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Lars und Valentin liefen nach Hause so schnell sie konnten. Gini und Nora warteten in Noras Zimmer auf sie.

Die Mädchen hatten die ganze Zeit alle sozialen Netzwerke im Internet durchforstet. Es gab ein paar verwackelte Handyfotos vom Geschehen auf dem Schulhof, aber erst nachdem die Sanitäter eingetroffen waren. Jede Menge Fotos von Michelle und Philip hatten sie ebenfalls gefunden. Außerdem setzten die anderen Fotos vom Rondell ein, das zu einem Kerzenmeer geworden war und teilten ihre Betroffenheit mit. In einem Blog sammelten sich Erinnerungen, Episoden, vor allem aber schrieben die Leute sich ihre Angst, ihre Unsicherheit und ihre Traurigkeit von der Seele.

Sonja16: „Ich kannte Michelle seit dem Kindergarten. Wir waren nie beste Freundinnen, aber sie konnte gut zuhören.“

JajajaB.: „Philip war cool. Wir hatten jede Menge Fun.“

TiTu: „Keine Party ohne Philip. Er war der GTA-Star.“

SandraHigh: „Scheiß auf GTA. Ich bin so down, könnte den ganzen Tag heulen.“

TImBluE: „Philip auf Klassenfahrt, voll aufgedreht, echt krass, nicht so’n Loser wie Timo mit seiner Goth-Braut.“

SandraHigh: „Julia ist voll ok. Ich glaub’s nicht, dass das Timo war.“

TImBluE: „Sagen aber alle, sogar die Bullen.“

TiTu: „Man, verpisst euch alle. Hier geht’s um Michelle und Philip. Ich werde sie nie vergessen. Guck diesen Link:

www.youtube.com/watch?v=UrYdfXow363. Voll die Party.“

SandraHigh: „Candle in the wind. I love you all.”

Gini hatte irgendwann aufgehört, die Texte zu lesen. Sie wurde so leer davon. Ihre Augen brannten. Sie suchte nur noch nach den Icons von Timo und Julia.

Als Valentin und Lars ins Zimmer traten, war sie erleichtert.

„Kein Lebenszeichen von den beiden“, meldete Gini.

„Ich habe eine SMS von Timo.“

„Zeig mal. Hast du geantwortet?“ Sie ging zu ihm, nahm das Handy.

„So schnell ich konnte. Angerufen hab ich auch. Er geht nicht dran und antwortet nicht.“

„So ein Idiot. Was machen wir? Wenn Timo vor Heckmanns Haus gesehen wird, ist er dran.“

Gini öffnete eine Datei. „Ich hab den Messenger so programmiert, dass er alle halbe Stunde eine SMS an Timo und Julia sendet. Wenn du willst, starte ich ihn.“

„Wir haben ihm schon Dutzende SMS geschickt. Er antwortet nicht.“ Lars zögerte. „Meint ihr, die Polizei hört sein Handy ab? Können die auch SMS lesen?“

Valentin hatte sich auf Noras Bett gesetzt. Er sah bleich aus. „Ich glaube, so etwas dauert. Dafür brauchen die eine Genehmigung. Und ob sie dann SMS lesen können, weiß ich echt nicht.“

„Timo wüsste das“, sagte Nora. „Was machen wir jetzt?“

Valentin rutschte dicht neben sie und legte seinen unverletzten Arm um ihre Hüfte. „Wir sollten uns aufteilen. Du und ich, wir beobachten Heckmanns Haus. Nora geht zu Julias Eltern, und Lars versucht, Frau Fleck zu erreichen. Wir müssen Timo als Erste finden.“

Lars legte sich auf den weichen Teppich vor Noras Bett. „Du klingst, als wären wir die drei ???.“

Nora nahm Valentin sofort in Schutz. „Wir können schließlich nicht hier herumsitzen und Däumchen drehen.“

Es klingelte an der Tür. Nora sah aus dem Fenster. „Es ist Saskia.“ Sie lief die Treppe hinunter, um sie hereinzulassen. Die Mädchen begrüßten sich stumm. Arm in Arm kamen sie wieder herauf.

Lars fand, dass Saskia echt cool aussah in Schwarz. Sie war die Einzige, die an Trauerkleidung gedacht hatte. Erschrocken sah Lars an sich hinunter, Blue Jeans und ein Poloshirt, wie immer. Dazu weiße Segeltuchturnschuhe, er kräuselte die Nase. Nicht gerade passend. Bis eben hatte er keinen Gedanken daran verschwendet.

Saskia bückte sich zu Gini hinunter, die neben Valentin auf dem Bett saß und küsste die Luft rechts und links von ihr.

Gleichwohl hatte Lars den Eindruck, dass Saskia ein wenig enttäuscht war, als sie feststellte, dass Gini schon da war.

Sie hockte sich neben Lars auf den Teppich und zupfte an den Fransen, ohne ihn anzusehen. „Montag ist die Beerdigung.“

Niemand antwortete.

Beerdigung.

Das klang so endgültig.

Lars sprang auf. „Ich will keine Beerdigung. Ich geh da nicht hin. Ohne mich.“ Er trat gegen den Schreibtisch, der laut schepperte. Gleichzeitig schoss ein heftiger Schmerz durch seinen Fuß. Die Metallstreben hatten nicht nachgegeben, sein Fuß schon. Er humpelte zum Fenster und schaute auf die Straße hinaus.

Abrupt drehte er sich um. „Könnt ihr euch vorstellen, dass wir zusehen, wie sie den Sarg mit Philip drin in die Erde versenken. Jeder wirft ein Schäufelchen Erde drauf, und wenn alle weg sind, kommt ein Bagger und schüttet alles zu.“ Er schüttelte sich.

Saskia sagte leicht pikiert: „Die beiden werden eingeäschert.“

Lars sah sie ungläubig an. „Das ist ja noch schlimmer.“

In Gedanken sah er die Szene aus unzähligen Horrorfilmen. Ein weißer Sarg mit Blumengesteck rollte auf einem Förderband langsam auf eine Öffnung zu, aus der gierige, rot lodernde Flammen schlugen. Jeder wusste, dass dem Helden nur noch wenige Sekunden blieben, um die hübsche Blondine zu retten, die ohnmächtig in dem Sarg lag.

Saskia schien beleidigt. „Keiner zwingt dich hinzugehen.“

Valentin mischte sich ein. „Bis Montag ist noch viel Zeit. Was machen wir heute?“

„Du solltest dich ausruhen“, sagte Nora. „Wenn du willst, begleite ich dich nach Hause.“

„Wir wollten Timo suchen“, widersprach Valentin.

Gini war aufgestanden. „Nora hat recht, wir sollten uns alle ein wenig ausruhen, damit wir um Mitternacht fit sind. Es bringt gar nichts, sinnlos durch Holzminden zu rennen und zum hundertsten Mal unsere Treffpunkte und Lokale abzuklappern. Wenn die beiden irgendwo unterwegs wären, hätten sie mitbekommen, was passiert ist. Treffen wir uns um acht am Johannismarkt?“

„Falls vorher nichts passiert.“

„Klar, wenn Timo oder Julia sich melden, Rundruf an alle, okay?“

Die anderen nickten. Lars stand noch immer am Fenster. Er rechnete damit, dass Saskia sich den dreien anschloss. Doch sie blieb.

Etwas unentschlossen fragte Lars: „Wollen wir in mein Zimmer gehen? Ich habe noch ’ne Tüte Chips, wenn du magst.“

Augenscheinlich wollte sie, denn sie ging voran. Lars merkte erst, dass er auf ihren Hintern starrte, als sie sich zu ihm umdrehte. „Du siehst kaputt aus. Hast du schlecht geschlafen?“

„Nee, geht schon. Ich mache mir nur Sorgen.“

„Das verstehe ich. Meine Mutter sagt, Rituale spenden Trost. Daran kann man sich entlanghangeln, wenn es schwierig wird.“

Lars schaute unverwandt auf ihren Mund.

Ihre Lippen bewegten sich, was sie sagte, hatte keine Bedeutung. Nur ihre Lippen hatten Bedeutung. So rot. So dicht vor ihm. Er legte beide Hände auf ihre Schultern, zog sie zu sich heran, so dass sich ihre Lippen fast berührten. Ihre Lippen waren halb geöffnet, ein Tröpfchen Spucke lag auf der Unterlippe.

Sie schloss die Augen.

Was tat er hier? Wollte er Saskia küssen?

Wollte er?

Saskia?

Küssen?

Bevor er sich entscheiden konnte, klapperte unten die Haustür. Eine männliche Stimme rief: „Huhu, ist jemand zu Hause?“

„Mein Vater!“

Saskia riss die Augen auf und trat zwei Schritte zurück. „Dann gehe ich wohl besser mal.“

Lars nickte. „Ich bring dich runter.“

Er hatte Saskia verabschiedet, einen Kaffee gekocht und saß nun mit seinem Vater im Wohnzimmer. Der hatte gesagt: „Jetzt weiß ich wenigstens, warum du in den letzten Wochen keine Zeit für mich hattest. Hübsches Mädel.“

„Das ist es nicht.“

„Ich weiß.“ Er zeigte auf den Hausschlüssel, den er vor sich auf den Tisch gelegt hatte. „Den hat deine Mutter mir für Notfälle gelassen. Dies ist wohl ein Notfall, oder?“

Lars nickte. Als sein Vater seine Arme ausstreckte, warf Lars sich hinein, kuschelte sich an ihn und begann zu weinen. Er schluchzte so heftig, dass er einen Schluckauf bekam.

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