Die Odos Dimitrakopoulou lief nördlich an einem kleinen Platz mit sauberen Gärten, hohen Bäumen und einem Spielplatz vorbei, wo unter den wachsamen Augen ihrer Mütter ein paar Kinder lautstark herumtobten.
Charlie stieg aus dem Wagen und holte ein altes, blaues Polizei-Sweatshirt mit passender Baseballcap aus einer Plastiktüte im Kofferraum.
»Die hab ich von zu Hause mitgebracht«, erklärte er, streifte das Sweatshirt über und setzte die Kappe auf. »Einen echten Polizisten könnten wir damit nicht täuschen, aber für alle anderen reicht es. Lassen Sie mich reden und bleiben Sie ruhig. Am besten tun Sie übellaunig und überarbeitet und behalten die Sonnenbrille auf; dann sehen Sie einem echten Inspektor zum Verwechseln ähnlich.«
Natalija Matwijenkos Wohnung befand sich im Obergeschoss eines ockerfarbenen Gebäudes, dessen Balkons von so vielen grünen Stoffsegeln vor der heißen Nachmittagssonne geschützt wurden, dass es etwas von einem Windjammer hatte. Im Erdgeschoss gab es eine Apotheke, die der Plastikuhr an der Tür zufolge gleich für den Nachmittag schließen würde, und daneben eine moderne Glastür mit mehreren Klingelschildern.
»Hier gibt es eine Natalija Boutzikos«, sagte Charlie, »aber keine Natalija Matwijenko.«
»Das muss sie sein. Oder?«, fragte ich.
Charlie nickte und klingelte; es konnte gut sein, dass noch jemand in der Wohnung lebte – Mr. Boutzikos zum Beispiel –, aber es gab keine Reaktion.
»Und jetzt?«, fragte ich.
»Jetzt warten wir auf die Kavallerie.«
»Scheiße, was?«, sagte ich. Ein Polizeiauto mit Blaulicht rollte langsam die Straße entlang.
»Ganz ruhig«, sagte Charlie. »Da ist sie ja, die Kavallerie. Die haben nichts mit der GADA zu tun. Das sind Freunde von mir. Ich habe bei der Polizei Piräus um einen Streifenwagen gebeten, damit das Ganze hier ein bisschen überzeugender aussieht. Wenigstens für die Nachbarn. Die stehen Schmiere, während wir in die Wohnung einbrechen. Haben Sie mal eben zwei Zwanziger?«
Ich gab ihm vier Zehner und sah zu, wie er zum Polizeiauto ging und sich ins Fahrerfenster lehnte. Ich sah nicht direkt, wie er das Geld übergab, aber das tat er wohl, denn plötzlich ging das Blaulicht aus und die Polizisten machten es sich mit einer Zigarette gemütlich und ließen uns an die Arbeit gehen. Als Charlie wieder am Eingang war, kam der Apotheker im strahlend weißen Kittel aus seinem Laden und fragte sich wohl, was die Polizei hier wollte.
Charlie redete mit ihm, und einen Augenblick später ging der Apotheker wieder nach drinnen. Um meine Nerven zu beruhigen, zückte ich mein Handy, ging die Anrufliste durch und rief Francisco Carmona von Orientafute zurück.
»Frank? Hier ist Scott. Tut mir leid, dass ich eben nicht sprechen konnte.«
»Ist schon okay, Scott. Ich bin’s gewohnt, dass die Leute so tun, als würden sie mich nicht kennen.«
»Ich hatte mich nur ein bisschen gewundert, dass du nach Athen kommen willst, Frank. Das letzte Mal hatte ich dich angerufen, weil ich über einen Spieler bei einem anderen Verein mit dir reden wollte. Über einen, den du vertrittst. Horst Daxenberger von Hertha.«
»Du willst Bekim Develi ersetzen?«
»Genau. Warum stornierst du nicht deinen Flug nach Athen und guckst lieber mal in Berlin, ob der Junge nicht vielleicht Lust auf London hätte, statt hier meinen Spielern mit deinem Orientafute-Quatsch den Kopf zu verdrehen.«
»Deine Spieler interessieren mich nicht, Scott, sondern du. Wegen dir wollte ich nach Athen. Ich will dich vertreten. Was man so hört, brauchst du vielleicht einen neuen Agenten.«
Charlie kam vom Polizeiauto zurück.
»Ich kann gerade nicht gut reden. Sprich mal mit dem deutschen Jungen, ob er interessiert wäre.«
Ich legte auf und sah Charlie an.
»Wir haben aber auch ein Glück«, sagte er. »Mr. Prezerakou ist Natalijas Vermieter, und er geht für uns die Schlüssel holen. Ich habe ihm gesagt, wir suchen nach illegalen Einwanderern, und da wollte er natürlich sofort helfen. Hier mag keiner die Illegalen. Er hat Natalija seit Tagen nicht gesehen, aber das ist zu dieser Jahreszeit normal. Er sagt, sie macht oft Urlaub auf Korfu. Sie soll aber auch eine gute Mieterin sein und immer pünktlich zahlen. Und er versichert mir nachdrücklich, dass er sich ihre Papiere genau angesehen hat, bevor er ihr die Wohnung vermietet hat. Ursprünglich lief der Vertrag über ihren Mann, Mr. Boutzikos, aber der arbeitet jetzt in London, und seitdem hat Natalija hier allein gelebt.«
Zehn Minuten darauf waren wir in Natalijas Wohnung und durchwühlten ihre Besitztümer, was mir persönlich ziemlich unangenehm war. Charlie machte es jedoch sichtlich wenig aus. Die Latexhandschuhe trugen wir nicht nur als Requisite: Mr. Prezerakou war zwar unten in der Apotheke geblieben, aber die Bullen hatten meine Fingerabdrücke schon und sollten sie bloß nicht überall in Natalijas Wohnung finden.
Die war aufgeräumt und sauber und mit diesem Ligne-Roset-Zeugs ausgestattet, das auf dem Kontinent anscheinend alle smart und modern finden. An der Wand hing ein großes, signiertes Terry-O’Neill-Foto von Faye Dunaway am Pool des Beverly Hills Hotel. Vielleicht hatte Natalija mit gewissem Recht das Gefühl gehabt, dass sie der Oscar-Gewinnerin ähnelte. Ansonsten sah die Wohnung nach jemandem aus, dessen Liebe eher den Büchern als den Filmen galt – es gab keinen Fernseher, und die Regale ächzten unter dem Gewicht unzähliger griechischer, russischer und englischer Bücher. Der Kleiderschrank war voller Designerware, und in dem winzigen Bad stand ein Make-up-Trolley, der eine größere Mädchenschule hätte versorgen können.
Charlie hatte ihren Pass in der Ablage eines kleinen Schreibtischs gefunden.
»Sie war Ukrainerin«, sagte er. »Geboren in Kiew 1989.«
Er gab mir das Dokument, und ich legte es auf den Küchentisch, bevor ich auf den Balkon trat und den Blick über die Dächer schweifen ließ; all die Wassertanks, Wäscheleinen und Satelliten boten keine schöne Aussicht, aber eine typische.
Auf dem Balkon selbst lagen eine Yogamatte und ein paar säuberlich angeordnete Gewichte, darunter eine Kugelhantel, und ich fragte mich, ob Natalijas Mörder hier die hatte mitgehen lassen, die er ihr an die Füße gebunden hatte, bevor er sie in der nahen Marina versenkte. Ich machte ein Foto mit dem iPhone. In der Zwischenzeit hatte Charlie ihre Handtasche gefunden – oder wenigstens die Tasche, die sie wahrscheinlich an dem Abend bei Bekim dabeigehabt hatte; ich hatte sie von den Überwachungsaufnahmen des Astir Palace Hotel noch ungefähr im Kopf. Wie alles andere hier war auch die Tasche ein sündhaft teures Designerstück.
Charlie leerte den Inhalt auf den Küchentisch neben den Pass. Wir setzten uns beide und gingen die Sachen durch. Dort lagen nun ein Schminktäschchen, ein Portemonnaie mit tausend Euro in Hundertern, Kredit- und Ausweiskarten, ein Führerschein, ein Handy, eine kleine Duftkerze, Augentropfen, Ohrringe, Schuhclips, ein Schlüsselbund, ein Foto von einem Mann, wahrscheinlich Boutzikos, Kondome, Gleitgel, Handschellen, ein Vibrator, antiseptisches Handgel, ein Päckchen Feuchttücher, frische Unterwäsche und ein Paar halterlose Strümpfe. Charlie fand aber vor allem ihre Medikamente interessant: vier Epinephrin-Autoinjektoren und je ein Fläschchen Ceftriaxon und Flunitrazepam.
Ich fotografierte alles – auch den Pass und den Führerschein – mit dem iPhone.
»Anscheinend war sie gegen irgendetwas allergisch«, sagte ich und nahm einen der Autoinjektoren aus der Schachtel. Er war unbenutzt, wie die anderen auch.
»Nicht unbedingt«, erwiderte Charlie. »Epinephrin erweitert die Gefäße. Das Zeug haben viele Nutten in Griechenland als schnellen Viagra-Ersatz dabei, wenn ein Kunde keinen hochkriegt. Es ist ja nichts anderes als Adrenalin. Und im Gegensatz zu Kokain nehmen die Bullen einen nicht gleich mit, wenn sie einen damit erwischen.«
»Und was ist Ceftriaxon?«, fragte ich.
»Ihr Notfallplan«, sagte er.
»Für welchen Notfall?«
»Tripper. Viele Geschlechtskrankheiten in Griechenland sind penicillinresistent, also wird Ceftriaxon verschrieben. Oder Azithromycin. Wenn man es kriegen kann. Da wollte sie wohl kein Risiko eingehen.«
»Und Levonelle?«, fragte ich, als ich eine kleine Schachtel mit griechischer Schrift begutachtete. »Wogegen ist das?«
»Babys. Das ist die Pille danach.«
»Und das Flunitrazepam?« Ich schüttete mir ein paar kleine, blau-weiße Tabletten in die Hand. »Das ist doch ein Beruhigungsmittel, oder? Gegen Depressionen.«
Charlie lachte. »Wenn Sie Griechisch lesen könnten, würden Sie sehen, dass der Handelsname auch auf der Packung steht. Das ist Rohypnol. Die sogenannte Date-Rape-Droge. Das geben viele Nutten ihrem Kunden in den Drink, wenn er sich nicht benehmen kann. Nein, die Kleine war wirklich auf alles vorbereitet.«
»Bis auf eins. Auf Mord nicht.«
»Nein.« Charlie fegte alles zurück in die Handtasche. »Niemand ist auf seine Reise zu Persephone vorbereitet«, sagte er.
Ich nahm Natalijas iPhone 4, das in einer schicken, kleinen Plastikhülle steckte, die mit ihrem Goldkettchen wie eine elegante Abendtasche aussah. Als ich einen Latexhandschuh abgestreift hatte, tippte ich auf den Bildschirm. Der Akku war zwar im roten Bereich, hatte aber prinzipiell noch genug Saft, allerdings brauchte man wie bei meinem eigenen Gerät einen Sicherheitscode, um darauf zugreifen zu können.
»Das müssen wir knacken«, sagte ich. »Dann wissen wir, mit wem sie an dem Abend zusammen war. Wir leihen uns das Gerät nur kurz aus, bis unsere Anwältin Montag der Polizei von dieser Wohnung erzählen muss.«
»Dann nehmen wir doch lieber gleich die ganze Handtasche mit«, sagte Charlie. »Sonst kommt es dem Ermittler vielleicht seltsam vor. Wenn Sie mit der Tasche fertig sind, können wir problemlos ein paar Roma dazu bringen, sie für die Belohnung bei eurer Anwältin abzugeben. Die erzählen dann, dass sie sie in einem Müllcontainer an der Marina gefunden haben.« Er schüttelte den Kopf. »Ein bisschen wundern wird er sich aber sowieso, wenn der Apotheker unten sagt, dass die Polizei schon mal hier war. Aber griechische Bullen rechnen damit, dass ihre Kollegen auch mal ein bisschen für Bares arbeiten. Er wird also natürlich wissen, dass Sie dahinterstecken.« Er schaute auf die Uhr. »Dann wollen wir Sie mal zurück zu Ihrem Alibi-Spiel fahren.«
Als ich das Handy in die Tasche steckte, fügte er hinzu: »Aber wie Sie an dem Code vorbeikommen, weiß ich auch nicht. Da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen.«
»Mach dir keine Gedanken, da weiß ich genau den Richtigen.«