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Völlig übermüdet saß ich am nächsten Morgen in unserem Büro. Kofi sah nicht viel besser aus, als er seine Riesentüte Campingwecken auf den Tisch legte. „Die mit Rosinen waren aus.“
Wie konnte der dauernd ans Essen denken? Bevor ich etwas sagen konnte, klingelte unser Telefon. Kofi ging dran, an seinem Brötchen kauend. „Herr Heckmann, guten Morgen.“
Pause. Kaugeräusche.
„Wir sollen zu Ihnen kommen?“
Kofi krümelte auf die Tastatur.
„Ungewöhnliche Fundsache im Auto.“
Er biss noch einmal ab.
„Bleiben Sie, wo Sie sind, wir sind in fünfzehn Minuten da.“
Er fädelte den Arm mit Brötchen zurück in seine Jacke. „Los, komm.“
„Wohin?“
„Der Heckmann sagt, er hätte gefälschte Papiere in seinem Wagen gefunden.“
„In der Mistschleuder?“
„Eben jener.“
Wir sahen Heckmann vor seinem Haus auf dem Bürgersteig stehen, als wir um die Ecke bogen. Der schwarze SUV glänzte in der Sonne. Ich fuhr in seine Einfahrt und erntete einen abschätzigen Blick. Ob der mir, meinem Passat oder der Tatsache, dass ich in seine Einfahrt gefahren war, galt, konnte ich nicht erkennen, war mir auch wurscht.
Mein Handy zeigte an, dass ich eine SMS bekommen hatte. Später.
„Was haben Sie Feines für uns?“ Kofi war freudestrahlend auf Heckmann zu marschiert.
Der schüttelte den Kopf. „Junger Mann, das ist Zierrasen.“
Kofi schaute sich um. „Schön grün. Tiergartenmischung?“
„Nein, ganz bestimmt nicht. Lassen wir das.“ Er ging um den Wagen herum, zeigte auf den Außenspiegel. „Hier.“
„Ich sehe nichts.“
„Dies scheint Sinn und Zweck des Ganzen zu sein.“ Er ging wieder auf den Bürgersteig zurück. „Ich habe den Wagen heute Morgen bei Gambach abgeholt. Er sollte um halb zehn fertig sein, es dauerte allerdings bis zehn nach zehn. So war ich etwas ungehalten. Deshalb touchierte ich beim Einparken den Laternenpfahl. Es entstand keine Beschädigung, denn der Außenspiegel klappte um.“ Er zeigte uns, was er meinte, indem er den Spiegel wie übergroße Hundeohren anlegte.
„Schauen Sie selbst.“
Im Inneren der Spiegelverkleidung steckte ein Plastiktütchen mit Papier darin. „Sie haben die Tüte bereits angefasst, oder?“
„Ich ahnte nicht, dass es prekär sein könnte.“
In der Tüte steckte in der Tat ein Kraftfahrzeugschein. Ausgestellt auf Lirim Bogdanovich in Münster. „Die Fahrgestellnummer stimmt überein?“
„Das Kennzeichen ist ein anderes.“
„Was bedeutet das?“ Heckmann wurde unruhig.
„Das könnte bedeuten, dass nicht Ihr Schüler den Wagen gestohlen hat.“ Ich zeigte auf die Papiere. „Die sind von echten nicht zu unterscheiden. Das sieht mir nach Profis aus.“
„Kennen Sie einen Lirim Bodganovich?“, fragte Kofi.
„Ich, nein, um Gottes willen. Woher denn? Ich war noch nie in Münster.“
„Ein ehemaliger Schüler?“
Er überlegte. „Lirim, ja, aber Bogdanovich, nicht, dass ich wüsste.“
Ich mischte mich wieder ein. „Die andere, allerdings ziemlich unwahrscheinliche, Möglichkeit ist, dass es zwei Parteien auf Ihren Wagen abgesehen hatten. Die Schüler mit ihrer Spritztour und die Wagenschieber.“
Nachdem ich es ausgesprochen hatte, klang es gar nicht so abwegig.
Mein Handy summte wieder seine SMS-Melodie. Ich zog es heraus und las: „Valentin Shekovietz schwer verletzt in Garten aufgefunden. Mausig.“
Ich hielt Heckmann die Hand und Kofi das Handy hin. „Wir müssen los, die Papiere nehme ich mit. Sobald wir was hören, melden wir uns. Auf Wiedersehen.“
Kofi dirigierte mich auf dem kürzesten Weg zum Evangelischen Krankenhaus. Der Chef persönlich wartete auf uns. Stumm schüttelte er unsere Hände. „Der Junge ist nicht ansprechbar. Unbekannte haben ihn um Mitternacht herum bewusstlos geschlagen und getreten, unweit von Heckmanns Haus. Wahrscheinlich wurde ein Totschläger eingesetzt. Wegen der schweren Kopfverletzungen mussten die Ärzte ihn ins künstliche Koma versetzen. Er trug eine Taschenlampe, hatte Hausschlüssel und sein Handy dabei. Kein Geld, kein Portemonnaie.“
„Raubüberfall?“
„Kann sein. Die Eltern sind oben. Sie werden feststellen können, ob er Geld mitgenommen hatte. Ach, noch eins. Sie sind sehr verstört. Sie hatten nicht mitbekommen, dass der Junge so spät abends noch einmal das Haus verlassen hat.“
So waren sie in dem Alter. Doch das war den Eltern sicher kein Trost.
„Mann, stell dir das mal vor. Du denkst, dein Sohn liegt im Bett und schläft, dann klingelt die Polizei bei dir und sagt dir, dass dein Sohn gerade mehr tot als lebendig ins Krankenhaus gebracht wurde.“
Da fiel mir etwas ein. „Herr Mausig, noch eins, wer hat Valentin gefunden?“
„Eine Freundin, warten Sie, ich habe den Namen hier.“ Er reichte mir einen Zettel.
„Eugenia Belfano. Klingt spanisch für mich.“
„Ist sie auch. Die Familie betreibt einen Feinkostladen“, sagte Kofi. „War sie dabei, als ihr Freund zusammengeschlagen wurde?“
Mausig antwortete zögernd: „Soweit ich weiß nicht, sie hat den Notarzt um 1.24 Uhr alarmiert. Unsere Leute kamen erst am Tatort an, als der Rettungswagen bereits abgefahren war.“
„Und das Mädchen war weg.“
„Der Sanitäter hat ihren Namen notiert. Er wollte sie mitnehmen. Doch dann hielt ein Wagen, angeblich der Vater des Mädchens. Jedenfalls ist sie freiwillig eingestiegen.“
„Danke, Herr Mausig, dass Sie sich persönlich darum gekümmert haben.“
Er lächelte. „Wir müssen auf unsere jungen Leute aufpassen. Aber eigentlich bin ich hier, weil ich einen Vorsorgetermin habe. Guten Tag, meine Herren.“
Mich hätte schon interessiert, in welcher Abteilung. Doch er wartete, bis wir die Treppen hinaufgestiegen waren, bevor er selbst losging.
„Was glaubst du, was der vorhatte?“, fragte Kofi mich.
„Darmspiegelung?“
„Quatsch! Nicht Mausig. Valentin.“
„Heckmanns Wagen klauen, seine Garage beschmieren, seinen Rasen zertrampeln, such dir was aus.“
„Glaube ich alles nicht. Er hat uns gesagt, dass der Schütze es auf ihn abgesehen hatte. Wir haben ihm nicht geglaubt. Und jetzt?“
Darüber hatte ich auf der Fahrt hierher bereits nachgedacht. „Sag mal, wenn Valentin zu Hause losgeht, um zu Lars Asmus, Julia Sproy, Timo Fleck oder dieser Eugenia zu gehen, kommt er dann an Heckmanns Haus vorbei?“
„Zu Timo ja, alles andere wäre ein Umweg, wobei ich nicht genau weiß, wo die Familie Belfano wohnt. Ich kenne nur den Laden.“
Ich erkannte Valentins Eltern in dem Aufenthaltsbereich vor der Intensivstation auch ohne Vorstellung.
Ich drückte ihnen mein Mitgefühl aus und bat sie, uns dabei zu helfen, den Täter zu fassen.
„Mein Sohn hat sich noch nie nachts weggeschlichen“, sagte Herr Shekovietz.
Die Mutter verdrehte die Augen. „Natürlich hat er das. Als er mit dieser Lilo zusammen war. Drei Jahre älter als er, das taugt nichts, stimmt’s, Herr Kommissar?“
Sie rollte die Rs und sprach langsam. Dass sie Russin war, hörte man deutlich an der singenden Betonung.
„Ist Valentin noch mit dieser Lilo zusammen?“
„Nein, nein, das ist vorbei, letztes Jahr schon. Sie wollte Mann mit Bart, hat sie gesagt.“
„Valentin hat es das Herz gebrochen“, warf der Vater ein.
„Hat es nicht“, sagte Frau Shekovietz, „ist er schon eine ganze Weile verliebt in Nora, die Schwester von seinem besten Freund Lars.“
„Valentin ist ein guter Junge“, sagte Herr Shekovietz.
Als seine Mutter Luft holte, erwartete ich fast, dass sie auch das leugnete.
„Das ist er wirklich“, sagte sie, seufzte tief und sah mich mit wässrig blauen Augen an. „Fangen Sie den Täter und schicken Sie ihn nach Weißrussland, da kann er helfen, Atomkraftwerk abzureißen.“
„Das ist nicht möglich. Haben Sie eine Ahnung, wo er gestern Nacht hin wollte?“
„Haben wir nicht.“ Herr Shekovietz machte eine Pause und fragte dann seine Frau: „Oder haben wir doch?“
Sie schüttelte den Kopf. „Haben wir nicht. Er war in Sorge wegen Timo und Julia. Das ja. Aber dann kam Anruf, und er schien beruhigt.“
„Wann?“
„Anruf? So gegen Tagesschau.“
„Wissen Sie, wer angerufen hat?“
„Ein Mädchen. Ich denke Nora, aber Stimme klang anders. Vielleicht Gini.“
„Gini?“
„Richtiger Name ist ungewöhnlich, alle sagen Gini.“
„Sie meinen Eugenia Belfano?“
Eine Schwester trat zu uns. „Ihr Sohn ist noch immer bewusstlos. Sie können jetzt einen Moment zu ihm.“
Die Eltern eilten davon.
Wie auf Kommando verließen wir das Krankenhaus.