Natalijas Handtasche und ihr Inhalt, darunter Bekims Epinephrin-Autoinjektoren, lagen als Beweise auf dem Tisch vor mir neben einem Aschenbecher mit meiner noch glimmenden Zigarette. Ich hatte ein paar Züge gebraucht, während ich Varouxis meine Geschichte erzählte. Der Rauch driftete auf ihn zu. Ich beugte mich vor und drückte sie aus.
»Also fassen wir noch einmal zusammen«, sagte Varouxis. »Sie sagen, ein rumänischer Zigeuner hat eine Damenhandtasche am Kai der Marina Zea gefunden, erkannt, dass sie womöglich dem Mädchen gehört hatte, das dort ertrunken war, und sie dann für die zehntausend Euro Belohnung bei Ihrer Anwältin Dr. Christodoulakis abgegeben.«
»Richtig«, erwiderte ich. »Er heißt Mircea Stojka und wohnt in dem Roma-Lager in Chalandri.« Ich schob ihm einen Zettel zu.
Varouxis las die Adresse mit ausgestrecktem Arm, als hätte er seine Brille vergessen.
»Kenne ich. Das Lager ist ironischerweise neben der Münzprägeanstalt, wo wir unser Geld herbekommen. Sie sollten es mal Ihrem Chef zeigen. Damit er sieht, wie seit der Rezession manche Leute in diesem Land leben.«
Ich war mit Varouxis, Louise und einem jüngeren Kollegen des Griechen, den ich zum ersten Mal sah und der der Kleinste im Raum war, im Konferenzsaal des obersten Stockwerks der GADA an der Leoforos Alexandras. Er hieß Kaolos Tsipras und untersuchte gerade Natalijas Handtasche, aus der ich vorher das Papiergeld entfernt hatte; selbst für eine üppige Belohnung hätte wohl niemand tausend Euro in bar einfach so abgegeben. Seit ich Varouxis das letzte Mal gesehen hatte, hatte er sich den albernen Bartfitzel unter der Lippe abrasiert, wodurch eine Harry-Potter-Narbe zum Vorschein gekommen war. An die Fensterbank gelehnt, die Arme verschränkt, die blauen Hemdsärmel hochgerollt und den obersten Knopf geöffnet rauchte er eine Zigarette; er sah aus, als hätte er die Nacht durchgearbeitet. Sein iPad lag neben ihm auf der Fensterbank. Gelegentlich warf er einen Blick durch das schmutzige Fenster auf das Apostolos-Nikolaidis-Stadion, wo London City bald gegen Olympiakos spielen sollte, als wünschte er, er könnte mich auf die heruntergekommene Tribüne verbannen.
»Und außerdem sagen Sie, dass Sie einen Abschiedsbrief im Postausgang ihrer E-Mail-App gefunden haben? Und diese haben Sie bereits aus dem Russischen ins Englische übersetzen lassen?«
»Ja. Und ins Griechische. Ich wusste ja, dass ich heute hierherkommen würde, und da dachte ich mir, das könnte Ihrer Ermittlung nützen.«
»Sehr aufmerksam von Ihnen, Sir.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Natürlich weiß ich, dass ich das Handy eigentlich gar nicht hätte anrühren dürfen. Das tut mir auch sehr leid. Aber ehrlich gesagt hatte ich nicht den Eindruck, mir noch große Sorgen wegen der Fingerabdrücke machen zu müssen. Mr. Stojka hatte offensichtlich selbst schon länger an dem Telefon gearbeitet. Er hat mir gesagt, dass er den Sicherheitscode umgangen hatte, weil er das Gerät auf dem Schwarzmarkt hatte verkaufen wollen. Er hat es uns nur ausgehändigt, weil unsere Belohnung weit über dem lag, was er selbst für ein neues hätte bekommen können.«
Varouxis nickte geduldig.
Er nahm mir kein einziges Wort ab, das wusste ich nach meinen ausgiebigen Erfahrungen mit Polizisten; ein müdes Seufzen und ein misstrauischer Blick kennen keine Sprachgrenzen. Aber da er mit seiner eigenen Ermittlung bisher kaum weitergekommen war, wollte er mich nicht konfrontieren; noch nicht. Trotzdem fühlte ich mich verpflichtet, Louises Rat zu befolgen und einen auf reumütig zu machen.
»Ich muss mich wohl noch einmal bei Ihnen entschuldigen, Chefinspektor. Sie hatten ganz recht: Natalija Matwijenko kannte Bekim Develi gut. Diesen Eindruck erweckt zumindest ihr Abschiedsbrief. Finden Sie nicht auch?«
»Könnten Sie uns die E-Mail noch einmal vorlesen, Mr. Manson?«
»Sicher.«
»Darf ich?«, fragte Louise, nahm ein Blatt vom Tisch und las mit vornehm-unschuldiger Stimme vor:
Alles ist schrecklich und hoffnungslos. Ich dachte, ich wüsste, wie es ist, wenn man am Boden ist, aber das stimmte nicht. Ich habe einen tiefschwarzen Punkt in meiner Seele erreicht, von dem es keine Rückkehr gibt. Ich will nur noch einschlafen und nie mehr aufwachen. Mit dieser E-Mail will ich ein paar Dinge erklären und mich bei allen entschuldigen, die mir in den letzten Monaten geholfen haben. Ihr habt alle versucht, mich zu retten, aber ich weiß jetzt, dass ich so nicht weiterleben kann. Ich ertrage es nicht mehr. Was passiert ist, tut mir schrecklich leid. Ich bin daran schuld. Bitte vergebt mir. Ich habe Bekim Develi umgebracht. Hätte ich seine Injektoren nicht mitgenommen, würde er vielleicht noch leben. Ich wollte ihm nicht wehtun. Er war immer gut zu mir, ein richtiger Freund. Man hatte mir gesagt, dass er sich vielleicht ein bisschen schummrig fühlen würde, nicht mehr. Ich hatte keine Ahnung, dass er daran sterben könnte. Hätte ich das gewusst, hätte ich es niemals getan. Als ich sah, was bei dem Fußballspiel passierte, packte mich das Grauen. Als ich hörte, dass er gestorben war, wollte ich selbst sterben. Ich kann nichts tun, was ihn zurückbringt. Wie immer habe ich alles kaputt gemacht. Ich muss immer an Bekims Freundin Alex und seinen wunderbaren kleinen Sohn Peter denken. Bekim war so stolz auf ihn. Er hat mir so viele Bilder von ihm gezeigt, dass ich sein Gesicht nie vergessen werde. Und ich habe dem kleinen Peter den Vater genommen. Das ertrage ich nicht. Nicht heute, nicht morgen, nie. Es tut mir leid, aber mit diesem Wissen kann ich nicht weiterleben.
Louise seufzte und legte das Blatt zurück auf den Tisch. Sie wirkte ernsthaft mitgenommen.
»Anders als Natalija es schreibt, hat sie ihn natürlich nicht umgebracht«, sagte ich. »Sie wirft sich etwas vor, was eindeutig jemand anders getan hat, nämlich ihr Auftraggeber, der auch Bekims Essen manipuliert haben muss.«
»Zu schade, dass sie nicht schreibt, wer das war«, bemerkte Varouxis.
»Es wird noch seltsamer«, fuhr ich fort. »Ich habe mit unserem Ernährungsberater Denis Abajew gesprochen, der mir versichert, dass Bekim vor dem Spiel nur noch einen Bananen-Proteinshake zu sich genommen hat, den Denis persönlich aus Zutaten zubereitet hat, die er selbst aus England mitgebracht hatte. Und das war mindestens zwei Stunden vor dem Spiel.«
»Die Substanzen, die die tödliche allergische Reaktion ausgelöst haben, waren also nicht in diesem Shake«, sagte Varouxis. »Aber im Hinblick auf diese neuen Erkenntnisse muss ich unbedingt noch einmal mit Ihrem Ernährungsberater sprechen.«
Ich nickte. »Selbstverständlich.«
»Und wenn das Ganze doch nur Zufall war?«, sagte Tsipras. »Vielleicht ist Mr. Develi doch eines natürlichen Todes gestorben, der nichts mit den gestohlenen Autoinjektoren zu tun hatte.«
Varouxis sah seinen Untergebenen mit müder Enttäuschung an. »Polizisten glauben genauso wenig an Zufälle wie an die Güte von Fremden. Erst recht nicht, wenn, wie Detective Inspector Considine uns erklärt hat, nachweislich eine bedeutende Wette auf das Ergebnis des Spiels abgeschlossen wurde. Von einem Russen. In Russland. Möglicherweise von dem Mann, der Bekim Develis alten Verein besitzt, nämlich Semjon Michailow, dem Develis Allergie höchstwahrscheinlich bekannt war. Nein, irgendjemand ist an Develi herangekommen. Jemand, der mit Semjon Michailow gemeinsame Sache gemacht hat. Das können wir als gegeben hinnehmen.«
»Selbstverständlich«, erwiderte Tsipras.
»Ich möchte Ihnen etwas zeigen«, sagte Varouxis.
Er nahm das iPad von der Fensterbank und weckte es mit einem Fingerwisch auf. Einen Augenblick später schauten Louise und ich uns ein kurzes, körniges schwarz-weißes Video von einem Mercedes an, der am Hotel der Mannschaft in Vouliagmeni abfuhr.
»Das ist die Aufnahme einer Sicherheitskamera am Haupttor zum Hotel, die gerade erst aufgetaucht ist. Wir sind uns so gut wie sicher, dass dort Natalija auf der Rückbank sitzt. Leider ist weder das Nummernschild zu erkennen noch der Fahrer oder die Person neben Natalija, die möglicherweise ihr Anstifter ist, den sie im Abschiedsbrief erwähnt.«
Ich sah mir den Film mehrmals an, bis ich beschloss, dass er mir auch nichts Neues über Bekims Tod verraten konnte.
»Sie hätten nicht zufällig eine Ahnung, wer diese Person im Auto sein könnte, Mr. Manson?«, fragte Varouxis.
Ich war ihm jetzt so nah, dass mir sein Aftershave in die Nase stieg, das mich an diesen stechenden Taxi-Lufterfrischer-Geruch erinnerte; wie ein künstlicher Blumenduft.
»Keine Ahnung.«
»Sie wüssten keinen Spieler, der sich an dem Abend möglicherweise eine Mercedes-Limousine bestellt hätte?«
»Wie gesagt sollten die vor dem Spiel eigentlich alle früh ins Bett gehen.«
»Natürlich.«
»Sie könnten doch die Limousinenvermietungen in Athen abklappern, ob sich jemand daran erinnert, dass er an dem Abend eine russische Frau vom Hotel abgeholt hat«, schlug Louise vor.
»Ja, das tun wir natürlich, vielen Dank«, sagte Varouxis. »Derzeit gehen wir davon aus, dass diese Person möglicherweise Natalijas Zuhälter war oder vielleicht ihr nächster Kunde, höchstwahrscheinlich irgendein Perverser.«
»Warum sagen Sie das?«, fragte Louise.
Varouxis spielte das Video noch einmal ab und tippte dann auf Pause.
»Wenn Sie sich hier die Rückablage des Wagens ansehen – warten Sie, lassen Sie mich das vergrößern –, dann sehen Sie etwas, was aussieht wie eine Peitsche. Genauer gesagt eine neunschwänzige Katze.«
»Tatsächlich«, sagte Louise.
»Ich muss Sie noch einmal fragen. Sie haben niemanden in der Mannschaft, der möglicherweise eine Schwäche für derart sadistisches Verhalten hat?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein.«
»Trug Natalijas Leiche denn Anzeichen, dass sie ausgepeitscht worden war?«, fragte ich, obwohl ich wusste, dass dem nicht so war. Die Anblicke, Geräusche und Gerüche Natalijas sterblicher Überreste bei der Mitternachtsautopsie durch Dr. Pyromaglou würde ich so bald nicht vergessen. »Sie hatten nämlich bisher keine erwähnt.«
»Nein, keine«, erwiderte Varouxis. »Soweit wir wissen. Aber jetzt, wo der Ärztestreik vorüber ist, können wir für Bekim Develi und Natalija Matwijenko endlich richtige Autopsien ansetzen. Heute schon, wie ich hoffe.«
»Vielleicht war die Peitsche nur ein Spielzeug. Teil eines Sexspiels.«
»Jemanden schlagen hört sich für mich nicht nach einem Sexspiel an«, sagte Louise. »Außer natürlich, sie hätte ihn ausgepeitscht. Das könnte ich verstehen, wenn eine Frau es bei einem Mann tut. Bei manchen meiner sogenannten Vorgesetzten bei Scotland Yard käme mir so eine Peitsche ganz gelegen.«
»Daran hatte ich nicht gedacht«, gab Varouxis zu. »Vielleicht wurde tatsächlich er damit geschlagen und nicht sie.«
»Das würde erklären, warum sie keine Striemen auf der Haut hatte«, sagte Louise. »Die wären auf jeden Fall geblieben, wenn sie ausgepeitscht worden wäre. Die Teilnahme an dieser Art sexueller Aktivität ohne ein Davontragen sichtbarer Spuren erscheint mir unmöglich. Vielleicht sollten Sie bei Ihren Spielern auf derartige Anzeichen achten, wenn Sie Ihre Mannschaft das nächste Mal unter der Dusche sehen, Mr. Manson. Das wäre am Mittwochabend, richtig?«
»Ich werde auf jeden Fall daran denken«, erwiderte ich.