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Wir waren gerade am „Roten Fuchs“, da piepte mein Handy. Eine SMS. Bevor ich nachsehen konnte, was es damit auf sich hatte, klingelte es.
„Ollner!“
Ich verstand den Anrufer schlecht. Allerdings lag es nicht an der Verbindung.
„Valentin?“, fragte ich.
„SMS lesen, wichtig“, war alles, was ich verstand. Je näher wir Holzen kamen, umso schlechter wurde der Empfang. Ich rief die Kurzmitteilung auf. „Gib Gas. Wir müssen nach Stahle“, sagte ich zu Kofi. Alles Weitere würde er gleich aus meinem Gespräch mit der Leistelle entnehmen können.
Je mehr er hörte, desto schneller wurde er. Außerdem pflanzte er das Blaulicht aufs Dach. In Eschershausen fuhr er glatt über die Mitte des Kreisels hinweg. Einen Trecker überholte er, indem er über die Tankstelle raste. Als wir auf Amelungsborn zufuhren, rief er mir zu: „Freundlich lächeln!“ Bevor ich verstand, was er meinte, wurden wir geblitzt. „Du hättest deine Marke hochhalten sollen, dann hätten sie das Foto gleich aussortieren können.“
Ich brummte nur, wartete auf die Rückmeldung der Leitstelle. „Ich rufe Süntel 20/35, hier Süntel 10/01. Zwei Fahrzeuge aus Höxter und eines von uns sind auf dem Weg zum Rendezvouspunkt.“
Ich bestätigte. „Sie werden die Freilichtbühne unsichtbar umstellen. Wir dürfen die Geisel nicht in Gefahr bringen. Noch zehn Minuten. Schaffen wir das?“
„Wird knapp. Ich beeil mich.“
Bevern, Allersheim, die erste Ausfahrt ins Gewerbegebiet von Holzminden, die zweite zum Zentrum. Kofi setzte den Blinker, raste die Ausfahrt hinunter, bog links ab und wäre fast an der Straße vorbeigefahren, die zur Freilichtbühne hinaufführte. Ein rotes Auto kam aus der Straße gerast, rutschte um die Kurve und bog nach Polle ab. Ein Mann und ein dunkelhaariges Mädchen. „Das sind sie.“
Kofi reagierte sofort, riss unseren Wagen herum und raste hinterher. „Was machst du? Der merkt das doch!“
„Soll er ja.“
Der Wagen vor uns gab Gas, witschte zwischen zwei Pkws hindurch. In der Mitte kam ihm ein Motorrad entgegen, das gerade ein Wohnmobil überholte. Plötzlich wich der Motorradfahrer nach rechts aus, dorthin war auch der Wagen unterwegs. Der Fahrer lenkte zurück, zu weit, er streifte das Wohnmobil, drehte sich um die eigene Achse. Kam in unserer Richtung fast zum Stehen, da beschleunigte es schon wieder, raste auf uns zu.
„Ausweichen“, brüllte ich und klammerte mich an der Tür fest. Doch Kofi fuhr weiter, unbeirrt. Im letzten Moment wich der andere aus, streifte einen Leuchtpfahl und rutschte gegen den Berg. Es krachte ohrenbetäubend.
Kofi bremste, wendete auf einem Feldweg und fuhr zurück. Kaum hatte er gehalten, sprang ich aus dem Auto, lief zu dem Wrack, das schrecklich zermatscht am Straßenrand stand. Auf dem Fahrersitz saß Sebastian Posner, mit offenen Augen, äußerlich unverletzt. Doch ich spürte, dass er tot war.
Das Mädchen auf dem Beifahrersitz jammerte leise vor sich hin. Sie war eingeklemmt. „Es kommt gleich Hilfe, bleiben Sie ruhig.“ Hinter den Vordersitzen im Fußraum lag noch eine Person. Zwei Polizeiwagen hielten hinter mir. Ich hörte die Kollegen ins Funkgerät sprechen und einen Notarztwagen anfordern. Vorsichtig drehte ich den Jungen um, der mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden lag. Lars Asmus. Er schaute mich aus Augen an, die Schwierigkeiten hatten zu fokussieren, fast so, als stünde er unter Drogen. „Das ist nicht Gini“, flüsterte er. Dann fielen seine Augen wieder zu. Darum konnten sich die Sanitäter kümmern.
Ich beugte mich nach vorn und schaute dem Mädchen ins Gesicht. Hatte er recht? Ich sah die Flecken von der Haarfärbung auf ihrem Hals und am Haaransatz. Was hatte Frau Posner in Alfeld gesagt. „Sie gehen nicht schwimmen, Melli hat sich die Haare gemacht, neue Farbe und alles.“
Ich stieß mir den Hinterkopf, als ich aus dem Wagen krabbelte. Der erste Notarztwagen traf bereits ein.
Ich schaute mich um. Kofi stand neben unserem Auto. Hatte er sich noch nicht bewegt?
Ich rieb mir mit den Händen durchs Gesicht. „Wir müssen zur Scheune“, rief ich Kofi zu. Als er einsteigen wollte, schob ich ihn zur Seite. „Ich fahre.“
Kofi ging wortlos zur anderen Seite und stieg ein. Ich meldete bei der Leitzentrale, dass wir das Mädchen nicht gefunden hatten. „Sind unterwegs nach Eschershausen.“
Es rauschte im Funk. Die Kollegen an der Unfallstelle forderten die Feuerwehr für eine eingeklemmte Person und einen Bestatter an.
Wir hatten Eschershausen gerade erreicht, als der Diensthabende uns anfunkte.
„Nachricht von Florian Ith. Wird euch interessieren. Eben wird nahe Eschershausen ein Brand gemeldet. Eine Scheune in Ortsrandlage.“
„Verdammt!“
Ich schlug gegen das Lenkrad.
„Die Tussi hat mich von vorne bis hinten verarscht.“
„Wen meinst du?“
„Die Gambach. Hier muss es sein.“
Ich hielt mitten auf der Straße, drängte mich durch die Schaulustigen und schnappte mir den ersten Feuerwehrmann, den ich sah.
„Waren da noch Menschen drin?“
Er schüttelte den Kopf. „Kein Einziger. Nur eine Katzenfamilie.“
„Sind Sie ganz sicher?“
„Von hinten konnten wir zuerst noch ran. Die Katzen haben sich davongemacht, als wir rein sind.“
„Was wollten Sie da drinnen?“
„Da stehen Autos, Oldtimer, die sind wertvoll. Wir wollten sie in Sicherheit bringen.“
„Sie bringen sich wegen der Autos in Gefahr?“
„Nicht wirklich. Wir wollten vor allem das Benzin aus der Scheune haben.“ Er zeigte zur Seite. „Den alten Volvo haben wir rausgeholt, die anderen beiden nicht. Das war zu gefährlich.“
„Sagen Sie, gab es in der Scheune eine weiß verputzte Wand?“
„Verputzt? Nee, nur Bretter.“
Ich bedankte mich und ging zu Kofi zurück.
„Ich hab’s verbockt, stimmt’s?“
Er sah niedergeschlagen aus.
Ich hatte keine Zeit und keine Lust, ihn zu trösten, stattdessen nannte ich ihm einen Straßennamen.
„Wo ist das?“
„Gleich hinterm Schulzentrum, warum?“
„Wir müssen dahin.“
Die Wohnungstür war nicht abgeschlossen. Nach einem kräftigen Tritt flog sie auf. Ich hielt meine Waffe in der Hand und betrat den Flur.
Es roch nach Urin.
Während ich links ins Wohnzimmer schaute, sicherte Kofi die Küche und das Bad: Blieb nur noch das Zimmer geradeaus. Mir fielen als erstes die weißen Wände auf, dann die Ringe. Auf dem Boden unter den Ringen war eine Pfütze, die penetrant nach Urin roch. Kleidungsstücke auf dem Bett. Eine dunkelblaue Windjacke, eine Jeans.
Eugenias Sachen?
Was nun? Denk nach? Ich drehte mich zu Kofi um. „Wenn die Gambach die Drahtzieherin hinter allem war, wenn sie Sebastian Posner für die Drecksarbeit benutzt hat, dann hat sie Eugenia jetzt in ihrer Gewalt. Wo bringt sie das Mädchen hin? Was hat sie vor? Bringt sie Gini gleich um? Versteckt sie sie? Versteck?
Plötzlich hatte ich einen Einfall.
„Wir müssen zu diesem Lovemobil.“
„Was meinst du?“
„Der Rahner, du weißt schon, Rahner-Bau, Einbruch, hat gesagt, dass er Geld in einem Lovemobil hinterlegen musste, um dafür Informationen zu bekommen. Ich habe den Halter ermitteln lassen.“ Ich überlegte: Wo an der B64 war das?
„Los, bevor wir wieder zu spät kommen.“
Kofi stolperte hinter mir die Treppe herunter.
Als wir uns im Schritttempo dem Wohnmobil mit dem leuchtenden Herzen in der Mitte näherten, war ich zuerst enttäuscht. Es war ruhig, zu ruhig. Dann entdeckte ich den Volvo hinter dem Wohnmobil. Wir stiegen aus. Die Waffen in der Hand.
Das Wohnmobil wackelte, als bewege sich jemand schnell darin.
Hoffentlich tappten wir nicht mitten in Geschäftsbeziehungen. Vorsichtig spähte ich durchs Fenster. Nichts zu sehen. Die Bewegungen waren nicht rhythmisch.
Ich versicherte mich, dass Kofi hinter mir stand und riss die Tür auf. Mit einem Satz war ich im Innern des Wohnmobils. Frau Gambach hockte vor mir auf dem Bett. Unter ihr ein nacktes Mädchen, mit einer Plastiktüte über dem Kopf, das sich nicht bewegte. Sie hielt einen Becher in der Hand, den sie mir ins Gesicht warf. Wie ein Känguruh sprang sie in die Luft, warf mich um und versuchte zu entkommen. Doch in der Türöffnung wartete Kofi auf sie. Er überwältigte sie mit wenigen Griffen und legte ihr Handschellen an.
Entsetzt wischte ich mir das weiße Zeug aus dem Gesicht, das aus dem Becher gespritzt war. Es roch nach Fisch.
Ich eilte zu dem Bett hinüber.
War sie tot?
Bitte nicht.
Mit fliegenden Fingern zerrte ich die Tüte von ihrem Kopf. Ich packte ihre Schultern, schüttelte sie. Sie atmete, Gott sei Dank.
Ich setzte mich neben sie. Scheiß auf die Spuren. Erleichtert bemerkte ich, dass ihr Brustkorb sich gleichmäßig hob und senkte. Ich streichelte ihre Wange, berührte vorsichtig ihre Nase, die feucht glänzte, so als hätte sie sich gerade gewaschen. Das Niesen, das folgte, ließ mich vom Bett aufspringen.
„Wir brauchen Sanitäter“, rief ich Kofi zu.
Als ich wieder zu ihr hinschaute, hatte sie die Augen offen und sah mich ängstlich an. „Polizei, alles vorbei.“
Auf dem Weg zur Dienststelle fragte Kofi mich später: „Bist du sauer?“
„Wieso?“ Wir hatten beide gute Arbeit geleistet, und wir hatten beide was verbockt. Insgesamt hatten wir mehr Fälle aufgeklärt als uns bekannt waren.
„Du sagst nichts.“
„Was willst du hören? Es ist nicht mein Tag. Ich hatte fremdes Sperma im Gesicht. Was soll ich dazu sagen?“
Ein Mundwinkel zuckte.
„Wag’s nicht.“
„Wieso hebt die Gambach Sperma auf?“
Jetzt musste ich grinsen. „Die hat alles verkauft, Informationen, Waffen, warum nicht Sperma? Im Ernst, eiskalt hätte die Sebastian Posner den Mord an Eugenia in die Schuhe geschoben.“
„Ein Mord aus Leidenschaft?“, fragte Kofi.
„Wer weiß. Jedenfalls wollte sie sie mit einer Plastiktüte ersticken.“
„Nachdem sie sie mit seinem Sperma präpariert hatte, dessen Rest ja dann in deinem Gesicht …“
Unser Funkgerät quäkte dazwischen. Die Leitstelle teilte uns mit: „Wir haben in Hameln eine männliche Leiche identifiziert. Lirim Bogdanovich wurde Freitagnacht auf einem Parkplatz an der Weser erschossen. Die Waffe lag wenige Meter weiter am Straßenrand. Sie stammt aus dem Einbruch bei Familie Weber, Ahornweg in Holzminden.“
Kofi und ich grinsten uns an. Gemeinsam sagten wir: „Der Täter heißt Sebastian Posner. Den Fall könnt ihr auch abschließen.“