KAPITEL 3

Prometheus stieß in Sankt Petersburg zu uns. Er war ein großer, muskulöser Junge mit breitem Grinsen, kahlrasiertem Schädel, einer Nase so lang und breit wie ein Zulu-Krieger-Schild und mehr Diamant-Ohrsteckern als die Königin von Saba. Er lief herum wie ein Gangsta-Rapper und hatte mehr Baseballcaps als Babe Ruth – ein Look, der bei den Jungs von London City gerade sehr in Mode war. Aber im Gegensatz zu meinen anderen Jungs zeigte er keinerlei Ermüdungserscheinungen so kurz nach der WM. Im Training gab er alles, er folgte meinen Anweisungen aufs Wort und benahm sich auch sonst tadellos. Er ließ sogar seinen Twitter-Account verstummen, und als er mich Sir nannte, vergaß ich alle meine Zweifel bezüglich seiner Einstellung und Disziplin. Außerdem hatte ich nach dem ersten Spiel ganz andere Probleme.

Dynamo Sankt Petersburg ist ein vergleichsweise junger Verein, den Semjon Michailow und die Pushkin Kompanija auf die Beine gestellt haben. Letztere ist ein russischer Energiegigant, der so ziemlich alles macht von der Herstellung riesiger Kraftwerksturbinen bis zum Export von Öl und Gas und wahrscheinlich auch bedeutenden Mengen an Geld. Das Nyenschanz-Stadion am Ufer der Newa steht in der Nähe des im Bau befindlichen Lachta Zentr, des bald höchsten Wolkenkratzers Europas. Mit einer Kapazität von 50.000 ist es derzeit das größte Stadion der Stadt, zumindest bis Dynamos älterer Lokalrivale Zenit seine neue Spielstätte bekommt. Da hört sich Sankt Petersburg natürlich richtig schick und modern an. In Wirklichkeit sind aber die Straßen voller Schlaglöcher, wirken die Leute erschreckend arm und wimmelt es in allen außer den drei, vier besten Hotels von Ungeziefer.

Apropos Ungeziefer – Dynamo hat einen Haufen Hardcore-Hooligans, die Hakenkreuzflaggen schwenken, den Hitlergruß zeigen, Bananen nach schwarzen Spielern schmeißen und auch sonst für größtmögliches Chaos sorgen. Da Bekim Develi Dynamo Sankt Petersburg erst sechs Monate zuvor unter schwierigen Umständen verlassen hatte, setzte ich ihn hier noch nicht ein, weil ich die russischen Fans nicht unnötig herausfordern wollte. Außerdem konnten seine Adduktoren sicher noch ein paar Tage Erholung gebrauchen. Aber unsere schwarzen Spieler wollte ich auf keinen Fall auf der Bank lassen, dann hätte das Rassistenpack ja gewonnen. Es kam sogar etwas weniger Affengeschrei von den Rängen als sonst – es war ja schließlich ein Freundschaftsspiel – und meine schwarzen Spieler ließen sich auch nicht provozieren, worum ich sie vorher gebeten hatte. Wie erwartet landete eine Banane auf dem Spielfeld, aber Gary Ferguson hob sie auf und aß sie, was verdammt mutig war, wenn man den üblichen Zustand von frischem Obst in Russland bedenkt.

Der Ärger kam dann aus einer unerwarteten Richtung. Dynamo verteidigte gut, und den Innenverteidiger Andrej Scholochow merkte ich mir für die Zukunft. Aber der Star des Spiels war unser vierundzwanzigjähriger arabisch-israelischer Linksaußen Soltani Boumediene, der seine Karriere bei Haifa begonnen hatte und wie Denis Abajew Muslim war, wenn auch ein recht entspannter, weltlich orientierter.

Soltanis Tor, das einzige des Spiels, fiel kurz vor Schluss – ein perfekt angeschnittener Freistoß aus einem fast unmöglichen Winkel, den ich ihn so ähnlich manchmal im Training, meist glücklos, hatte versuchen sehen. Dann kam das, was uns noch Probleme bereiten sollte. Soltani rannte auf die Fernsehkamera zu und feierte mit einem Vier-Finger-Gruß, den ich genauso wenig erkannte wie wohl die meisten anderen im Stadion. Erst als wir nach dem Spiel vom Feld gingen, wurde es unangenehm.

Als wir im Spielertunnel auf dem Weg in die Umkleide waren, wurde Soltani von mehreren Männern der örtlichen OMON-Sonderpolizei gepackt und grob in einen Polizeiwagen verfrachtet. Volodja, unser kleiner russischer Aufpasser, wurde auf Nachfrage von einem Polizisten informiert, Soltanis Vier-Finger-Gruß sei das R4bia-Zeichen der Unterstützer des abgesetzten ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi und der Muslimbruderschaft, die in Russland eine verbotene Organisation ist. Volodja erklärte uns auch, die Polizei habe die Anweisung, Soltani zum Angleterre Hotel zu fahren, wo wir untergebracht waren, um seine Sachen abzuholen, und ihn dann direkt zum Flughafen Pulkowo zu eskortieren, von wo aus er das Land unverzüglich zu verlassen habe.

Viktor fuhr mit uns zum Hotel und telefonierte eine halbe Stunde lang mit dem Generaloberst der Polizei im Innenministerium in Moskau, während die Mannschaft in der Lobby wartete. Der Generaloberst sagte, die Muslimbruderschaft habe mehrere tschetschenische Anschläge in Russland gutgeheißen, obwohl sich später herausstellte, dass es für diese Anschuldigung keine stichhaltigen Beweise gab. Nicht abstreiten ließ sich dagegen, dass von Soltanis Twitter-Account einmal folgende Nachricht abgeschickt worden war: Stehe in Liebe und soldatischer islamischer Bruderschaft mit Freunden und Familie auf dem Tahrir-Platz #R4bia #Anticoup. Also konnte Viks Gespräch mit dem Generaloberst nichts bewirken, und die Deportation würde wie geplant vollzogen werden.

Als wir das hörten, liefen wir sofort mit allen Spielern und Mitarbeitern nach draußen und sahen zu, wie Soltani Boumediene in Handschellen Richtung Flughafen weggefahren wurde. Niemand sagte etwas, und die Stimmung war bedrückt. Danach erklärten mir mehrere Spieler, wir sollten Soltani auf dem nächsten Flug zurück nach London folgen. Wenn man bedenkt, was als Nächstes passierte, hatten sie wohl recht.

Die Presse hatte Wind von der Story bekommen und zufällig auch der Sender BBC World, der seit zwei Jahrzehnten keinen großen Knüller mehr gebracht hatte. Irgendwie wurde Bekim Develi zu einem Interview überredet, der dem glücklichen Reporter dann gleich noch eine viel größere Story servierte.

Bekim war der einzige Russe in unserer Mannschaft, und er nahm das mit Soltani persönlich: »Als russischer Staatsbürger schäme ich mich zutiefst für das, was heute Nachmittag im Nyenschanz-Stadion passiert ist. Soltani Boumediene ist ein guter Freund von mir, und er hat nichts mit der Muslimbruderschaft zu tun. Er ist gegen jede Form von Terrorismus. Seine Gesinnung ist absolut demokratisch. Wie sonst hätte er jahrelang für einen israelischen Verein spielen können? Die Israelis sind nie auf die Idee gekommen, ihn zu deportieren, als er für Haifa spielte. Aber die russischen Behörden wissen es anscheinend besser. Das ist einfach nur typisch für das Russland von heute: Niemand hat Rechte, und man kann nach einem einzigen Anruf ohne jedes Verfahren festgenommen werden. Und warum ist das so? Weil ein einziger Mann über dem Gesetz steht, tut, was er will, und niemandem Rechenschaft schuldet. Jeder weiß, von wem ich rede. Ich habe genug davon, dass Wladimir Putin sich wie ein Zar oder wie Gott persönlich aufführt.«

Bekim verkündete außerdem, dass er sich der Koalition Anderes Russland anschließen werde, in der sich Putins politische Gegner zusammengeschlossen hatten. Er deutete auch an, Dynamo Sankt Petersburg sei der russischen Geheimpolizei FSB eng verbunden, so wie Dynamo Moskau früher in der Hand des KGB gewesen sei.

»Es gibt Hintermänner in Sankt Petersburg«, erklärte er dem BBC-Reporter, »FSB-Leute, die mit gewissen Geschäftsleuten zusammenarbeiten, die ihr schmutziges Vermögen säubern wollen. Ein Fußballverein eignet sich ganz wunderbar zur Geldwäsche, und womöglich haben diese Banditen Dynamo Sankt Petersburg genau zu diesem Zweck gegründet: Um ihre Beute zu waschen, die sie unterschlagen und dem russischen Volk gestohlen haben.«

Danach musste Vik noch eine ganze Reihe weiterer Anrufe tätigen, damit Bekim Develi nicht auch noch festgenommen wurde.

Die Hand Gottes
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