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»Ich erreiche ihn nicht«, sagte
Clarissa am gleichen Abend zu Patrizia. Entmutigt legte sie das
Handy beiseite und starrte nachdenklich in die Flammen des
brennenden Kamins. Draußen war es ungemütlich kühl, den ganzen Tag
hatte es geregnet und Clarissa saß fröstelnd, in eine Decke
eingewickelt, gemeinsam mit Patrizia im Wohnzimmer. Charlotte lag
in ihrem vorübergehenden Zimmer auf dem Bett und hörte Musik,
während sie in einem Buch las, das sie in Patrizias Bücherregal
entdeckt hatte und das sie offensichtlich fesselte, denn sie legte
es kaum aus der Hand. Damian hatte die Gelegenheit genutzt und sich
mit ein paar alten Freunden verabredet, mit denen er nun um die
Häuser zog. Gegen Mitternacht wollte er wieder da sein. Clarissa
machte sich wegen ihm keine Sorgen, er kannte sich in Frankfurt aus
und sie kannte die Jungs mit denen er unterwegs war. Aber Daniel
machte ihr Sorgen. Sie wohnte nun schon den zweiten Tag bei
Patrizia und seit dem letzten Telefonat, bei dem Daniel einfach
aufgelegt hatte, hatte sie mehrfach täglich bis in die späten
Abendstunden hindurch versucht, ihn zu erreichen. In der Firma ging
er nicht ans Telefon, sie hatte lediglich seine Sekretärin
erreicht. Andrea hatte am Telefon stark gehustet und ihr erklärt,
Daniel hätte sich kurzfristig frei genommen wegen einer
Familienangelegenheit, die es zu klären gäbe. Also hatte sie es zu
Hause versucht und auf dem Handy, immer und immer wieder, ihm sogar
aufs Band gesprochen, aber er ging nicht ans Telefon und rief sie
auch nicht zurück. Konnte er wirklich so derart tief getroffen
darüber sein, dass sie mit den Kindern zu Patrizia gezogen war? Ja,
das konnte er, und das wusste Clarissa auch, wenn sie ganz ehrlich
zu sich selbst war. Aber sie blieb trotzdem dabei, dass es Patrizia
war, die ihr in diesen Tagen am besten das Gefühl von Sicherheit
vermitteln konnte. Sie hatte Daniel versprochen, dass die Sache mit
Patrizia sich nicht wiederholen würde, dass es rein
freundschaftlich war und sie hoffte darauf, dass er in den letzten
Tagen vielleicht einfach mal darüber nachgedacht hatte. Aber dass
sie ihn nun nirgends erreichte, machte sie nervös. Auch in der
Firma hatte sie keinen Ansprechpartner mehr, denn auch wenn sie
gestern noch mit Andrea telefoniert hatte, so hatte sie bei ihrem
Anruf heute in der Firma erfahren müssen, dass Andrea sich an
diesem Morgen offensichtlich krank gemeldet hatte. Das hatte sie
von der Vertriebssachbearbeiterin Manuela erfahren, die seither im
Sekretariat am Telefon saß und Andrea vertrat solange sie krank
war.
»Mach dir nicht so viel Sorgen«, sagte Patrizia, und reichte ihr einen Tee. »Ich denke, der schmollt einfach nur.«
»Aber er hat sich frei genommen. Wegen einer Familienangelegenheit. Was soll das? Warum geht er dann an kein Telefon? Und mir hat er vor ein paar Tagen noch gesagt, er könnte die Firma nicht einfach so von heute auf morgen im Stich lassen. Da stimmt doch was nicht!«
»Was soll denn daran nicht stimmen?« fragte Patrizia. »Also wenn du mich fragst, der schmollt einfach nur. Du bist entgegen seiner Bitte doch zu bleiben, mit den Kindern nach Frankfurt gefahren und jetzt wohnst du auch noch bei mir, statt in einem Hotel. Er wird sicher regelmäßig sein Handy abhören, und sich freuen, weil du dir so Mühe machst, ihn erreichen zu wollen. Wahrscheinlich sitzt er zu Hause und spült seinen Zorn mit Alkohol runter. Ich wette mit dir, in den nächsten Tagen wirst du von ihm hören – oder ihn erreichen.«
»Aber es sieht Daniel nicht ähnlich, dass er sich so verhält.«
»Gut«, sagte Patrizia. »Du kennst deinen Mann am besten. Aber weißt du was ich glaube? Ich glaube, er denkt, wenn er nicht ans Telefon geht und auch nicht zurückruft, kriegst du es mit der Angst zu tun und kommst zurück.«
»Da würde er gar nicht so falsch liegen«, sagte Clarissa. »Falls er so denkt, dann geht der Plan auf. Ich mache mir nämlich tatsächlich Sorgen und ich bin kurz davor, wieder nach Köln zu fahren.«
»Warte noch ein oder zwei Tage«, sagte Patrizia. »Und wenn du dann immer noch nichts hörst von ihm – dann fahre ich mit dir zusammen hin.«
»Ich glaube nicht dass es eine gute Idee wäre, mit dir dort aufzutauchen.«
»Ich halte das schon für eine gute Idee«, sagte Patrizia. »Erstens würde ich dich in dieser Situation ungern alleine lassen. Und zweitens könnte er sich dann mal direkt mit mir auseinandersetzen, falls ihm danach ist.«
»Hm«, sagte Clarissa. »Ich muss drüber nachdenken.«
»Tu das«, sagte Patrizia. »Er braucht sich gar nicht so anzustellen. Es ist nichts passiert zwischen uns, aber wenn er so weitermacht, dann ist es vielleicht nur noch eine Frage der Zeit, darüber sollte er vielleicht auch mal nachdenken.« Sie lachte. »Ich hätte gerne eine so treue Freundin wie dich. Liegst jetzt schon zwei Nächte lang neben mir im Bett, schläfst in meinen Armen ein, aber schön brav mit Nachthemd und außer kuscheln läuft nichts. Vielleicht sollte man ihm das mal sagen.«
Clarissa lächelte. Sie rechnete es Patrizia
sehr hoch an, dass sie ihrem Wunsch nach Nähe zwar entgegen kam,
aber nicht versuchte, sie zu etwas zu drängeln, zu dem sie nicht
bereit war.