KAPITEL 21

»Das nehmen wir nicht hin«, sagte Vik. »Wir spielen Samstag gegen Chelsea – wir müssen zurück nach London und ihn fertigmachen!«

Für Viktor Sokolnikow war nichts wichtiger als ein Sieg über Roman Abramowitsch. Vik hatte jedem unserer Spieler fünfzigtausend Pfund als Bonus versprochen, wenn wir gewannen. Wahrscheinlich messen sich alle russischen Milliardäre an dem Besitzer des FC Chelsea, aber viele von ihnen – darunter Boris Beresowski – zogen den Kürzeren.

Wir saßen in der Royal Suite des Hotel Grande Bretagne in Athen, wo Phil Hobday unser Vereinsbüro eingerichtet hatte, solange wir in Griechenland festsaßen; um acht Uhr morgens hatten wir uns dort mit den Anwälten von Vrachasi getroffen, einer der besten Kanzleien in Athen, mit denen Vik gegen die Festsetzung unserer Mannschaft vorgehen wollte.

»Ich will, dass heute noch ein Antrag vor Gericht gestellt wird«, forderte er. »Die Kosten sind mir egal.«

Dr. Olga Christodoulakis, die Seniorpartnerin bei Vrachasi, war eine üppige Brünette Mitte vierzig mit hübschem Gesicht und einem Auftreten so forsch wie ihre Handschrift. Sie trug eine hellgrüne Bluse, die ihren enormen Busen kaum bändigen konnte, und einen engen schwarzen Rock, der weniger wie ein Bleistift aussah als wie ein ausgewachsener Füller. Sie sprach ausgezeichnetes Englisch mit amerikanischem Akzent, aber ihr Taschenträger von einem Kollegen – ein jüngerer Mann, Nikos irgendwas – sprach noch flüssiger, und manchmal sagte sie etwas auf Griechisch und er lieferte schnell die Übersetzung.

»Das wird schwierig«, sagte sie. »Die griechischen Gerichte streiken. Wir müssten also in der ganzen Stadt nach einem Richter herumtelefonieren, der bereit ist, den Streik zu brechen, um uns anzuhören.«

Phil Hobday war schockiert. »Richter, die streiken? Das hab ich ja noch nie gehört!«

»Wenn der Staat einem sein Gehalt nicht zahlt, hat man keinen Grund, zur Arbeit zu kommen«, sagte sie. »Aber das ist noch nicht unser größtes Problem. Die Polizei will wohl den Bericht der Gerichtsmedizin abwarten, bevor beschlossen wird, wie es im Fall des toten Mädchens weitergeht. Allerdings streiken die Ärzte der Gerichtsmedizin gerade auch alle.«

»Oh Gott, das ist ja wieder alles wie in Russland«, rief Vik.

»Kann die Autopsie nicht von einem anderen Krankenhaus durchgeführt werden?«, schlug Phil vor. »Einem privaten wie dem Metropolitan Hospital in Piräus? Da haben sie doch auch Bekim hingebracht. Die streiken nicht.«

»Keine Chance«, erwiderte Dr. Christodoulakis. »Das Krankenhaus Laiko an der Agiou Thoma führt schon seit 1930 die Autopsien für die Polizei durch. Das ändert sich nicht wegen eines Streiks. Der Staat schuldet den Ärzten dort genauso Geld wie den Richtern. Wenn wir versuchen, das zu umgehen, handeln wir uns unberechenbaren Ärger ein. Und selbst wenn, würden wir wahrscheinlich keinen Pathologen finden, der sich dazu bereit erklären würde.«

»Da hat sie wohl leider recht. So sieht die traurige Gegenwart in Griechenland aus.« Toby Westerman von der britischen Botschaft Athen wirkte gequält, was aber möglicherweise sein Standardgesicht war. Seine dünnen braunen Haare waren nach vorne gekämmt, sodass er aussah wie ein frecher Schuljunge. Dieser Eindruck wurde noch vom Absolventenschlips einer Privatschule und einer fingerverschmierten Brille verstärkt.

»Das ist doch wie bei Kafka«, sagte Vik. »Da können die Jungs ja wochenlang hier festsitzen.«

Kafka hatte ich bisher nicht gelesen, dafür aber Catch-22, was auch sehr gut zur Situation passte. Ich hatte außerdem noch eine ganz andere Sorge – die Disziplin meiner Spieler. Achtzehn junge Männer in einer Stadt wie Athen im August unter Kontrolle zu behalten würde schwierig werden. Schon am Abend vorher hatten sich mehrere aus dem Hotelkomplex in Vouliagmeni geschlichen und einen Lapdance-Schuppen an der Leoforos Andrea Syngrou besucht.

»Wer war dieses Mädchen, das so viele Probleme macht?«, fragte Vik.

»Eine Nutte«, erwiderte Phil. »Das ist wohl ziemlich sicher.«

Vik stand vom Tisch auf und schenkte sich auf dem Sideboard einen Kaffee aus einer silbernen Kanne ein. Inmitten der teuren Vorhänge, Kristallkronleuchter, Blattgoldspiegel, Bronzeskulpturen und Ölgemälde wirkte er wie zu Hause. Hinter dem Wohnbereich sah man durch die offene Schlafzimmertür ein Bett, das jedem Oligarchen mit zwei Geliebten genug Platz geboten hätte. Oder mit zwei Nutten.

»Ich meine, bloß weil sie Bekim gevögelt hat, heißt das doch nicht, dass er irgendetwas über sie wusste. Seit wann ist man denn gleich verantwortlich für das restliche Leben des anderen?«

Er starrte aus dem Fenster, aber auch der traumhafte Blick auf die Akropolis und den Syntagma-Platz konnte ihn nicht besänftigen. Ich konnte Vik seine Wut nicht übelnehmen. Die Situation in Griechenland und das kaum funktionierende Rechtssystem waren deprimierend. Auch ich war ziemlich mitgenommen, aber nicht wegen unserer eigenen scheinbar ausweglosen Situation, sondern wegen der Ereignisse zu Hause in London. Bekims Freundin Alex hatte am Abend zuvor eine Überdosis Kokain genommen und lag jetzt im Chelsea and Westminster Hospital, wo ihr Zustand offiziell als »kritisch« bezeichnet wurde.

»Die Polizisten hier«, wandte Vik sich an unsere dralle Anwältin, »wie sind die so?«

»Ob sie käuflich sind, meint er«, ergänzte Phil.

»Ganz genau«, erwiderte Vik. »Warum nicht? Griechenland ist ein schwer verschuldetes Land im siebten Rezessionsjahr. Laut Korruptionsindex ist es das korrupteste Land der EU

Dr. Christodoulakis rutschte unruhig auf ihrem dicken Hintern hin und her.

»Normalerweise schon«, sagte sie vorsichtig. »Aber da in diesem Fall zwei Minister involviert sind und die Presse großes Interesse zeigt, sind die Möglichkeiten für misa oder fakelaki …« Sie warf ihrem Taschenträger einen Blick zu.

»Schmiergeld«, erklärte Nikos.

Sie nickte. »… sind die Möglichkeiten begrenzt. In so einem öffentlichen Fall kann es sich keiner leisten, Schmiergeld anzunehmen. Und selbst wenn Sie die ermittelnden Polizisten bestechen würden, dürften Sie sich nicht auf sie verlassen. Die griechische Polizei ist eng mit den Neonazis der Partei der Goldenen Morgenröte verbandelt.«

»Ich wüsste nicht, was Politik da für eine Rolle spielt«, sagte Phil. »Ein bestechlicher Faschist kann genauso nützlich sein wie ein bestechlicher Kommunist.«

Toby Westerman drückte sich theatralisch die Hände auf die Ohren und sah aus wie einer der drei weisen Affen. »Bei solchen Themen sollte ich wirklich nicht dabei sein«, sagte er.

»Blödsinn«, erwiderte Phil. »Was meinen Sie, was die Deutschen hier seit Anfang der Rezession machen? Die bestechen die griechische Regierung, damit sie nicht den ganzen EU-Tempel einreißt. Wenn das Bestechungsgeld von der Europäischen Zentralbank kommt, heißt es bloß plötzlich Rettungsaktion.«

Vik lachte.

»Du kennst den griechischen Chefinspektor doch schon, Scott«, sagte er dann. »Was war dein Eindruck von ihm?« Er grinste Dr. Christodoulakis an. »Unser Trainer, Mr. Manson, kennt sich mit korrupten Polizisten aus. Als Exknacki ist er da ein richtiger Experte. Was, Scott?«

Ich antwortete freundlicher, als die griechischen Anwälte es nach dieser Kurzbiographie wohl erwartet hätten. »Ich habe den Eindruck, dass Mr. Varouxis seine Pflichten sehr ernst nimmt. Und auch wenn er uns das Leben gerade verdammt schwer macht, halte ich ihn doch für einigermaßen fair.«

Das alles hatte ziemlich wenig mit Fußball zu tun, was ich ändern wollte, da ich mich eigentlich nur damit so richtig auskenne.

»Er hat mir sogar erzählt, dass er Panathinaikos-Fan ist, also nicht viel für Olympiakos übrighat. Das hätte er nicht müssen. Außerdem hätte er uns die schlechte Nachricht auch schon vor dem Spiel überbringen können. Dass er es nicht getan hat, spricht doch für sich. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir nicht nur die Begegnung mit Chelsea vor uns haben, sondern auch das Rückspiel gegen Olympiakos in London nächste Woche. Das Spiel gegen Chelsea lässt sich verschieben. Wahrscheinlich erwartet Richard Scudamore schon deinen Anruf, Phil. Aber die Terminplanung der UEFA werden wir nicht so einfach über den Haufen werfen können. Wenn wir zu dem Heimspiel gegen Olympiakos nicht antreten können, war’s das für uns mit der Champions League.«

»Er hat recht, Vik«, sagte Phil. »Alleine wenn wir in der Champions League bleiben, ist das bis zu fünfzig Millionen Pfund wert.«

Vik nickte. »Mindestens. Wir müssen herausfinden, was die Polizei weiß. Geht das?« Er schaute Dr. Christodoulakis an.

»Ja«, erwiderte sie. »Wir finden sicher eine Möglichkeit, wie wir auf dem Laufenden bleiben. Das sollte klappen. Mein Instinkt sagt mir, dass die Tote der Schlüssel zu allem ist. Je mehr wir über sie wissen, desto schneller finden wir jemanden, der weiß, was vor ihrem Tod mit ihr passiert ist. Was Ihre Mannschaft entlasten könnte. Vielleicht wäre es eine gute Idee, wenn Sie in Piräus und vor allem in der Marina Zea, wo die Leiche gefunden wurde, Zettel verteilen und eine kleine Belohnung für Informationen über die Tote anbieten. In dieser Hinsicht haben Sie recht, Mr. Sokolnikow: In Griechenland regiert Geld nicht nur die Welt, sondern Olymp und Hades gleich mit.«

Die Hand Gottes
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