27
Sebastian stand hinter der Tür zu seiner Wohnung und atmete tief durch. Zu Hause. In Sicherheit. Hier konnte ihm keiner was. Er streifte die Schuhe ab und ging in die Küche. Wenn er wollte, könnte er sich was kochen. Es war alles da. Töpfe, Besteck, Geschirr. Er hatte sogar eine Kaffeemaschine, obwohl er keinen Kaffee mochte. Eigentlich trank er überhaupt nichts Warmes und auch keinen Alkohol. Höchstens mal ein Bier, schön kalt. Er mochte den Geruch nicht, musste sich jedes Mal überwinden.
Am liebsten mochte er Eistee.
Sebastian setzte sich an seinen Tisch, das Küchenfenster hinter sich und trank einen großen Schluck Pfirsich-Eistee direkt aus der Packung.
Heute Abend war es wieder so weit.
Um 21 Uhr würde sie kommen. Er musste noch alles vorbereiten.
Sorgfältig spülte er ein Sektglas aus, rieb es trocken, bis es glänzte, und stellte es auf den Nachtschrank. Er setzte sich auf das Bett und dachte an seine Mutter. Sie hatte sein Bild auf dem Nachttisch stehen, mit Schultüte und großer Zahnlücke lächelte er dümmlich unter einer roten Mütze hervor. Was für ein blödes Bild. Aber seiner Mutter gefiel es. Er hatte ihr mal ein neues geschenkt, zum Austauschen. Das hatte sie dahinter an die Wand gepiekt. Verstehe einer die Frauen.
Er sprang auf, schaute ins Wohnzimmer. Alles ordentlich. Wie sollte es auch anders sein? Er wohnte allein hier.
Musste er staubwischen? Alles picobello.
Er schnüffelte. Ein wenig lüften konnte nicht schaden.
Nachdem er den Teppich gerade gezogen und den Knick in den Sofakissen etwas tiefer gedrückt hatte, suchte er nach der Leonard-Cohen-CD. Ihm gefiel sie nicht, aber sie brachte sie in Stimmung. Also war es okay für ihn. Die CD lag unter dem Regal. Ohne Hülle. Hoffentlich war sie nicht zerkratzt.
Er nahm „Warriors oft the World“ von Manowar aus dem Player und legte dafür Cohens „Songs of love and hate“ ein. Er spielte „Avalanche“ und „Last year’s man“ an. Das reichte. Weiter kamen sie sowieso nie.
Anschließend ging er ins Badezimmer. Dort zog er sich aus, drehte die Dusche auf. Genüsslich seifte er sich von oben bis unten mit Rasierschaum ein. Inzwischen hatte er Übung darin, alle Haare zu erwischen. Wenn er eines übersah, und sie entdeckte es, zog sie es mit einer Pinzette heraus. An gewissen Körperstellen tat das höllisch weh. So duschte er sorgfältig allen Schaum und die abrasierten Härchen ab, um wirklich nichts zu übersehen.
So haarlos fühlte er sich weich und verletzlich. Wie er wohl aussähe, wenn er sich die Kopfhaare abrasierte? Er sollte sie besser erst fragen, ob es ihr gefallen würde.
Sie mochte es, wenn er rein duftete. Deshalb bestand sie darauf, dass er sich vor ihrem Besuch ausschließlich mit Babybadeöl wusch. Sogar Babycreme und Babypuder hatte sie ihm geschenkt.
Um halb neun klingelte sein Telefon. Schlecht, ganz schlecht.
„Posner?“
„Ich will, dass du mich auf den Knien erwartest. Nackt, vor deinem Bett kniend. Und wehe, du rührst dich, bevor ich es dir gestatte.“
Bevor er antworten konnte, hatte sie aufgelegt.
Er zitterte. Sie hatte schlechte Laune.
Er durfte sie nicht enttäuschen.
Wie viel Zeit blieb ihm noch? Konnte er noch einmal duschen?
Was geschah, wenn sie früher kam und ihn unter der Dusche vorfand? Sie würde ihn bestrafen.
Das durfte nicht geschehen. Er wollte vögeln, unbedingt.
Sofort eilte er ins Schlafzimmer, nahm die Schnur, schlang sie hinter seinem Rücken um seine Handgelenke und hängte die Karabinerhaken in die Ösen ein, die an der Wand angeschraubt waren.
Wenn er sich nun hinkniete, wurden seine Arme nach hinten oben gezogen. Zuerst schmerzte es kaum, doch je länger es dauerte, umso unangenehmer wurde es. Außerdem taten ihm nach einiger Zeit die Knie weh.
Umso unglaublicher war es, dass er davon absolut geil wurde.
Er erinnerte sich an ihren letzten Besuch bei ihm. Sie hatte ihn so lange warten lassen, dass ihm Arme und Beine eingeschlafen waren. Selbst wenn er es gewollt hätte, er hätte sich nicht befreien können.
Er hatte versucht, die Schmerzen und die Kälte auszublenden, indem er sich an angenehme Dinge erinnerte. Sich in sie hineinversetzte.
Er dachte an seine Scheune. Ja, seine Scheune. Er durfte sie benutzen, wann immer er wollte. Dafür half er Frau Katharina Hellmich auf dem Hof.
Als es das nächste Mal zu Hause nicht mehr ging, er es überhaupt nicht aushalten konnte mit dem Alten, war er zum Bahnhof gelaufen, wie sie es vereinbart hatten. Von dort aus hatte er die Nummer gewählt, die sie ihm gegeben hatte. Nach rund zwanzig Minuten hatte sie ihn abgeholt.
„Dann wollen wir mal.“ Mehr hatte sie auf der Fahrt nicht gesagt. Auf dem Hof hatte sie den Motor ausgeschaltet, sich zu ihm umgedreht und ihm die Haare aus dem Gesicht gestrichen. Sie achtete darauf, sein Veilchen nicht zu berühren. „Du kannst dir aussuchen, ob du in der Scheune oder im Haus schlafen willst.“
„In der Scheune.“
„Morgens kommst du rüber zum Frühstücken, danach wirst du ein bisschen rechnen und lesen. Eigentlich müsstest du zur Schule gehen, nicht wahr?“
Damals fühlte er sich getäuscht. Wollte sie ihn quälen? Schule war voll daneben.
Widerwillig setzte er sich an den Tisch. Was sollte das jetzt? Sie hatte irgendwelche Uraltbücher herausgekramt. Einen Block und einen Kuli schob sie ihm zu. Das konnte nicht gutgehen. Er wollte nicht, dass sie ihn für blöde hielt.
Doch dann kam alles anders. Er begriff, was sie ihm erklärte. Plötzlich konnte er die Mathe-Aufgaben lösen. Bei ihr las er sein erstes Buch. Es war blau. Michel aus Lönneberga von Astrid Lindgren. Er erinnerte sich an jedes Wort, jeden Satz dieser Geschichte. Sobald er ihn gelesen hatte, entfaltete sich ein Bild in seinem Kopf. „Michel ist ein netter kleiner Junge!“, sagte Michels Mama. Womit sie recht hatte. Michel war wirklich ein netter kleiner Junge – solange er keinen Unsinn im Sinn hatte.
Unsinn im Sinn, das gefiel ihm. Sinn im Unsinn. Auch gut. Empfand er diese Stunden schon als angenehm, so waren die Nachmittage das reinste Paradies. Gemeinsam mit Frau Katharina Hellmich und manchmal mit einem Nachbarn aus dem Ort erledigten sie die Arbeiten, die so anfielen. Er lernte alles. Holz hacken, Feuer anmachen, Reifen wechseln, Trecker fahren und Kuchen backen.
Als seine Mutter ihn abholte, wollte er zuerst nicht mitgehen, doch in ihren Augen erkannte er, dass sie ihn brauchte.
Wenn es schwierig für ihn wurde zu Hause, sagte er den Michel auf. Und wenn es gar nicht mehr ging, kannte er eine Zuflucht. Er liebte das Wort noch heute, obwohl er die Zuflucht nie wieder gebraucht hatte.
Er war auf Seite 3 von Michel angekommen, als er ihre Schritte auf dem Flur hörte. Sofort richtete sein Schwanz sich auf.
Kaum hatte er sich erinnert, reagierte sein Körper darauf. Bloß nicht. Er zwang sich, an etwas anderes zu denken. Er durfte sie nicht enttäuschen.