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Daniel lag stöhnend im Bett. Sein
Rücken schien inzwischen tatsächlich zu brennen und seine Hände
spürte er inzwischen überhaupt nicht mehr. Er hatte keine Ahnung,
ob es Tag oder Nacht war, denn Andrea hatte die Rollos vollständig
herunter gelassen, wahrscheinlich um ihm noch den letzten Rest von
Orientierungsgefühl zu nehmen. Sie schien im Haus zu wüten wie eine
Irre, manchmal hörte er etwas klirren, dann wieder roch es nach
Essen, aber meist stiegen dabei sehr unangenehme Begleitdüfte mit
die Treppe nach oben. Andrea konnte nicht kochen. Sie ließ
offensichtlich alles anbrennen, wie er in den wenigen, aber sehr
qualvollen Tagen hatte lernen müssen, aber sie zwang ihn trotzdem
dazu, alles zu essen was sie ihm mit einem Löffel reichte. Was sie
sonst noch im unteren Stockwerk trieb, wusste er nicht, aber
wahrscheinlich wühlte sie in den Schränken, durchsuchte sein Leben
so intensiv wie sie es derzeit beherrschte. Im Schlafzimmer
herrschte ein einziges Chaos. Dreckige Teller stapelten sich neben
der Tür, sie hatte offensichtlich wenig Lust, diese nach unten zu
tragen. Gnadenlos hatte sie vor seinen Augen Clarissas
Kleiderschrank inspiziert, manche Dinge hatte sie anprobiert, über
einige Sachen hatte sie sich köstlich amüsiert, auch wenn Daniel
nicht verstand, was sie an Clarissas Kleidung auszusetzen hatte.
Der blanke Hass auf seine Frau schien sie dabei anzutreiben. Hass
auf Clarissa wahrscheinlich deswegen, weil sie spürte, dass sie ihn
niemals dazu bringen würde, seine Frau zu vergessen und sich
stattdessen in sie, Andrea zu verlieben. Was hatte sich diese
Kriminelle da nur ausgedacht?
Bis vor einiger Zeit hatte Daniel noch klar denken können, aber das war vorbei. Sein Körper war ein einziger schmerzender Klumpen Fleisch, wenn man von seinen Armen und Händen absah, die er nicht mehr spürte und er hatte das Gefühl, wahnsinnig zu werden. Diese Frau legte sich neben ihn wenn sie schlafen wollte und tat einfach so als sei er ihr Mann, als seien sie ein Liebespaar und ließ sich nicht davon beeindrucken, dass Daniel am Ende seiner Kräfte war. Es interessierte sie auch nicht, dass er Schmerzen hatte, die er nicht mehr in Worte fassen konnte und dass er sie nicht wollte, dass er in diesem Zustand nur noch eines wollte: am besten einfach sterben. Es vorbei sein lassen. Nichts mehr spüren. Diese Frau nicht mehr neben sich haben. Diese Frau nicht mehr auf sich zu spüren, wenn sie, inzwischen erfolglos, seinen Schwanz in den Mund nahm oder ihn zwischen ihren Brüsten rieb um ihn steif zu bekommen.
Nein, da regte sich nichts mehr. Daniel war am Ende. Er hatte Durst, aber er konnte es nicht einmal mehr formulieren. Andrea schien mit jedem Tag der vergangen war, mit jeder Stunde die verging, immer wahnsinniger zu werden.
Sie kochte zwar und stopfte mit dem Löffel das Essen in ihn hinein, aber sie vergaß, ihm etwas zum Trinken zu geben.
Nur manchmal fiel es ihr zwischendurch ein, aber es genügte nicht. Daniels Lippen waren aufgeplatzt und blutverkrustet und sein Stöhnen war leise und für Andrea unaufdringlich, denn es war wirklich kaum zu hören. Trotzdem stöhnte er auf, leise und wahrscheinlich war er der Einzige der es hörte, als das Licht wieder einmal angeknipst wurde und Andrea im Raum herumtapste.
»Hier sieht es grauenhaft aus«, schimpfte sie. »Ich habe so viel zu tun, warum siehst du nicht einfach nur endlich ein, dass du mich liebst, dann hat das alles doch ein Ende!«
Er konnte nicht antworten, aber wahrscheinlich war Andrea inzwischen schon ihrem eigenen Wahnsinn so stark verfallen, dass sie nicht einmal gemerkt hätte, wenn Daniel zwischendurch gestorben wäre.
»Wie kann man nur so stur sein?« schimpfte sie. »Ich würde dich wirklich langsam befreien, wenn du mich nur noch einmal ficken würdest, nur noch ein einziges Mal! Dann würde ich deine Liebe spüren und könnte dir genug vertrauen um dich loszubinden!«
Daniel vernahm ihre Worte, aber er wusste, es war einfach nur irres Geplapper. Worte, die ihrem Wahnsinn entsprangen und überhaupt keinen Bezug mehr zur Realität hatten. So wie auch er immer mehr den Bezug zur Realität verlor. Er wusste nicht, ob es Tag war oder Nacht. Er sah nur noch verschwommen und manchmal gar nichts mehr. Und er war überhaupt nicht mehr in der Lage ja oder nein zu sagen, ihr irgendetwas zu entgegnen, oder vielleicht gar sie zu beruhigen. Selbst das wahnsinnige Geplapper nahm er nur noch am Rande wahr. Er dachte auch nicht mehr an Clarissa, er dachte an gar nichts mehr außer daran, dass er sicher gleich sterben würde. Er war so müde und hatte grässliche Schmerzen. Vom Durst, vom Liegen, er war nicht mehr in der Lage darüber nachzudenken.
Die Wahnsinnige beschäftigte sich am Kleiderschrank, da nahm er am Rande wahr. Was sie aber in diesem Moment dort tat, wusste er nicht. Es war auch egal. Alles war egal. Es sollte nur aufhören.
Andrea kramte in Clarissas Kleidung herum und hielt plötzlich inne, als ein Auto auf der Straße parkte. Sie horchte auf, kramte aber gleich darauf wieder im Kleiderschrank herum.
»Weißt du Daniel, du bist wirklich sehr uneinsichtig«, schimpfte sie. »Ich gebe mir so unglaublich viel Mühe und was tust du? Du liegst da rum und pennst den ganzen Tag und ignorierst mich. Ich finde, du könntest dich ein wenig mehr bemühen!«
Wieder horchte Andrea auf, dann ging sie
langsam zur Schlafzimmertür und öffnete sie einen Spalt. Daniel war
ohnmächtig geworden, aber das bemerkte sie nicht.