KAPITEL 38

»Wo waren Sie denn?«, fragte Eva Pyromaglou. »Ich versuche schon seit einer Stunde, Sie zu erreichen.«

Ich war in meinem Bungalow im Astir Palace Hotel und hatte eine Stunde Zeit, bevor ich mit dem Mannschaftsbus zum Panathinaikos-Spiel fahren würde. Ich beantwortete E-Mails und untersuchte den Inhalt von Bekims Louis-Vuitton-Reisetasche. Irgendwie schockierte es mich, dass Bekim Frigo-No.-1-Unterhosen getragen hatte, aber ich wusste nicht so recht, warum. Obwohl: Die Fetzen kosten gute hundert Pfund das Stück.

»Ich war mit dem Boot draußen«, sagte ich.

»Ich habe wegen dieser Sache den ganzen Morgen im Labor gehockt, dabei hätte ich mich eigentlich um meinen Sohn kümmern müssen.«

Ich antwortete nicht; langsam war ich daran gewöhnt, dass die Griechen sich immer über alles Mögliche beschwerten. Wenn man sie lässt, nörgeln sie immer noch darüber, dass die Römer alles bei ihnen abgekupfert haben – und das ist jetzt zweitausend Jahre her.

»Was haben Sie für mich, Doktor?«

»Sie hatten einen Bonus erwähnt, Mr. Manson?«

Ich lachte. »Sie sollten Fußball spielen.«

»Wie gesagt habe ich einen Sohn, der teure Medikamente braucht.«

»Das hatten Sie mir eigentlich noch nicht gesagt, aber meinetwegen. Wir hatten ausgemacht, noch mal fünfhundert Pfund, wenn Sie etwas finden. Haben Sie denn etwas?«

»Ja.«

»Ich lasse Ihnen das Geld noch heute Morgen per Kurier vorbeibringen. Okay?«

So langsam verstand ich die Probleme, die das Leben in Griechenland mit sich brachte. In diesem Land klebte auf allem ein Strichcode, umsonst gab es gar nichts.

»Das soll mir recht sein«, sagte sie kurz. »Also dann; ich habe einen Namen für Sie. Natalija Matwijenko, fünfundzwanzig Jahre ALT. Ihre Implantate wurden vor zwei Jahren in einer Klinik in Thessaloniki eingesetzt. Sie hat bar bezahlt.« Eva seufzte. »Gut fünftausend Euro.«

»Haben Sie eine Adresse gefunden?«, fragte ich.

»Ja. In Piräus, ein Mietshaus an der Odos Dimitrakopoulou. Das ist keinen Kilometer weit weg von der Stelle, wo ihre Leiche aus der Marina Zea gezogen wurde. Sie hatte Salzwasser in der Lunge, was zum Tod durch Ertrinken passt. Außerdem Spuren von Diesel, was sich durch den Fundort erklärt. In ihrem Anus gab es Spuren von Gleitgel – aber nicht von Sperma –, und im Blut von Kokain. Etwaige Spermaspuren in Mund oder Vagina hätte das Salzwasser höchstwahrscheinlich zerstört; Salzwasser hat einen extremen pH-Wert und ist ein wirksames Antibiotikum. Außerdem habe ich Spuren von Epinephrin gefunden. Ich tippe – und es ist wirklich nur ein Tipp –, dass sie auf Antidepressiva war. Das sind viele von diesen Mädchen. Warum, weiß ich auch nicht; die sollten es mal mit der Arbeit in einem griechischen Krankenhaus versuchen.«

»Noch etwas?«

»Über sie? Nein, das ist leider alles. Ich schicke Ihnen das Ganze gerade per E-Mail. Meine Adresse steht in der Signatur, also bitte wahren Sie die vereinbarte Vertraulichkeit. Ich will nicht, dass die Polizei davon Wind bekommt.«

»Wenn Sie nur wüssten, wie wenig ich für die Bullen übrighabe, würden Sie sich da keine Sorgen machen.«

Auf meinem Mac tauchte eine E-Mail mit griechischer Endung auf.

Einen Augenblick später klopfte es an der Bungalowtür, sicher das Zimmermädchen.

»Ich muss dann mal. Vielen Dank, Doc. Ich schicke Ihr Geld sofort los. Rufen Sie mich an, falls Ihnen noch etwas auffällt.«

Ich legte auf und öffnete die Tür. Da stand Simon Page mit dem Trainingsreport und einer Liste möglicher Verletzungen vor mir. In seinem tiefgebräunten Gesicht schimmerten seine Augen wie Marmor.

»Es gibt unter Umständen die Möglichkeit, dass Ayrton Taylor Mittwoch wieder fit ist. Ich will es mal hoffen, denn der kleine Prometheus hat im Moment anscheinend null Bock auf Fußball. Hab schon versucht, ihm eine Rakete in den Arsch zu stecken, aber er glotzt mich immer nur so dämlich unverschämt an, dass ich ihm gleich eine verpassen will. Ich glaube wenigstens, dass das dämliche Unverschämtheit ist. Manchmal hab ich aber Angst, dass es doch nur die pure Dummheit ist. Im Ernst, heute Morgen wollte er sich seine Jeans hochziehen, ist dabei mit den Füßen in den ganzen Scheißketten an seinem Gürtel hängen geblieben, und dann hat er sich auf die Fresse gelegt wie der letzte Vollpfosten. Wenn er sich nicht mal alleine anziehen kann, wie soll er dann den Unterschied zwischen 4-4-2 und 4-3-3 verstehen? Kommt für den doch nur beides bei zehn raus.«

»Mach dir um den keine Sorgen«, erwiderte ich. »Wir hatten ein sehr konstruktives Gespräch, der Kleine und ich. Ich habe geredet, er hat zugehört. Ich kann natürlich auch falschliegen, Simon – das passiert sogar mir manchmal –, aber ich glaube, mit dem Jungen läuft es von jetzt an rund. Sobald er herausgefunden hat, in welche Hosentasche ich ihm seine Eier gesteckt habe. Auf jeden Fall ist er nicht so dumm, wie du meinst. Ich glaube, der hat sogar einiges auf dem Kasten.«

»Wollen wir’s hoffen«, sagte der große Mann aus Yorkshire.

Wieder klingelte mein Handy. Ich erkannte die Nummer nicht, ging aber trotzdem ran. Hinterher hätte ich es lieber nicht getan; Simon hörte jedes Wort mit.

»Mr. Manson?«

»Ja.«

»Hier ist Francisco Carmona. Von Orientafute.«

Orientafute – oder die Representação Sports e Agência de Orientação – ist die größte Agentur für Fußballer und Fußballtrainer in Europa; und Francisco Carmona war ihr unersättlicher brasilianischer Gründer. Er hatte schon mit allen großen Vereinen Verträge abgeschlossen, und angeblich hatte er zwölf Millionen Euro verdient, als Getúlio im Sommertransfer für hundertfünfundzwanzig Millionen zu Real Madrid wechselte – die höchste Gebühr, die ein Spielervermittler jemals eingestrichen hatte.

»Sehr traurig, das mit Bekim Develi. Er war ein großartiger Spieler. Ein guter Mann.«

»Ja, war er.«

»Hören Sie, ich bin Montag in Athen, und falls Sie dann noch da sind, könnten wir uns ja mal unterhalten, wenn Sie wollen.«

»Mr. Carmona, ich weiß nicht, woher Sie diese Nummer haben, aber ich habe weder jetzt noch irgendwann anders das geringste Interesse daran, mit Ihnen zu reden. Ich habe schon eine Agentin, vielen Dank.«

»Kein Problem. Ich übernachte im Astir Palace Hotel, falls Sie es sich anders überlegen.« Ich legte auf und schüttelte den Kopf.

»Frank Carmona, meine Fresse. Der ist doch garantiert hier, um uns unsere Spieler abspenstig zu machen.«

»Tja, nichts hört ein Spieler lieber, als wenn ihm einer erzählt, wie viel mehr er bei einem anderen Verein verdienen könnte.«

Ich spürte, dass Simon das auch über Trainer dachte, aber ausnahmsweise war er mal so diplomatisch, das nicht laut auszusprechen.

»Da können wir nichts machen«, sagte ich. »Das Transferfenster schließt erst in einer Woche.«

»Hast du schon mit Vik über Bekims Ersatz gesprochen?«

»Noch nicht.«

»Mann, ich hab die Nase voll von diesem Land«, sagte Simon. »Ich hätte ja nicht gedacht, dass ich das jemals sagen würde, aber ich will so schnell wie möglich zurück nach London fliegen.«

»Ich arbeite dran.«

»Bei allem Respekt, Boss, optimistisch bin ich da nicht gerade. Als du zu Hause Zarcos Mörder gefunden hast, war das eine Sache, aber hier? Das ist ein anderes Kaliber.«

»Gar nicht mal so, Simon. Und nur deshalb tu ich mir das Ganze schon die letzten Tage an. Oder meinst du, ich gehe auf Sightseeingtour? Die Akropolis, der Parthenon. Oder vereinbare vielleicht ein heimliches Treffen mit Francisco Carmona?«

»Was du in deiner Freizeit machst, geht mich ’nen Scheiß an, Boss.«

»Mach ich nicht, nur um das klar zu sagen. Mit dem Drecksack hatte ich bis eben noch nie ein Wort gewechselt.«

»Das glaub ich ja. Hör zu, Boss, ich muss dir noch was erzählen. Gestern Abend hab ich mit ’nem Engländer hier im Hotel geredet, sein Kumpel moderiert hier in Griechenland eine Radiosendung. George Hajidakis heißt der. Die Sendung ist wohl so was Ähnliches wie TalkSport. Auf jeden Fall hat der Typ hier aus dem Hotel – Kevin heißt der – mir erzählt, dass Hajidakis meint, Olympiakos lässt Mittwoch nichts anbrennen. Er meint, die haben jetzt schon den Schiri gekauft. Das ist ein Ire.«

»Ach komm, Simon, die Griechen reißen immer erst groß die Klappe auf. Wenn die sich mal über irgendetwas einig sind, dann darüber, dass die Gegenseite sie bescheißen will.«

»Ja, aber der Typ hat erzählt, George Hajidakis wollte das mit dem korrupten irischen Schiri in seiner Sendung sagen, bloß ist er vorher von zwei Schränken mit Schlagringen vermöbelt worden. Jetzt liegt er im Krankenhaus.«

»Sagen und Wissen sind zwei Paar Schuhe. Und es dann auch noch zur Zufriedenheit der UEFA beweisen ist noch mal etwas ganz anderes. Mann, als José Mourinho bei Madrid war, haben die Schweine ihm über fünfzigtausend Euro Strafe dafür aufgedrückt, dass er nur angedeutet hat, dass man gegen Barcelona keine Chance auf ein faires Match hat. Also vergib mir, wenn ich verdammt noch mal die Klappe halte deswegen, Simon. Wenn dein Kumpel recht hat und die den Schiedsrichter gekauft haben, müssen wir einfach drum herum spielen wie um einen Hundehaufen auf der Torlinie.« Ich schüttelte den Kopf. »Tut mir leid. Das kann ich gerade gar nicht gebrauchen.«

»Du bist echt eiskalt, Scott Manson, das kann ich dir sagen. Ich erzähl dir, dass der Schiri wohl geschmiert wurde, und du tust das ab wie den Wetterbericht von gestern. Also sollen wir einfach so tun, als wär nichts, oder was?«

»Im Ernst, Simon, wir haben schon genug Ärger, da brauchen wir nicht auch noch selbst Stunk anzuzetteln. Wir dürfen nicht mal das Land verlassen, falls du das schon vergessen hast. Das ermordete Mädchen …«

»Die Nutte. Stimmt.«

»Behalt’s für dich, aber ich habe ihren Namen rausgefunden. Ich rufe jetzt mal unsere Anwältin an und gebe ihn ihr durch.«

»Okay. Soll ich gehen?«

»Nein, bleib lieber da. Falls mir etwas zustößt, soll noch jemand ihren Namen kennen. Und zwar ein Landsmann.«

»Was soll das denn heißen?«

»Nur, dass ich eigentlich keine Ahnung habe, was zum Teufel ich hier mache oder mit wem ich mich anlege. Vielleicht ist das Ganze doch eine Nummer größer, als ich gedacht habe.«

Ich rief Dr. Christodoulakis mit eingeschaltetem Lautsprecher an, damit Simon mithören konnte, und verriet ihr den Namen des Mädchens; ich sagte aber nicht, was ich als Nächstes vorhatte.

»Wie haben Sie den Namen herausgefunden?«

»Ist nicht wichtig.«

»Sie wissen, dass es strafbar ist, vor einer Mordermittlung Informationen zurückzuhalten? Selbst in Griechenland. Ich sollte eigentlich sofort Chefinspektor Varouxis informieren. Ich könnte meine Lizenz verlieren.«

»Jetzt machen Sie mal langsam«, erwiderte ich. »Geben Sie mir Zeit, bis ich der Sache nachgegangen bin.«

»In Ordnung. Aber nur bis Montag, ja?«

»Okay. Und wie laufen Ihre Nachforschungen so? Haben Sie etwas über Swetlana Jaroschinskaja herausfinden können?«

»Bisher nicht. Wie gesagt haben wir Wochenende. Die meisten Griechen arbeiten samstags nicht.«

Am liebsten hätte ich sie gefragt, wann sie denn überhaupt mal arbeiteten, aber das wäre wohl unnötig unhöflich gewesen.

»Okay. Rufen Sie mich an, wenn Sie etwas für mich haben.«

Ich legte auf und sah Simon an.

»Ich habe also keine achtundvierzig Stunden.«

Er legte die Stirn in Falten.

»Um herauszufinden, wer sie umgebracht hat und warum.«

»Sei vorsichtig«, sagte er. »Im Moment bist du zwar der Einzige, der vielleicht überhaupt eine Chance hat, uns alle wieder nach Hause zu bringen. Wenn du dich umlegen lässt, hilfst du uns kein bisschen, Boss. Also sei vorsichtig, okay? Mir ist schon einer von meinen Jungs draufgegangen, seit wir hier sind, das muss nicht noch mal passieren.«

Die Hand Gottes
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