KAPITEL 34

Ich fuhr nicht zum Essen auf die Lady Ruslana. Dazu war keine Zeit. Außerdem hatte ich keinen Hunger und war auch nicht gerade in geselliger Laune, weil ich an meine weiteren Pläne für diesen Freitagabend dachte. Das Gespräch mit Vik und Phil über den Einkauf von Horst Daxenberger als Ersatz für Bekim musste warten. Ausnahmsweise waren die Toten mal wichtiger als die Lebenden.

Als ich mich von Anna Loverdos verabschiedet hatte, rief ich sofort den Skype-Namen an, den sie mir gegeben hatte, aber niemand meldete sich; mehr Erfolg hatte ich bei unserer Anwältin Dr. Christodoulakis, die um neun Uhr immer noch im Büro saß.

»So spät noch bei der Arbeit?«

»Wie erwartet hat es eine enorme Reaktion auf die Aushänge mit der Belohnung in Piräus gegeben«, erklärte sie. »Wir brauchen die ganze Nacht, bis wir die echten Hinweise aus der Masse der Zeiträuber herausgepickt haben.«

Das kannte sie bestimmt schon; Zeitraub war in Griechenland anscheinend Volkssport. Sie tat mir aber nicht leid, Anwälte lieben Arbeit, schließlich rechnen sie nach Stunden ab.

»Ich will Ihnen ja wirklich nicht noch mehr aufs Auge drücken«, log ich, »aber könnten Sie mir mal einen Namen überprüfen? Vielleicht kommt ja was dabei raus. Echter Name: Swetlana Jaroschinskaja, Pseudonym Valentina. Ein Luxus-Callgirl. Möglicherweise eine Freundin der Toten. Geboren in Odessa. Ich habe ihren Skype-Namen, eine Handynummer und eine E-Mail-Adresse. Schauen Sie mal, was Sie rauskriegen können. Vorstrafen, Steuernummer, Augenfarbe, alles.«

»In Ordnung. Mal sehen, was sich machen lässt. Noch etwas?«

»Gerade nicht, es wird aber langsam spannend.«

Ich erklärte Dr. Christodoulakis nicht, wo ich hinwollte. Abstiege in die Unterwelt behält man am besten für sich. Man wird quasi zum Pilger, wenn man ein Verbrechen aufklären will; erst muss man sich klarmachen, was man wissen will, und dann muss man tun, was getan werden muss, auch wenn alle dagegen sind. Zum Beispiel Leute, denen gegenüber man sich wie das letzte Arschloch aufgeführt hat. Ich hätte Anna Loverdos nicht die Fotos der Toten zeigen sollen; das war brutal gewesen. Aber irgendwie fand ich doch, dass sie einen Teil der Schuld spüren sollte, die ich empfand. Männer wie ich hatten das Mädchen gevögelt und ermordet; aber eine Frau wie Anna Loverdos hatte diese Situation mit herbeigeführt.

Ich duschte, um einen klaren Kopf zu bekommen, und zog ein altes T-Shirt an. Ich griff mir eine Handvoll Bargeld und zwei Fläschchen Whisky und stieg hinab in den Hotelkeller. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich Charlie draußen warten ließ, aber ich brauchte einen Lockvogel, denn meine Polizeieskorte würde sich sicher nicht noch mal so leicht abschütteln lassen. Man wundert sich manchmal, wie schnell Bullen lernen.

Ein paar schmuddelige, feuchte Flure und nichtssagende Gänge später trat ich durch einen unauffälligen Hintereingang hinaus auf die Odos Voukourestiou, wo mich die Abendhitze empfing wie ein riesiger, warmer Schwamm. Ich ging ein Stück Richtung Westen auf die Odos Stadiou und stieg in ein Taxi, das mich einmal um den Platz und dann nach Norden fuhr, vorbei am belagerten Parlamentsgebäude, wo eine durchmischte Menge aus Touristen und Demonstranten den Evzonen – einer Zeremonieeinheit der griechischen leichten Infanterie – bei der Wachablösung vor dem Grab des unbekannten Soldaten zusah.

Natürlich drehten sich meine Gedanken gerade sowieso um Gräber und ihren unheimlichen Inhalt, aber ich musste von der Rückbank des Taxis doch über die angestrahlte Zeremonie grinsen. Solche Wachablösungen sind immer kolossaler Blödsinn, egal in welchem Land; aber Griechenland setzte noch mal einen drauf: mit ihren bebommelten Schnabelschuhen, den weißen Partykleidern, breiten Schnurrbärten und Quastenmützen sehen die Evzonen sowieso schon aus wie die Clowns aus irgendeinem obskuren Balkanzirkus, aber durch die ganze Drillchoreographie wirken die bemitleidenswerten Soldaten, als wären sie in Monty Pythons Ministry of Silly Walks angestellt.

Kurz vor elf kam ich an der Plateia Agiou Thoma vor dem Krankenhaus Laiko an. Dr. Pyromaglou hatte angeboten, sich die Leiche mit mir gegen Mitternacht anzusehen, wenn möglichst wenige Leute im Krankenhaus waren, damit sie nicht als Streikbrecherin erwischt wurde.

»Ich führe keine volle Autopsie durch«, hatte sie mir am Telefon erklärt. »Aber wahrscheinlich muss ich das auch nicht. Ziehen Sie ein altes Hemd an und nehmen Sie sich ein frisches für den Heimweg mit; wir dürfen nicht in OP-Kitteln oder Arztklamotten gesehen werden, sonst fliegt die ganze Sache sofort auf.«

Spiros, der Pfleger aus dem Kühlhaus, hatte Eva Pyromaglou zu Hause angerufen und ihr meine Nummer gegeben. Er würde wohl auch kommen und für uns Schmiere stehen.

Ich war mit der Ärztin in dem Freiluftrestaurant unter den Orangenbäumen verabredet, direkt neben der Kirche mit den vielen Dächern. Sie saß alleine und hatte Alex Fergusons Autobiographie auf dem Tisch liegen, damit ich sie erkannte. Das Buch gehörte ihrem Mann. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie Freude an so etwas hatte. Freude ist in diesem Fall aber wahrscheinlich sowieso das falsche Wort: Das Buch beglich mehr Rechnungen als die letzte Viertelstunde von Der Pate, und das sahen nicht nur Roy Keane und Steven Gerrard so. Beim Lesen hatte ich erfahren, dass Fergie sein Leben lang Dokumente und Artefakte zum Kennedy-Attentat gesammelt hatte. Er hatte sogar Kennedys Autopsiebericht auf dem Nachttisch liegen. Mit einem Urteil sollte ich mich in dieser Sache aber wohl zurückhalten, schließlich spielte ich ja gerade selbst in einer Art Frankenstein-Film mit, so wie ich mich mit Dr. Pyromaglou um Schlag Mitternacht daranmachen würde, an der Leiche einer jungen Frau herumzupfuschen.

Die Ärztin war Mitte vierzig, sehr blass, hatte ein mandelförmiges Gesicht, lange, kastanienbraune Haare und Sorgenfalten auf der Stirn. Sie hatte einen Krankenhausausweis an einer Kette um den Hals hängen, trug eine Brille mit dickem Rahmen, ein schwarzes Poloshirt, Jeans, vernünftige Schuhe. Generell erweckte sie den Eindruck, in einer Bücherei gezeugt und geboren worden zu sein. Wir gaben uns die Hand.

Es war noch eine halbe Stunde bis zum Anfang der nächsten Schicht, also bestellten wir einen Kaffee.

»Ich weiß, dass Sie schon mal eine Leiche gesehen haben«, erklärte sie. »Spiros sagt, Sie hätten sich gut gehalten. Aber wir haben heute noch ein bisschen mehr vor. Wahrscheinlich brauche ich Ihre Hilfe bei ein paar Abstrichen und Schnitten. Wenn Sie also kein Blut sehen können, sagen Sie es jetzt. Ich will nicht, dass Sie mir da drinnen zusammenklappen.«

»Kein Problem«, erwiderte ich tapfer. »Wenn man mit Martin Keown Fußball gespielt hat, weiß man, wie Blut aussieht.«

Sie lachte nicht. Ich wedelte mit den beiden Whisky-Fläschchen aus dem Hotel und leerte gleich eines davon. »Außerdem habe ich mir ein bisschen Mut von zu Hause mitgebracht.«

»Wir arbeiten auf engem Raum«, sagte sie. »Haben Sie sich ein zweites Hemd mitgebracht, falls Sie etwas abbekommen?«

Ich zeigte auf die Plastiktüte neben meinen Beinen.

»Vielen Dank, dass Sie mir helfen«, sagte ich. »Und ihr natürlich auch. Dem Mädchen in der Schublade, meine ich. Die Polizei lässt sich da ja so ihre Zeit.«

»Schnell sind die nur beim Köpfe-Einschlagen.«

»Spiros hat mir von Ihrem Sohn erzählt. Tut mir leid. Geht’s ihm gut?«

»Den Umständen entsprechend. Aber danke der Nachfrage.«

Das hört sich nie gut an, also hakte ich nicht weiter nach.

»Außerdem müssen Sie sich darüber im Klaren sein, dass heute Abend nichts aufgeschrieben wird, zumindest nicht von mir«, erklärte sie.

Ich nickte.

»Was wir heute herausfinden, können Sie nicht vor Gericht verwenden, weil wir illegal arbeiten. Und noch etwas: Ich helfe Ihnen, Mr. Manson, nicht der Polizei. Das ist eine Privatvereinbarung zwischen uns beiden. Wenn in diesem Land jeder schwarzarbeitet, kann ich das auch.«

»Verstehe.«

»Haben Sie etwas für mich?«, fragte sie.

Ich gab ihr einen Umschlag mit fünfhundert Euro.

Sie nickte. »Wenn Sie jemand anspricht, antworten Sie einfach auf Englisch, dann ist sofort klar, dass Sie den Streik nicht brechen.«

Ich nickte. »Worum geht es bei dem Streik überhaupt?«

»Um Geld«, erwiderte sie. »Es gibt keins mehr. Wenigstens nicht für den öffentlichen Dienst.«

»Ja, davon habe ich schon gehört.«

»Für die Fußballer reicht’s anscheinend noch. Sogar hier in Athen.«

Ich trank schweigend meinen Kaffee; Fußballergehälter sind immer schwierig zu rechtfertigen, erst recht Ärzten gegenüber. Zum Glück piepste mein iPhone, bevor ich es trotzdem versuchen konnte: Maurice hatte mir einen Link zu einem Independent-Artikel geschickt, in dem es hieß, Viktor Sokolnikow wolle mich am Ende der Saison feuern. Ich machte mir aber keine Sorgen deswegen; wer liest schon den Independent.

Dr. Pyromaglou nickte mit dem Kopf in Richtung des strengen Lächelns, das das Buchcover zierte. »Den kann ich mir jedenfalls nicht gerade als Hobbydetektiv vorstellen.«

Sie schaute auf die Uhr. »Los geht’s«, sagte sie forsch. »Machen wir uns an die Arbeit.« Sie schrieb Spiros eine kurze Handynachricht, dass wir auf dem Weg waren.

Die Hand Gottes
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