KAPITEL 55

Mohamed Hachani machte ein Drama in fünf Akten aus der Sache. Er lag immer noch mit den Händen vor dem Gesicht auf dem Rasen, als würde er nie wieder aufstehen, was bestimmt nicht das Schlechteste gewesen wäre. Selbst seine eigenen Teamkameraden grinsten einander verlegen zu, als fänden auch sie, dass er es ein bisschen übertrieb; wahrscheinlich war es ihnen peinlich, zumindest hätte es das sein sollen. Denn bis auf Hachani war wohl jedem bewusst, dass es gar nicht lustig gewesen war, als wir das letzte Mal einen Spieler so lange auf dem Rasen hatten liegen sehen. Sein Getue war angesichts Bekim Develis Tod einfach nur respektlos.

Blackard, der irische Schiedsrichter, war natürlich absolut im Recht, als er Soltani Boumediene vom Platz schickte, und alle Proteste der Welt – dass der Junge sich nur revanchiert hatte, nachdem er angespuckt worden war – würden ihn nicht von seiner Entscheidung abbringen. Im modernen Fußball halten die Schiedsrichter nicht viel von solchen Vergeltungsaktionen, wie jeder weiß, der gesehen hat, was mit David Beckham passierte, als er bei der WM 1998 Diego Simeone getreten hatte; der verdammte Argentinier war nach dem kleinen Stups an die Wade zu Boden gegangen, als wäre er erschossen worden. Und so was ist jetzt Trainer von Atlético Madrid. Auf jeden Fall hatte Blackard recht mit dem Platzverweis. Wenn die Spieler sich für jedes einzelne Foul revanchieren würden, würde überhaupt keiner mehr einen Ball treten.

So weit, so schlimm; aber es kam noch schlimmer. Als wir Jimmy Ribbans für Boumediene einwechselten, schickte Blackard ihn sofort wieder vom Platz. Als ich fragte warum, erklärte er mir, wir dürften den Spieler, dem er einen Platzverweis erteilt hatte, nicht durch einen anderen ersetzen. Das offizielle Regelwerk war da allerdings anderer Meinung, und die Szene wurde schnell zur Farce, als der Schiedsrichter auf den Mittelpunkt zumarschierte und ich ihm hinterherrannte wie ein Terrier, der ihm die Feinheiten von Regel Drei hinterherbellte, während mindestens die Hälfte der Zuschauer ein Sturmgeheul von einem Pfeifkonzert durchs Stadion tosen ließ.

»Das können Sie nicht machen«, brüllte ich ihn an.

»Ich habe dem Spieler einen Platzverweis erteilt«, sagte er. »Und dabei bleibt es.«

»Darum geht es doch gar nicht, Sie Vollidiot!«

»Für diese Entgleisung melde ich Sie der UEFA wegen unsportlichen Verhaltens.«

»Und ich melde Sie, weil Sie die Regeln nicht kennen. Jetzt pulen Sie sich mal die Schweinescheiße aus den Ohren und hören Sie mir zu! Ich will doch nur, dass Sie morgen nicht in allen Zeitungen als Depp des Tages vorgeführt werden. Denn genau das blüht Ihnen, wenn Sie jetzt nicht aufpassen. Weil Sie das Spiel noch nicht angepfiffen hatten, hat der Platzverweis nicht die üblichen Folgen. Ob es Ihnen gefällt oder nicht, das steht so in den Regeln. Das Gelb-Rot für Soltani Boumediene heißt einzig und allein, dass wir nur noch zwei Auswechslungen haben statt drei. Und dass er an diesem Spiel oder – wenn wir durch ein Wunder weiterkommen sollten – dem nächsten nicht teilnehmen kann.«

»Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn. Ich hätte den Spieler doch nicht vom Platz geschickt, wenn ich gemeint hätte, Sie könnten ihn dann einfach ersetzen, was?«

»Das ist Ihre Sache. Die Regeln sind aber die Regeln. Da gibt es keinen Deutungsspielraum. Fragen Sie doch den UEFA-Heini, wenn Sie wollen. Aber wenn Sie jetzt nicht auf mich hören, pfeifen Sie in Zukunft nur noch auf irgendwelchen Kartoffeläckern in Galway. Sie bauen hier gerade großen Mist, und wenn Sie nicht aufpassen, sind Sie bis Ende der Woche die größte Lachnummer im Profifußball.«

Im Laufe der lebhaften Diskussion schickte Blackard mich nicht nur ein, sondern volle drei Mal auf die Tribüne, aber schließlich ließ er sich breitschlagen, sich auf meinem iPad das Regelwerk durchzulesen. Danach ging er sich mit den Spieloffiziellen beraten, und ich stapfte unter dem gewohnt schrillen griechischen Chor zurück zu unserer Bank.

»Was sagt er?«, fragte Simon.

»Er spielt immer noch den großen Macker.«

»Was hab ich dir gesagt? Der ist ein korruptes Schwein, der Blackarsch, oder wie der heißt.«

»Korrupt glaube ich nicht«, erwiderte ich. »Wahrscheinlich ist er einfach nur dumm. Und ignorant. Und vernagelt. Und er hat Schiss, wie ein Volltrottel dazustehen.«

»Das hätte er sich früher überlegen müssen. Wieso hat Mohamed Hachani Soltani eigentlich auf die Hand gerotzt?«

Ich erklärte ihm die Sache mit der Champions-League-Musik.

»Mimosen wie der haben auf dem Fußballplatz nichts verloren«, sagte Simon. »Sonst wollen die Hindus bald keinen Einwurf mehr machen, weil der Ball aus Rindsleder ist. Oder die Moslems trauen sich nicht mehr auf den Rasen, weil er mit Schweinescheiße gedüngt wird. Mann, als ich für Rotherham gespielt habe, haben wir uns gegenseitig in die Schuhe geschissen. Nur so aus Spaß. Da hätte dieser Hachani aber geguckt.«

»Wusst ich’s doch: Leute aus Yorkshire haben eben einen sehr feinsinnigen Humor.«

»Das kannst du laut sagen!«

»Aber eigentlich ist das alles Kojos Schuld. Wenn er einfach die Klappe gehalten hätte, wäre das alles nicht passiert, und Soltani wäre noch auf dem Platz. Nur Kojo ist ewig darauf rumgeritten, dass Zadok ein Jude war.«

»Deshalb ist er wohl der Technische Direktor«, bemerkte Simon. »Weil er technisch gesehen ein Arschloch ist. Da sind wir uns einig, Boss. Aber jetzt werden wir ihn nicht so schnell wieder los. Und wenn du dich bei Vik beschwerst, siehst du doch nur aus wie ’ne beleidigte Leberwurst.«

»Am liebsten würde ich ihm seinen verdammten Fliegenwedel sonst wohin stecken.«

»Ach, so heißt das Teil? Hab mich schon gefragt, was er immer damit rumläuft. Dachte schon, der hat ’nen Putzfimmel und muss dauernd überall Staub wischen.«

Blackard beendete sein Gespräch mit den anderen Offiziellen und winkte Jimmy Ribbans auf den Platz. Zum ersten Mal an dem Abend grinste ich, wenn auch hauptsächlich darüber, dass Simon Kojos Fliegenwedel für einen Staubwedel gehalten hatte.

»Na Gott sei Dank!«, sagte er. »Anscheinend hat der irische Vollpfosten jetzt kapiert, was Sache ist. Vielleicht kann ja jetzt endlich mal das Spiel losgehen.«

Ich sah mich kurz um, und mir starrten Tausende wütende Griechengesichter entgegen, die mich als malakas beschimpften und mit zahlreichen anderen interessanten Bezeichnungen bedachten, die vor allem mit meiner Hautfarbe zu tun hatten. Ich fragte mich, ob keiner von ihnen die vielen Respect- und No to Racism-Slogans auf den Banden lesen konnte.

Zwei Minuten später schaute der Schiedsrichter auf die Uhr und pfiff das Spiel eine Viertelstunde später als geplant an.

Die Hand Gottes
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