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In den Gängen entstand nach dem Klingeln übergangslos ein Geräuschpegel, der einem startenden Flugzeug in nichts nachstand. Kurz darauf strömten die ersten Schülergruppen auf den Schulhof. Rufe erklangen, jemand pfiff, Gespräche summten.
Frau Stellmacher sprang auf und schloss das Fenster. Sofort war es still.
Ich setzte noch einmal an. „Sie verstehen sicher, dass ich die Sache nicht auf sich beruhen lassen kann, und Sie, Sie sind verpflichtet, mich zu unterstützen, sobald Sie Kenntnis von Straftaten erhalten.“
„Kenntnis erhalten ist gut ausge …“ Sie verstummte. Wir lauschten beide. Irgendetwas hatte sich verändert.
„Frau Wagner bitte ins Atelier. Frau Wagner bitte ins Atelier. Frau Wa …“
Komische Durchsage.
Im ersten Moment rührte Frau Stellmacher keinen Muskel. Dann sprang sie auf, rannte zur Tür, schlug mit der flachen Hand dagegen, dass es krachte. „Sie sind ja schon da.“ Schoss zu mir zurück. „Das ist unser Kodesatz für einen Amoklauf.“
„Amok?“ Ich sprang auf, lauschte. Tatsächlich, da fielen Schüsse. Aber nicht hier auf dem Schulhof.
„Wo kann das sein?“
Frau Stellmacher rief: „Fiedler, woher wissen Sie?“
„Hausi hat durchgerufen, drüben bei den Kleinen.“
Ich riss mein Handy aus der Tasche, informierte im Gehen die Einsatzleitstelle. Als ich das Büro verlassen hatte, hielt ich meine Waffe in der Hand, rannte die Straße hinunter und auf den Schulhof. In der Ferne erklangen bereits die ersten Martinshörner.
Neben der Tür zum Schulgebäude stand der Hausmeister, in sein Handy brüllend. Hinter ihm kauerten ein paar Kinder. Ich hörte Schreie. Ein weiterer Schuss knallte. Ich sah nach links. Hockte der Täter auf dem Dach des Nachbarhauses?
Ein Junge bewegte sich rückwärts über den Hof. War der verrückt geworden? Er fotografierte. Ein Schuss. Zum Glück daneben. Ich richtete meine Waffe auf das Dach, konnte nichts Eindeutiges erkennen. Zu viele Blätter und dieser Lüftungsschacht.
Da rannte jemand davon! Sollte ich hinterher? Ich lief los. Vor mir der Teich, links das Gebäude. Ich spurtete den Weg hinab. Ein Vorhof, weiße Steine. Fahrräder, ein paar Leute. Sie starrten mich neugierig an. Schnell steckte ich die Waffe weg. „Haben Sie jemanden vom Dach kommen sehen?“
Alle schüttelten den Kopf, sahen sich fragend an. „Was ist denn los?“
Ich schaute hinüber zur Mensa. Ob da jemand etwas gesehen hatte?
Ein älterer Mann trat zu mir. „Was geht hier vor?“
Er sah professoral aus. „Polizei. Jemand hat vom Dach dieses Hauses auf den Schulhof geschossen. Schreiben Sie die Namen aller Zeugen auf. Niemand soll weggehen, bis meine Leute kommen. Auch aus der Mensa nicht.“
Er nickte, zog einen Notizblock aus der Tasche und fragte die Studentin mit dem Rad nach ihrem Namen.
Ich wunderte mich kurz, dass er keine Frage gestellt hatte, dann rannte ich zurück.
Aufmerksam scannte ich den Schulhof. Mehrere Verletzte! Tote? Es war erstaunlich still. Schluchzen und Weinen. Kaum Bewegung. Jetzt kam jemand aus dem Gebäude. Eine Frau. Sie verteilte Verbände. Gut so.
Auf einmal tauchte Frau Stellmacher vor mir auf. Sie keuchte. „Ist er weg? Sind wir in Sicherheit? Haben Sie ihn? Ist es einer unserer Schüler? Nun reden Sie schon. Was soll ich den Eltern sagen?“
„Er ist weg. Keine Spur mehr von ihm. Die Sanitäter kommen.“ Ich ließ sie stehen, ging über den Hof. Die Schüler hockten in kleinen Gruppen auf dem Boden, wahrscheinlich so, wie sie die Pause zusammen verbracht hatten. Ein älterer Schüler wiegte seine Freundin in den Armen. Es roch nach Blut.
Rechts vom Gebäude tauchte Kofi auf. Als er näher kam, sah ich, wie grau er aussah. Er schüttelte den Kopf, hielt die Hand über dem Holster. „Ein Schüler?“
„Ich weiß nicht. Drüben vom Dach hat er geschossen.“ Sofort dirigierte Kofi zwei Männer um.
„Ein Professor oder so hält drüben die Zeugen auf. Die Männer sollen sich drum kümmern.“
Ich sah mich um, sagte ihm, was ich miterlebt hatte. „Noch eins. Ein Junge hat Fotos gemacht. Wir müssen die Kamera haben.“
Kofis Augen quollen fast aus dem Kopf. „Jemand hat fotografiert?“
Ich nickte. „Ist extra ins Schussfeld gelaufen, um den Täter drauf zu kriegen.“
„Das wär ja der Hammer.“
„Entschuldigen Sie. Ich verlange Polizeischutz. Der Anschlag galt mir.“
Ich drehte mich um. Ein breitschultriger Mann im dunklen Anzug stand vor mir. Das Kinn energisch heraus gestreckt.
„Ich verstehe nicht.“
„Das verlangt auch keiner von Ihnen. Oberstudienrat Heckmann. Sie suchen nach Timo Fleck, Schüler in Jahrgang 11. Er hat mich“, er schaute auf die Uhr, „vor exakt 78 Minuten in einem Mathematikgrundkurs bedroht. Dafür gibt es siebzehn Zeugen. Was gedenken Sie zu tun?“
Ich sah auf meine Schuhspitzen. „Melden Sie sich beim Einsatzleiter, sobald alle versorgt sind.“ Am liebsten hätte ich ihm meine Faust ins Gesicht gedroschen. Um uns herum verletzte Schüler, vielleicht sogar tote, und der kümmerte sich nur um sich selbst. Ich ließ ihn stehen. Eigentlich müsste man ihn anzeigen, wegen unterlassener Hilfeleistung.
Kofi blieb an meiner Seite. „Was für ein Arschloch.“
Ich verkniff mir, was mir auf der Zunge lag. „Wir müssen den Täter kriegen. Haben die Kollegen oben auf dem Dach schon was gefunden? Hier wird bald die Hölle los sein. Eltern, Presse, der Bürgermeister. Wir müssen uns vorher einen Überblick verschaffen.“
„Du glaubst nicht, dass dieser Heckmann das Ziel war?“
„Warum nicht? Wenn der immer so ein Arschloch war, würde mich das nicht wundern. Ich will bloß wissen, ob die Waffen, die der Kerl verwendet hat, …“
„… aus den Einbrüchen stammen. Verstehe. Ich kümmere mich drum.“
Alles andere ging seinen Gang.
Das Rote Kreuz rückte an, betreute Eltern und Schüler, das Kriseninterventionsteam begann, Gespräche zu führen. Ein Geistlicher, den ich noch nie gesehen hatte, versammelte Menschen um sich und betete mit ihnen.
Ich bemühte mich, mich abzuschotten. Bloß keine Gefühle. Nur Täter und Opfer, keine Menschen, schon gar keine Kinder. Ich konzentrierte mich auf den Kletterturm. Dunkles Holz. Stabil und vertrauenswürdig.
Ich musste funktionieren, den Impuls wegzulaufen, ignorieren.
Tu deine Pflicht, Stefan.
Ich ging langsam über den Hof und suchte nach dem Jungen mit der Kamera. Wenn wir tatsächlich ein Foto des Täters hätten! Kein Mauseloch wäre tief genug. Jeden Stein würden wir umdrehen, jeden Keller entrümpeln. Der würde uns nicht entkommen.
Wo war der Junge mit der Kamera? Schwarzes T-Shirt, schwarze Jeans. Irgendwie kam er mir bekannt vor.
Ein Schüler mit einem Fotoapparat, wo hatte ich den schon mal gesehen? Eine Digitalkamera mit auffälligem Objektiv, vor dem Gesicht? Nein, vor dem Bauch. Genau, das war’s. Bei dem Titanick-Konzert, Kamera-vor-dem-Bauch. Hatte ich nicht auch den Slawen hier irgendwo gesehen?
Da am Baum. Wo waren die beiden hin?
Egal, wahrscheinlich war sowieso nichts zu erkennen, auf die Entfernung, schräg nach oben, mitten durch die Blätter. Darum konnten wir uns später noch kümmern.
Außerdem hatten wir bereits einen Namen: Timo Fleck.