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Zwei Stunden später steuerte Patrizia endlich ihren Wagen in Richtung Krankenhaus. Sie kannte sich in Köln nicht aus und war dankbar für die Erfindung der Navigationssysteme. Sie hatte Meierhofer und seinen Kollegen zwei Stunden lang Rede und Antwort gestanden und natürlich war man ihr dankbar, dass sie so beherzt eingegriffen hatte. Aber letztlich besaß sie keinen Waffenschein und die Waffe, die sie seit vielen Jahren zu ihrem Schutz besaß und noch nie benutzt hatte – außer zum Üben mit ihrem Bekannten in dessen Scheune – stammte natürlich aus Quellen die ihr nicht bekannt waren. Dafür würde sie nun die Folgen zu tragen haben, aber Meierhofer hatte angedeutet, dass es gut möglich sein könnte, dass man sie mit einer Geldstrafe davonkommen lassen würde.

Es war ihr letztlich auch egal, auch wenn deswegen jetzt noch eine Menge Ärger auf sie zukommen würde, ohne diese Waffe hätte sie ziemlich hilflos dagestanden, denn wenn diese Wahnsinnige es geschafft hatte, Daniel zu überwältigen und Clarissa so heftig niederzuschlagen, konnte man schon davon ausgehen, dass sie ihr körperlich überlegen war.

Sie sah zuerst nach Clarissa, die zwar noch recht lädiert wirkte, ihr aber aus ihrem Bett heraus fast schon fröhlich entgegen lächelte, als sie das Zimmer betrat.

»Sorry«, sagte Patrizia. »Ich hätte dir gerne ein paar Blumen mitgebracht, aber ich saß bis eben auf dem Revier fest.«

Clarissa nickte.

»Weißt du schon wie es Daniel geht?«

»Ja«, sagte Clarissa. »Der Arzt war bei mir, Daniel liegt nur zwei Zimmer weiter. Er schläft, aber sein Zustand ist stabil. Er bekommt Infusionen.«

Sie seufzte. »Und sie müssen ihn wohl regelmäßig umlagern. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist er wund gelegen und hat sogar offene Wunden am Rücken, an den Armen, an den Beinen.«

Clarissa stiegen die Tränen in die Augen.

Patrizia setzte sich auf den Rand des Bettes. Sie griff nach Clarissas Hand und hielt sie fest.

»Du weinst ja«, sagte Clarissa fassungslos.

»Ach«, sagte Patrizia, und wischte die Tränen weg, die ihr tatsächlich über das Gesicht gelaufen waren. »Clarissa, diese Frau ... weiß man inzwischen wer sie ist?«

Clarissa nickte. »Daniels Sekretärin.«

»Was?«

Clarissa seufzte.

»Diese Frau erschien mir von Anfang an so merkwürdig. Aber dass sie derart wahnsinnig ist, hätte ich nicht gedacht.«

»Daniels Sekretärin?« wiederholte Patrizia fassungslos. »Das glaub ich jetzt aber nicht.«

»Doch, kannst du ruhig. Ich kenne die Hintergründe noch nicht, Patrizia.«

»Denkst du, er hatte was mit ihr?«

»Nein, das denke ich nicht.«

»Sicher?«

Clarissa nickte.

»Weißt du Patrizia, bei uns war alles in Ordnung, wirklich.« Sie wurde rot. »Naja, zumindest nach all unseren ausgestandenen Krisen. Und diese Andrea – du hättest sie erleben müssen so wie ich sie erlebt habe, Patrizia. Sie ist ein ganz merkwürdiger Vogel. Man hat wohl vergessen ihr zu erklären wie man lächelt oder überhaupt, ihr zu erklären, dass man ruhig mal lachen darf. Völlig humorlos. Eine unscheinbare Erscheinung. Nicht hässlich, aber auch nicht besonders hübsch und durch ihre innere Kälte hatte sie eine Ausstrahlung, dass sich niemand freiwillig privat mit ihr abgeben würde. Jedenfalls niemand den ich kenne und schon gar nicht Daniel.«

Sie trank einen Schluck Wasser.

»Ich nehme an dass sie ihn angehimmelt hat und er hat sie nicht beachtet.«

Sie lächelte. »Auch Daniel macht nicht zweimal den gleichen Fehler. Vielleicht hat er sich absichtlich eine so unattraktive, kalt wirkende Kuh in sein Vorzimmer gesetzt. Die Frau von damals war zwar nicht seine Sekretärin, aber sie war die Sekretärin seines Geschäftspartners.«

Sie seufzte.

»Eigentlich würde ich gerne aufstehen und nach ihm sehen, aber ich soll ruhig im Bett liegen bleiben, hat der Arzt gesagt.«

»Ich hoffe, deine Verletzungen sind nicht so schlimm«, sagte Patrizia.

»Nein«, sagte Clarissa. »Nur eine Platzwunde, die genäht wurde. Und natürlich habe ich rasende Kopfschmerzen, aber es wird schon besser, die haben mir was gespritzt. Die behalten mich auch nur zur Sicherheit da, damit sie mich noch eine Weile beobachten können.«

»Soll ich für dich mal nach Daniel sehen?«

»Das würdest du tun?« Patrizia nickte.

»Ich nehme an, er wird schlafen, aber ich kann ja mal nachschauen.«

Sie erhob sich und ging nach draußen. Weiter hinten im Gang sah sie einen Polizeibeamten vor einer Zimmertür sitzen. Wahrscheinlich das Zimmer, in dem die Verrückte lag – ihre Schüsse konnten keine dramatischen Auswirkungen gehabt haben, sie hatte die Frau lediglich außer Gefecht gesetzt. Patrizia machte sich diesbezüglich keine Sorgen. Schießen hatte sie das Schießen gelernt, zwar nicht auf legalem Weg, aber dafür gründlich. Daniel lag, wie sie von einer Schwester erfuhr, ganz am anderen Ende des Ganges in einem Einzelzimmer, wie auch Clarissa in einem Einzelzimmer lag. Sie warf nur einen kurzen Blick hinein, denn eigentlich durfte er keinen Besuch bekommen. Er schlief tief und fest. Irgendwelche Apparate piepten, Patrizia kannte sich in solchen Dingen nicht aus.

»Ich hatte Ihnen doch gesagt, er darf nicht gestört werden!« fauchte die Schwester hinter ihrem Rücken.

»Entschuldigung, ich bin eine Freundin seiner Frau und die macht sich natürlich Sorgen um ihn. Ich habe versprochen nach ihm zu sehen.«

Die Schwester wurde gleich wieder friedlicher. »Er ist stabil«, sagte sie. »Das können Sie seiner Frau ausrichten. Er schläft jetzt natürlich, aber auch deswegen, weil er starke Medikamente bekommen hat. Was er jetzt braucht ist viel Flüssigkeit, die bekommt er derzeit durch Infusionen und ansonsten viel Ruhe. In einer Woche ist er wieder voll da.«

»Danke.«

Patrizia drehte sich um und lief den Gang hinunter zu Clarissas Zimmer.

»Frau Ostermann braucht auch viel Ruhe«, rief die Schwester ihr streng hinterher. »Bleiben Sie bitte nicht mehr so lange.«

Patrizia nickte und schloss die Tür hinter sich.

»Es geht ihm gut«, erklärte sie. »Die Schwester sagt, er ist in einer Woche wieder voll da.«

»Ich möchte gar nicht wissen, was er durchgemacht hat«, sagte sie nachdenklich und starrte aus dem Fenster. »Fünf Tage hatte sie ihn in ihrer Gewalt.«