»Was zum Teufel machst du hier? Ich fasse es nicht. Das hier ist Privatbesitz. Hat Bekim dir gesagt, wo du mich findest?«
Irgendwie sah die Frau im verstaubten Blaumann noch schöner aus, was vielleicht daran lag, dass sie ihn schon ein Stück weit aufgeknöpft und dadurch einen wunderbaren Ausschnitt hervorgezaubert hatte. Ich öffnete den Mund, um ihr alles zu erklären, aber sie hörte nicht zu.
»Das war wirklich ausgesprochen unfreundlich von ihm, dass er verraten hat, wo ich bin. Richte ihm von mir aus, dass ich sehr wütend bin. Er hat mein Vertrauen missbraucht.«
Die rosafarbenen Sandalen und die lackierten Fußnägel waren auf dieser Insel wohl ihre einzigen Zugeständnisse an ihre Weiblichkeit.
»Bekim hat mir nicht gesagt, wo ich dich finde«, erklärte ich. »Sondern Zoi, seine Haushälterin.«
»Woher wusstest du überhaupt, dass ich auf der Insel bin?«
»Wusste ich nicht. Ich wollte zu Mrs. Yaros. Und stattdessen bist du hier, Valentina. Ich bin ehrlich gesagt genauso überrascht wie du. Ich dachte, Mrs. Yaros ist Griechin. Hört sich auf jeden Fall griechisch an.«
Sie nickte. »Das ist auch Sinn der Sache. Yaros ist kurz für Jaroschinskaja – meinen echten Namen. Und nenn mich bitte nicht Valentina. Nicht hier auf Paros. Ich heiße Swetlana.«
»Okay.« Ich hob die Hände und ergab mich. »Kein Problem.«
»Warum bist du denn dann hier?«
Wie Zoi hatte Valentina keine Ahnung, dass Bekim tot war. Ich überlegte kurz, ob ich ihr erzählen sollte, dass ich eine Skulptur von ihr kaufen wollte, um ihre Gefühle zu schonen, aber mit dem verstaubten Blaumann sah sie stark genug für die schlechten Neuigkeiten aus, ohne dass ich ihr vorher eine große Rede hielt.
»Ich bin hier, weil Bekim tot ist«, sagte ich. »Letzten Dienstagabend ist er bei einem Spiel gegen Olympiakos auf dem Platz zusammengebrochen und gestorben.«
»Oh Gott. Armer Bekim. Das wusste ich nicht.«
»Das dachte ich mir.«
»Komm rein.«
Sie führte mich an einem seltsam geformten Pool vorbei zu einer kleinen Hintertür und stieg über einen schlafenden Hund.
»Zoi hat gesagt, der wäre gefährlich«, erklärte ich unsicher.
»War er auch mal. Aber jetzt ist er zu alt, um sich noch große Kämpfe zu liefern.«
»Das kenne ich.«
Ich folgte ihr in das spärlich eingerichtete Haus, das wohl vor allem als Museum für ihre Arbeit diente. Wir gingen durchs Wohnzimmer in die Küche, wo sie sich eine Zigarette anzündete und uns einen griechischen Mokka kochte. Neben dem Herd stand ein Foto von Swetlana in Sankt Petersburg neben einer riesigen Reiterstatue von Peter dem Großen. Die hatte ich auf unserer Russlandtour vor Saisonbeginn vom Mannschaftsbus aus gesehen. Die Tour war mir wie eine Katastrophe vorgekommen, aber wer hätte damals schon wissen können, was uns noch bevorstand?
»Woran ist er gestorben?«, fragte sie. »An einem Herzinfarkt, nehme ich an.«
»So etwas in der Richtung. Wir warten leider immer noch auf die Autopsie. In Athen geht wohl nichts schnell. Schon gar nicht, wenn alle streiken.«
Sie seufzte. »Es tut mir so leid. Ich hatte keine Ahnung.«
»Langsam verstehe ich, warum Bekim es hier so toll fand«, sagte ich. »Es kommt einem fast so vor, als wären das Fernsehen, das Internet und die Zeitung nie erfunden worden.«
Swetlana antwortete mit einem Schulterzucken. »Die meisten, die auf die Insel kommen, fliehen vor der Welt«, sagte sie. »Wir sind hier ein bisschen wie die Lotophagen in Homers Odyssee, weißt du? Wenn man von der Frucht gegessen hat, will man nicht mehr gehen. Wie die meisten hier möchte ich wohl einfach nur in Ruhe und Frieden leben. Heutzutage gibt es doch nur noch schlechte Nachrichten im Fernsehen und in den Zeitungen. Auf Paros achten wir so wenig wie möglich auf alles, was in Athen passiert. Das deprimiert einen doch nur.
Alex ist wohl zu mitgenommen von seinem Tod, um hier alles zu regeln. Deshalb bist du doch hier, oder?«
Ich schaute eine gerahmte Zeichnung an der Wand an; es war ein gekonntes Porträt einer jungen Frau, die Natalija ähnelte.
»Ich bin nicht wegen ihr oder ihm hier, sondern wegen mir und meiner Mannschaft. Keiner von uns darf Athen verlassen, bevor die Polizei nicht sichergestellt hat, dass Bekim nichts mit dem Tod eines Mädchens zu tun hatte, mit dem er am Abend vor seinem Tod Sex hatte. Eine Russin, die du wahrscheinlich kennst.«
Als Swetlana seufzte, füllte sich die Küche mit Rauch, und ich wünschte mir auch eine Zigarette. »Natalija.«
»Ist sie das auf der Zeichnung?«
»Ja.«
»Sie wurde am Grund des Hafens mit einem Gewicht an den Füßen gefunden.«
»Oh Gott.« Tränen traten ihr in die Augen. Sie riss sich ein Blatt Küchenpapier ab und tupfte sich die Wangen trocken. »Das arme Mädchen.«
»Bisher tue ich dir den Gefallen und halte deinen Namen aus der Sache raus, so gut es geht.«
»Danke.«
»Deinen Namen, deine Telefonnummer, deinen Skype-Namen, deine E-Mail-Adresse. Nicht, dass das irgendeinen Unterschied gemacht hätte. Du antwortest ja doch nie.«
»Ich habe hier draußen kein Netz. Ein Festnetztelefon habe ich auch nicht, und mein Computer wird gerade repariert, der hat irgendeine Macke.« Sie schaute finster. »Und was glaubt die Polizei? Dass Bekim etwas mit Natalijas Tod zu tun hatte?«
»So in der Richtung.«
»Unmöglich. Er war immer sehr gut zu ihr. Und sie mochte ihn. Fast so sehr wie ich.«
Sie nahm die Zeichnung von der Wand und betrachtete sie traurig.
»Gut«, sagte ich. »Ich gehe nämlich auch ein paar Spuren nach, weil ich seinen guten Namen retten will. Weniger als die hellenische Polizei werde ich schon nicht zustande bringen. Ich bin hier auf die Insel gekommen, weil ich nach irgendeinem Hinweis suche, wie oder warum Natalija gestorben ist. Und ich hatte wohl recht. Ich habe wirklich etwas gefunden.«
»Ja? Was denn?«
»Dich natürlich.«
»Mich? Ich kann dir nicht sagen, was ihr passiert ist.« Sie hängte die Zeichnung zurück an die Wand und rieb sich gedankenverloren die Brust.
»Das vielleicht nicht, aber du kannst mir dabei helfen, dem Bild Farbe zu geben. Wenn du dazu bereit bist, muss die Polizei deinen Namen nie erfahren.«
»Erst muss ich mich waschen und ein wenig abkühlen.« Sie knöpfte den Blaumann auf, ließ ihn zu Boden fallen und schlürfte nackt an ihrem köstlichen Kaffee. Die Tasse, und vor allem wie sie die Untertasse hielt, ließen ihre zwanglose Erscheinung noch verführerischer wirken.
»Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie heiß es in meinem Atelier ist. Die Klimaanlage ist ausgefallen. Ich habe Staub in jeder Pore.«
Egal ob nass oder trocken, Swetlana war mit Abstand der schönste Anblick auf dieser Insel. Während sie duschte, bewunderte ich die Skulpturen, die um den Pool standen: elegante Marmorobjekte mit organischen Formen – Pflanzen, Muscheln, Meerestiere –, bei denen man fast vergessen konnte, dass sie aus Stein waren.
Ich drehte mich um, als Swetlana mit einem Handtuch auf dem Arm nach draußen kam und in der Sonne glänzte. Sie hängte das Handtuch über die Lehne eines Korbstuhls und sprang ins Wasser, schwamm ein paar Bahnen und kam dann an den Rand. Ich setzte mich vor ihr auf einen Stuhl.
Sie ließ sich unter die Oberfläche sinken, stieß sich wieder hoch und zog sich mit ungeahnt muskulösen Armen auf den Rand. Dort blieb sie sitzen wie die Kleine Meerjungfrau in Kopenhagen.
»Dann erzähl mal, was du zu wissen glaubst«, sagte sie.
Ich berichtete ihr alles. Es dauerte nicht lange. Als mir klar wurde, wie wenig ich wirklich wusste, war mir das fast peinlich. So ist das bei der Detektivarbeit wohl. Man weiß überhaupt nichts, und ein paar Minuten später meint man schon, man wüsste so gut wie alles.
»Mit Bekim habe ich vor zwei Wochen zum letzten Mal gesprochen«, sagte sie. »Er hat mir aus London eine E-Mail geschickt und wollte sich in Athen mit mir treffen. Ich habe geantwortet, ich könne nicht kommen, weil ich arbeite. Das verstand er. Also hat er sich natürlich bei Natalija gemeldet. Nein, Moment. Ich muss von vorne anfangen; alles begann vor gut sechs Jahren. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich dir gegenüber rechtfertigen muss, Scott, wirklich nicht. Aber wenn du der Polizei meinen Namen vorenthältst, tust du mir einen riesigen Gefallen. Dafür schulde ich dir die ganze Geschichte.«