»Gerne. Aber unter einer Bedingung: Du musst dir etwas anziehen.«

»Sicher? Manche Männer würden einen Haufen Geld dafür bezahlen, von einer nackten Frau bekocht zu werden. Und überhaupt, zu Hause ziehe ich mir eigentlich nie etwas an außer meinem Blaumann. Und in dem will ich dir nicht unbedingt das Essen servieren.«

»Auf den können wir vielleicht wirklich verzichten«, erwiderte ich vage. »Es ist ja auch unglaublich heiß.«

Die Hand Gottes
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