KAPITEL 35

Im Krankenhaus war es dunkel wie in einer Kirche und auch fast so leise. Nachts wurden die meisten Lichter ausgeschaltet, um Stromkosten zu sparen.

»Das soll uns recht sein«, sagte Eva Pyromaglou, die mich durch die dunklen Flure führte. »Aber passen Sie auf, wo Sie hintreten. In einem staatlichen Krankenhaus in Griechenland sollte man lieber keinen Unfall haben.«

Ich grinste; langsam wurde sie mir sympathisch.

Hinter der nächsten Ecke wartete Spiros auf uns. Er war nicht alleine. Auf einem Rollwagen vor ihm lag unter einem Tuch eine Frauenleiche.

»Hier lang«, sagte er und schob den Wagen einen weiteren finsteren Flur entlang und durch die offenen Türen eines großen, hell erleuchteten Aufzugs. Als wir drinnen waren, drehte er schnell einen Schlüssel um und sprang nach draußen, sodass Eva und ich allein mit der Leiche zurückblieben. Sie drückte einen der Knöpfe, die Türen schlossen sich, und der Aufzug setzte sich in Bewegung. Fast sofort drehte sie den Schlüssel noch einmal, und wir blieben mit einem Ruck zwischen den Stockwerken stehen.

Sie schlug das Tuch zurück, und ich kapierte, dass sie die Leiche hier im Aufzug untersuchen wollte.

»Was für eine Schande«, sagte sie. »Sie war sehr schön.«

»Hier drinnen wollen Sie das machen?«, fragte ich.

»Ja. Hier stört uns keiner. Spiros schreibt mir, wenn die Luft rein ist und wir wieder runterkönnen.«

»Haben Sie das schon mal gemacht?.«

»Hier im Aufzug? Nein, da ist sie die Erste und hoffentlich auch die Letzte. Aber ich kann mir diesen Streik nicht mehr lange leisten. Hoffentlich brechen nicht auch noch Krawalle aus. Gegen Streikende wird es in Griechenland meistens brutal. Passen Sie bloß auf, dass Sie da nicht zwischen die Fronten geraten!«

»Das sagen Sie mir jetzt.«

In einer Tasche zwischen den Füßen der Leiche steckte alles, was Eva brauchen würde: Skalpelle, Tupfer, Scheren, Asservatentüten, Nadeln, antiseptisches Handgel und Latexhandschuhe. Sie stellte die Tasche auf den Boden und begann, die Leiche systematisch bis auf die kleinste Hautverfärbung hin abzusuchen. Schweigend ließ ich sie eine Weile arbeiten und bewunderte ihre Sorgfalt und ihren respektvollen Umgang mit der Leiche.

»Ich suche nach Hämatomen«, flüsterte sie. »Nach Nadeleinstichen, Abschürfungen, Schnittwunden, Kratzern, eben allem.« Nach ein paar weiteren Minuten schüttelte sie den Kopf. »Nichts.«

»Für mich sieht sie schwanger aus«, versuchte ich zu helfen.

»Nein, das ist keine Schwangerschaft.« Sie ächzte. »Ertrunken ist sie? In der Marina Zea?«

»Das sagen die Bullen.«

»Dann wollen wir mal auf Nummer sicher gehen. Normalerweise würde ich sie einfach aufschneiden und schauen, was sie in der Lunge hat, aber das geht hier nicht. Wie gesagt ist das hier keine richtige Obduktion. Aber ein kleiner Schnitt an der Oberfläche wird schon erlaubt sein. Fassen Sie mal mit an, wir drehen sie auf den Bauch, sodass ihr Kopf über die Kante hängt.«

Wir drehten sie um, und Eva zog ein Papptablett aus ihrer Tasche, das sie der Toten unter den Unterkiefer stellte.

»Und jetzt?«

»Jetzt lehnen Sie sich bitte mit vollem Gewicht auf sie. Mittlerweile hat sich sicher eine Menge Gas angestaut, also wird sie wahrscheinlich wenig Damenhaftes von sich geben. Mir geht es aber um das Salzwasser in ihrer Lunge.«

»Ah, okay.«

Als Eva so weit war, lehnte ich mich auf den Rücken der Toten, aber erst mal passierte gar nichts.

»Fester. Sie können Ihr nicht mehr wehtun. Wie würde das ein Physiotherapeut machen? Füße vom Boden. Los! Zeigen Sie es ihr!«

Ich gehorchte, und nach ein paar Sekunden entwichen aus dem Unterleib der Leiche verdammt übelriechende Gase.

»Und so was schimpft sich stummer Zeuge«, sagte ich und drehte mich weg.

Endlich tröpfelte etwas aus dem Mund auf das Tablett. Eva füllte die Flüssigkeit in eine Flasche und steckte sie in ihre Tasche.

»Gut. Jetzt drehen wir sie wieder auf den Rücken«, sagte sie.

Wir hievten sie herum. Ich kam ins Schnaufen und trat einen Schritt zurück. Es wurde langsam warm und stickig im Aufzug. Ich war froh, dass ich ein altes T-Shirt anhatte.

»Und jetzt?«

»Jetzt widmen wir uns ihren Brüsten. Schauen Sie doch mal!«

»Hab ich. Tu ich. Ich kann gar nicht anders. Haben sicherlich besser ausgesehen, als sie noch herumgelaufen ist. Ein bisschen natürlicher.«

»Wenn Sie das sagen.« Am Fuß des Wagens reihte sie ihre Instrumente so akkurat wie möglich auf.

»Die stehen aber auch steif ab. Noch viel mehr als gestern, finde ich.«

»Wenn Silikon abkühlt, wird es etwas härter. Manchmal auch kleiner.« Eva nahm ein Skalpell in die eine Hand und schob mit der anderen die Brust der Toten hin und her, als würde sie überlegen, wo sie die Klinge ansetzen sollte.

»Die hier hat immerhin noch ihre Nippel«, murmelte sie.

»Davon habe ich gehört. Hannibal Leventis, richtig? Der Athener Busfahrer, der die ganzen Mädchen ermordet hat?«

»Sie sind gut informiert.«

»Aber nicht von der Polizei.«

»Die sind hier auch ein ganz anderer Verein als bei Ihnen zu Hause.«

»Sie kennen sich also mit den Fällen aus?«

»Ja. Ich habe die Frauen obduziert.«

»Es hieß, Leventis hätte vielleicht einen Komplizen gehabt.«

»Richtig. Hatte er meiner Meinung nach auch. Aber die Polizei hat beschlossen, dass er allein gearbeitet hat. Das hat Leventis ausgesagt. Und denen hat die Version gut gepasst.«

»Okay.«

»So, und jetzt aufgepasst. Dafür bezahlen Sie mich nämlich. Hier haben wir eine kaum sichtbare Narbe unter der Brust. Da wurden die Implantate reingeschoben; und da holen wir sie auch wieder raus.«

»Tun wir? Und warum?«

»Haben Sie eine Audiorekorder-App auf dem Handy?«

»Ich meine, klar hat sie große Brüste, aber wegen denen ist sie doch nicht auf den Grund der Marina gesunken. Das lag dann doch eher an dem Gewicht an ihren Füßen.« Ich fummelte das Handy aus der Tasche und tippte auf die App.

»Mit ein bisschen Glück verraten uns die Implantate ihren vollen Namen, inklusive Adresse. Also nehmen Sie besser alles auf.«

»Zählt das hier nicht als invasiver Eingriff?«, fragte ich.

»Das mag sich für Sie vielleicht wie Haarspalterei anhören, aber nein, zählt es nicht, weil wir durch eine bestehende Narbe rein- und auch wieder rausgehen. Hinterher sieht alles wieder aus wie vorher. Mehr oder weniger.«

Sie wischte das Implantat mit einem Papiertuch ab, ließ es wie eine Qualle von der einen Hand in die andere rutschen und knetete es einen Augenblick.

»Durch die Wärme meiner Hand ist es schon wieder viel weicher und geschmeidiger geworden. Und genau danach hatte ich gesucht: Auf der hinteren Oberfläche befindet sich ein Stempel mit dem Herstellernamen, dem Modell, der Größe und der Seriennummer. Beim Einsetzen wurden alle diese Angaben auch an den Hersteller geschickt, damit das Implantat zu Zwecken der Qualitätssicherung und Forschung zurückverfolgt werden kann. Dieses hier wurde von Mentor hergestellt. Das heißt, ich muss nur morgen früh bei denen anrufen, und die sagen mir, was sie wissen.« Sie las die Seriennummer und die Größe laut vor. »Und das war’s schon. Wenn wir nicht gerade großes Pech haben, haben wir die Kleine in vierundzwanzig Stunden identifiziert.«

Sie schob das Implantat zurück an seinen Platz und nähte die Brust zügig wieder zu.

»So einfach ist das?«

»Mmm-hmm. Spiros hatte mir schon von den Brüsten erzählt, da habe ich mir das gleich gedacht. An solchen Implantaten kann man die Mädchen heutzutage identifizieren wie Hunde und Katzen an ihren Mikrochips.«

»Toll.«

Eva verdeckte die Naht mit einer Schicht Körperbutter und ein bisschen Grundierung. Danach war kaum noch etwas zu sehen.

»Respekt«, sagte ich.

Nun nahm sie der Toten noch eine Blutprobe ab.

»Soll ich weiter aufnehmen?«

»Nein, Sie können abschalten. Ganz fertig sind wir aber noch nicht, Mr. Manson. Zu Hause untersuche ich ihr Blut, ob sie bei ihrem Tod Drogen oder Alkohol im Körper hatte.«

»Alles klar.« Ich steckte das Handy wieder in die Tasche.

»Ich nehme außerdem Abstriche von ihrer Vagina, ihrem Mund und Anus. Wenn sich irgendwo Spuren finden, die nicht ihrer eigenen Blutgruppe entsprechen, ist das ein nützlicher Hinweis auf den, mit dem sie Sex hatte. Vielleicht auf ihren Mörder. Wenn es denn einen gibt. Denn bisher finde ich keine Anzeichen dafür, dass sie sich großartig gewehrt hätte. Da hab ich schon Fälle von plötzlichem Kindstod auf dem Tisch gehabt, die brutaler aussahen.«

»Vielleicht war sie ja wirklich mit Drogen ruhiggestellt worden.«

»Wenn wir auf den Abstrichen irgendetwas finden, können wir anfangen, Spieler aus Ihrer Mannschaft auszuschließen. Von denen brauchen wir auch Proben. Und von Ihnen natürlich.«

»Natürlich.«

»Je eher wir Sie ausschließen, desto besser, Mr. Manson.«

Ich half ihr beim Eintüten der Abstriche; außerdem schnitt sie dem Mädchen eine Strähne Kopf- und ein bisschen Schamhaar ab.

Dr. Pyromaglou war mit unserer Untersuchung zufrieden.

»Was jetzt?«, fragte ich.

»Jetzt hoffen wir, dass der Aufzug startet, wenn ich den Schlüssel umdrehe. Ich will nicht die ganze Nacht hier festsitzen.«

Wie auf Stichwort furzte die Leiche wieder.

»Oh ja, ich bin ganz Ihrer Meinung.«

Eva wollte die Tote wieder mit dem Tuch zudecken, aber ich hielt sie auf.

»Moment.« Ich schaute der Toten ins Gesicht. »Die Fahndungszeichnung taugt nichts, und auf meinen Handyfotos erkennt man sie auch nicht richtig. Wenn man auf einem Foto die Augen zu hat, sieht man nie aus wie man selbst. Könnten Sie sie vielleicht öffnen?«

»Das und noch viel mehr«, erwiderte sie.

Sie zückte ihr Schminktäschchen, und nach ein paar Minuten hatte sie mit ein bisschen Grundierung, Lidschatten, Mascara, Rouge und Lippenstift aus der Toten einen normalen Menschen gezaubert; sie besprühte die offenen, starrenden Augen sogar kurz mit Optrex-Augenspray und gab ihnen so ein bisschen Schimmer zurück.

»Wunderbar«, sagte ich und knipste mehrere Bilder mit dem iPhone.

»Nein.« Eva schüttelte den Kopf. »Ich hab’s mit dem Rouge ein bisschen übertrieben. Sie sieht ja aus wie … eine Hure.«

»Nein, sie sieht nicht schlecht aus. Genau richtig.« Ich begutachtete die Bilder auf dem Handy und verzog das Gesicht. »Komisch, jetzt wo Sie sie so rausgeputzt haben, sieht sie genauso aus wie meine Exfrau.«

Die Hand Gottes
titlepage.xhtml
title.xhtml
copyright.xhtml
toc.xhtml
dedication.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_000290.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_000470.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_000621.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_000719.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_000787.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_000931.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001030.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001132.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001203.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001335.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001441.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001552.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001632.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001688.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001769.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001831.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_001904.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_002055.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_002216.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_002302.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_002392.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_002564.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_002670.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_002815.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_002882.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_003094.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_003189.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_003384.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_003588.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_003733.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_003823.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_004014.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_004173.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_004334.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_004472.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_004585.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_004760.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_004897.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_005042.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_005209.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_005336.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_005443.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_005580.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_005684.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_005802.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_005914.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_006113.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_006358.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_006453.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_006574.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_006725.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_006847.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_006962.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_007049.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_007123.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_007241.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_007322.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_007434.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_007503.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_007640.xhtml
9783608109368_0001_Kerr_HandGottes_007802.xhtml
appendix.xhtml