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Ich war unruhig, hatte das Gefühl, etwas enorm Wichtiges zu verpassen. Mein Handy sagte mir, dass ich bald eine Stunde hier herumsaß. Ich musste irgendetwas tun.

Da waren noch so viele lose Fäden. Wahrscheinlich würde Anklage gegen Heckmann erhoben werden. Wer auch immer geschossen hatte, egal ob die Menschenhändler oder jemand, den Heckmann beauftragt hatte, er konnte die gestohlene Waffe irgendwo gekauft haben. Er musste nicht zwangsläufig etwas mit den Einbrüchen zu tun haben.

Wo war Eugenia? Warum gestand Heckmann nicht, wohin er sie gebracht hatte? Wusste er wirklich nicht, wo sie sich befand? Wollten die Menschenhändler ihn damit erpressen? Plötzlich wurde mir heiß. Hatte sie in der Nacht, in der Valentin überfallen wurde, etwas oder jemanden gesehen, den sie nicht sehen sollte, den sie vielleicht noch nicht einmal wahrnahm, der sich von ihr bedroht fühlte?

Andererseits bewiesen die Papiere im Spiegel, dass es noch jemand auf diesen Wagen abgesehen hatte. Bisher hatte ich noch keine Nachricht, ob die Kollegen in Münster diesen Lirim Bogdanovich, auf den die Papiere ausgestellt waren, ausfindig machen konnten. Wahrscheinlich existierten weder er noch die Adresse.

Meine Gedanken wanderten zurück zum Autohaus Gambach. Frau Gambach war so eiskalt wie ein Laternenpfahl im sibirischen Winter. Da konnte sie noch so viel lächeln. Das Geschäft kam unbedingt an erster Stelle.

Was war mit ihrem Angestellten? Wie hieß er? Sebastian Posner, genau.

Ich riss ein Blatt aus meinem Notizbuch. „Faxen Sie mir die Unterlagen“, schrieb ich darauf, nahm meine Jacke und ging.

Krankenhäuser machten mich krank.

Erst als ich auf der Straße stand, fiel mir ein, dass ich kein Auto dabeihatte. Ich stieg in ein Taxi, das am Parkplatz stand und ließ mich nach Hause bringen. Das war sowieso besser, dann konnte ich mich gleich umziehen.

Kofi ging noch immer nicht an sein Telefon, was mir eigentlich sehr recht war. Ich fühlte mich gedrängt, weiter zu ermitteln. Gleichzeitig verspürte ich eine Art Schuld. Gönnte ich dem jungen Kollegen den Erfolg nicht? Wieso eigentlich? Niemand außer uns wusste, dass es seine Idee, seine Beharrlichkeit gewesen waren, die zu Heckmanns Verhaftung geführt hatten. Für alle anderen waren wir ein Team, arbeiteten zusammen, verdienten die Lorbeeren gemeinsam.

Trotzdem.

Ich hatte einen Kaffee getrunken und noch eine Schmerztablette eingeworfen. Nun fuhr ich auf der B64 nach Höxter. Paul Rahner, der Bauunternehmer aus Eschershausen, hatte mir den Weg beschrieben. Trotzdem landete ich erst in drei Sackgassen, bevor ich die Firma „Picker Bau“ im Gewerbegebiet fand. Ein großes Rolltor mit Warnlampe obendrauf verschloss den Hof. Obwohl heute Samstag war, sah ich Menschen arbeiten und hörte Geräusche. Ein Pförtnerhäuschen gab es nicht. Ich entdeckte eine Gegensprechanlage mit Kameraüberwachung und drückte auf den Knopf.

„Ja!“, sagte eine weibliche Stimme.

„Ich würde gern Herrn Picker sprechen.“

„Das geht nicht.“

„Wann kommt er wieder?“

„Nie mehr. Ich habe zu tun.“

Ich hielt meine Polizeimarke in die Kamera. „Ich brauche dringend ein paar Auskünfte. Bitte lassen Sie mich hinein.“

Das Tor fuhr langsam auf. Die Lampe begann sich zu drehen und leise zu summen. „Gehen Sie einfach geradeaus. Ich warte an der Tür auf Sie.“

Ich überquerte den Hof und entdeckte in dem lang gezogenen Gebäude eine Tür, über der „Empfang“ stand. Ich musste grinsen. Ganz schön großspurig für ein Bauunternehmen. Doch ich irrte mich. Drinnen gab es tatsächlich einen Tresen. Dahinter zwei PC-Arbeitsplätze und eine Frau, Mitte fünfzig, kurze, rote Haare und mehr Schmuck als ein Weihnachtsbaum.

„Sie sind bei der Polizei?“, fragte sie und betrachtete mich eingehend.

„Ja, Kriminalhauptkommissar Stefan Ollner, guten Tag. Eigentlich müsste ich Herrn Picker sprechen, vielleicht können Sie mir sagen, wo ich ihn erreichen kann.“

„Herr Picker ist vor vier Monaten verstorben. Den jetzigen Besitzer, Herrn Gambach, finden Sie auf unserer Baustelle in Ottbergen. Ich rufe ihn an und sage ihm, dass Sie kommen. Fahren Sie einfach hinter dem Lkw her, der gleich das Firmengelände verlässt.“

Falls es ihr komisch vorkam, dass die Polizei nicht wusste, dass der Chef der Firma Picker-Bau nicht mehr Herr Picker war, ließ sie es sich nicht anmerken. Nur als ich nicht gleich wieder ging, erkundigte sie sich: „Noch Fragen?“

„Warum arbeiten Sie am Samstag?“

„Ich hatte Mittwoch und Donnerstag frei, wegen …“ Sie schluckte. „Meine Enkelin geht aufs Campe-Gymnasium. Da ist einiges liegen geblieben. Ich muss unbedingt Abrechnungen machen. Wenn die Leute ihr Gehalt nicht pünktlich bekommen, ist der Teufel los.“ Sie lächelte gequält.

„Wurde Ihre Enkelin verletzt?“

„Zum Glück nicht. Sie hatte im Hauptgebäude Unterricht und hat von der Tat selbst nichts mitbekommen. Hinterher, das war schlimm genug. Außerdem kannte sie die Schüler. Musik-AG oder so. Da sind Große und Kleine zusammen.“

„Sie kommt bestimmt darüber hinweg.“

„Meine Tochter wollte sie erst gar nicht wieder dahin lassen. Sie sollte zu Hause bleiben. Aber die Psychologen haben gesagt, das wäre wichtig für die Aufarbeitung.“

Ich nickte. „Ja, je älter die Schüler sind, umso wichtiger werden die Freunde.“

„Die haben sogar gesagt, dass die Eltern aufpassen sollen, dass sie nicht ihre eigenen Ängste auf die Kinder übertragen.“

„Klingt plausibel.“

„Ist aber höllisch schwierig. Sie müssen los. Vadim fährt ab.“

Ich lief zu meinem Wagen und startete den Motor. Ein Kipplaster mit Sand fuhr vom Hof. Ich gab Gas, dachte über das Gespräch eben nach.

Musste ich jetzt mit Herrn Gambach sprechen? Was würde er mir erzählen? Dass er die Ausschreibungsunterlagen gekauft hatte? Wohl kaum. Dass er mit der Gambach vom Autohaus verwandt war? Das würde er kaum abstreiten können. Spielte es eine Rolle, ob er der Sohn, der Enkel, der Bruder oder ein Klon war?

Ich hatte die Verbindung hergestellt.

Bei der nächsten Möglichkeit wendete ich und fuhr zurück nach Holzminden.

Samstagnachmittag. Ob sie im Autohaus war? Ich musste es versuchen. Vorher rief ich noch einmal Kofis Handynummer an.

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